Leserbrief an Pfarrer Rauch

~ 7 Minuten

Guten Tag Herr Pfarrer Rauch,

in Ihrem Leserbrief “Völlig diffuser Religionsbegriff” in der Fuldaer Zeitung vom 23.3.2018 schrieben Sie, dass für Sie der Islam nicht zu Deutschland gehöre, weil es “den” Islam gar nicht gebe, ebenso wie “das” Christentum.

Hier stimme ich Ihnen insofern zu, als dass auch ich der Auffassung bin, dass diese Begriffe viel zu diffus sind, als dass sich damit irgendeine bestimmte Personengruppe spezifizieren lassen könnte.

Weiter beschreiben Sie, dass es auch innerhalb des Christentums einen bunten Strauß von zum Teil extrem unterschiedlichen Verständnissen der christlichen Lehre gibt. Auch hier haben Sie meine Zustimmung.

Gerade die von Ihnen auch diagnostizierte Unbestimmbarkeit des Religionsbegriffes macht es praktisch unmöglich, Religionszugehörige als eine homogene Gruppe zu identifizieren.

Weil die christliche Lehre nicht mal die Mindeststandards erfüllt, die an eine Moralquelle gestellt werden, kann sie als solche auch nicht ernst genommen werden. Mit der christlichen Lehre lässt sich quasi alles Beliebige göttlich “legitimieren.”

Nur zwei Möglichkeiten?

Dann schreiben Sie, es gebe im Glauben an einen Gott nur zwei Möglichkeiten:

  • “Entweder ist der eine Gott auch in sich eins, so dass er nur Liebe ist, bedingungslose Liebe, oder er ist ein Gott, der nur mit Bedingungen liebt, welche allein Menschen aufstellen.” (Quelle: Fuldaer Zeitung vom 23.3.2018)

Hier widerspreche ich entschieden. Denn es gibt nicht nur zwei Möglichkeiten im Glauben. Sondern so viele Möglichkeiten, wie es Gläubige gibt. Mangels göttlicher Existenz kann sich jeder seinen Gott beliebig nach seinen persönlichen Wünschen, Ängsten und Hoffnungen so ausdenken, wie es ihm gefällt, ohne dass sich faktisch irgendetwas ändert.

Genauso wie alle Götter sind auch alle göttlichen Eigenschaften ausnahmslos von Menschen erdacht – aus Unwissenheit, Angst, Hoffung, Wunschdenken – und zu allen möglichen Zwecken.

Wenn Ihr Gott “nur Liebe” ist, was unterscheidet ihn denn dann von “nur Liebe”? Und warum sprechen Sie überhaupt von Gott und nicht einfach gleich von Liebe, wenn Sie Liebe meinen? Sobald Götter im Spiel sind, sind Beliebigkeit und Missverständnis regelmäßig Tür und Tor geöffnet.

Herr Pfarrer Rauch, auch Sie scheinen sich Ihre Gottesvorstellung so zurechtgebogen haben, wie sie Ihnen genehm erscheint. Sie wünschen sich einen Gott, der “alle Menschen aller Zeiten” bedingungslos liebt. Offenbar unabhängig davon, was diese Menschen hienieden veranstaltet haben.

Götter können alle beliebigen Eigenschaften haben

Das sei Ihnen freilich unbenommen. Und eine solche Gottesvorstellung ist sicher auch angenehmer und verträglicher als die, die in der Bibel beschrieben wird. Denn die Liebe des biblischen Gottes Jahwe ist nun mal das genaue Gegenteil von bedingungslos.

Gott selbst hat ja nach christlicher Auffassung die Bibelschreiber dazu inspiriert, seine Offenbarung aufzuschreiben. Und so widersprüchlich die biblischen Mythen und Legenden auch größtenteils sein mögen – in einem Punkt ist die biblische Gesamtaussage auffällig eindeutig.

