Darum geht es
Stefan Buß grenzt den christlichen Engelglauben scharf gegen die Esoterik ab – und benutzt dabei abwechselnd zwei unvereinbare Engelbegriffe: den realen Boten, wenn es um Feiertage geht, und das bloße „Bild“, wenn Nachfragen drohen.Zum Monatsbeginn erklärt Stadtpfarrer Stefan Buß in seinem Impuls vom 2. September 2026 den September zum „Schutzengelmonat“. Das ist als Frömmigkeitstradition korrekt, wenn auch mit einer kleinen Unschärfe: Der 29. September ist das Fest der Erzengel Michael, Gabriel und Rafael – das eigentliche Gedenken der Schutzengel fällt auf den 2. Oktober.
Interessanter als der Kalender ist die Aufgabe, die Buß sich stellt. Er will den christlichen Engelglauben von der Esoterik trennen: „Es gibt Engelkalender, Engelsteine, Engelmeditationen und eine ganze Welt der Esoterik.“ Dagegen setzt er den Glauben der Kirche. Der Versuch scheitert erwartungsgemäß, weil Buß im selben Text zwei verschiedene Dinge „Engel“ nennt.
Bote oder Bild? Der Impuls entscheidet sich nicht
Zunächst sind Engel bei Buß handelnde Personen: „Das Wort ‚Engel‘ bedeutet ganz einfach: Bote. Engel sind Boten Gottes.“ Sie erscheinen, sprechen, verkünden: „Wenn der Engel Gabriel Maria erscheint, dann bringt er ihr eine Botschaft Gottes. Wenn die Engel den Hirten in Bethlehem die Geburt Jesu verkünden, dann zeigen sie auf Christus.“ Wer eine Botschaft überbringt, existiert.
Wenige Absätze später sind dieselben Engel etwas ganz anderes: „Der Schutzengel ist ein Bild für die liebevolle Begleitung Gottes.“ Ein Bild überbringt nichts. Es ist eine Sprachfigur für einen Sachverhalt, der auch ohne sie beschrieben werden könnte.
Beides zugleich geht nicht. Entweder existieren Engel als handelnde Wesen – dann ist das eine Tatsachenbehauptung über die Welt, die man begründen muss. Oder sie sind Metaphern – dann feiert die Kirche am 29. September das Hochfest dreier Metaphern, und der Unterschied zur Esoterik ist geringer, nicht größer.
Die eigene Lehre ist an dieser Stelle deutlich unmissverständlicher als der Impuls. Der Katechismus der Katholischen Kirche nennt die Existenz der Engel in Nr. 328 eine „Glaubenswahrheit“, beschreibt sie in Nr. 330 als „rein geistige Geschöpfe“, die „Verstand und Willen“ haben, „personale“ und „unsterbliche“ Wesen sind, und hält in Nr. 336 fest, das menschliche Leben sei „vom Kindesalter an bis zum Tod“ vom Schutz der Engel umgeben. Das ist keine Metapher, das ist eine Ontologie. Buß greift trotzdem zum „Bild“ – ein Rückzug auf eine Position, die seine Kirche gar nicht bezogen hat, aber den Vorteil bietet, gegen Nachfragen immun zu sein.
Die Grenze zur Esoterik, die keine ist
Die Abgrenzung selbst formuliert Buß so: Der christliche Glaube sage nicht, „du kannst dir deinen persönlichen Engel nach deinen Wünschen zurechtlegen“, sondern: „Gott hat seine Schöpfung größer gemacht, als wir sie mit unseren Augen sehen können. Es gibt eine Wirklichkeit Gottes, die uns umgibt und die wir nicht vollständig begreifen.“
Man sollte diesen Satz zweimal lesen. Er behauptet die Existenz einer unsichtbaren Wirklichkeit, die dem Zugriff der Erfahrung entzogen ist – und begründet damit die Überlegenheit über eine Weltanschauung, die exakt dasselbe behauptet. Der Unterschied liegt nicht in der Erkenntnisart, denn für unsichtbare personale Wesen gibt es hier wie dort dieselbe Evidenz: keine. Er liegt in der Zuständigkeit. Die Kirche führt einen amtlichen Katalog von Engeln mit Namen, Rangordnung und Festtagen; die Esoterik lässt jeden seinen eigenen führen. Das ist eine Frage der Deutungshoheit, keine der Wahrheit.
