Das Wort zum Wort zum Sonntag (öffnet in neuem Tab): Ernten, was da ist, verkündigt von Conrad Krannich, ausgestrahlt am 26.09.2026 im Ersten.
Darum geht es
Conrad Krannich dankt zum Erntedank allen außer Gott, benennt weder Klimakrise noch AfD – und predigt gegen das Entweder-Oder-Denken, obwohl die biblische Erntemetaphorik das gnadenloseste Entweder-Oder überhaupt kennt.Conrad Krannich, evangelischer Studierendenpfarrer in Halle, steigt diesmal mit Fußball ein. Der neue Bundestrainer Jürgen Klopp hatte bei der Vorstellung seines ersten Kaders erklärt, man habe nicht geschaut, was man nicht habe, sondern was man habe. Von dort geht es über Herbstlaub und Kartoffelernte zu einem beruflichen Konflikt, zur Dürre, zu „Häme und Misstrauen“ und schließlich zum Erntedankfest. Am Ende steht ein Segenswunsch.
Das klingt freundlich, unverfänglich, unaufgeregt und über weite Strecken sogar sympathisch. Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf das, was da ist – und auf das, was fehlt.
Ein Motto aus der Pressekonferenz
Das Klopp-Zitat ist korrekt wiedergegeben, und Krannich überfrachtet es nicht. Er räumt selbst ein: „Das löst nicht alle Probleme, haben wir ja vorgestern gesehen.“ Gemeint ist das 1:1 in Amsterdam, bei dem die deutsche Mannschaft lange führte und in der Nachspielzeit den Ausgleich kassierte. Auch die Absicherung „Nicht, um Probleme zu verdrängen“ ist fair.
Bemerkenswert ist allerdings, woher das Motto stammt: aus dem nüchternsten Pragmatismus, den der Profisport kennt. Ein Trainer sichtet Ressourcen und arbeitet damit. Er betet nicht um Spieler, die er nicht hat. Das ist eine durch und durch weltliche Haltung – und sie trägt den ganzen Beitrag.
Erntedank – aber an wen eigentlich?
Es lohnt sich, einmal nachzuzählen, wem Krannich in vier Minuten dankt. Seiner „tollen Kollegin“. „Menschen, die mich richtig gut begleitet haben“. „So vielen couragierten Menschen“. Und denen, „die Land bestellen und Vieh halten, die Korn mahlen und Brot backen“. Er fragt ausdrücklich, „wer alles daran beteiligt ist, dass überhaupt irgendwas wächst und gedeiht“ – und die Antwort, die er gibt, besteht ausschließlich aus Menschen.
Gott kommt genau einmal vor: im letzten Satz, als Segensformel. Streicht man diesen Satz, fehlt dem Text nichts. Das ist ein humanistischer Beitrag mit kirchlichem Abspann.
Man kann das fast als Fortschritt lesen. Anfang des Jahres hatte Anke Prumbaum an derselben Stelle noch menschliche Stärke kurzerhand Gottes Beistand zugeschrieben. Krannich lässt den Menschen ihren Anteil. Nur stellt sich dann umso dringlicher die Frage, wozu es für diese Botschaft eine Verkündigungssendung braucht. Den Sendeplatz gibt es, weil der MDR-Staatsvertrag den Kirchen „auf Wunsch angemessene Sendezeiten“ für religiöse Sendungen zusichert (§ 14 Abs. 3). In Krannichs Bundesland Sachsen-Anhalt gehören laut Zensus 2022 noch 13,8 Prozent der Bevölkerung einer der beiden ehemals großen Kirchen an.
Das Wetter, das niemand gemacht hat
Die klassische Erntedank-Theologie ist in der Adressatenfrage weit weniger zurückhaltend. Luther erklärt im Kleinen Katechismus, was mit dem „täglichen Brot“ gemeint ist, das Gott gibt: neben Essen, Acker und Vieh ausdrücklich auch „gut Regiment, gut Wetter, Friede“. Wer Gott für die Ernte dankt, macht ihn damit auch für das Wetter zuständig.
