Der fromme Rückzug: Wenn Schrumpfung zur Gnade erklärt wird

Lesezeit: ~ 4 Min.

Darum geht es

Andrew Root und Blair D. Bertrand empfehlen schrumpfenden Gemeinden, nichts zu tun und auf Gottes Handeln zu warten – eine Empfehlung, die durch keine denkbare Entwicklung widerlegt werden kann und die Verantwortung genau dort wegnimmt, wo sie hingehört.

Ein Buch, das dem Rückgang zustimmt

„When Church Stops Working. A Future for Your Congregation beyond More Money, Programs, and Innovation“ (Brazos Press, 2023) ist die gemeindetaugliche Kurzfassung eines größeren Projekts. Andrew Root, Carrie Olson Baalson Professor für Youth and Family Ministry an der Luther Seminary in St. Paul, Minnesota, hat in seiner fünfbändigen Reihe „Ministry in a Secular Age“ Charles Taylor und den Soziologen Hartmut Rosa für die Praktische Theologie erschlossen. Zusammen mit Blair D. Bertrand, der an der Zomba Theological University in Malawi und an der Tyndale University lehrt, hat er daraus ein schmales Buch für Kirchenvorstände gemacht.

Es ist erfolgreich, und man versteht sofort, warum. Es sagt Menschen, die seit Jahren gegen leerer werdende Bänke ankämpfen, dass sie aufhören dürfen. Mehr noch: dass das Aufhören der eigentlich fromme Zug ist.

Die These: Apostelgeschichte 1 als Betriebsanleitung

Der Ausgangspunkt ist eine Diagnose, keine Beschwichtigung. Der Rückgang, so Root und Bertrand, sei kein Marketingproblem. Wer ihn mit mehr Geld, mehr Programmen und mehr „Innovation“ bekämpfe, folge genau der Beschleunigungslogik, die die Erschöpfung erst erzeugt habe. Das Ergebnis sei ein „killer cocktail“ aus Betriebsamkeit und Angst.

Die Alternative ist keine Strategie, sondern eine Haltung: Warten. Das theologische Modell liefert Apostelgeschichte 1, wo die Jünger nach der Himmelfahrt nicht handeln, sondern auf den Geist warten. Die Autoren drehen die übliche Lesart der Apostelgeschichte um: Sie sei nicht die Erfolgsgeschichte der Jünger. „God is the hero, and the church waits.“ Und weiter: Warten sei „one of the most biblical things“, die eine Gemeinde tun könne.

Daraus folgen die praktischen Empfehlungen: ein ernst genommener Sabbat, der Verzicht auf institutionelles Ego – die Autoren nennen es „humble death“ –, gegenseitiges Bekenntnis, Dankbarkeit statt Angst und, an die Stelle des Leitbilds, ein aus der Gemeinde gewachsenes „watchword“. Der Niedergang selbst wird dabei nicht bekämpft, sondern gedeutet: als Tod, auf den eine Auferstehung folgen kann.

Was daran stimmt

Der kritische Teil verdient Zustimmung, und zwar eine ehrliche. Roots Rückgriff auf Hartmut Rosa trifft etwas Reales: Wer immer schneller strampelt, während sich die Ziellinie mitbewegt, wird nicht erfolgreicher, sondern müde. Kirchen, die sich als Erlebnisdienstleister neu erfinden, jagen einer Wachstumsmechanik hinterher, die ihnen nicht gehört und die sie nicht gewinnen können. Die Beobachtung, dass die immer nächste Innovationsrunde vor allem das hauptamtliche Personal verschleißt, ist zutreffend.

Angreifbar ist nicht die Diagnose. Angreifbar ist die Therapie.

Die Immunisierung

„Warten auf Gottes Handeln“ hat eine Eigenschaft, die in jeder anderen Disziplin als Ausschlusskriterium gilt: Es gibt keine Beobachtung, die dagegen sprechen könnte.

Wächst die Gemeinde wieder, hat Gott gehandelt – das Warten hat sich gelohnt. Schrumpft sie weiter, ist entweder Gottes Zeit noch nicht gekommen oder man befindet sich im Tod, dem die Auferstehung erst folgt. Löst sie sich auf, war es der „humble death“, den das Buch ausdrücklich empfiehlt. Drei völlig verschiedene Ausgänge, ein Deutungsrahmen, der sie alle als Bestätigung verbucht. Eine Empfehlung, die mit jedem denkbaren Ergebnis verträglich ist, schließt nichts aus – und wer nichts ausschließt, sagt nichts.

Das ist derselbe Zug, den wir in anderem Zusammenhang schon durchdekliniert haben: Wenn Gottes Wille jeden beliebigen Weltzustand gleich gut erklärt, erklärt er keinen. Der Unterschied ist nur, dass die Formel hier nicht das Leid rechtfertigt, sondern den eigenen Substanzverlust.

Hinzu kommt eine Zeitfrage, die das Buch nicht stellt. Wie lange wartet man? Fünf Jahre? Fünfzig? Es gibt kein Kriterium, an dem sich ablesen ließe, ob das Warten funktioniert – und damit auch keinen Punkt, an dem jemand sagen müsste: Das war der falsche Rat. Ratschläge ohne Fehlschlagsbedingung sind bequem für den, der sie gibt.