Zusammengefasst findet sich das christliche Belohnungs-Bestrafungskonzept z. B. im Markusevangelium:

  • Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. (Mk 16,16 LUT)

Das christliche Heilsversprechen ist also zweifellos sehr wohl an mindestens eine Bedingung geknüpft. Nämlich an die, sich diesem Gott unterzuordnen. Oder, wie Sie es vermutlich formulieren würden, sich von ihm lieben lassen zu wollen. Die Hoffnung auf “Seligkeit” dürfen sich ausschließlich die machen, die diesen Gott als einzigen Gott (und so herum sehr wohl bedingungslos) anerkennen.

Jahwe scheint ein ziemlich eingebildeter Gott zu sein: Gottes Bedingung für seine Liebe ist die bedingungslose Liebe seiner Anhänger.

Die Liebe des biblischen Gottes ist alles andere als bedingungslos

Das wäre ja noch akzeptabel, wenn es sich dabei um ein optionales Angebot handeln würde. Allerdings droht der biblisch-christliche Gott allen, die sich nicht von ihm lieben lassen wollen, mit zeitlich unbegrenzter jenseitiger physischer und psychischer Dauerfolter durch Höllenqualen bei vollem Bewusstsein.

Lk19.,27

Gott ist Liebe?

Von bedingungsloser Liebe kann also beim biblisch-christlichen Gott beim besten Willen keine Rede sein. Auch wenn das Gläubige und Kirchenverkünder, wenn sie nicht gerade einer der Fundamentalisten-Abteilungen angehören, heute gerne verdrängen, ausblenden oder unter den Teppich kehren. Besonders zum Gottesbild liberaler Christen mag die Vorstellung vom strafenden Gott oft so gar nicht mehr passen.

Wohlgemerkt: Es handelt sich dabei nicht um eine künstlich in die biblische Narrative hineinkonstruierte Aussage. Sondern um einen integralen Bestandteil der biblisch-christlichen Gesamtaussage.

Hatte sich der eifersüchtige Wüstengott im Alten Testament noch damit begnügt, seine Feinde gnadenlos zu vernichten oder von seinem auserwählten Volk unterdrücken oder ermorden zu lassen, wird es im Neuen Testament durch die Verlegung der Bestrafung für Un- und Andersglaube in ein ewig währendes Jenseits sogar noch viel schlimmer.

Falsches Dilemma

Das von Ihnen konstruierte Dilemma “entweder ist Gott bedingungslose Liebe oder er ist ein Gott, der nur mit Bedingungen liebt, welche allein Menschen aufstellen” trifft so nicht zu.

Denn beide, der liebende und der strafende Gott entspringen lediglich menschlicher Phantasie. Die göttlichen “Bedingungen” sind bis zum Beweis des Gegenteils genauso nur von Menschen erfunden wie die angebliche göttliche “unbedingte Liebe.”

Herr Pfarrer Rauch, Sie selbst liefern ja den Beleg, dass es sehr wohl zum Beispiel einen Gott geben kann, der laut biblischer Definition eben nicht bedingungslos liebt, und den Sie sich aber trotzdem so vorstellen.

Sie fordern, dass nur Ihre Gottesvorstellung gelten soll, nach der Gott bedingungslos alle Menschen aller Zeiten (also auch Diktatoren, Gewaltverbrecher, Kinderschänder? Was ist mit Neandertalern oder Vertretern des Homo erectus?) liebt.

Wie gerade beschrieben, können Sie diese Gottesvorstellung allerdings redlicherweise nicht mit dem biblisch-christlichen Gott in Einklang bringen.

Denn dieser Gott hat der biblischen (und somit nach christlicher Auffassung ja quasi seiner eigenen) Definition zufolge auch Eigenschaften, die beim besten Willen nicht mit der Wunschvorstellung vom bedingungslos liebenden Kuschelgott zusammenpassen.

