Das Wort zum Wort zum Sonntag (öffnet in neuem Tab): Mut, verkündigt von Conrad Krannich, ausgestrahlt am 17.10.2026 im Ersten.
Darum geht es
Conrad Krannich würdigt zu Recht die jüdischen Studierenden, die in Halle dem AfD-Landtagsvize Tillschneider den Zutritt zum Gedenken verwehrten, nennt aber weder ihn noch seine Partei, stützt den Mut auf einen Bibelvers, der von guter Laune handelt, und schreibt die Kraft der Studierenden am Ende einem „Anderswo“ zu, das sie nie bemüht haben.Conrad Krannich, evangelischer Theologe und Studierendenseelsorger in Halle (evangelisch.de, 05.11.2024), hat sich für dieses Wort zum Sonntag das Thema seiner Stadt genommen, und zwar das schwerste: den Jahrestag des Anschlags auf die Synagoge. Er beginnt mit einem Bibelvers, „Ein froher Mut ist ein tägliches Fest“, gesteht, dass er „gerade nach Mut“ lechze, und findet diesen Mut vor der Synagogentür in der Humboldtstraße: bei elf Studierenden, „Arm in Arm untergehakt“.
Das ist ein ernstes Thema, und es verdient eine ernste Antwort. Die Spitzen dieses Beitrags gelten deshalb nur der Theologie. Die hat sie allerdings nötig.
Was Krannich richtig macht
Zuerst das Unstrittige. Am 9. Oktober 2019, an Jom Kippur, versuchte ein Rechtsterrorist, in die Synagoge von Halle einzudringen. Die Holztür hielt. Vor der Synagoge erschoss er Jana, an einem Imbiss Kevin; auf der Flucht verletzte er zwei weitere Menschen schwer (evangelisch.de, 09.10.2026). Am siebten Jahrestag wollte Hans-Thomas Tillschneider, wenige Tage zuvor zum Vizepräsidenten des Landtags von Sachsen-Anhalt gewählt, am Gedenken teilnehmen. Mitglieder der Jüdischen Studierendenunion Deutschland bildeten eine Menschenkette. Ihr Präsident Ron Dekel sagte ihm: „Sie sind hier nicht erwünscht“ (Tagesspiegel, 15.10.2026).
Krannich bewundert „die Klarheit“, „die Ruhe“ und „den Mut“, mit dem die Studierenden „eine rote Linie ziehen und sich nicht einschüchtern lassen von Macht und Amt“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Wer so etwas zur besten Sendezeit im Ersten sagt, bekommt von uns Zustimmung, nicht Spott.
Der Mann ohne Namen
Auffällig ist, wen Krannich nicht nennt. Tillschneider heißt bei ihm nur „der Landtagsvize“ und ist „Mitglied einer Partei, die in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch eingestuft ist“. Den Namen AfD spricht er nicht aus. Das kennen wir von ihm: Schon zum Erntedank im September benannte er weder Klimakrise noch AfD (Scheune oder Feuer). Die Studierenden haben Tillschneider ins Gesicht gesagt, was sie von ihm halten. Ihr Bewunderer im Fernsehen traut sich nicht einmal, seinen Namen zu sagen. Das ist bei einer Predigt über Mut zumindest bemerkenswert.
Dasselbe gilt für den Satz „In einer Rede hatte er den Anschlag relativiert.“ Was Tillschneider tatsächlich gesagt hat, hätte man ruhig zitieren können. Im Oktober 2020 erklärte er im Landtag: „Seine Tat war keine politische Tat, sondern eine Sequenz aus einem Egoshooter-Spiel.“ Im August 2025 nannte er den Täter einen „verwirrten Einzeltäter“, der Anschlag sei „mit Antisemitismus schlecht erfasst“ (MiGAZIN, 11.10.2026). Die Erinnerung an den Holocaust hat er mehrfach als „Schuldkult“ bezeichnet (taz, 15.10.2026). Zentralratspräsident Josef Schuster sagte, wer den antisemitischen und rechtsextremen Charakter des Anschlags leugne, „verhöhnt die Opfer dieses Anschlags“ (Jüdische Allgemeine, 09.10.2026).