Und das Wetter war schlecht. „Mit so wenig Wasser mussten Pflanzen und Tiere auskommen“, sagt Krannich, den Flüssen sehe man „den Hitzeschock noch immer an“. Ein Gott, der gutes Wetter gibt, müsste sich für dieses Jahr erklären. Krannich lässt die Frage liegen – und die naheliegende Antwort ebenso. Denn der „überhitzte Sommer“ ist keine Laune der Natur und keine göttliche Prüfung, sondern das, was man tatsächlich „ernten, was wir säen“ nennen könnte: die Folge menschengemachter Emissionen.
Das Wort „Klimawandel“ fällt nicht. Das ist kein Zufall, sondern Wiederholung: Schon in seinem Beitrag zu den Waldbränden im August hatte Krannich die reale Ursache fast vollständig durch eine Metapher ersetzt. Hitze kommt bei ihm vor wie die Jahreszeiten: als Stimmung, nicht als Ursache-Wirkungs-Zusammenhang.
Die dunkle Jahreszeit ohne Namen
Dasselbe Muster zeigt sich beim Politischen. Krannich spricht von „mehr Häme und mehr Misstrauen“, von Anstrengungen, „dieses Land nicht dem Hass zu überlassen“, und von einer „politisch dunklen Jahreszeit“. Was er meint, liegt drei Wochen zurück: Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September wurde die AfD mit 43,8 Prozent stärkste Kraft und verfehlte die absolute Mehrheit der Sitze nur knapp – eine Partei, die der Verfassungsschutz des Landes als gesichert rechtsextrem einstuft.
Krannich nennt weder die Wahl noch die Partei. Damit folgt er exakt dem Vorbild seiner Kollegin Prumbaum, die vor zwei Wochen ebenfalls über den Tischnachbarn sprach, den man nicht nennt. Hass und Dunkelheit erscheinen im „Wort zum Sonntag“ wie Wetterphänomene: Sie ziehen auf, niemand hat sie bestellt.
Dabei stellt Krannich selbst die richtige Frage: „Was haben wir da eigentlich alles gesät, frage ich mich, und vor allem, wann?“ Eine Antwort gibt er nicht. Dabei wäre sie für einen Pfarrer in Sachsen-Anhalt aufschlussreich.
Populismus braucht keine Kirche – und Konfessionsfreiheit schützt nicht
Der Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt ist in einem Land mit einer Kirchenmitgliedschaft von rund 14 Prozent ohne jede kirchliche Rückendeckung zustande gekommen. Das ist lehrreich. In den USA verbündet sich der Populismus mit den Evangelikalen, weil es dort genug religiös gebundene Wähler gibt. Wo diese fehlen, kommt er ohne sie aus. Und wo er sie braucht, findet er sie auch in Deutschland: Die „Christen in der AfD“ lesen aus derselben Bibel das Gegenteil dessen, was Krannich und Prumbaum herauslesen. Ein Glaubenssystem, das sich je nach Bevölkerungsstruktur für oder gegen eine Sache in Stellung bringen lässt, taugt nicht als Moralquelle.
Ebenso wenig sollte man sich als Konfessionsfreier auf diesem Befund ausruhen. Rund 86 Prozent ohne Kirchenbindung haben dieses Wahlergebnis offenkundig nicht verhindert. Konfessionsfreiheit ist kein Programm, sondern zunächst nur die Abwesenheit einer Mitgliedschaft. Sie macht niemanden automatisch säkular, humanistisch oder vernünftig – und sie schützt nicht davor, auf Ideologien hereinzufallen, die mit denselben Methoden verbreitet werden wie religiöse: Feindbilder, Heilsversprechen, Zugehörigkeit durch Abgrenzung.
Das erbarmungslose Entweder-Oder – ausgerechnet
Kommen wir zum schönsten Satz des Abends. Krannich möchte einiges im „überhitzten Sommer“ zurücklassen, darunter „dieses erbarmungslose Entweder-Oder-Denken“. Ein löblicher Vorsatz. Man fragt sich nur, ob ihm bewusst ist, in welcher Tradition er ihn vorträgt.
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(öffnet in neuem Tab)Denn wenn es um Ernte, Scheunen und Säen geht, kennt die Bibel genau ein Denkmuster, und das ist kein Sowohl-als-auch. Johannes der Täufer kündigt den Kommenden so an: „Er wird seine Tenne fegen und den Weizen in seine Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit ewigem Feuer“ (Mt 3,12). Im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen heißt es: „Sammelt zuvor das Unkraut und bindet es in Bündlein, daß man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheuer“ (Mt 13,30). Die Auslegung liefert Jesus gleich mit: Die Übeltäter kommen in den „Feuerofen; da wird sein Heulen und Zähneklappen“ (Mt 13,42).
Auch das Sprichwort, mit dem Krannich sein Fazit zieht – „Wir ernten, was wir säen“ –, stammt aus dem Galaterbrief. Dort geht es gleich im nächsten Vers weiter: „Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten“ (Gal 6,8). Himmel oder Verderben. Weizen oder Spreu. Scheune oder Feuer. Dazu passt der Jesus des Markusevangeliums: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden“ (Mk 16,16). Und für die Unentschlossenen: „Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich“ (Mt 12,30).
Erbarmungsloser als mit einer ewigen Feuerstrafe für die falsche Weltanschauung lässt sich ein Entweder-Oder kaum formulieren. Es ist auch kein Ausrutscher einzelner Bibelstellen, sondern das Geschäftsmodell: Das Heilsangebot ist nur deshalb ein Angebot, weil die Alternative die Verdammnis ist.
Wenn Krannich seinem Publikum also wünscht: „Füllen Sie Ihre Scheunen mit Mut für morgen“, dann ist das ein hübsches Bild. In der Vorlage, aus der es stammt, ist die Scheune allerdings der Ort, an dem die Geretteten landen – der Rest wird verbrannt. Das moderne „Wort zum Sonntag“ zeigt vom Erntedank gern die Kartoffeln und das goldene Licht. Die Szene mit der Wurfschaufel hat man herausgeschnitten.
Das ist bequem, aber keine Milderung, sondern Verschleierung. Wer sich an die freundliche Version gewöhnt hat, hält die unfreundliche für eine Randerscheinung. Sie steht aber nach wie vor im Text, auf den sich die Kirche beruft – und den bibeltreue Gemeinden sehr wörtlich nehmen.
Was bleibt, wenn man den Segen weglässt
Nimmt man Krannichs Beitrag beim Wort, bleibt ziemlich viel übrig, und alles davon ist weltlich. Dankbarkeit gegenüber Menschen ist konkret. Sie erreicht ihre Adressaten und lässt sich erwidern: bei der Kollegin, die durch einen Konflikt getragen hat, bei der Landwirtin, deren Ernte kleiner ausfällt. Dank an Gott verändert für die Bäuerin nichts. Faire Preise, ein vernünftiges Wassermanagement und Klimaschutz verändern sehr viel.
Ein säkular-humanistisches Erntedank würde genau dort ansetzen, wo Krannich aufhört. Es würde die Ursachen benennen: die Emissionen hinter dem Hitzeschock, die Partei hinter der „politisch dunklen Jahreszeit“. Es würde den eigenen Anteil prüfen, statt Hass wie Wetter zu behandeln. Und es würde das stärken, was man tatsächlich hat: Wissen, demokratische Institutionen, Menschen, die sich engagieren – ganz ohne die Drohung, dass die Unwilligen wie Spreu im ewigen Feuerofen landen.
Das Klopp-Prinzip, konsequent angewandt, hätte gelautet: Schauen, was man hat. Und was hatte Krannich? Eine Kollegin, Freunde, Landwirte, Bäcker und viele couragierte Menschen. Einen Gott brauchte er dafür nicht. Nur für den letzten Satz.
Quellen
- Conrad Krannich: Ernten, was da ist. Das Wort zum Sonntag, Das Erste, 26.09.2026 (Untertitel: MDR).
- rundfunk.evangelisch.de: Pfarrer Conrad Krannich
- Sport1: DFB-Kadernominierung mit Jürgen Klopp (Ticker)
- Sky Sport: Spielbericht Niederlande – Deutschland, 24.09.2026
- bpb: Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026 – AfD stärkste Kraft
- Wikipedia: Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026
- Evangelische Landeskirche Anhalts: Zahlen und Fakten (Kirchenmitgliedschaft laut Zensus 2022)
- Staatsvertrag über den Mitteldeutschen Rundfunk, § 14 Abs. 3
- Martin Luther: Der Kleine Katechismus, Auslegung der vierten Bitte des Vaterunsers.
- Bibelzitate nach der Lutherbibel 1912: Mt 3,12; Mt 12,30; Mt 13,30.42; Mk 16,16; Gal 6,7–8.















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