Keine Ahnung von Religionsinhalten?

respectNun ist es für die Gesellschaft freilich reichlich egal, ob bzw. wie Sie persönlich sich Ihren imaginären Freund und Vater konkret vorstellen. Nur sollte Ihnen bewusst sein, dass Sie damit einen Gott künstlich “am Leben” erhalten, auf den sich auch diejenigen berufen, die die menschenverachtende, strafende Seite Ihres Gottes nicht einfach so ausblenden wie Sie das zu tun scheinen.

Denen zu unterstellen, dass diese eben “keine Ahnung von Religionsinhalten haben”, verfehlt ebenfalls. Denn wie ein Blick in die 10bändige Kriminalgeschichte des Christentums erschreckend eindrucksvoll belegt, haben Menschen schon unvorstellbar viel Leid im vermeintlichen Namen und Auftrag desselben Gottes verursacht, an den auch Sie glauben.

Und ausnahmlos alle konnten ihr Handeln problemlos und schlüssig biblisch-religiös “begründen.” Deus vult… Versuchen Sie das mal mit den Menschenrechten, Herr Pfarrer Rauch…

Genauso, wie Sie Gläubigen mit anderer Auffassung des christlichen Glaubens Ahnungslosigkeit unterstellen, könnte Ihnen ein fundamentalistischer Piusbruder oder ein evangelikaler Spinner sicher sehr überzeugend erläutern, warum Sie mit Ihrer Interpretation des christlichen Glaubens falsch liegen und nicht er.

Theodizee vs. bedingungslose Liebe

A propos Bewusstsein: Wie bringen Sie Ihre Wahrnehmung von der täglich beobachtbaren natürlichen Wirklichkeit mit Ihrer Wunschvorstellung eines allgnädigen, allwissenden, allmächtigen Gottes in Einklang?

Eines Gottes, zu dessen bedingungsloser Liebe für alle Menschen zu allen Zeiten offensichtlich auch unvorstellbar grausames Leid und Elend gehört? Weil ja alles, was geschieht, genau so seinem Allmachtsplan entsprechen muss, andernfalls er nicht allmächtig wäre?

Der liebe Gott von Pfarrer RauchEines Gottes, der fast seine gesamte Schöpfung dereinst schon mal ersäuft haben soll, weil sie ihm nicht mehr gefallen hatte?

Und eines Gottes, der sich seinen eigenen Sohn zu seiner eigenen Befriedigung als Menschenopfer temporär zu Tode hatte foltern lassen, um damit bestimmte Menschen von einer Sünde zu befreien, die er, der Allmächtige, ihnen vorher selbst angehängt hatte?

Halten Sie in Anbetracht der irdischen Wirklichkeit den Glauben an einen bedingungslos liebenden allmächtigen Gott nicht auch für naiv, realitätsfremd und selbstbetrügerisch?

Religionen in offenen und freien Gesellschaften

Bei Ihrer Forderung, dass sich alle Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften unserer humanistisch-säkularen Gesellschaftsordnung mit dem Schutz der Menschenwürde als übergeordnetem Wert unterzuordnen haben, bin ich wieder ganz bei ihnen.

Denn das ist das einzig eigentlich relevante Kriterium. Die Frage nach der Zugehörigkeit ist (zumindest seit Aufklärung und Säkularisierung) keine Frage der Religion mehr. Sondern eine Frage von Gesetzen und ethischen Standards. Und beide basieren nicht mehr auf angeblich göttlichen Vorschriften, Heilsversprechen und Drohungen. Sondern auf von Menschen festgelegten Normen und Konventionen.

In einer offenen und freien Gesellschaft, wie sie auf Grundlage der 6 europäischen Werte entstehen kann, sind die Gedanken frei. Somit kann jeder die Götter verehren, die ihm verehrungswürdig erscheinen.

Aber bitte als Privatangelegenheit, auf eigene Kosten und ohne Übergriffe auf Un- und Andersgläubige sowie auf Kinder.

Ich würde mich freuen, Ihre Gedanken dazu zu erfahren, entweder privat per E-Mail oder gerne auch
als Kommentar auf der Seite.

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Letzte Aktualisierung: 25. März 2018