Darum geht es
Henning Kiene verwirft eine Verdammungsdrohung wegen Sex ohne Ehe, ersetzt sie aber nur durch eine eigene, gleich unbelegte Auslegung derselben Bibel.Auf fragen.evangelisch.de wollte der Nutzer Mountainbiker 85 wissen, ob ein Bericht recht hat, der ihm ewige Verdammnis wegen Sex ohne Ehe androht. Geantwortet hat Henning Kiene, Pastor für United4Rescue. Seine Antwort verwirft die zitierte Drohung entschieden – zeigt dabei aber ungewollt, wie beliebig religiöse Sexualmoral gehandhabt werden kann.
Die Frage
Der Fragesteller schreibt: „ich habe mich schon in meiner Jugend entschieden, dass ich keine Frau oder Mann will. Heute lese ich einen Bericht wo es heißt wer Sex ohne Ehe hat der wird nicht in das Reich Gottes kommen, da er ungehörig ist und gegen Gott ist, weil es in der Bibel heißt der Mensch ist für zu zweit geschaffen alles andere ist ungehörig und wird bestraft. Stimmt das?“
Gefragt ist damit, ob ein bestimmter, auf die Bibel gestützter Anspruch – vorehelicher Sex verbaue den Zugang zum Reich Gottes – theologisch haltbar ist.
Die Antwort
Kiene reagiert zunächst mit Empörung über den zitierten Bericht: „Woher wissen viele Leute so genau, welcher Mensch in das Reich Gottes aufgenommen wird und wer nicht? […] Das ist doch die Angelegenheit Gottes.“ Er bezeichnet den Bericht als „vermutlich Pfusch am Evangelium“ und stellt dem ein Gnadenbild entgegen, gestützt auf ein Luther-Zitat: „Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da reichet von der Erde bis an den Himmel.“ Zur Sexualmoral selbst erklärt er: „Eine Sexualmoral, die zwingend die Ehe zwischen Mann und Frau fordert, hat sich – wie vieles im Leben – einfach überlebt.“ Entscheidend seien stattdessen „ein gegenseitiges Ja“, Vertrauen und Verantwortung zwischen den Beteiligten.
Die Kritik
Der Autoritätsanspruch wird kritisiert, aber sofort durch einen eigenen ersetzt. Kiene wirft dem Bericht vor, sich anzumaßen zu wissen, „welcher Mensch in das Reich Gottes aufgenommen wird und wer nicht“. Im nächsten Atemzug entscheidet er selbst, dass vorehelicher Sex unproblematisch ist, solange „Ja“, Vertrauen und Verantwortung vorliegen. Beide Positionen stützen sich auf dieselbe unprüfbare Quelle; nur die Schlussfolgerung ist eine andere. Warum ausgerechnet diese Lesart die richtige ist, wird nicht begründet, sondern behauptet.
„Überlebt“ ist kein theologisches, sondern ein soziologisches Argument – wird aber wie ein theologisches verwendet. Dass sich eine Norm gesellschaftlich überlebt hat, beschreibt einen Wandel der Sitten, sagt aber nichts darüber, ob die ursprüngliche, angeblich biblisch begründete Norm falsch war oder ob sie einfach nicht mehr durchgesetzt wird. Kiene nutzt eine Beobachtung über Zeitgeist und kirchliche Praxis, um eine normative Frage zu beantworten, die er eigentlich mit dem Bibeltext hätte klären müssen.
Der eigene Verweis auf die ForuM-Studie entzieht der Antwort die moralische Grundlage, auf die sie sich stützt. Kiene schreibt selbst: „Ich bin Pastor in einer Kirche, die nicht nur vorbildlich handelt. Die ForuM-Studie aus dem Jahr 2024 weist unserer Kirche schwere Defizite in Sachen Sexualethik nach.“ Eine Institution, die in der Sexualethik nachweislich versagt hat, wird im selben Text als Instanz herangezogen, die verbindlich klären soll, welche Sexualmoral „überlebt“ ist und welche nicht. Der Widerspruch wird benannt, aber nicht aufgelöst.
Die entscheidende Frage des Fragestellers bleibt unbeantwortet. Er fragt nicht allgemein nach Sexualethik, sondern konkret, ob der behauptete Ausschluss vom „Reich Gottes“ zutrifft. Kiene antwortet mit Empörung über den Ton des Berichts und mit eigenen ethischen Kriterien, vermeidet aber eine klare Aussage darüber, ob die zitierte Bibelstelle die behauptete Konsequenz überhaupt hergibt oder ob sie schlicht falsch zitiert beziehungsweise interpretiert wurde.
Die Antwort aus säkularer Sicht
Nein – schon deshalb, weil es niemanden gibt, der glaubwürdig überprüfen könnte, ob ein „Reich Gottes“ existiert und wer dort aufgenommen wird. Die eigentlich interessante Beobachtung ist eine andere: Zwei Menschen, die sich beide auf dieselbe Bibel berufen, kommen zu entgegengesetzten Antworten auf exakt dieselbe Frage. Das ist kein Zufall, sondern die Regel bei Texten, die vor Jahrtausenden in einem gänzlich anderen sozialen Kontext entstanden sind und die heute für ganz unterschiedliche Zwecke gelesen werden.
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(öffnet in neuem Tab)Für die eigene Sexualethik braucht es diesen Umweg über eine angebliche göttliche Autorität nicht. Tragfähige Kriterien lassen sich direkt benennen, ohne Umweg über ein unüberprüfbares Jenseits: Einvernehmlichkeit, ehrliche Kommunikation über Erwartungen und Grenzen, Rücksicht auf die Verletzlichkeit des anderen und die Übernahme von Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns. Ob zwei Menschen verheiratet sind, ändert an diesen Kriterien nichts.
Wer – wie der Fragesteller – einen Bericht liest, der Verdammnis androht, sollte sich vor allem eine Frage stellen: Wer profitiert davon, dass ich Angst vor meiner eigenen Sexualität habe? Drohungen mit Höllenstrafen für einvernehmliches, verantwortungsvolles Verhalten unter Erwachsenen dienen in aller Regel der sozialen Kontrolle, nicht dem Wohl der betroffenen Person. Das gilt unabhängig davon, ob die Drohung von einer freikirchlichen Splittergruppe oder von einer großen Kirche ausgesprochen wird.
Die gute Nachricht liegt nicht in einem gnädigeren Gott, sondern darin, dass die eigene Selbstbestimmung über die eigene Sexualität keiner externen Erlaubnis bedarf – weder einer strengen noch einer milden. Ein selbstbestimmtes, ehrliches und verantwortungsvolles Leben ist aus sich heraus gut, unabhängig davon, welche der widersprüchlichen Auslegungen gerade die Oberhand hat.














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