Vor diesem Hintergrund wirkt Krannichs Abwägung merkwürdig vorsichtig: „Freilich, über die Form dieses Protestes kann man geteilter Meinung sein.“ Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) war es nicht; er nannte es einen „Affront gegenüber der jüdischen Gemeinde“, Tillschneider zum Gedenken zu schicken (MiGAZIN). Wo ein Christdemokrat klarer ist als der Seelsorger, ist das „Freilich“ überflüssig.
Wie hoch der Preis der Klarheit ist, erwähnt Krannich nur in einer Andeutung: man gehe „bis an den Rand des rechtlich Möglichen“. Konkret heißt das: Die Polizei Halle ermittelt von Amts wegen wegen Beleidigung, weil Tillschneider als „Nazi“ bezeichnet worden sein soll (taz). Der Landtag selbst sprach in einer Pressemitteilung von einer „Gruppe linker Studenten“, Tillschneider auf X von „fanatisierten Studenten“ (Jüdische Allgemeine, 12.10.2026), und Ron Dekel berichtet seitdem von Morddrohungen „in dieser Häufung“ (Tagesspiegel). Mut kostet etwas. Das hätte man sagen dürfen.
Ein staatsmännischer Satz für den Falschen
Dann legt Krannich dem Landtagsvize einen Satz in den Mund, den er hätte sagen können: „Ich verstehe, dass euch meine Anwesenheit anficht. Aber ich versichere euch, ich werde euch Kraft meines Amtes schützen.“ Das, so Krannich, „wäre staatsmännisch gewesen und mutig“, denn „Menschen können an ihrer Verantwortung wachsen“.
Man versteht das Motiv: Es ist die christliche Hoffnung auf Umkehr, die selbst dem Sünder noch die Bekehrung zutraut. Aber das Problem in Halle war nicht, dass Tillschneider der richtige Satz gefehlt hat. Das Problem ist, dass ein Mann, der den Anschlag als Egoshooter-Sequenz beschreibt, am Gedenken an genau diesen Anschlag teilnehmen wollte. Ron Dekel hat das nüchterner analysiert als sein Fernsehprediger: Tillschneider hätte in jedem Fall profitiert, durch Teilnahme als Normalisierung, durch Ausschluss mit Bildern für eine Opfererzählung (Tagesspiegel). Ein versöhnlicher Satz hätte daran nichts geändert, er hätte nur das bessere Foto geliefert.
Zumal ein Landtagsvizepräsident vor einer Synagoge ohnehin niemanden kraft seines Amtes schützt; das tut die Polizei. Der Satz wäre eine Geste gewesen. Und eine Geste war genau das, was Tillschneider in Halle gesucht hat. Krannichs Glaube an die Läuterung durch Verantwortung ist sympathisch, aber er ersetzt keine Analyse dessen, was dieser Mann seit Jahren sagt.
Frohgemut ist nicht mutig
Nun zur Bibel, die Krannich so liebt. „Ein froher Mut ist ein tägliches Fest“ steht in Sprüche 15,15, in der Lutherbibel 2017 vollständig so: „Ein Betrübter hat nie einen guten Tag; aber ein guter Mut ist ein tägliches Fest.“ Wer nachschlägt, merkt schnell, dass hier nicht von Zivilcourage die Rede ist. Die Elberfelder übersetzt: „aber ein fröhliches Herz hat ein ständiges Festmahl“, die Einheitsübersetzung: „der Frohgemute hat ständig Feiertag“, die Zürcher: „wer aber ein frohes Herz hat, feiert ständig“ (bibleserver.com).
Der „Mut“ in Luthers Deutsch ist nicht der Mut von Halle, sondern die Gemütslage. Das Etymologische Wörterbuch des Deutschen hält fest: „Mut bezeichnet ursprünglich die inneren Triebkräfte, Gemütszustände, Erregungen und Empfindungen des Gefühls“; erst vom 16. Jahrhundert an setze sich die verengte Bedeutung der „kühne[n] und unerschrockene[n] Haltung gegenüber Wagnis und Gefahr“ durch (Pfeifer, DWDS). Der Vers ist also ein Kalenderspruch über gute Laune: Wer fröhlich ist, hat mehr vom Leben. Mit Menschenketten vor Synagogen hat er so viel zu tun wie „wohlgemut“ mit „wagemutig“.