Der Vorwurf, in der Esoterik würden Engel „zu einer Art himmlischen Glücksbringer“, trifft die eigene Praxis mit. Zwischen der Engelfigur aus dem Esoterikladen und der Schutzengelplakette am Autoschlüssel besteht kein erkennbarer methodischer Unterschied. Bemerkenswert ist ohnehin, wer diesen Wettbewerb gewinnt: Schon 2005 ergab eine forsa-Umfrage für das GEO-Magazin, dass 66 Prozent der Deutschen an Schutzengel glaubten – mehr als an Gott. Der Engel ist längst das populärere Produkt, gerade weil er nichts fordert.
„Da hatte ich aber einen Schutzengel!“
Am aufschlussreichsten ist die Passage, in der Buß seine eigene These beinahe kippt. Er zählt die Momente auf, in denen Menschen von Schutzengeln sprechen: der gerade noch vermiedene Unfall, die Begegnung im richtigen Moment, das Wort, das man dringend hören musste. Und dann schreibt er: „Natürlich können wir nicht jede glückliche Fügung einfach einem Engel zuschreiben. Aber wir dürfen glauben: Gott begleitet mich.“
Der Einschub ist ehrlich – und er reißt ein Loch, das der Text nicht mehr schließt. Wenn nicht jede glückliche Fügung auf einen Engel zurückgeht: welche dann? Ein Kriterium wird nicht genannt, weil es keines gibt. Damit ist die Schutzengelhypothese gegen jede Erfahrung immun: Geht es gut, war es der Engel; geht es schlecht, war es eben keiner, ohne dass daraus etwas folgte.
Dazu kommt eine schlichte Auswahlverzerrung. Von Schutzengeln erzählen nur die Überlebenden. Wer den Unfall nicht überlebt, wird nicht zitiert; im Jahr 2025 waren das nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2.814 Menschen allein im deutschen Straßenverkehr. Eine Hypothese, deren Belege systematisch nur aus einer Richtung eintreffen können, erklärt nichts. Sie sortiert bloß im Nachhinein.
Genau dieses Muster haben wir hier schon an anderem Material beschrieben: Was jeden Ausgang erklärt, erklärt keinen. Und die Zumutung, die daraus folgt, ist nicht klein: Wem der Engel ausblieb, dem wird in derselben Logik mitgeteilt, dass die liebevolle Begleitung in seinem Fall anders aussah.
Was tatsächlich geschützt hat
Der Straßenverkehr ist zufällig das beste verfügbare Gegenbeispiel, weil sich dort Schutz messen lässt. 1970 starben in der Bundesrepublik 21.332 Menschen im Straßenverkehr – bei einem Bruchteil der heutigen Fahrleistung. 2025 waren es 2.814 bei rund 2,5 Millionen polizeilich erfassten Unfällen.
Dieser Rückgang um mehr als 85 Prozent ist die größte Rettungsaktion der deutschen Nachkriegsgeschichte, und sie kam ohne Engel aus. Sie kam durch Anschnallpflicht, Promillegrenzen, Tempolimits, Helmpflicht, Knautschzonen, ABS und ESP, Rettungsdienstreform und Straßenbau – durch Gesetze, Ingenieurleistung und die unromantische Bereitschaft, Unfälle zu zählen und auszuwerten. Kein einziger dieser Schritte wäre möglich gewesen, wenn man Überleben für eine Frage himmlischer Begleitung gehalten hätte. Wer wissen will, was Menschen schützt, muss Ursachen suchen, nicht Boten.
