Brierleys „Rebirth of Belief in God“ im Faktencheck

Lesezeit: ~ 6 Min.

Die Legende von der Wiedergeburt des Glaubens

Darum geht es

Justin Brierleys Bestseller „The Surprising Rebirth of Belief in God“ verkauft einen Stimmungswandel unter wenigen anglophonen Medienintellektuellen als religiöse Trendwende – die Zahlen sagen etwas anderes, und die Kronzeugen auch.

Ein Buch als Stimmungsaufheller

Justin Brierleys „The Surprising Rebirth of Belief in God“ (Tyndale Elevate / SPCK, 12. September 2023, 272 Seiten, Vorwort von N. T. Wright) ist ein Verkaufserfolg. Der Untertitel formuliert das Versprechen unmissverständlich: „Why New Atheism Grew Old and Secular Thinkers Are Considering Christianity Again“.

Der Autor ist keine Randfigur. Brierley moderierte rund 17 Jahre lang bei Premier Christian Radio die Sendung „Unbelievable?“, in der Christen und Atheisten miteinander diskutierten – ein Format, das ihm zu Recht den Ruf eines fairen Gastgebers eingetragen hat. Ende 2023 verließ er Premier und arbeitet seither als freier Autor und Podcaster. Sein Auftreten ist das Gegenteil der Kampfrhetorik, die er beschreibt: freundlich, unaufgeregt, zugewandt. Genau das macht das Buch wirkungsvoll – und die Prüfung seiner Behauptungen nötig.

Die These in drei Schritten

Brierley argumentiert in einer sauberen Dreierfigur.

Erstens: Der Neue Atheismus sei erledigt. Die „vier Reiter“ – Dawkins, Hitchens, Harris, Dennett – seien kulturell verpufft, „a largely spent force, relegated to corners of the Internet“. Nicht widerlegt, sondern zerfallen: an internen Flügelkämpfen und an weltanschaulicher Dünne. Atheismus sei „a very thin worldview, not one that could provide a reason for living“.

Zweitens: Daraus folge eine Sinnkrise. Menschen bräuchten „a story to live by“; der naturalistische Materialismus liefere keine. Brierleys Standardformel: Die Wissenschaft könne sagen, wie das Universum entstand, nicht warum es existiert.

Drittens: Deshalb kämen die Klügsten zurück – Jordan Peterson, der Historiker Tom Holland, der Publizist Douglas Murray, später Ayaan Hirsi Ali und Richard Dawkins mit seiner Selbstbezeichnung als „kultureller Christ“. Für die Kirchen zieht Brierley daraus ein Programm: Vernunft mit Imagination verbinden, Gnade statt Cancel-Kultur – und „Keep Christianity weird“, die Fremdheit des Glaubens also nicht wegmoderieren.

Schritt eins ist als Beobachtung nicht falsch: Der Neue Atheismus als Medienphänomen der Jahre 2006 bis 2015 ist in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend vorbei. Schritt zwei ist eine Behauptung. Schritt drei ist der Punkt, an dem das Buch auseinanderfällt.

Die Kronzeugen im Kreuzverhör

Brierleys Beweisführung besteht im Kern aus Namen. Sehen wir uns an, was diese Namen tatsächlich sagen.

Richard Dawkins erklärte Anfang April 2024 in einem Radiointerview: „I like to live in a culturally Christian country, even if I don’t believe a single word of Christian faith.“ Das ist kein Rückzug vom Atheismus, sondern seine ausdrückliche Bekräftigung im Nebensatz. Was Dawkins schätzt, sind Kathedralen und Chorgesang; was er ablehnt, sagt er im selben Atemzug: Das Christentum sei „a decent religion in the way that Islam is not“. Als Beleg für eine Wiedergeburt des Gottesglaubens taugt ein Mann, der kein Wort davon glaubt, ungefähr so gut wie ein Vegetarier als Kronzeuge für die Fleischindustrie.