Krannich hat einen Bibelvers über Stimmung zu einem Vers über Tapferkeit gemacht, weil beide zufällig dasselbe Wort enthalten. Das ist kein Auslegungsfehler im engeren Sinn, das ist ein Wortspiel, das als Schriftbeleg auftritt. Und es ist bezeichnend, dass die Spruchsammlung, aus der er den „Mut“ borgt, ein Vers später vor allem etwas ganz anderes empfiehlt: „Besser wenig mit der Furcht des HERRN als ein großer Schatz“ (Spr 15,16), und am Ende des Kapitels: „Die Furcht des HERRN ist Zucht, die zur Weisheit führt“ (Spr 15,33). Das biblische Leitbild der Weisheitsliteratur ist nicht der aufrechte Gang, sondern die Ehrfurcht vor dem Herrn. Die Studierenden in Halle hatten keine Furcht, weder vor einem Herrn noch vor einem Landtagsvize.
Bleibt die erste Vershälfte, die Krannich weglässt: „Ein Betrübter hat nie einen guten Tag.“ Bei einer Gedenkfeier für zwei Ermordete ist das keine Weisheit, die man zitieren möchte. Man versteht, warum er sie nicht vorliest. Man versteht weniger, warum er dann ausgerechnet diesen Vers ausgesucht hat.
Luthers Wort vor der Synagogentür
Noch etwas fällt auf, wenn ein evangelischer Pfarrer Luthers Bibelsprache vor einer Synagoge zitiert. Derselbe Martin Luther empfahl 1543 in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ der Obrigkeit „u.a. die Verbrennung der Synagogen, die Zerstörung jüdischer Häuser, die Konfiszierung von Talmud und Gebetbüchern, Handelsverbot und Zwangsarbeit“; wenn das nicht helfe, solle man die Juden „wie die tollen Hunde ausjagen“. So steht es nicht in einem religionskritischen Pamphlet, sondern in der Kundgebung der EKD-Synode vom 11. November 2015 (EKD-Synode 2015; evangelisch.de).
Das ist Krannich nicht persönlich vorzuwerfen. Aber es relativiert die Rolle, in der seine Kirche hier auftritt. Wenn die evangelische Kirche heute vor Synagogen rote Linien bewundert, dann bewundert sie Linien, von denen sich ihre Synode in dieser Deutlichkeit gegenüber Luther erst 2015 abgesetzt hat, 472 Jahre nach seiner Schrift. Die Studierenden mussten dafür nicht auf eine Synode warten.
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(öffnet in neuem Tab)Die Kraft von anderswo
Am Schluss kommt der Satz, auf den das ganze Wort zum Sonntag zuläuft: „Ich glaube, die Kraft kommt von anderswo, aber sie steckt in uns allen.“
Man muss den Satz zweimal lesen, weil er zwei Dinge gleichzeitig behauptet. Wenn die Kraft „in uns allen“ steckt, braucht es kein Anderswo. Wenn sie von anderswo kommt, ist es nicht unsere. Krannich will beides: Die Leistung soll menschlich sein, damit man sie bewundern kann, die Herkunft göttlich, damit das Ganze ins Programm passt. Wohlgemerkt, das „Anderswo“ wird nicht begründet, nicht beschrieben, nicht einmal benannt. Es wird nur angehängt.
Die Studierenden selbst haben ihre Gründe übrigens sehr genau benannt. „Wir lassen unser Gedenken nicht kapern. Wir werden Rechtsextremisten nicht noch einmal in unsere Synagogen lassen“, sagte Dekel (Tagesspiegel). Das ist Erinnerung, Selbstachtung und politisches Urteil. Von einem „Anderswo“ war keine Rede. Dass ein christlicher Prediger den Mut jüdischer Studierender am Ende seiner eigenen Transzendenz gutschreibt, ist bei aller guten Absicht eine Vereinnahmung, und zwar eine, die er besser hätte vermeiden sollen.
