Müssen Frauen dem Mann untertan sein?

Lesezeit: ~ 3 Min.

Darum geht es

Die Antwort löst den biblischen Widerspruch zwischen Gleichwertigkeit und Unterordnung der Frau durch Auswahl der genehmeren Stelle, ohne dafür ein Kriterium aus dem Text selbst zu liefern.

Auf fragen.evangelisch.de beantwortet Frank Muchlinsky, Pastor und Redakteur bei evangelisch.de sowie Leiter des Fragen-Portals, die Frage einer Leserin, ob Frauen sich laut Bibel dem Mann unterordnen müssen. Muchlinsky stellt dazu zwei widersprüchliche biblische Aussagen nebeneinander und entscheidet sich am Ende für die ihm genehmere – ohne dafür ein Kriterium aus dem Text selbst zu liefern.

Die Frage

„Hallo, ich bin echt am Verzweifeln mit meinem türkischen Freund. Ich kann seine Kultur nicht so akzeptieren. Dieses Bild einer Frau, was sie für Aufgaben hat usw. Ich finde, das ist Unterdrückung. Jetzt habe ich mal im Internet geschaut und die Stellung der frau in der Bibel nachgelesen (ich bin evangelisch) und wollte sie fragen: Ist das wirklich so, dass eine Frau sich unterordnen muss? Ich dachte, alle sind gleichberechtigt und gleichwertig. Warum soll der Mann über der Frau stehen? Ich komm mit sowas gar nicht mehr klar, weil mein muslimischer Freund mir das alles so negativ in den Kopf gesetzt hat“

Sachlich gefragt ist, ob die Bibel eine Unterordnung der Frau unter den Mann vorschreibt und wie sich das mit dem Anspruch auf Gleichwertigkeit beider Geschlechter verträgt.

Die Antwort

Muchlinsky stellt zunächst klar, der Konflikt drehe sich „im Grunde genommen nicht“ darum, was in Bibel oder Koran stehe, „sondern es hängt an der Frage, wie man Bibel oder Koran auslegt“. Er zeigt dann zwei gegensätzliche biblische Aussagen: Im ersten Schöpfungsbericht schuf Gott „den Menschen zu seinem Bilde … als Mann und Frau“ (1. Mose 1,27), beide also gleichwertig. Im zweiten Schöpfungsbericht dagegen heißt es nach dem Sündenfall zur Frau: „Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein“ (1. Mose 3,16). Die Bibel sei „kein Gesetzbuch“, sondern berichte nur von Offenbarung und enthalte „Ungereimtheiten und Widersprüche“. Entscheidend sei die Hoffnung auf das Reich Gottes: „Wer auf Gottes Gerechtigkeit hofft, kann nicht gleichzeitig Frauen ungerecht behandeln.“ Sollte der Freund die Schriften jedoch wörtlich statt auslegend lesen, seien seine Argumente „sicherlich nicht sehr hilfreich“.

Die Kritik

Der Bibelwiderspruch wird durch Auswahl gelöst, nicht durch Begründung. Muchlinsky stellt zwei sich widersprechende Bibelstellen nebeneinander und erklärt anschließend, welche davon die „Grundaussage“ sei – nämlich die, die zur eigenen ethischen Überzeugung von Gerechtigkeit und Gleichberechtigung passt. Warum ausgerechnet diese Stelle Vorrang vor der anderen hat, wird nicht aus dem Text selbst hergeleitet, sondern aus einem der Bibel äußerlichen moralischen Vorverständnis. Die Bibel wird damit nicht ausgelegt, sondern nachträglich an ein bereits feststehendes Ergebnis angepasst.

Der entscheidende Schritt der Argumentation ist ein Sprung, kein Schluss. Aus der Hoffnung auf das künftige „Reich Gottes“ folgt nicht zwingend, dass eine konkrete biblische Aussage über die Gegenwart – die Unterordnung der Frau – heute ungültig ist. Andere Ausleger derselben eschatologischen Hoffnung sind historisch zu gegenteiligen, patriarchalen Schlüssen gekommen, ohne dass die Antwort erklärt, warum gerade ihre Lesart zwingend und die andere falsch ist.

Am Ende wird das eigentliche Problem eingeräumt statt gelöst. Muchlinsky schreibt selbst, seine Argumentation helfe nicht, wenn der Freund die Vorschriften „nicht zu interpretieren, sondern lediglich zu befolgen“ gedenke. Damit gesteht er ein, dass sein gesamter Lösungsweg – Gleichberechtigung durch die richtige Auslegung zu gewinnen – auf einer bestimmten, selbst nicht begründeten hermeneutischen Vorentscheidung beruht und keine objektive Textgrundlage hat.

Bibel und Koran werden stillschweigend gleichgesetzt. Die Antwort behandelt beide Schriften methodisch als gleichwertige Auslegungsobjekte, ohne den Koran auch nur ein einziges Mal inhaltlich zu erwähnen oder zu zitieren. Die Analogie wird unterstellt, aber an keiner Stelle belegt.

