„Was fehlt, wenn Gott fehlt?“ – Die Frage, die ihre Antwort schon mitbringt

Lesezeit: ~ 5 Min.

Darum geht es

Der Bericht über den Diakonen-Gottesdienst auf der Milseburg stellt die Frage „Was fehlt, wenn Gott fehlt?“ so, dass die Antwort schon feststeht – und verbucht Sinn, Halt und Trost als göttliche Lieferungen, obwohl es menschliche Leistungen sind.

Eine Frage, die sich selbst beantwortet

Auf 835,2 Metern, auf dem Gipfel der Milseburg, haben Ständige Diakone aus Hessen und dem Bistum Fulda einen Gottesdienst gefeiert – Abschluss einer Pilgerwanderung, Rückblick auf fast zehn Jahre Dienst, begleitet von ihrem früheren Spiritual, Pfarrer Thomas Meyer. So weit ein freundlicher Veranstaltungsbericht. Sein argumentativer Kern steckt aber in der Leitfrage, die der Wanderung ihren Titel gab und die laut Bericht von Thiemo Glomb vertieft wurde: Was fehlt, wenn Gott fehlt?

Was fehlt, wenn Gott fehlt? Zum Beispiel Ganesha?
Was fehlt, wenn Gott fehlt? Zum Beispiel Ganesha?

Diese Frage klingt offen, ist es aber nicht. Sie enthält ihre Antwort bereits als Voraussetzung. Wer fragt, was fehlt, wenn Gott fehlt, hat schon unterstellt, dass etwas fehlt – und dass Gott eine definierte, unterscheidbare Entität sei.

Die ehrlichere Frage würde lauten: Fehlt überhaupt etwas, wenn Gott fehlt – und wenn ja, was genau, und woran erkennt man es? Erst diese Fassung ließe Raum für ein „Nein“ oder ein „Nichts Nachweisbares“. Die Variante des Berichts schließt beides von vornherein aus. Das ist keine Reflexion, sondern eine rhetorisch vorgeformte Schleife: Die Diakone suchen nach dem Fehlen, das die Frage ihnen schon in die Hand gegeben hat.

Hinzu kommt eine Umkehrung der Beweislast. Statt zu zeigen, was Gott leistet, wird gefragt, was ohne ihn fehle. Das ist bequem: Man muss die Existenz oder Wirksamkeit Gottes nie belegen, sondern nur ein diffuses Mangelgefühl beschwören. Auf demselben Muster ließe sich für jede beliebige Instanz argumentieren – „Was fehlt, wenn die Glücksfee fehlt?“ Die Frage erzeugt das Vermisste, das sie zu entdecken vorgibt.

Die gegebene Antwort

Der Bericht hält fest, worin das Fehlen bestehen soll:

„Ohne Gott fehle ein tragender Grund, ein Sinnhorizont, ein Licht in schwierigen Zeiten – und eine Kraft, die über das eigene Können hinausweist.“

Vier Behauptungen, vier Lücken, die Gott angeblich füllt: Grund, Sinn, Trost, Kraft. Genau hier lohnt der Blick, denn jede dieser vier Lücken hat eine säkular-humanistische Antwort, die ohne übernatürliche Annahme auskommt – und damit tragfähiger ist, weil sie nicht auf einer unbelegten Voraussetzung ruht.

Was wirklich trägt: vier säkulare Antworten

Der „tragende Grund“. Wer einen Grund braucht, der das eigene Leben trägt, findet ihn in den Bindungen, die der Bericht selbst beschreibt: verheiratete Männer, „oft mit Kindern und fest im Berufsleben verankert“, in Begegnungen „in Trauer, in Freude, in Krisen und in Freundschaft“. Das ist der Grund. Familie, Verantwortung, Verlässlichkeit, das Gebrauchtwerden durch andere – diese Dinge tragen Menschen, und sie tragen sie unabhängig davon, ob über ihnen ein Gott gedacht wird. Die Theologie legt sich hier wie eine zweite Schicht über einen Grund, der schon vorher trägt. Streicht man sie, bricht nichts ein.

Der „Sinnhorizont“. „Ohne Gott hat das Leben keinen Sinn“ ist eines der ältesten und schwächsten Argumente gegen ein Leben ohne Glauben (ausführlich hier). Es verwechselt zwei Dinge: einen vorgegebenen Zweck, den man erfüllt, und einen selbst gestifteten Sinn, den man gestaltet. Ein von außen verordneter Lebenszweck wäre nicht erhebend, sondern entmündigend – er machte den Menschen zum Werkzeug eines fremden Plans. Sinn, der etwas wert ist, entsteht dort, wo Menschen ihn schaffen: in Arbeit, die anderen nützt, in Beziehungen, in dem, was sie hinterlassen. Dieser Sinn ist nicht kleiner, weil er menschlich ist. Er ist größer, weil er erarbeitet und nicht zugeteilt wurde.

Das „Licht in schwierigen Zeiten“. Trost ist real, und das Bedürfnis danach ist zutiefst menschlich. Nur stammt der Trost, der trägt, aus belegbaren Quellen: aus Menschen, die bleiben, aus Gesprächen, aus medizinischer und psychologischer Hilfe, aus Musik, Kunst und der Erfahrung, dass andere Ähnliches durchgestanden haben (mehr dazu). Der entscheidende Unterschied: Säkularer Trost verspricht nichts, was er nicht halten kann. Die religiöse Variante vertröstet – sie verschiebt Lösung und Gerechtigkeit auf ein „Einmal“, das nie überprüfbar eintritt. Ein Licht, das nur in der Vorstellung leuchtet, wärmt niemanden.