Wer wartet, muss nichts aufklären

Der schwerwiegendere Einwand ist ein anderer. Das Buch behandelt den Rückgang als geistliches Ereignis, das der Gemeinde widerfährt. Tatsächlich ist er in Deutschland weitgehend das Ergebnis von Entscheidungen, die Menschen getroffen haben, und die Gründe sind dokumentiert.

Die MHG-Studie wies im September 2018 für die katholische Kirche 3.677 Betroffene sexuellen Missbrauchs und 1.670 beschuldigte Kleriker im Zeitraum 1946 bis 2014 nach. Die ForuM-Studie vom Januar 2024, von EKD und Diakonie selbst beauftragt, dokumentierte mindestens 2.225 Betroffene und 1.259 Beschuldigte und schätzte hochgerechnet rund 9.355 Betroffene seit 1946 – ausdrücklich als „Spitze des Eisbergs“. Dazu kommen die Sexualmoral, der Umgang mit Frauen und queeren Menschen, intransparente Finanzen und die bis heute nicht abgelösten Staatsleistungen.

Keiner dieser Gründe ist ein Verhängnis. Jeder einzelne ist eine Entscheidung, die anders getroffen werden könnte. Wenn eine Institution Menschen verliert, weil sie Verbrechen jahrzehntelang verwaltet statt verfolgt hat, dann ist die Antwort darauf nicht Sabbat, sondern Aufklärung, Entschädigung und ein verändertes Recht. „Warten“ macht aus einem Rechenschaftsproblem eine spirituelle Haltung. Es ist die eleganteste Form, das Thema zu wechseln, ohne es zu wechseln.

Bezeichnend ist, wogegen sich die Askese des Buches richtet: gegen Programme, Leitbilder und Wachstumsziele – also gegen das, was die Gemeinden selbst tun. Privilegien, Vermögen und Sonderrechte kommen als Gegenstand des „humble death“ nicht vor. Der Verzicht wird nach innen empfohlen.

Drei Wege, dieselbe Lücke

Damit schließt sich ein Kreis, der in den letzten Wochen an drei Stellen sichtbar wurde.

Der erste Weg behauptet, es gehe schon wieder aufwärts. Justin Brierley sammelt in „The Surprising Rebirth of Belief in God“ prominente Namen und erklärt den Rückgang für beendet (öffnet in neuem Tab) – bis die zentrale Datengrundlage dieser Erzählung zurückgezogen werden musste.

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Der zweite Weg organisiert den Rückbau: Die Exnovations-Toolbox von EKD und Diakonie liefert saubere Verfahren zum Beenden, aber kein Kriterium dafür, was beendet werden soll – und beruft sich am entscheidenden Punkt auf „Raum für Gottes Wirken“.

Der dritte Weg, den Root und Bertrand gehen, deutet den Rückgang als Gnade. Er ist der konsequenteste, weil er den Zielkonflikt auflöst: Wo Schrumpfung Heilsgeschehen ist, muss man weder Erfolge nachweisen noch Ursachen benennen.

Alle drei umgehen dieselbe Frage. Keiner der drei Ansätze argumentiert damit, dass die Behauptungen des Christentums zutreffen. Der eine argumentiert mit Prominenz, der zweite mit Verfahren, der dritte mit Frömmigkeit. Das ist bemerkenswert für Bücher und Papiere, die Menschen zum Bleiben bewegen sollen.

Was an die Stelle tritt

Der säkular-humanistische Zugang ist an dieser Stelle unspektakulär und unbequem zugleich: Institutionen, die Vertrauen verlieren, verlieren es aus benennbaren Gründen. Diese Gründe lassen sich untersuchen, und die Ergebnisse lassen sich prüfen. Wer Mitglieder verliert, weil er Betroffene abgewiesen hat, gewinnt sie nicht durch Geduld zurück, sondern durch Wiedergutmachung – oder eben gar nicht.

Das gilt für jede Organisation, auch für weltliche. Der Unterschied liegt nur darin, dass eine weltliche Organisation die Berufung auf ein höheres Wesen nicht zur Verfügung hat. Ein Verein, der seinen Mitgliederschwund mit „wir warten auf den Geist“ erklärte, bekäme das auf der nächsten Versammlung um die Ohren gehauen. Das ist kein Nachteil. Das ist der Vorteil.

Und die Sinnfrage, die im Hintergrund des Buches steht, lässt sich ohne Warten beantworten. Bedeutung entsteht nicht dadurch, dass jemand sie schickt, sondern dadurch, dass Menschen sie herstellen: in Beziehungen, in Arbeit, im Erkennen, im Beitrag zu etwas, das sie überdauert. Dafür muss niemand still sitzen und hoffen, dass sich etwas regt.

Root und Bertrand haben ein tröstliches Buch geschrieben. Trost ist nichts Schlechtes. Er wird nur dann zum Problem, wenn er an die Stelle der Frage tritt, warum jemand geht.

KI

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