Es ist dasselbe Muster wie beim Mauerfall, den Krannich vor knapp einem Jahr als Beleg christlicher Verheißung deutete (Wenn Pfarrer Geschichte umdeuten). Menschen tun etwas Mutiges, und am Sonntag bekommt jemand anders den Dank. Bei Wolfgang Beck war es letzte Woche das Gottvertrauen, das gegen die AfD helfen sollte, wo nur Bürgerinnen und Bürger helfen (Gurkensalat mit Gottvertrauen).
Und eine Fußnote zum „Heiligen“, auf das sich Krannich beruft: Auch Tillschneider kennt religiös aufgeladene Sprache. „Alles Hohe und Edle wird in diesem Land verächtlich gemacht, und alles Niedere wird vergötzt“, zitierten wir ihn schon 2018 (Christliches in der AfD). Wer Begriffe wie „heilig“ als Moralquelle anbietet, sollte wissen, dass sie sich in jede Richtung biegen lassen. Was trägt, ist nicht das Heilige, sondern das Begründbare.
Mut braucht keinen Absender
Die säkular-humanistische Lesart der Szene vor der Synagoge ist schlicht und ohne Rest: Elf junge Menschen wussten, was am 9. Oktober 2019 geschehen ist, sie wussten, was Tillschneider darüber gesagt hat, und sie haben entschieden, dass das Gedenken an Jana und Kevin nicht dem gehört, der den Anschlag kleinredet. Sie haben sich untergehakt, weil Mut gemeinsam leichter fällt. Das ist erlernbar, übertragbar und vollständig menschlich.
Krannich sagt es am Ende ja selbst: Menschen „Haken sich beieinander unter und stellen sich gemeinsam vor die, die sich nicht selbst schützen können“. Genau so. Dafür braucht es keinen Vers über gute Laune, keine Kraft von anderswo und keinen Prediger, der den Namen des Gegners verschweigt. Es braucht Menschen, die hinsehen, und den Mut, Namen zu nennen. Hans-Thomas Tillschneider. AfD.
Quellen
- Conrad Krannich: Mut. Das Wort zum Sonntag, Das Erste, 17.10.2026 (Untertitel: MDR).
- epd: Eklat bei Gedenken an Opfer des Synagogen-Anschlags von Halle. evangelisch.de, 09.10.2026.
- Zentralratspräsident Josef Schuster: Tillschneider „verhöhnt die Opfer“ von Halle. Jüdische Allgemeine, 09.10.2026.
- Halle-Gedenken: Jüdische Studierende stoppen AfD-Mann Tillschneider. MiGAZIN, 11.10.2026.
- André Anchuelo: Nach dem Eklat von Halle: AfD-Tillschneider geriert sich als Opfer. Jüdische Allgemeine, 12.10.2026.
- Eklat am Gedenktag: Die Polizei Halle ermittelt gegen Demonstrierende. taz, 15.10.2026.
- „Ich habe Morddrohungen erhalten“: Das sagt einer der Studenten, die sich AfD-Mann Tillschneider in den Weg stellten. Tagesspiegel, 15.10.2026.
- Neue Gesichter im „Wort-zum-Sonntag“-Team. evangelisch.de, 05.11.2024.
- Wolfgang Pfeifer et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Artikel „Mut“, DWDS.
- Synode der EKD: Kundgebung „Martin Luther und die Juden – Notwendige Erinnerung zum Reformationsjubiläum“, 11.11.2015; dazu EKD-Synode distanziert sich von Luthers Judenfeindschaft, evangelisch.de, 11.11.2015.
- Bibel: Sprüche 15,15–16 und 15,33 (Lutherbibel 2017; Vergleich mit Elberfelder, Einheitsübersetzung 2016, Zürcher Bibel, bibleserver.com).















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