Die teuerste Metapher: Menschen als Engel
Der beste Abschnitt des Impulses kommt zum Schluss und ist zugleich der theologisch entbehrlichste. „Manchmal macht er Menschen zu Engeln füreinander“, schreibt Buß und zählt auf: der Mensch, der zuhört; die Mutter am Bett des Kindes; der Freund, der bleibt; „eine Pflegekraft, die einen alten Menschen mit Würde behandelt“; der Lehrer, der etwas zutraut; der Nachbar, der hilft.
Jeder dieser Sätze stimmt, und keiner braucht eine himmlische Hinterwelt. Zuhören ist eine erlernbare Fähigkeit, Pflege ein Beruf, Nachbarschaftshilfe eine soziale Praxis. Der Zusatz „Gott macht sie dazu“ erklärt nichts, was nicht schon erklärt war – er verlagert nur die Anerkennung.
(öffnet in neuem Tab)
(öffnet in neuem Tab)
(öffnet in neuem Tab)Und diese Verlagerung ist nicht folgenlos. Wer Pflegearbeit zur Engelsarbeit erklärt, verwandelt eine Erwerbstätigkeit in eine Berufung, und Berufungen verhandeln keine Löhne. Ausgerechnet die Kirchen sind hier Partei: Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung beschäftigen sie über eine Million Menschen, überwiegend in Caritas und Diakonie; bei den meisten kirchlichen Trägern gibt es keine Tarifverträge, sondern Richtlinien, und „ein grundsätzliches Streikrecht gibt es jedoch nicht“. Die Pflegekraft, die im Impuls zum Engel wird, arbeitet mit einiger Wahrscheinlichkeit genau dort. Was sie tatsächlich stützen würde, ist bekannt und unpoetisch: verbindliche Personalschlüssel, Tarifbindung, Streikrecht, planbare Dienstpläne.
„Fürchte dich nicht“ – und der Rest des Personals
Buß schließt mit der Beobachtung, biblische Engel begännen „erstaunlich oft“ mit den Worten „Fürchte dich nicht!“, und deutet das als Kern der Botschaft: „Du bist nicht allein.“
Der Satz kommt tatsächlich häufig vor – meist deshalb, weil die Erscheinung selbst erschreckend ist. Und das übrige Personal fällt bei dieser Auswahl unter den Tisch. Derselbe Bote, der Maria grüßt, tritt anderswo als Vollstrecker auf: „In jener Nacht zog der Engel des HERRN aus und erschlug im Lager der Assyrer hundertfünfundachtzigtausend Mann“ (2 Kön 19,35). In 2 Sam 24,16 streckt „der Engel seine Hand gegen Jerusalem aus, um es ins Verderben zu stürzen“, nachdem eine Pest bereits 70.000 Menschen getötet hat; in der Johannesoffenbarung gießen Engel die Zornesschalen aus.
Dass heute zumindest im christlichen Mainstream nur noch die freundliche Hälfte gepredigt wird, ist ein Fortschritt – aber kein theologischer. Er ist das Ergebnis einer humanen Auswahl, die von außen an den Textbestand des eigenen Aberglaubens herangetragen wird. Der Maßstab, nach dem der tröstende Bote behalten und der tötende gestrichen wird, steht nicht in der Bibel. Er stammt von uns.
Fazit
Der Impuls klingt gewohnt freundlich und ist in einem zentralen Punkt selbstwidersprüchlich: Er verteidigt reale Engel gegen die Esoterik und zieht sich, sobald es eng wird, auf das „Bild“ zurück. Was übrig bleibt, wenn man den Überbau wegräumt, ist ein zutreffender Befund über Menschen – dass Zuwendung im richtigen Moment Leben verändert –, und der stand nie zur Debatte.
„Du bist nicht allein“ ist ein guter Satz. Er wird nicht wahrer, wenn ein unsichtbarer Bote ihn spricht, und nicht falscher, wenn es der Nachbar ist. Der Unterschied ist nur: Beim Nachbarn weiß man, dass er existiert und wo er wohnt.
Zitatquelle: osthessen-news.de (öffnet in neuem Tab): Der Stadtpfarrer bei O|N – Stefan Buß: Der Schutzengelmonat September















Bitte beachte beim Kommentieren: