Gurkensalat mit Gottvertrauen – Das Wort zum Wort zum Sonntag

Lesezeit: ~ 6 Min.

Das Wort zum Wort zum Sonntag (öffnet in neuem Tab): Mit Sorge und Gottvertrauen, verkündigt von Wolfgang Beck, ausgestrahlt am 10.10.2026 im Ersten.

Darum geht es

Wolfgang Beck verteidigt nach der Wahl eines AfD-Landtagspräsidenten in Magdeburg zu Recht das Grundgesetz, stützt das aber auf einen Bibelvers, dem Römer 13 direkt widerspricht, verschweigt die grundrechtsfreie Verfassung seiner eigenen Kirche und setzt auf Gottvertrauen, wo nur Bürgerinnen und Bürger helfen – und die Zahlen aus Sachsen-Anhalt zeigen zugleich, dass auch Konfessionsfreiheit nicht vor Populismus schützt.

„Macht aus dem Staat Gurkensalat“ – mit diesem Spruch steigt Wolfgang Beck in sein Wort zum Sonntag ein, und man muss zugeben: Als Einstieg ist das stärker als jede Bergpredigt. Beck, katholischer Priester, bis vor Kurzem Rektor der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt und seit diesem Wintersemester Professor für Pastoraltheologie in Erfurt (Universität Erfurt, 28.09.2026), erzählt die Geschichte einer Handvoll Jugendlicher aus Weimar, die 1983 den SED-Staat mit Sprühfarbe verspottet haben und dafür ins Gefängnis mussten.

Den Bogen schlägt er zu dieser Woche: Am Dienstag wurde im Magdeburger Landtag mit Tobias Rausch erstmals ein AfD-Politiker Präsident eines deutschen Landesparlaments, mit 48 Stimmen, obwohl AfD und BSW zusammen nur 44 haben (ZDFheute, 06.10.2026). Vor dem Landtag lasen mehr als 500 Menschen die ersten 20 Artikel des Grundgesetzes vor, in Berlin zog die SPD-Bundestagsfraktion mit Grundgesetz-Ausgaben in der Hand zum Bebelplatz (GMX, 07.10.2026). Beck: „Das hat mir zu denken gegeben“.

Uns auch. Vor allem darüber, welche Rolle Gott in dieser Geschichte eigentlich spielt.

Was Beck richtig macht

Zuerst das Lob, und zwar ohne Ironie: Das ist ein Wort zum Sonntag mit Haltung. Beck sagt, „was für ein erbärmlicher und despotischer Staat die DDR war“, er stellt sich ausdrücklich hinter die Proteste, und er formuliert den Kern des Grundgesetzes präziser als manches Sozialkundebuch: „Die Mächtigen und die Mehrheit setzen sich nicht einfach durch. Stattdessen sind sie in die Pflicht genommen.“ Wer so etwas zur besten Spätsendezeit im Ersten sagt, verdient Applaus, nicht Spott.

Kleine Fußnote für die Chronik: Verhaftet wurden die Weimarer im Oktober 1983, verurteilt erst am 24. Februar 1984 vom Kreisgericht Erfurt, und zwar nicht wegen „staatsfeindlicher Hetze“, sondern wegen „Rowdytum“ nach § 215 StGB-DDR, mit fünf bis sechs Monaten Haft für die Hauptbeschuldigten (Gedenkbibliothek, Rezension 2012; der Freitag, 11.08.2011). Der Staat wollte keine politischen Gefangenen, er wollte Rowdys. Das macht die Sache nicht besser, sondern noch zynischer.

Auffällig ist allerdings, wen Beck nicht nennt. Es gelangen „Feinde von Demokratie und Grundgesetz in politische Ämter“, aber welche, wo und von welcher Partei, bleibt offen. Wir kennen das Muster schon (Der Tischnachbar, den man nicht nennt). Die Sprayer von 1983 waren da deutlicher, und die riskierten dafür immerhin Gefängnis.

