Taufe to go: Eintritt spontan, Austritt mit Behördentermin

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Darum geht es

Die Aktion „Taufe erleben“ in Fulda, Hanau und Kassel bewirbt die Taufe als spontanes Wohlfühlerlebnis, erwähnt aber in der Pressemeldung nicht, dass damit eine kirchensteuerpflichtige Mitgliedschaft beginnt, die sich nur per Behördentermin und gegen Gebühr beenden lässt.

Am Samstag, dem 19. September, öffnet die Christuskirche in Fulda von 16 bis 19 Uhr für eine besondere Art von Laufkundschaft: Wer möchte, kann sich dort ohne Anmeldung taufen lassen. Zeitgleich läuft dieselbe Aktion in der Neuen Johanneskirche in Hanau und in der Friedenskirche in Kassel. Das Motto: „Für dich. Segen spüren. Taufe erleben“. Osthessen|News (öffnet in neuem Tab) zitiert Pfarrerin Jana Koch-Zeißig mit dem Satz, die Kirche werde „wieder ein Ort, an dem Menschen ihren ganz persönlichen Taufmoment finden können – offen, herzlich und ohne große Schwellen“.

Mitzubringen sind ein Personalausweis, bei Kindern und Jugendlichen bis 14 Jahren außerdem Geburtsurkunde und Zustimmung der Eltern. Vor Ort stehen Pfarrerinnen und Pfarrer für Gespräche bereit. Man kann wählen, ob am Taufbecken oder im Garten getauft wird, einen Taufspruch aussuchen, Musik bestimmen und eine Kerze gestalten. Auf der Aktionsseite taufe-erleben.de ist zudem von einem beauftragten Fotografen die Rede. Leitsatz dort: „Es ist nie zu spät. Jeder Moment ist richtig, Dich taufen zu lassen!“

Das Format ist nicht neu. Die Hanauer Gemeinde bot es erstmals im September 2022 an, nach dänischem Vorbild. 2023 ließen sich dort laut evangelisch.de sieben Erwachsene taufen. Inzwischen hat die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) die Aktion auf drei Kirchenkreise ausgeweitet. Man muss darüber keine Empörung verschwenden. Niemand wird gezwungen, und wer als Erwachsener getauft werden will, soll das tun. Interessant ist die Aktion trotzdem, weil sie offenlegt, wie eine schrumpfende Kirche ihr zentrales Ritual inzwischen vermarktet und was sie dabei nicht dazusagt.

Was die Pressemeldung nicht erwähnt

Die Meldung auf Osthessen|News spricht von Segen, Kerzen, Musik und Garten. Ein Wort fehlt: Mitgliedschaft. Die Aktionsseite ist hier ehrlicher, und das sollte man anerkennen. Dort heißt es: „Mit der Taufe beginnt auch Deine Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche.“ Und weiter, zur Kirchensteuer: „Dadurch unterstützt Du regelmäßig die Arbeit Deiner Kirche.“

„Unterstützt regelmäßig“ ist eine euphemistische Umschreibung für einen Zuschlag von neun Prozent auf die Einkommensteuer. Er wird vom Staat eingezogen und bei Beschäftigten automatisch vom Arbeitgeber einbehalten. Das ist kein Detail, sondern die rechtliche Hauptfolge dessen, was an diesem Samstag geschieht. Theologisch mag die Taufe eine „Liebeserklärung Gottes“ sein. Rechtlich ist sie der Beitritt zu einer Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Beitragspflicht. In der Pressemeldung kommt nur der erste Teil vor.

Man stelle sich vor, ein Fitnessstudio würde mit „Spontan Mitglied werden – Glücksmoment erleben, mit Fotograf und Wunschsong“ werben und den Monatsbeitrag nur auf einer Unterseite erwähnen. Verbraucherschützer hätten dazu eine Meinung.

Satire: AWQ.DE
Satire: AWQ.DE; weiterführende Infos: kirchenaustritt.de

Rein am Samstagnachmittag, raus nur mit Behördentermin

Die Aktion wirbt ausdrücklich mit dem Abbau von Schwellen. Das gilt allerdings nur in eine Richtung. Der Eintritt ist kostenlos, braucht keine Anmeldung und findet mit Musik und Kerze statt. Der Austritt funktioniert anders. In Hessen muss man ihn seit 2017 bei der Kommune erklären, nicht mehr beim Amtsgericht. Die Stadt Kassel, einer der drei Aktionsorte, nennt die Bedingungen: persönliches Erscheinen im Standesamt, Ausweis, Termin und 30 Euro Gebühr. Eine Online-Voranmeldung sei „noch keine gültige Austrittserklärung“.

