Josefseis: Ein Loblied aufs Handwerk – ohne den Handwerker

Lesezeit: ~ 6 Min.

Darum geht es

Stefan Buß lobt am Josefseis das stille Handwerk – und lässt ausgerechnet den Eismacher weg, macht aus einer einzigen Berufsangabe ein Charakterbild und übersieht, dass Handwerk genau das verlangt, was der Glaube verweigert: Prüfung am Ergebnis.

Diesmal gibt es Eis. In seinem Impuls vom 16. September empfiehlt Stadtpfarrer Stefan Buß auf Osthessen|News ein „Josefseis“: „Es gibt Dinge, die muss man einfach ausprobieren.“ Kreiert habe es „Herr Professor Josef Dehler aus Fulda“, benannt sei es nach dem heiligen Josef, „weil Josef der Patron der Handwerker ist“. Daraus entwickelt Buß eine kleine Lehre über Geduld, Können und ein Leben, das man „nicht fertig geliefert“ bekommt.

Gegen Wertschätzung für Handwerk ist nichts einzuwenden. Interessant ist, was der Text dafür braucht – und was er dafür weglässt.

Der Handwerker, der im Handwerker-Impuls fehlt

Das Eis heißt offiziell „Joseph’s Eis“ und wurde am 5. September im Fuldaer Eiscafé Monte Carlo vorgestellt. Wie es entstanden ist, beschreibt eine Pressemitteilung, die das Eiscafé über die IHK Fulda veröffentlicht hat: Mergim Durmishi, der Betreiber des Eiscafés, und Joseph Dehler wollten zunächst gemeinsam eine neue Sorte entwickeln. Von Dehler stammen die Idee einer Handwerks-Marke[1]Dass vielleicht auch ein Namenskonflikt mit den über die Rhön hinaus bekannten gleichnamigen Brötchen einer hiesigen Großbäckerei der Grund für die Umbenennung gewesen … Continue reading, der Name und das Konzept, Zutaten aus der Zeit Josefs zu verwenden – Dattel, Mandel, Honig, Zimt, Zitrone und Veilchen. Daraus ein funktionierendes Eis zu machen, war dann Werkstattarbeit: drei Monate auf einer kleinen Laboreismaschine, eine geheime Testphase mit der Übertragung auf eine Profimaschine, Kundentests in einer befreundeten Eismanufaktur in Karlstadt am Main und weitere Durchgänge im Eislabor des Monte Carlo.

Die Vogelsberger Zeitung bestätigt das in ihrem ausführlichen Bericht von der Vorstellung (eine Kurzfassung erschien bereits am Tag danach): Produziert wird in Durmishis eigener Manufaktur, zu der ein Eislabor im hinteren Teil des Cafés gehört; dort wurde an der Rezeptur gearbeitet und ausprobiert. Fast ein Jahr lag zwischen Idee und Ergebnis. Dehler, von 1982 bis 1994 Rektor der Fachhochschule Fulda, bringt übrigens selbst eine Kochausbildung und Erfahrung mit Konditorei-Eis mit. Sein Anteil ist also real, und niemand muss ihn kleinreden.

Im Impuls aber taucht nur einer auf: der Professor. Der Eismacher, in dessen Labor und Manufaktur aus dem Konzept ein Produkt wurde, bleibt namenlos. Das ist mehr als eine Nachlässigkeit, denn der Text lobt ausdrücklich Josef als einen, „der nicht im Mittelpunkt stehen musste, aber zuverlässig seine Arbeit tat“. Genau so jemanden hätte Buß benennen können. Stattdessen landet der Titel im Rampenlicht, der Handwerker im Hinterzimmer.

Ebenfalls unerwähnt: Buß war bei der Vorstellung selbst beteiligt. Schon die Pressemitteilung kündigte an, der Stadtpfarrer werde den Tag „mit ein paar inspirierenden Worten“ zum heiligen Joseph einleiten, und laut Vogelsberger Zeitung stellten er und der Obermeister der Zimmererinnung den Heiligen dort als Patron und Vorbild heraus. Das ist nicht anrüchig, aber es verändert die Lesart. „Muss man einfach ausprobieren“ klingt nach spontaner Entdeckung; tatsächlich ist der Impuls die Zweitverwertung einer Ansprache bei einer Produktpräsentation.

