Darum geht es
Buß verlegt den Gottesdienst in den Biergarten und deutet dessen rein weltliche Geselligkeit als Gottesnähe – der Substituierbarkeitstest fällt hier so eindeutig aus wie nie zuvor, und die nebenbei behauptete Allgegenwart Gottes wird, ernst genommen, zur Theodizee-Falle.Neue Kulisse, alte Methode
Der Hessentag ist vorbei, die sechsteilige „Im Herzen eins“-Serie habe ich mit der Nachlese abgeschlossen (vgl. Maske ab). Der Impuls vom 27. Juni ist der erste Buß-Text danach – und er zeigt, dass die Methode vom Anlass unabhängig ist. Der Biergarten liefert sogar die sauberste Version dessen, was sich über sechs Texte hinweg abgezeichnet hat: ein Ort, dessen gesamter Reiz in weltlicher Geselligkeit besteht, auf den die Theologie nachträglich als Etikett gepinselt wird.
Buß lädt zum „ökumenischen Biergartengottesdienst“ in der Wiesenmühle: unter freiem Himmel, mit kühlem Getränk, „umgeben von Stimmen, Lachen und dem Duft von Essen“. Ein Ort, der – so Buß selbst – auf den ersten Blick eher nach Geselligkeit als nach Andacht aussehe. Genau dieser Halbsatz ist der Schlüssel zum ganzen Text.
Der Test, der hier fast nichts mehr zu streichen findet
Das Diagnoseverfahren ist bekannt: Man streicht die theologische Rahmung und sieht nach, was stehen bleibt (zuerst entwickelt am Motto-Text, vgl. Die Mechanik der weichgespülten Einheit). Was beschreibt Buß? Einen Ort der Begegnung. Menschen kommen zusammen, teilen Zeit, Geschichten, vielleicht auch Sorgen; man sitzt nebeneinander, Fremde werden zu Bekannten; es entstehe „echte Gemeinschaft“.
Das ist – Wort für Wort – die Beschreibung eines guten Biergartens. Entfernt man Jesus, das „Reich Gottes“ und den allgegenwärtigen Gott, bleibt nicht etwa ein Torso übrig, sondern ein vollständiger, in sich stimmiger Text über menschliche Geselligkeit. Die „echte Gemeinschaft“, die Buß preist, setzt keine Taufe voraus, kein Bekenntnis und keinen Glaubenssatz. Sie ist genau das, was Menschen unter sich hervorbringen – seit es Wirtshäuser gibt, und ganz ohne liturgische Begleitung. Der Text beweist seine eigene theologische Entbehrlichkeit, indem er seine schönste Beobachtung an einem Ort macht, an dem niemand wegen Gott sitzt.
Ein Vers mit Bedingung – und ihre stille Streichung
Den Kern seiner Begründung holt Buß aus Matthäus 18,20: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Daraus folgert er: nicht nur im Kirchengebäude, nicht nur in der Stille, sondern „auch hier, zwischen Bänken, Gläsern und Gesprächen“.
Der Vers trägt diese Last nicht. Seine entscheidende Bedingung lautet „in meinem Namen“. Ein Biergarten aber versammelt Menschen im Namen des Feierabends, des Biers, der Gesellschaft – nicht im Namen Jesu. Buß zitiert die Bedingung wörtlich und wendet den Vers im nächsten Atemzug auf genau den Ort an, dem sie fehlt. Die Voraussetzung ist in dem Moment gestrichen, in dem sie ausgesprochen wird. Es bleibt nur die Wahl zwischen zwei Lesarten: Entweder der Satz meint, was er sagt – dann deckt er den Biergarten gerade nicht ab. Oder der Biergarten zählt – dann bedeutet „in meinem Namen“ nichts mehr und lässt sich folgenlos weglassen. Beides untergräbt die Pointe.