Der Vers mit dem Thron – und der Vers mit dem Schwert

Dann kommt die Bibel. „Gott erhöht die Schwachen und stürzt die Mächtigen vom Thron“, zitiert Beck „an einer wichtigen Stelle im Lukasevangelium“. Gemeint ist das Magnificat, der Lobgesang Marias. In der Einheitsübersetzung steht es übrigens andersherum: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“ (Lk 1,52). Geschenkt. Daraus folgert Beck: „Gottes Segen liegt auf denen, die Schwache schützen und stärken, nicht auf den Despoten.“

Das ist ein schöner Satz. Er hat nur ein Problem: Er steht so nicht in der Bibel, und das Gegenteil schon. Ein paar Bücher weiter, im Römerbrief, erklärt Paulus die Lage für staatliche Gewalt jeder Art: „Jeder ordne sich den Trägern der staatlichen Gewalt unter. Denn es gibt keine staatliche Gewalt außer von Gott; die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes“ (Röm 13,1–2). Und weiter: Die Obrigkeit „steht nämlich im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der das Böse tut“ (Röm 13,4).

Man lese das einmal mit den Augen der Weimarer Jugendlichen. Nach Paulus war das Kreisgericht Erfurt eine Dienerin Gottes, die Stasi-Untersuchungshaft ein Stück göttlicher Ordnung, und wer „Wehr Dich“ an die Wand sprühte, stellte sich gegen Gott. Biblisch betrachtet hätte Erich Mielke für seine Erfurter Aktenvermerke das bessere Zitat gehabt als Wolfgang Beck.

Das ist keine Spitzfindigkeit. Es ist das Grundproblem jeder Verkündigung, die sich auf die Bibel als moralische Instanz beruft: Sie liefert für jede Position den passenden Vers. Wer die Mächtigen stürzen will, nimmt Lukas. Wer sie stützen will, nimmt Paulus. Beck hat sich, wie schon bei früheren Gelegenheiten (Wenn die Bibel zum Pazifismus führen soll), für die Rosine entschieden, die zum Anliegen passt. Das Anliegen ist gut. Die Begründung trägt nicht.

Wer hat hier eigentlich wen vom Thron gestürzt?

Bleiben wir beim Bild vom stürzenden Thron. 1983 saß Erich Honecker fest im Sattel, und die Weimarer Jugendlichen saßen in Erfurt in Haft. Gott hat niemanden gestürzt und niemanden erhöht. Sechs Jahre später fiel die SED tatsächlich, und zwar durch Menschen auf der Straße, durch einen wirtschaftlich bankrotten Staat und durch einen sowjetischen Generalsekretär, der keine Panzer schickte. Wer das Gott zuschreibt, enteignet die Leute, die den Mut hatten.

Und der Segen auf den Schutzbedürftigen statt auf den Despoten? Über Jahrhunderte regierten Könige „von Gottes Gnaden“, und die Kirche hatte daran nichts auszusetzen, solange die Gnade auch der Kirche zugutekam. Einen der ersten Staatsverträge mit Hitler-Deutschland schloss im Juli 1933 nicht irgendein Industrieverband, sondern der Heilige Stuhl: das Reichskonkordat. Gottes Segen lag historisch bemerkenswert oft genau dort, wo Beck ihn heute nicht sehen will.

Das Grundgesetz, das Beck zu Recht lobt, ist die Antwort auf genau diese Tradition. Es sagt nicht, staatliche Gewalt komme von Gott. Es sagt: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ (Art. 20 Abs. 2 GG). Das ist, wenn man so will, Römer 13 mit umgekehrtem Vorzeichen. Wer das Grundgesetz verteidigt, verteidigt eine Ordnung, deren Legitimation ausdrücklich nicht vom Himmel fällt.

Grundgesetz für alle – außer für die eigene Kirche?

„Wie sie mit Minderheiten umgehen, sagt viel über einen Staat, Parteien und Amtsträger*innen aus“, sagt Beck. Der Satz ist richtig. Er gilt nur leider auch für Religionsgemeinschaften, und da wird es für einen katholischen Priester ungemütlich.

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In Becks Kirche setzen sich die Mächtigen sehr wohl „einfach durch“. Der Papst verfügt laut Kirchenrecht über „höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt, die er immer frei ausüben kann“ (can. 331 CIC), und: „Gegen ein Urteil oder ein Dekret des Papstes gibt es weder Berufung noch Beschwerde“ (can. 333 § 3 CIC, vatican.va). Gewaltenteilung, Verfassungsgericht, Grundrechtsbeschwerde: Fehlanzeige. Die DDR hatte wenigstens eine Verfassung, auf die man sich theoretisch berufen konnte.