Man kann über die Gebühr streiten. Die Asymmetrie ist aber auffällig: Die Kirche baut für den Eintritt jede denkbare Hürde ab, während der Staat für den Austritt eine Hürde mit Kassenautomat aufstellt. Wer Niedrigschwelligkeit für einen Wert hält, müsste sie für beide Richtungen fordern. Von kirchlicher Seite ist diese Forderung bisher nicht zu hören.

Kinder: spontan getauft, später gebührenpflichtig ausgetreten

Heikler wird es bei Kindern. Nach den Teilnahmebedingungen reicht bis zum Alter von 14 Jahren die Zustimmung der Eltern. Das deutsche Recht setzt die Religionsmündigkeit genau bei 14 an. Nach § 5 des Gesetzes über die religiöse Kindererziehung steht dem Kind ab diesem Alter „die Entscheidung darüber zu, zu welchem religiösen Bekenntnis es sich halten will“. Ab 12 kann es „nicht gegen seinen Willen in einem anderen Bekenntnis als bisher erzogen werden“.

Die Aktion hält sich damit an das Recht, und die Kindertaufe ist in beiden großen Kirchen ohnehin der Normalfall. Der Punkt ist ein anderer: Die Kirche erklärt das Ritual zum Ausdruck einer persönlichen Entscheidung („Ich sage Ja zu Gott“, zitiert die Fuldaer Aktionsseite Pfarrerin Natascha Weigelt) und bietet es zugleich spontan für Menschen an, die diese Entscheidung noch gar nicht treffen können. Eine Mitgliedschaft, die ein Elternteil an einem Samstagnachmittag begründet hat, muss das Kind Jahre später selbst beenden. Das kostet dann einen Behördentermin und eine Gebühr. Ein Angebot, das sich wirklich an der Selbstbestimmung orientiert, hätte die Aktion auf Religionsmündige beschränkt.

Das Eingeständnis hinter der Offenheit

Bemerkenswert ist, wie die Initiatoren das Format selbst begründen. Margit Zahn, Pfarrerin und Initiatorin in Hanau, sagte 2023: „Diese Taufform lehrt mich viel über uns als evangelische Kirche. Wie schwer wir es den Menschen gemacht haben, sich taufen zu lassen.“ Die Theologin Katharina Scholl schrieb 2022 in zeitzeichen, die Kirche solle Gottes Segen nicht rationieren. Bedenken, die Taufe werde ohne Unterricht entwertet, deutete sie als Angstreaktion auf den institutionellen Niedergang.

Das ist ein aufschlussreicher Positionswechsel. Jahrzehntelang galten Taufgespräch, Taufunterricht und Einbindung in die Gemeinde als Ausdruck davon, wie ernst das Sakrament ist. Jetzt, wo die Mitglieder ausbleiben, gelten dieselben Anforderungen plötzlich als Hürden, die man den Menschen unnötig zugemutet habe. Die Theologie hat sich nicht verändert, wohl aber die Nachfrage. Wenn eine Lehre sich so zuverlässig nach der Mitgliederstatistik richtet, sagt das mehr über die Statistik als über die Lehre.

Dazu kommt ein Widerspruch, den die Wohlfühlsprache überdeckt. Wenn die Taufe eine bedingungslose „Liebeserklärung Gottes“ ist, ein „Zeichen dafür, dass Gott Ja zu Dir sagt“, dann bleibt offen, warum dieses Ja an eine beitragspflichtige Mitgliedschaft gekoppelt ist. Die Kirche könnte ohne Weiteres einen Segen ohne Mitgliedschaft anbieten, und Segensfeiern gibt es in vielen Gemeinden längst. Für die Aktion hat man aber das Ritual gewählt, das Mitglieder schafft.

Auch die freundliche Einladung ist nur die halbe Botschaft. Der Taufbefehl, auf den sich die Kirchen berufen, hat in Markus 16,16 eine Kehrseite: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“ Auf taufe-erleben.de steht davon nichts. Die Einladung wirkt wie ein unverbindliches Angebot. Nach der Lehre, auf der sie beruht, ist sie das nicht. Im Gegenteil.

Die Zahlen hinter dem „Taufmoment“

Den Hintergrund liefert die EKKW selbst. Nach den Mitgliedschaftsdaten für 2025 (öffnet in neuem Tab) hatte die Landeskirche Ende des Jahres 666.489[1]die 177 Mitglieder hätten ja weißgott noch bis zum neuen Jahr mit Sterben oder austreten warten können, nur für die Statistik! 🤣 Mitglieder, ein Jahr zuvor waren es 687.526. Das ist ein Minus von 3,1 Prozent. 11.965 Menschen traten aus, etwas mehr als im Vorjahr mit 11.038. Getauft wurden 3.876 Menschen (Vorjahr 4.170), dazu kamen 599 Eintritte. Gestorben sind 12.545 Mitglieder. EKD-weit standen rund 350.000 Austritten etwa 105.000 Taufen gegenüber.