Allgegenwart – gemütlich im Biergarten, fatal im Pfarrhaus
Der Text steigert sich zur Allaussage: Gott sei da „nicht nur sonntags, nicht nur in der Kirche, sondern mitten im Leben, an jedem Ort, an dem sich Menschen versammeln“. Das klingt großzügig und ist doch ein Eigentor. Ein Gott, der ausnahmslos überall ist, ist von einem abwesenden Gott nicht mehr zu unterscheiden: Die Behauptung wird unfalsifizierbar und entleert sich zugleich, denn „Gott“ wird hier zum bloßen Synonym für „Miteinander“.
Vor allem aber ist Allgegenwart nicht selektiv. Wer sie behauptet, behauptet sie ganz. Ist Gott wirklich an jedem Ort, an dem sich Menschen versammeln, dann nicht nur in der heiteren Runde mit kühlem Getränk – sondern auch im Pfarrhaus, in das ein Fahrdienst Jungen brachte, und in der Bistumsverwaltung, in der vertuscht wurde – von denen, die dort sogar hauptberuflich und nicht nur zu zweit oder zu dritt in seinem Namen versammelt waren.
Das ist kein konstruiertes Extrembeispiel. Eine unabhängige Studie der Universität Paderborn, vorgestellt am 12. März 2026, untersuchte die Amtszeiten der Kardinäle Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt und nennt für die Jahre 1941 bis 2002 rund 210 Beschuldigte und 489 Betroffene. Der WDR berichtete im Umfeld der Studie, Degenhardt könnte Teil eines „pädophilen Netzwerks“ gewesen sein, das sich gegenseitig minderjährige Jungen zuführte; Kinder seien per Fahrdienst zu Geistlichen nach Hause gebracht worden. Während beider Amtszeiten soll versucht worden sein, Fälle zu vertuschen, Täter zu schützen und Betroffene zur Rücknahme von Anzeigen zu drängen. Die Betroffenenvertretung führt den 2002 verstorbenen Kardinal als Beschuldigten und hält die Vorwürfe für glaubwürdig.
Bei der Genauigkeit bleibend: Die Studie selbst enthält zur persönlichen Täterschaft Degenhardts keine konkreten Hinweise; das Erzbistum hatte eigene Vorwürfe als teils widersprüchlich veröffentlicht, externe Gutachter bewerteten sie als „nicht plausibel“, die zuständige Kirchenhistorikerin wollte sich wegen zu dünner Datenlage nicht festlegen. Doch genau dieser Reflex – das routinierte Wegwiegen als „nicht plausibel“ – gehört zum Befund dazu. Für das theologische Argument ist Degenhardts persönliche Schuld ohnehin nicht entscheidend: Dokumentiert sind ein Missbrauchssystem, eine Vertuschungspraxis und ein Netzwerk-Verdacht. Und sein allgegenwärtiger allgütiger Gott war, wenn man Buß beim Wort nimmt, an jedem dieser Orte stummer Mit-Anwesender. Wie auch bei jedem anderen der zigtausend weiteren Delikte sexualisierter Gewalt gegen Kinder durch katholische Priester, einschließlich der schätzungsweise 20fach höheren Dunkelziffer an noch nicht dokumentierten Opfern.
Die Allgegenwart, die im Biergarten so heimelig klingt, schlägt eine Zeile weiter in die Theodizee-Falle um. Buß denkt den Satz nicht zu Ende. Man muss es für ihn tun, statt auf seine heuchlerisch religiös instrumentalisierte Biergarten-Seligkeit hereinzufallen.
Die Kirche säkularisiert sich selbst
Bemerkenswert ist, wohin Buß Gott verschiebt: heraus aus Kirche, Sonntag und Gebetbuch, hinein ins gemeinsame Lachen, ins Gespräch mit dem Nachbarn, ins Teilen eines Tisches. Das ist keine Vertiefung des Glaubens, sondern seine Selbst-Säkularisierung (vgl. Maske ab). Die Kirche räumt den spezifisch religiösen Ort und reklamiert dafür die ganz gewöhnliche menschliche Geselligkeit als göttliche Präsenz.