Die „Kraft, die über das eigene Können hinausweist“. Diese Formulierung ist die ehrlichste der vier – und zugleich die entlarvendste. Sie räumt ein, dass das eigene Können begrenzt ist, und füllt die Lücke mit einer übernatürlichen Reserve. Aber genau dafür haben Menschen bessere Antworten gefunden: Wo das eigene Können endet, beginnt das der anderen. Kooperation, Arbeitsteilung, Institutionen, Wissenschaft, Solidarität – die ganze Zivilisation ist die Antwort auf die Frage, was über das individuelle Können hinausreicht. Sie ist keine Kraft „über“ uns, sondern eine zwischen uns.

Der Substituierbarkeitstest

Man kann die vier Antworten des Berichts einem einfachen Test unterziehen: Streicht man „Gott“ heraus, bleibt der Befund intakt? Er bleibt. Menschen brauchen Halt, Sinn, Trost und das Gefühl, nicht allein gegen die Welt zu stehen – das ist unbestritten und braucht keine Theologie. Die religiöse Deutung ist hier nicht das Fundament, sondern die Verzierung.

Genau dieses Muster hat dieser Blog schon mehrfach beschrieben: bei Generalvikar Stankes Brücken ohne Fundament, bei Buß‘ Vereinnahmung von Hoffnung und Solidarität und bei seinen Herbstgedanken. Stets werden universelle menschliche Güter eingesammelt und als göttliche Gaben zurückgegeben. Der wichtigste Schritt – zu erkennen, dass es eigene Leistungen sind – bleibt ungetan.

Was fehlt, wenn Gott fehlt? – Zwei Gegenfragen

Quelle: Netzfund
Quelle: Netzfund

Wer die Frage „Was fehlt, wenn Gott fehlt?“ ernst nimmt, sollte sie auch in einer Variante aushalten, die ihre eingebaute Voraussetzung sichtbar macht:

Was würde Ihnen fehlen, wenn Ganesha fehlte? Wenn Zeus fehlte, oder Odin, oder das Fliegende Spaghettimonster?

Die ehrliche Antwort der Diakone lautete vermutlich: nichts. Genau diese Antwort geben sie selbstverständlich, sobald es nicht um den eigenen Aberglauben, sondern um die Götter anderer geht – sie leben sinnerfüllt, getröstet und moralisch handlungsfähig ohne jeden dieser Götter.

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Damit demonstrieren sie unfreiwillig die säkulare Position in Reinform: Ein Leben ohne eine bestimmte Gottheit ist offenkundig vollständig möglich. Der Unbeschwertheit, mit der ein Christ den Verzicht auf Odin verkraftet, fehlt nur ein einziger weiterer Schritt, um auch den eigenen Gott einzuschließen. Wer fragt, was ohne Gott fehlt, müsste also zuerst erklären, warum ausgerechnet beim Heimatgott ein Loch klaffen soll, das bei tausenden anderen Göttern niemand spürt.

Die zweite Gegenfrage zielt nicht auf das Fehlen, sondern auf das Hinzukommen. Wenn man schon spiegelbildlich fragt, was fehlt, sobald etwas fehlt, dann sei die Frage auch andersherum erlaubt: Was verschwindet, wenn Gott fehlt? Der Physik-Nobelpreisträger Steven Weinberg hat darauf eine bekannte Antwort gegeben:

„With or without religion, good people can behave well and bad people can do evil; but for good people to do evil – that takes religion.“

(Mit oder ohne Religion können gute Menschen gut handeln und schlechte Böses tun; aber damit gute Menschen Böses tun – dazu braucht es Religion.)

Das ist die unbequeme Kehrseite der Leitfrage. Ohne den Glauben, im Besitz eines absoluten, der Überprüfung entzogenen Auftrags zu sein, fehlt auch ein bewährter Mechanismus, mit dem sich anständige Menschen zu Dingen bewegen lassen, die sie sonst ablehnen würden.

Wer eine humanistische Ethik vertritt, muss seine Urteile vor anderen Menschen rechtfertigen – mit Gründen, die diskutierbar und revidierbar sind. Wer sich auf göttlichen Willen beruft, ist von dieser Rechtfertigungspflicht entbunden. Das ist kein Zusatz, der fehlt, sondern eine Immunisierung, die niemandem fehlt.

Was bleibt

Der Bericht endet mit einem schönen Bild: Die Diakone wollen „dazwischen“ stehen, „zwischen Menschen und Gott, zwischen Alltag und Hoffnung“. Man kann das auch knapper sagen. Sie stehen zwischen Menschen – in Trauer, Freude, Krise und Freundschaft. Dieses Dazwischen ist real, wertvoll und durch nichts zu ersetzen. Es trägt aber nicht, weil ein Gott dahintersteht, sondern weil ein Mensch dem anderen beisteht. Das verbindende Gewebe zwischen Menschen ist die geteilte Menschlichkeit, nicht der Glaube.

Was fehlt, wenn Gott fehlt? Nichts, was Menschen nicht selbst tragen, stiften, trösten und leisten könnten. Es fehlt nur die Instanz, der man die Anerkennung dafür abtritt.

KI
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Belege und Quellen

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