In Kurhessen-Waldeck kommen damit auf jede Taufe mehr als drei Austritte. Die Kirche erklärt den Rückgang selbst auch mit einem Generationeneffekt: Wer ausgetreten ist, lässt seine Kinder in der Regel nicht mehr taufen. Vor diesem Hintergrund ist „Taufe erleben“ keine seelsorgerliche Nebensache, sondern eine Maßnahme zur Gewinnung von Mitgliedern. Das zeigt auch der Spendenlink auf der Aktionsseite. Statistisch wird sie wenig ändern: Sieben Erwachsenentaufen in Hanau 2023 stehen knapp 12.000 Austritten im Jahr gegenüber. Ihr eigentlicher Wert liegt in der Pressewirkung. Sie liefert Bilder von Menschen, die zur Kirche kommen, in einer Zeit, in der vor allem Menschen gehen.

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Die Methode ist dabei nicht spezifisch kirchlich: Emotion statt Inhalt, Erlebnis statt Information, niedrige Einstiegshürde und das Kleingedruckte auf der Unterseite. Wer an Glaubensinhalten zweifelt, ist deshalb nicht automatisch gegen solche Methoden gefeit. Sie funktionieren bei politischen Bewegungen und Konsumangeboten genauso. Kritisch lesen muss man sie überall.

Rituale ohne Mitgliedsvertrag

Das Bedürfnis, auf das die Aktion zielt, ist echt. Menschen wollen Lebensübergänge feiern, einem Kind einen guten Start wünschen und einen Moment haben, der sich bedeutsam anfühlt. Dafür braucht es aber weder ein Bekenntnis noch eine Körperschaft des öffentlichen Rechts noch einen Steuerzuschlag.

Weltliche Namens- und Willkommensfeiern, wie sie humanistische Verbände und freie Rednerinnen und Redner seit Jahren gestalten, bieten all das, was „Taufe erleben“ bewirbt: Wunschmusik, persönliche Worte, Kerzen, Garten, Fotos. Sie verzichten auf das, was die Kirche verschweigt. Niemand wird Mitglied, niemand muss später austreten, und niemand wird im Namen eines Kindes einer Weltanschauung zugeordnet, die es noch nicht beurteilen kann. Die Feier gilt dem Menschen, nicht seiner Aufnahme in eine Organisation.

Mindestens drei Dinge lassen sich auch von der Kirche selbst verlangen. Erstens sollte in jeder Pressemeldung zu solchen Aktionen im Klartext stehen, dass die Taufe eine kirchensteuerpflichtige Mitgliedschaft begründet. Zweitens sollte die Kirche sich politisch dafür einsetzen, dass der Austritt so niedrigschwellig wird wie der Eintritt: gebührenfrei und auch schriftlich oder online möglich. Drittens sollten spontane Taufen auf Menschen beschränkt bleiben, die religionsmündig sind.

Fazit

„Taufe erleben“ ist einladend gemacht und in der Sache legal. Die Aktion zeigt aber, wie sich das kirchliche Selbstverständnis verschiebt. Das Sakrament, das jahrzehntelang Vorbereitung verlangte, wird zum Erlebnisangebot, sobald die Mitglieder ausbleiben. Die Pressemeldung spricht von Segen, Kerzen und Garten, die Rechtsfolge steht auf einer Unterseite. Und für den Eintritt wird eine Schwelle abgebaut, die für den Austritt bestehen bleibt.

„Jeder Moment ist richtig, Dich taufen zu lassen“, heißt es auf der Aktionsseite. Das gilt dann aber auch für den Austritt, und dafür sollte die Schwelle ebenso niedrig sein.

KI

Quellen: Osthessen|News: „Spontan zur Taufe: Christuskirche lädt zum besonderen Taufmoment ein“ (16.09.2026), taufe-erleben.de, taufe-erleben.de: Kirchenkreis Fulda, EKKW: Mitgliedschaftsdaten 2025, evangelisch.de: Spontane Taufaktion – Glaubensbekenntnis ohne formale Hürden (18.09.2023), zeitzeichen: Katharina Scholl, „Einfach taufen“ (2022), Stadt Kassel: Kirchenaustritt, kirchenaustritt.de: Hessen – Bürgeramt statt Amtsgericht, § 5 KErzG

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Fußnoten

Fußnoten
1 die 177 Mitglieder hätten ja weißgott noch bis zum neuen Jahr mit Sterben oder austreten warten können, nur für die Statistik! 🤣

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