Was die Bibel über den Handwerker Josef weiß

„Von ihm wird in der Bibel nicht viel erzählt“, räumt Buß ein. „Wir hören keine großen Reden von ihm.“ Das ist eine Untertreibung: Josef sagt in den Evangelien kein einziges Wort. Dann folgt der Satz, auf dem der ganze Impuls ruht: „Aber wir wissen: Josef war ein Handwerker. Einer, der mit seinen Händen gearbeitet hat. Einer, der etwas aufgebaut, repariert und gestaltet hat.“

Was wir tatsächlich „wissen“, passt in einen Halbsatz. In Mt 13,55 fragen die Leute in Nazareth: „Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns?“ Das griechische Wort téktōn bezeichnet allgemein einen Bauhandwerker, der mit Holz, gegebenenfalls auch mit Stein arbeitet. Das ältere Markusevangelium nennt an der Parallelstelle (Mk 6,3) Jesus selbst den Zimmermann und erwähnt Josef gar nicht. Mehr gibt es nicht. Kein Werkstück, keine Reparatur, keine Arbeitshaltung. Das „aufgebaut, repariert und gestaltet“ ist freie Ausschmückung einer Berufsangabe – ein Heiligenbild, gezimmert aus einem einzigen Wort.

Worüber die Bibel dagegen ausführlicher berichtet, ist etwas anderes: Josef handelt, weil ihm im Traum ein Engel Anweisungen gibt (Mt 1,20–24; Mt 2,13–14 und 2,19–22). Er heiratet, flieht, kehrt zurück – jeweils auf nächtliche Eingebung, ohne Prüfung, ohne Rückfrage. Das meint Buß wohl, wenn er schreibt, Josef habe „mit seinem Herzen vertraut“. Als Vorbild für Handwerker ist das ein seltsames Modell: Wer auf der Baustelle nach Träumen statt nach Plänen arbeitet, bekommt Ärger. Wir haben diese Traumszenen schon einmal im Zusammenhang mit Buß’ Engel-Impuls besprochen; die Frage, wie man echte von eingebildeten Botschaften unterscheidet, hat seither niemand beantwortet.

Ein Patron nach Bedarf

Dass Josef als Schutzpatron der Arbeit gilt, ist ebenfalls keine biblische Auskunft, sondern kirchliche Setzung – mit einer politischen Geschichte. Den Gedenktag „Josef der Arbeiter“ führte Pius XII. 1955 ein, und zwar auf den 1. Mai. Johannes Paul II. erklärte später, sein Vorgänger habe dem Tag der Arbeit ein religiöses Gepräge geben wollen. Katholische Quellen nennen den Zweck offener: Das Fest wurde bewusst gegen die kommunistischen Maikundgebungen in den Kalender gesetzt. Selbst das Opus Dei schreibt, Pius XII. habe mit dem Gedenktag wohl die Blößen eines materialistisch geprägten Feiertags bedecken wollen – und zitiert als Beleg einen Arbeiterkongress, der den 1. Mai als Tag des Klassenkampfs bekräftigt hatte. Der Kampftag der Arbeiterbewegung bekam einen frommen Gegenentwurf.

1955 diente Josef also als Gegenfigur zum Sozialismus, 2026 als Gegenfigur zur „Akademisierung“, die laut IHK-Mitteilung den Anstoß zum Eis gab. Dieselbe schweigende Gestalt lässt sich für jede Botschaft in Dienst nehmen, weil sie selbst nichts sagt. Das ist kein Zufall, sondern Methode, und sie ist aus der Politik bekannt: Wo genug Menschen eine Figur verehren, lohnt es sich, ihr das eigene Anliegen in den Mund zu legen. Eine Quelle, die je nach Bedarf gegen Gewerkschaften oder für Ausbildungsberufe spricht, taugt aber nicht als Maßstab. Sie gibt zurück, was man hineinlegt.

Handwerk ist das Gegenteil von Glauben

Der beste Satz des Impulses ist dieser: „Handwerk braucht Geduld. Es braucht Übung. Es braucht Fehler, aus denen man lernt. Und am Ende sieht und spürt man, was entstanden ist.“ Das stimmt. Und genau deshalb passt die Analogie nicht dorthin, wo Buß sie hinträgt.

Handwerk lebt von Rückmeldung. Das Josephs-Eis zeigt es exemplarisch: Zu wenig Zucker, und das Eis wird zu hart; zu viel, und es wird zu süß, so erklärt es der Bericht der Vogelsberger Zeitung. Also wird probiert, verworfen, nachjustiert, von Kunden gekostet. Das Ergebnis entscheidet, nicht die Absicht. Ein Dach ist dicht oder nicht, und wer ein undichtes Dach abliefert, haftet – das Werkvertragsrecht sieht für Bauwerke eine Gewährleistungsfrist von fünf Jahren vor (§ 634a BGB).