Der entscheidende Schritt bleibt dabei ungetan: anzuerkennen, dass Zuhören, Dasein füreinander und geteilte Tische menschliche Leistungen sind, die keiner theologischen Beglaubigung bedürfen. Statt das Menschliche als Menschliches zu würdigen, wird es vereinnahmt – umgebucht auf ein Konto, das zu seiner Entstehung nichts beigetragen hat. Auch der behauptete „Jesus, der nach Brot roch und nach Gemeinschaft schmeckte“, ist eine sorgfältig kuratierte Figur: der gesellige Tischgenosse, ausgewählt und glattgeschliffen für den Biergarten, während die fordernden, drohenden, weltabgewandten Züge der Evangelien und das daraus resultierende Leid unerwähnt bleiben.
Aus dem Impuls wird die Einladung
Der Text endet, wie schon die „Herzzeit“ während des Hessentags (vgl. Kaffee, Kuchen und ein optionaler Gott), mit Uhrzeit und Ort: „morgen früh 9.30 Uhr – in der Wiesenmühle. Komm doch einfach mal vorbei.“ Der Impuls kippt in den Werbespot. Das ist nicht verwerflich – einladen darf jeder. Ehrlich wäre nur, es auch so zu nennen: als Relevanz- und Nachwuchswerbung einer steuerlich und rechtlich privilegierten Institution, nicht als bloße Entdeckung Gottes im Alltäglichen.
Was bleibt
Der Biergarten ist ein guter Ort. Die Begegnung ist echt, die Gemeinschaft ist echt, der Wert ist echt – und all das ist menschlich. Die säkular-humanistische Antwort verwirft nichts davon. Sie genießt die Geselligkeit, hält den Tisch offen, hört zu – und erkennt darin eine menschliche Errungenschaft, keine geliehene göttliche Präsenz. Man muss keine Götter in den Biergarten verlegen, um zu schätzen, was dort geschieht. Man muss nur aufhören, einer dritten Instanz zuzuschreiben, was Menschen füreinander tun.
A propos Bier und Religion…
Der Biervulkan ist neben der Stripperfabrik das Highlight des Pastafarihimmels. Natürlich gibt es dort nicht nur Bier. Der Biervulkan speit aus vielen kleinen Kratern eine neutrale Flüssigkeit aus, die sich erst im Mund des Trinkers in genau das verwandelt, was er sich wünscht (Quelle).
Bierfreunde mit religiösen Bedürfnissen sollten also über einen Anbieterwechsel zur Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters nachdenken.
Belege und Quellen
- Primärtext: Stefan Buß, „Ökumenischer Biergartengottesdienst in der Wiesenmühle“, Osthessen|News, 27. Juni 2026.
- Bibelstelle: Matthäus 18,20 (Einheitsübersetzung).
- Unabhängige historische Studie der Universität Paderborn zu sexueller Gewalt im Erzbistum Paderborn, vorgestellt am 12. März 2026 (Amtszeiten Jaeger/Degenhardt; ca. 210 Beschuldigte, 489 Betroffene, 1941–2002).
- WDR-/t-online-Berichterstattung zur Studie: Netzwerk-Verdacht, Fahrdienst, Vertuschung (13. März 2026).
- Vatican News, „Studie deckt mehr Missbrauchsfälle im Erzbistum Paderborn auf“, 12. März 2026 (zur Beleglage: keine konkreten Hinweise zur Täterschaft in der Studie; Bewertung des Erzbistums).
- Erzbistum Paderborn, Pressemitteilung zur Einordnung der Studie, 13. März 2026.
- Zur Serie: Die Mechanik der weichgespülten Einheit · Kaffee, Kuchen und ein optionaler Gott · Maske ab

















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