Tom Holland ist der interessanteste Fall, weil er sich am weitesten bewegt hat. Der Historiker („Dominion“) besucht regelmäßig anglikanische Gottesdienste; im Dezember 2021 erhielt er eine Darmkrebsdiagnose, betete in der Marienkapelle von St. Bartholomew the Great in London, und wenige Wochen später war klar, dass der Krebs nicht gestreut hatte und die geplante Operation entfiel. Im April 2026 erzählte er die Geschichte CNN erneut – und formulierte dabei präzise, was er meint: „It’s a coincidence, but I don’t want to 100 percent say it’s a coincidence.“ Sich selbst beschrieb Holland schon in der ausführlichen Schilderung im Catholic Herald (März 2024) als „stranded in the shadowlands between faith and existential despair“; noch 2025 erklärte er, ihm fehle weiterhin der Glaube an Übernatürliches – ein Fehlen, das er einen „ache“ nennt, einen Schmerz.

Ein Mann, der Sehnsucht nach Glauben hat, die Zufallserklärung ausdrücklich offenlässt und sich selbst im Zwielicht verortet, wird in der Berichterstattung zum Konvertiten befördert. Das ist der Mechanismus, um den es geht: Ambivalenz wird als Bekehrung überschrieben, weil Bekehrung die bessere Überschrift ist.

Ayaan Hirsi Ali erklärte im November 2023 ihren Übertritt zum Christentum. Bemerkenswert ist die Begründung: Der Westen werde von autoritärem Expansionismus, globalem Islamismus und „woke ideology“ bedroht, und der Atheismus könne uns für diesen Zivilisationskampf nicht rüsten. Das ist ein Nützlichkeits-, kein Wahrheitsargument. Michael Shermer hat in seiner Antwort „Why I Am Not a Christian“ das Entscheidende formuliert: Atheismus ist gar kein Weltbild, sondern eine negative Aussage über eine einzige Frage – er kann niemanden „ausrüsten“, so wenig wie Nichtbriefmarkensammeln ein Hobby ist. Und ob Jesus auferstanden ist, wird von der Frage, ob der Westen wehrhaft sein sollte, ohnehin nicht berührt.

Russell Brand, in vielen Aufzählungen der „Rückkehr“ fest gebucht, ließ sich 2024 taufen. Inzwischen steht er in sieben Anklagepunkten vor Gericht – drei Vergewaltigungen, drei sexuelle Übergriffe, ein Fall von indecent assault, begangen zwischen 1999 und 2009 an sechs Frauen. Brand bestreitet sämtliche Vorwürfe, ist auf freiem Fuß und gilt bis zu einem Urteil als unschuldig; der auf rund zwei Monate angesetzte Prozess beginnt am 12. Oktober 2026. Zur Anhörung erschien er mit einer Bibel in der Hand und erklärte, er fühle sich gesegnet. Wer Prominentenbekehrungen zum Beleg einer geistigen Wende erklärt, haftet auch für sein Beweismaterial.

Die schärfste Formulierung des Grundproblems stammt nicht von Atheisten, sondern aus einer evangelikalen Rezension des Buches: „recognising the cultural and psychological debt we owe to Christianity is not the same thing as believing Jesus lived, died, and rose from the dead.“ Genau. Kulturelle Wertschätzung ist kein Glaube. Brierleys Buch lebt davon, diesen Unterschied unscharf zu halten.

Und die Zahlen?

Der New Humanist hat in seiner Rezension den wunden Punkt benannt: „the problem is, he doesn’t offer any evidence that this is true“. Das Buch arbeitet mit Anekdoten, Gesprächen, Namen – nicht mit Daten. Wo Daten vorliegen, sehen sie so aus:

Großbritannien. Im April 2025 veröffentlichte die Bible Society den Report „The Quiet Revival“: Der Anteil monatlicher Kirchgänger in England und Wales sei zwischen 2018 und 2024 von 8 auf 12 Prozent gestiegen, bei den 18- bis 24-Jährigen von 4 auf 16 Prozent. Die Zahlen gingen um die Welt und wurden zur empirischen Untermauerung genau jener Erzählung, die Brierley erzählt. Im März 2026 zog die Bible Society den Bericht zurück: YouGov hatte mitgeteilt, die Stichprobe von 2024 sei fehlerhaft gewesen – ein bekanntes Problem von Opt-in-Onlinepanels, in denen „junk participants“ gerade bei jungen Zielgruppen die Ergebnisse verzerren. Die realen Zählungen von Church of England und katholischer Kirche zeigten die ganze Zeit über das Gegenteil: flächendeckenden Rückgang.