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Buß zählt nun auch „unseren Glauben“ zu den Dingen, an denen man handwerklich arbeiten müsse. Woran aber misst sich dieses Werkstück? Welcher Test zeigt, dass es gelungen ist, welcher Fehler, dass es misslungen ist? Glaubensinhalte werden gerade nicht am Ergebnis geprüft, sondern gegen Prüfung abgesichert. Dogmen gelten in der katholischen Lehre als endgültig verbindlich, und seit dem Ersten Vatikanischen Konzil 1870 beansprucht der Papst für solche Lehrentscheidungen Unfehlbarkeit; der Weg, auf dem ein Irrtum erkannt und korrigiert würde, ist damit nicht vorgesehen. Wir haben das am Dogma von Mariä Himmelfahrt durchgespielt: 1950 per Definition festgelegt, seither jeder Revision entzogen. Ein Handwerk, das keine Fehler zulässt, wäre keines.

Und die Haftung ist im Glaubensbetrieb umgekehrt verteilt. Nicht der Meister steht für das Werk ein, sondern der Kunde: „Wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden“ (Mk 16,16). Wer das angebotene Stück ablehnt, trägt nach dieser Lehre die Folgen, und zwar ohne Fristablauf. Die freundliche Werkstattsprache ändert daran nichts; sie macht es nur weniger sichtbar.

„Und manches muss repariert werden“

Auch das Motiv der Reparatur ist nicht neu. Im August hat das „Wort zum Sonntag“ das Recht auf Reparatur bereits zur geistlichen Metapher umgebaut; wir haben damals beschrieben, wie eine konkrete verbraucherpolitische Forderung dabei ins Erbauliche verdampft. Bei Buß geschieht Ähnliches: Beziehungen, Familie, Gemeinschaft „müssen repariert werden“. Richtig. Nur braucht man dafür Werkzeuge, die funktionieren – Gespräch, Einsicht in eigene Fehler, gegebenenfalls professionelle Hilfe. Ein Patron, der nachweislich nichts gesagt hat, gehört nicht dazu.

Wertschätzung ohne Heiligenschein

Die säkulare Alternative ist unspektakulär und gerade deshalb tragfähig. Handwerk verdient Anerkennung, weil Menschen Häuser, Heizungen, Möbel und Lebensmittel brauchen und weil es Können erfordert, sie gut herzustellen. Dafür braucht es keinen himmlischen Schirmherrn, sondern irdische Dinge: angemessene Bezahlung, gute Ausbildung, gesellschaftliches Ansehen für berufliche Bildung und die schlichte Gewohnheit, die Leute zu nennen, die etwas geschaffen haben.

Buß schließt mit einem Augenzwinkern: Der heilige Josef hätte „wahrscheinlich nichts gegen ein gutes Eis gehabt“. Das wissen wir so wenig wie alles andere über ihn. Was wir wissen: Das Eis gibt es in der Karlstraße, die Idee stammt von Joseph Dehler, und hergestellt wird es in der Manufaktur von Eismacher Mergim Durmishi. Wer das Handwerk ehren will, kann mit diesem Satz anfangen.

KI

Quellen

Fußnoten

Fußnoten
1 Dass vielleicht auch ein Namenskonflikt mit den über die Rhön hinaus bekannten gleichnamigen Brötchen einer hiesigen Großbäckerei der Grund für die Umbenennung gewesen sein könnte, ist reine Spekulation.

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2 Kommentare zu „Josefseis: Ein Loblied aufs Handwerk – ohne den Handwerker“

  1. Was H. Buß zum Heiligen Josef sagt, ist ja geradezu bescheiden und zurückhaltend im Vergleich zu dem was Papst Franziskus aus Anlass des Josefjahrs (ja das gab es 2020) über ihn geäußert hat. Hier mal nur die Zusammenfassung:
    „Zusammengefasst stellte Papst Franziskus den heiligen Josef nicht vor allem als großen Redner oder außergewöhnlichen Wundertäter dar, sondern als treuen, schweigsamen, arbeitenden, schützenden und barmherzigen Menschen, der Gott im gewöhnlichen Alltag diente. Seine Botschaft an die Gläubigen war: Auch ein verborgenes Leben kann für Gottes Heilsplan von großer Bedeutung sein. “
    Um so ein Urteil aus den dürftigen Aussagen der Bibel zu treffen, braucht es schon ein gerüttelt Maß an Erleuchtung ! Allzu verwegen wäre es sicher gewesen, den Heiligen Josef als „großen Redner oder außergewöhnlichen Wundertäter“ darzustellen, aber diese Formulierung mag einer allzu künstlichen Katholischen Intelligenz geschuldet sein.

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