Darum geht es
Die These vom göttlichen Plan erklärt jeden Lebensverlauf gleichermaßen, wird im Text selbst durch den Dissens zwischen Calvin und Luther widerlegt und macht nebenbei jedes Unglück zu einem geplanten Unglück.Auf fragen.evangelisch.de beantwortet Pfarrer Henning Kiene die Frage, ob Gott für jeden Menschen einen Plan hat. Gefragt hatte Anna Müller, die das Thema für einen Podcast recherchiert. Kienes Antwort bejaht die Frage entschieden – und widerlegt dabei im selben Atemzug ihre eigene Konsensbehauptung.
Die Frage
Anna Müller schreibt: „Wir beschäftigen uns für einen Podcast gerade mit der Frage, ob Gott für jeden von uns einen Plan hat. Können Sie uns dazu eine Antwort geben? Was glauben Sie? Gibt es da Meinungsverschiedenheiten im Christentum? Kann man die Frage überhaupt beantworten?“
Sachlich gefragt ist damit, ob es eine göttliche Vorherbestimmung des individuellen Lebenswegs gibt und ob die christliche Theologie dazu eine einheitliche Position vertritt.
Die Antwort
Henning Kiene antwortet ohne Umschweife: „Gott hat für jede und jeden von uns einen persönlichen Plan.“ Und weiter: „In dieser Antwort sind sich – nach meiner Kenntnis – alle Christen einig.“ Als biblischen Beleg zitiert er Sprüche 16,9: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.“
Zugleich räumt Kiene ein, dass dieser Plan nicht heiter verlaufe: „Das Leben ist – auch wenn Gott plant – kein Ponyhof“, vieles erschließe sich „erst im Rückblick“. Anschließend legt er dar, wie unterschiedlich Christen den Plan gedacht haben: Der Reformator Johannes Calvin habe von einem „furchtbaren Ratschluss Gottes“ gesprochen, wonach Gott Menschen auch „planmäßig ins Unheil stürzen“ könne; Martin Luther dagegen habe sich einen Plan, „nach dem Menschen ewig verloren gehen könnten“, nicht vorstellen mögen. Am Ende zieht Kiene die praktische Konsequenz: Der Glaube an einen Plan Gottes helfe, „die Würde jedes einzelnen Menschen zu achten“ – ergänzt um Karl Barths Formel „Gott will verlieren, damit der Mensch gewinne.“
Die Kritik
Die behauptete Einigkeit widerlegt sich im selben Text. Kiene schreibt, in der Frage eines göttlichen Plans seien sich „alle Christen“ einig – um wenige Sätze später genau das Gegenteil zu belegen: Calvin und Luther kommen zu unvereinbaren Schlüssen, der eine hält eine geplante ewige Verdammnis für denkbar, der andere lehnt sie ab. Das ist kein Nuancenstreit, sondern ein fundamentaler Dissens über Wesen und Charakter Gottes. Wer Konsens behauptet und im nächsten Absatz fünfhundert Jahre Streit dokumentiert, sollte die Konsensbehauptung streichen, nicht den Streit.
Die Grundthese ist mit jedem Lebensverlauf vereinbar und erklärt deshalb nichts. Verläuft ein Leben gut, war es der Plan. Verläuft es katastrophal, war es „auch“ der Plan, nur einer, der sich – so Kiene – „erst im Rückblick“ erschließt. Eine Behauptung, die durch jedes denkbare Ergebnis bestätigt und durch keines widerlegt werden kann, ist keine informative Aussage über die Welt, sondern eine Interpretationsfolie, die man über beliebige Ereignisse legt. Der Hinweis, das Leben sei „kein Ponyhof“, kaschiert nur, dass die These jede Erfahrung übersteht.
Aus derselben Logik folgt zwingend, dass auch jedes Unglück geplant ist. Wenn Gott für jeden Menschen einen Plan hat, ist Calvins Konsequenz nicht abwegig, sondern die Kehrseite der Ausgangsthese: Krankheit, früher Tod, Missbrauch, Krieg – all das wäre dann Teil eines Plans für die jeweils Betroffenen. Kiene zitiert Calvins „furchtbaren Ratschluss“, widerlegt ihn aber nicht inhaltlich, sondern ersetzt ihn stillschweigend durch die ihm sympathischere Lesart Luthers. Das Problem der geplanten Katastrophe ist damit nicht gelöst, sondern nur durch eine andere Konfession überschrieben.
Der Nutzen eines Glaubens ersetzt keinen Beleg für seine Wahrheit. Kienes Schlussargument lautet, der Plan-Glaube helfe, die Würde jedes Menschen zu achten. Das mag als psychologische Wirkung zutreffen, ist aber kein Argument dafür, dass es diesen Plan tatsächlich gibt. Dass eine Idee tröstlich oder handlungsleitend ist, sagt nichts über ihren Wahrheitsgehalt – sonst wären alle tröstlichen Ideen wahr.
Die Antwort aus säkularer Sicht
Nein, es gibt keinen vorgefertigten Plan, der auf einen wartet. Niemand hat den Lebensweg vorab entworfen, und niemand lenkt im Verborgenen die Schritte. Das ist keine Verarmung, sondern die Voraussetzung dafür, dass der eigene Weg wirklich der eigene ist.
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(öffnet in neuem Tab)An die Stelle eines fremden Plans tritt die Fähigkeit, sich selbst Ziele zu setzen und Ereignisse im Rückblick zu einer Geschichte zu ordnen, die man versteht und verantwortet. Diese Ordnungsleistung ist real – nur stammt sie vom Menschen, der sein Leben deutet, nicht von einer externen Instanz, die es vorherbestimmt hat.
Das beantwortet auch die Frage nach der Würde: Sie hängt nicht davon ab, ob jemand Teil eines göttlichen Entwurfs ist, sondern davon, dass jeder Mensch ein Zentrum eigener Interessen, Erfahrungen und Ziele ist. Diese Würde muss nicht von außen verliehen werden, um Anspruch auf Respekt zu begründen.
Und bei Rückschlägen hilft es mehr, nach Ursachen zu fragen und danach, was sich daraus für die Zukunft ändern lässt, als nach einem verborgenen Sinn zu suchen. Sinn muss nicht gefunden werden, weil ihn jemand hineingelegt hat – er kann geschaffen werden, indem man aus Erfahrungen etwas macht.
Quelle
„Hat Gott einen Plan für jeden Menschen?“, Antwort von Henning Kiene auf fragen.evangelisch.de














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