Und der Umgang mit Minderheiten? Der Katechismus bezeichnet homosexuelle Handlungen unter Berufung auf die Heilige Schrift als „schlimme Abirrung“ (KKK 2357, Leseraum Uni Innsbruck). Frauen sind von allen Weiheämtern ausgeschlossen, nicht wegen einer Mehrheitsentscheidung, sondern weil es so gottgewollt sein soll. Beck mag das persönlich anders sehen, viele Reformtheologen tun das. Aber er spricht in dieser Sendung nicht als Privatmann, sondern auf einem Sendeplatz, den die ARD den Kirchen einräumt. Wer dort anderen das Grundgesetz erklärt, sollte wenigstens erwähnen, dass seine eigene Organisation sich mit dessen Grundsätzen nach innen bis heute schwertut.

Konfessionsfrei ist nicht gleich immun

Jetzt der Teil, der uns selbst wehtut, und deshalb gehört er hierher. Sachsen-Anhalt ist eines der am stärksten konfessionsfreien Länder der Welt: Nur rund 13,8 Prozent der Bevölkerung gehören einer der beiden großen Kirchen an (Sonntagsblatt, 10.09.2026). Und bei der Landtagswahl am 6. September wählten nach der Wahltagsbefragung 47 Prozent der Konfessionslosen die AfD, aber „nur“ 33 Prozent der Evangelischen und 32 Prozent der Katholischen (KAS-Wahlanalyse). Die AfD kam insgesamt auf 43,8 Prozent.

Daraus folgt nicht, dass Kirche vor Rechtsextremismus schützt. Auch unter Kirchenmitgliedern hat die AfD gegenüber 2021 um 15 bis 19 Punkte zugelegt, und der Zusammenhang ist, wie selbst das Sonntagsblatt einräumt, zunächst nur eine Korrelation. Es folgt aber etwas anderes, und das sagen wir an dieser Stelle ausdrücklich: Konfessionsfrei zu sein heißt nicht, säkular, humanistisch oder vernünftig zu sein. Wer keinem Gott glaubt, kann trotzdem jedem Populisten oder Heilsverkäufer glauben, der mit denselben Methoden arbeitet wie jede Heilslehre: einfache Feindbilder, große Versprechen, ein Wir gegen die Anderen.

Und es zeigt, wie beliebig der Glaube als Moralquelle ist. In den USA holen sich Populisten ihre Mehrheiten bei den Evangelikalen und reden ständig von Gott. In Sachsen-Anhalt, wo kaum noch jemand in der Kirche ist, braucht die AfD keine Kirche und gewinnt trotzdem. Wo es sich lohnt, ist man das christliche Abendland, wo nicht, braucht man es nicht. Die katholischen Bischöfe haben völkischen Nationalismus 2024 für unvereinbar mit dem Christentum erklärt (AWQ-Fundstück), während in den USA Prediger genau diese Art von Politik samt ihrer selbst ernannten Mesiasse segnen. Ein Glaubenskonstrukt, das sich je nach Bevölkerungsstruktur für oder gegen dieselbe Ideologie in Stellung bringen lässt, taugt nicht als Kompass. Deshalb kritisieren wir Religion aus humanistischen Gründen, nicht aus denen der AfD (Sperrcode 0310).

Sorge ja, Gottvertrauen nein

Beck schließt: „Mit Sorge und zugleich Gottvertrauen wünsche ich einen gesegneten Sonntag.“ Die Sorge teilen wir. Das Gottvertrauen nicht, und zwar aus einem ganz praktischen Grund: Es hat 1933 nicht geholfen, es hat 1983 fünf Jugendlichen in Erfurt nicht geholfen, und es wird 2026 keinem Landtag helfen. Wir hatten schon einmal Anlass, Beck darauf hinzuweisen, dass Beten keine Politik ersetzt (Wenn Beten die Politik ersetzt).

Was hilft, haben die Menschen in Magdeburg am Dienstag selbst vorgemacht. Sie haben nicht gebetet. Sie haben vor dem Landtag die Artikel 1 bis 20 des Grundgesetzes vorgelesen, vom Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ bis zu „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“. Das ist die einzige Liturgie, die eine Demokratie braucht, und sie funktioniert ganz ohne Segen. Die Weimarer Jugendlichen von 1983 hätten sie sich gewünscht. Den Gurkensalat hätten sie dann gar nicht mehr gebraucht.

Quellen

KI

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