Darum geht es
Die Antwort empfiehlt, Kinder möglichst früh mit religiösen Inhalten vertraut zu machen, ohne die fehlende Zustimmungsfähigkeit des Kindes oder die Alternative religionskundlicher Aufklärung überhaupt zu erwägen.Auf fragen.evangelisch.de beantwortet Frank Muchlinsky, Pastor und Redakteur bei evangelisch.de sowie Leiter des Fragen-Portals, die Frage eines Vaters, ab welchem Alter man einem Kind von Gott erzählen sollte. Muchlinsky rät, so früh wie möglich zu beginnen – am besten schon bei Neugeborenen –, ohne die Frage zu stellen, ob das dem Kind gegenüber überhaupt fair ist.
Die Frage
„Meiner Partnerin und mir ist unser Glaube wichtig. Sie ist katholisch, ich evangelisch, was grundsätzlich kein Problem für uns darstellt. Ihr Kind ist bislang nicht getauft, da ihr Ex-Mann, der biologische Vater des Kindes, das abgelehnt hat. Nun ist das Kind inzwischen vier und hat uns schon das ein oder andere Mal zu kirchlichen Veranstaltungen und in die Kirche begleitet. Doch was das so richtig zu bedeuten hat, weiß es bislang nicht. Daher meine Frage: Ab wann beginnt man am besten, einem Kind von Gott und vom Glauben zu erzählen, und wo und wie beginnt man damit am besten?“
Sachlich gefragt ist nach dem richtigen Zeitpunkt und der richtigen Methode, einem Kind religiöse Inhalte zu vermitteln.
Die Antwort
Muchlinsky lobt zunächst, dass der Vater das Kind bereits zu kirchlichen Veranstaltungen mitgenommen habe – das sei „der einfachste und meist auch wirksamste Weg, Kinder mit Gott bekannt zu machen“. Explizit erklärt er: „Man kann bereits Neugeborene mit Gott in Kontakt bringen, indem man den eigenen Glauben mit ihnen zusammen lebt.“ Konkret empfiehlt er religiöse Schlaflieder, gemeinsames Beten zu Hause sowie Besuche in „Kirchen und auf Friedhöfe“. Er betont dabei die Aufrichtigkeit: „Bleiben Sie dabei vor allem aufrichtig! Erzählen Sie davon, was Sie glauben und wo Sie vielleicht keine Antwort wissen oder zweifeln!“ Einen förmlichen „Unterricht“ hält er für unnötig: Das Kind werde „von selbst anfangen zu fragen“.
Die Kritik
Die Antwort verwechselt „möglichst früh“ mit „möglichst unproblematisch“. Dass man „bereits Neugeborene mit Gott in Kontakt bringen“ kann, wird als selbstverständlich positiv dargestellt, ohne zu begründen, warum ein möglichst früher Beginn wünschenswert ist. Je jünger das Kind, desto weniger ist es in der Lage, metaphysische Behauptungen über die Existenz Gottes überhaupt einzuordnen – dieser Punkt wird nicht diskutiert, sondern durch die reine Empfehlung früher Gewöhnung übergangen.
Die Frage der Zustimmungsfähigkeit des Kindes kommt gar nicht vor. Die gesamte Antwort behandelt die Glaubensvermittlung ausschließlich als pädagogische Machbarkeitsfrage – wie erzählt man es am besten –, nie als Frage danach, ob es legitim ist, einem Kind, das die entsprechenden Behauptungen nicht prüfen kann, eine bestimmte Weltdeutung als selbstverständlich mitzugeben. Diese Voraussetzung wird durchgehend als unproblematisch behandelt, statt sie zu benennen.
„Aufrichtigkeit“ wird auf die eigene Position verengt. Der Rat, offen zu sagen, was man glaubt und wo man zweifelt, klingt ehrlich, bleibt aber vollständig innerhalb der christlichen Perspektive. Zu einer tatsächlich vollständigen Aufrichtigkeit gegenüber dem Kind würde auch gehören, dass es andere Weltanschauungen und die Möglichkeit begründeter Religionslosigkeit ebenso kennenlernt – davon ist nirgends die Rede.
Kirche und Friedhof werden als selbstverständliche Sozialisationsorte gesetzt, ohne den Mechanismus zu benennen. Das Mitnehmen an emotional aufgeladene Orte prägt vor allem affektive Bindung durch wiederholte gemeinsame Erfahrung – nicht durch Argument oder Information. Diese Wirkweise wird als pädagogischer Kniff empfohlen, aber nicht als solche reflektiert.
Die Antwort aus säkularer Sicht
Es gibt keinen Grund, einem Kind „von Gott zu erzählen“, als handle es sich um eine feststehende Tatsache. Sinnvoller ist es, sobald das Kind selbst Fragen stellt – meist im Vorschulalter, wie es beim vierjährigen Kind in der Frage bereits der Fall ist –, religionskundlich statt bekenntnishaft zu informieren: Es gibt Menschen, die an einen oder mehrere Götter glauben, andere, die das nicht tun, und darüber sind sich Menschen bis heute uneinig.
(öffnet in neuem Tab)
(öffnet in neuem Tab)Der entscheidende Unterschied zu Muchlinskys Rat liegt nicht darin, ob man Kirchen besucht oder betet, sondern darin, was man dabei vermittelt: nicht „so ist es“, sondern „das glauben manche Menschen, andere nicht, und du darfst dir später selbst eine Meinung bilden“. Das eigene Bekenntnis der Eltern darf dabei offen benannt werden – es muss dem Kind nur nicht als einzig mögliche Antwort präsentiert werden.
Praktisch heißt das: Gemeinsame Kirchenbesuche als kulturelles und soziales Ereignis sind unproblematisch, solange sie nicht die einzige Deutung bekommen, die dem Kind angeboten wird. Und wenn das Kind fragt, ob es Gott wirklich gibt, ist die ehrlichste Antwort: „Das weiß niemand sicher. Manche Menschen glauben ja, manche nein, und du darfst später selbst entscheiden, was dir am einleuchtendsten erscheint.“
Das Ziel dieser Herangehensweise ist nicht, dem Vater seinen Glauben abzusprechen oder ihm vorzuschreiben, wie er lebt, sondern seinem Kind etwas zu ermöglichen, das über Prägung hinausgeht: eine spätere, informierte und wirklich freie Entscheidung, statt eine über Jahre eingeübte Bindung an eine bestimmte Antwort im Erwachsenenalter für die eigene, selbst gewählte Überzeugung zu halten.















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