Die Antwort aus säkularer Sicht

Nein – und die Antwort ist einfacher, als sie in der theologischen Version klingt, weil sie nicht von der Auslegung eines zwei- bis dreitausend Jahre alten Textes abhängt. Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist heute ein ethischer und rechtlicher Grundsatz, verankert etwa in Artikel 3 des Grundgesetzes und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, und gilt unabhängig davon, was religiöse Schriften unterschiedlicher Epochen dazu sagen.

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Der eigentliche Fehler in der Ausgangslage ist die Annahme, die Gleichwertigkeit von Mann und Frau hinge von der richtigen Bibel- oder Koranauslegung ab. Das tut sie nicht. Selbst wenn ein religiöser Text an einer Stelle eindeutig eine Hierarchie festschriebe, wäre das kein Grund, sie heute zu übernehmen – so wenig, wie man andere in denselben Texten belegte Praktiken vergangener Gesellschaften unbesehen übernehmen würde.

Für den geschilderten Konflikt mit dem Partner bedeutet das: Es geht nicht darum, wer die überzeugendere Exegese liefert, sondern darum, ob beide bereit sind, sich an einem gemeinsamen, von religiöser Autorität unabhängigen Maßstab zu orientieren – Gleichwertigkeit, gegenseitiger Respekt, freie Entscheidung über die eigene Lebensführung.

Wer einen Partner hat, der Rollenbilder mit Verweis auf eine „Kultur“ oder eine heilige Schrift rechtfertigt, darf diese Rechtfertigung infrage stellen, ohne zuvor eine eigene theologische Gegenposition ausarbeiten zu müssen. Das Recht auf Gleichbehandlung braucht keine fromme Übersetzung. Es braucht nur die Bereitschaft beider Seiten, es tatsächlich einzuhalten.

Quelle

„Müssen Frauen dem Mann untertan sein?“, Antwort von Frank Muchlinsky auf fragen.evangelisch.de

KI

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5 Kommentare zu „Müssen Frauen dem Mann untertan sein?“

  1. Die katholische Kirche ( und ihre KI Magisterium ) nennt Widersprüche „Spannungen“. Die werden dann mit einer “ katholischen Harmonisierung “ glattgebügelt. Allein diese Terminologie entlarvt den Betrug.

    Antworten
  2. Der von Religiösen viel gescholtene „Zeitgeist“ war es, der vor 2-3000 Jahren den Schreiberlingen der Bibel/des Tanach und etwas später des Korans die Feder geführt hat. Alle drei „heiligen“ Schriften haben ganz eindeutig eine schwere, misogyne Schlagseite, haben aber nur die gesellschaftlichen Zustände der damaligen Zeit abgebildet (siehe auch die politisch-gesellschaftlichen Strukturen wie z. B. das König- und Kaisertum).

    Friede, Freude, Eierkuchen herrschte nur bis zum Apfelklau im Paradies. Dann war Schluss mit der Gleichberechtigung. Genüsslich könnte man es nennen, wie die Schreiberlinge die Freveltat der Eva ausgekostet und sich die Hände gerieben haben ob einer solch genialen, frauenfeindlichen Idee.

    Widersprüchlich ist daran nichts. Der evangelische Pfarrer will nur das Schlimmste verhindern, dass er nämlich zugeben müsste, dass es in der Bibel keine Stelle gibt, in der die Frau als bedingungslos gleichberechtigt beschrieben wurde, geschweige denn im Koran. Da helfen auch keine Auslegungsklimmzüge und keine Rechtfertigungskunststücke.

    Nur im Himmel! Ja, da gibt es keinen Rassismus, keine Armut, keine Sklaverei, keine Frauenfeindlichkeit etc. Da stehen dann die Menschenrechte in Stein gemeisselt an der Himmelspforte.
    Das ist ein ernstzunehmender Widerspruch!

    (Bei den Katholiken ist es noch schlimmer: Da hat der Vatikan bis heute nicht die Charta der Menschenrechte unterschrieben.)

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    • Nur eine kleine Anmerkung. DER Zeitgeist galt wahrscheinlich auch nicht für alle Kulturen. Es läuft z. Zt. im TV ein interessanter Bericht über die Stellung der Frau im Ägypten dieser Zeit. Man vergisst leicht, und im christlichen Milieu sowieso, dass die Bibel nur über einen winzigen Teil des „Erdenrunds“ „berichtet“ (wenn man das überhaupt „berichten“ nennen kann.)

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      • Na, ja.
        Mag sein, dass es hier und da Ausnahmen gab.
        Aber entscheidend ist doch, dass da, wo die „heiligen“ Schriften entstanden sind, der misogyne Zeitgeist vorherrschte. Und das war bei der Bibel das römische Reich, das die bestimmende Macht in der damaligen Welt ausübte. Das war beileibe kein winziger Teil. Die patriarchale Gesellschaftsordnung war in den wichtigsten Zentren der Macht tonangebend.
        Im Übrigen war die Verbreitung des Christentums u. a. auch nur deshalb möglich, weil es sich bezüglich der patriarchal-hierarchischen Gesellschaftsordnung der damaligen Zeit nicht entgegenstellte. Es wurde ja sogar die Sklaverei akzeptiert.

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