USA. Die Pew-Studie vom Februar 2025 meldete, der Rückgang des Christentums habe sich verlangsamt und möglicherweise auf einem Plateau eingependelt – eine Stabilisierung auf deutlich niedrigerem Niveau. Die Nachricht lautet „der Absturz bremst“, nicht „es geht wieder aufwärts“.

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Deutschland. Ende 2025 gehörten noch 43,8 Prozent der Bevölkerung einer der beiden großen Kirchen an: 19,22 Millionen Katholiken (23,0 Prozent), 17,4 Millionen Evangelische (20,8 Prozent). Gegenüber 2024 ein Minus von 1,13 Millionen Mitgliedern, davon 657.000 Austritte. Die Schrumpfungsrate lag bis 2016 bei etwa einem Prozent jährlich und liegt seit 2022 bei rund drei. Wer hier eine Wiedergeburt erkennen will, braucht eine sehr eigene Definition von Geburt; die Zahlen dokumentieren wir seit Jahren unter dem Schlagwort Kirchenaustritt.

Zwei Fehlschlüsse, ein Muster

Bleibt die Frage, warum ein so schwach belegtes Buch so gut funktioniert. Die Antwort liegt in zwei Denkfiguren, die es systematisch verwendet.

Der erste ist der Kategorienfehler: Aufmerksamkeit wird als Zustimmung verbucht. Dass über das Christentum wieder anders geredet wird, ist unstrittig. Dass es deshalb wahr sei, folgt daraus nicht. Ein Diskurswandel in einem schmalen Segment anglophoner Podcast-Öffentlichkeit ist eine Beobachtung über Medien, keine über Gott.

Der zweite ist das Nützlichkeitsargument, in der Logik als argumentum ad consequentiam bekannt: Der Materialismus liefere keinen Sinn, also brauche es Gott. Dass eine Überzeugung tröstet, ordnet oder Zivilisationen stabilisiert, ist aber kein Argument dafür, dass sie zutrifft. Diese Verwechslung durchzieht das ganze Feld: Hirsi Ali braucht das Christentum gegen den Islamismus, Dawkins mag christliche Kultur gegen den Muezzin, Peterson liest die Bibel als Psychohygiene. Alle argumentieren mit dem Nutzen, keiner mit der Wahrheit. Bemerkenswert für eine Bewegung, die als „Rückkehr zum Glauben“ gefeiert wird.

Wie brüchig ausgerechnet dieses Nutzenargument ist, hat Andreas Edmüller ausbuchstabiert: Das Christentum erfüllt die Anforderungen an ein tragfähiges Moralsystem nicht und bleibt selbst innerhalb einzelner Konfessionen normativ beliebig – von der Sexualmoral bis zur Todesstrafe. Wir haben das Buch hier besprochen: Die Legende von der christlichen Moral. Wer das Christentum als Sinn- und Moralressource empfiehlt, muss erst zeigen, dass diese Ressource existiert.

Was an die Stelle tritt

Sinn wird nicht ausgeteilt, sondern gemacht. Die Behauptung, ohne Gott sei das Leben bedeutungslos, ist keine Beobachtung, sondern eine Drohung. Menschen finden Bedeutung in Bindungen, in Arbeit, in Kunst, im Erkennen, im Beitrag zu etwas, das sie überdauert. Dass diese Bedeutung nicht von außen garantiert ist, macht sie nicht kleiner – es macht sie zu unserer. Und was Hirsi Ali sucht, existiert längst ohne Dogma: Menschenrechte, Gewaltenteilung, Redefreiheit und wissenschaftliche Methode sind für den aufklärerischen Humanismus keine Nebenprodukte, sondern der Kern.

Der eigentliche Unterschied aber ist ein methodischer: Wir sind bereit, unsere Meinung an Daten zu ändern. Als der „Quiet Revival“-Report erschien, war die naheliegende Frage nicht „passt das zu meiner Erzählung?“, sondern „wie wurde erhoben?“. Sie hat sich als die richtige erwiesen. Brierleys Buch stellt sie nicht – und muss sie nicht stellen, weil es nicht als Untersuchung angelegt ist, sondern als Ermutigung. Als solche ist es respektabel; man sollte es dann nur auch so nennen. Ein Buch, das seinen Lesern sagt, was sie hören wollen, ist kein Beleg für eine Wende. Es ist ein Symptom dafür, wie sehr sie herbeigesehnt wird.

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