Darum geht es
Stefan Buß feiert die Vierzehn Nothelfer als „Zeugen des Glaubens“ – dabei hat die eigene Kirche mehrere von ihnen 1969 aus dem Kalender gestrichen, weil sich nicht belegen ließ, dass sie je gelebt haben.Stadtpfarrer Stefan Buß widmet seinen jüngsten Impuls auf Osthessen|News den Vierzehn Nothelfern. Er beginnt mit einer Aufzählung realer Nöte – „Krankheit, Angst, Einsamkeit, Krieg, Sorgen um die Familie oder die Zukunft“ – und stellt drei Fragen: „Wer sind sie? Warum gerade vierzehn? Und was bedeuten sie für unseren Glauben?“
Zwei dieser Fragen beantwortet er. Die mittlere nicht. Das ist kein Zufall, denn ihre Beantwortung würde den ganzen Text zum Einsturz bringen.
Warum gerade vierzehn?
Weil vierzehn zwei mal sieben ist. Mehr steckt nicht dahinter. Es gibt keine Offenbarung, keine Berufungsliste, keinen amtlichen Akt, der diese vierzehn Personen zu einem Gremium zusammengefasst hätte. Die Zusammenstellung entstand im süddeutschen Raum, und sie schwankt: Die sogenannte Regensburger Normalreihe, der Buß folgt, ist eine unter mehreren. In anderen Regionen zählten Nikolaus, Leonhard, Rochus, Sebastian, Antonius, Wolfgang, Oswald oder Magnus dazu; anderswo fielen Achatius oder Cyriakus heraus. Die Zahl war zuerst da, die Besetzung wurde ihr angepasst.
Das ist die schlichte Auskunft auf die Frage, die Buß selbst stellt: Die Liste ist nicht gefunden, sondern gemacht – kuratiert nach Bedarf und regionaler Vorliebe. Eine Antwort dieser Art passt allerdings schlecht in einen Text, der die vierzehn als „Zeugen des Glaubens“ vorstellt.
Zeugen, die die eigene Kirche aussortiert hat
Der Begriff „Zeuge“ ist präzise gewählt und deshalb überprüfbar. Ein Zeuge muss existiert haben.
Genau daran hat die katholische Kirche selbst erhebliche Zweifel angemeldet – und zwar amtlich. Mit dem Motu proprio Mysterii paschalis ordnete Paul VI. 1969 den liturgischen Kalender neu. Maßgeblich war ein historisches Kriterium: Gefeiert wird künftig am Todestag, sofern dieser sich historisch angemessen nachweisen lässt. Wo das nicht ging, verschwand der Eintrag aus dem weltweiten Kalender. Betroffen waren neben Ursula und Cäcilia unter anderem Christophorus, Barbara, Katharina von Alexandrien und Georg – vier der vierzehn, die Buß aufzählt. Das begleitende Kommentarwerk des zuständigen Consilium führt Christophorus, Katharina und Barbara ausdrücklich unter denen, die „gravi difficoltà storiche“ bereiten, also schwerwiegende historische Schwierigkeiten. Zu Christophorus hielt die Ritenkongregation fest, es gebe „kaum historische Tatsachen“; das Stundenbuch nennt ihn bis heute „geschichtlich nicht mehr fassbar“.
Bemerkenswert ist die Begründung, die der Kommentar mitliefert: Die Christen unserer Zeit wollten – zu Recht –, dass ihre Heiligenverehrung fest auf historischer Wahrheit ruhe. Genau diesen Anspruch erhebt der Impuls nicht. Er nennt vierzehn Namen, davon mehrere, deren Träger nach dem Urteil der eigenen Behörde vermutlich nie existiert haben, und schreibt darüber: „Sie vertrauten Gott mehr als ihrer eigenen Angst.“
Man kann das nicht wissen. Bei Achatius, dem Anführer der angeblich zehntausend am Berg Ararat gekreuzigten Märtyrer, ist nicht einmal die Größenordnung plausibel. Georgs Drachenkampf, den Buß als „Sinnbild für den Sieg des Guten über das Böse“ deutet, taucht erst rund neunhundert Jahre nach der behaupteten Lebenszeit auf, wesentlich verbreitet durch die Legenda aurea des 13. Jahrhunderts. Margareta von Antiochien wurde in der Legende von einem Drachen verschlungen und sprengte ihn von innen – daher, und nur daher, ihre Zuständigkeit für Schwangere. Wer solche Erzählungen als Biografien behandelt, betreibt keine Erinnerung an Zeugen, sondern Literaturpflege.
Die Entkernung: Nothelfer ohne Not
Der interessanteste Befund des Impulses liegt aber nicht bei den Fakten, sondern in der Machart. Buß nimmt den vierzehn Nothelfern genau das weg, was sie zu Nothelfern gemacht hat.
Die historische Funktion dieser Gruppe war denkbar konkret: Sie war eine Zuständigkeitsliste für Körperteile und Katastrophen. Blasius für den Hals, Erasmus für den Unterleib, Dionysius für den Kopf, Margareta für die Geburt, Barbara für den plötzlichen Tod, Achatius für die Todesangst, Christophorus gegen unversehenes Sterben und Pest – und Cyriakus wie Vitus für das, was man damals Besessenheit nannte. Man rief sie nicht an, weil sie Vorbilder waren, sondern weil sie ein Ressort hatten.
Bei Buß bleibt davon fast nichts übrig. Aus Dionysius, der der Legende nach seinen abgeschlagenen Kopf noch ein Stück weit trug und deshalb bei Kopfschmerzen angerufen wurde, wird eine Mahnung, „auch unter Verfolgung treu zu Christus zu stehen“. Aus Erasmus, dessen Marterlegende von einer auf eine Winde gewickelten Eingeweidepartie erzählt und der deshalb für Bauchleiden zuständig war, wird „ein Zeichen der Geduld im Leiden“. Cyriakus, Patron der Besessenen, „schenkt Hoffnung für Menschen, die unter schweren Belastungen leiden“. Vitus, angerufen gegen Epilepsie und den nach ihm benannten Veitstanz, „schenkt Hoffnung besonders jungen Menschen“.
Das ist eine bemerkenswerte Bewegung. Was einmal ein Heilversprechen war, wird zur Tugendillustration umgeschrieben. Der Grund liegt auf der Hand: Die alte Zuständigkeit ist überprüfbar und blamabel. Kopfschmerzen behandelt man heute pharmakologisch, den Veitstanz kennt die Neurologie als Chorea, „Besessenheit“ als psychiatrisches Zustandsbild. Eine Zuständigkeit, die man testen kann, verliert den Test. Eine Haltung, die man „erinnert“ oder „mahnt“, verliert ihn nicht, weil sie nichts behauptet.
Der Impuls trägt den Titel „Begleiter in der Not“ und nimmt seinen vierzehn Figuren im Text selbst jede Nothilfe-Funktion ab. Übrig bleibt ein Zitat- und Erbauungsvorrat. Das ist keine Vertiefung der Tradition, das ist ihre Stilllegung bei laufendem Betrieb.
Vierzehnmal derselbe Satz
Auffällig ist auch die Bauweise. Vierzehn Absätze, vierzehnmal dasselbe Muster: Name, dann „erinnert uns“, „zeigt“, „steht für“, „mahnt uns“, „schenkt Hoffnung“, „ist ein Zeichen“. Die Prädikate sind zwischen den Einträgen weitgehend austauschbar, ohne dass ein Bedeutungsverlust einträte. Man kann Cyriakus und Eustachius vertauschen und wird es beim Lesen nicht merken.
Das ist ein Muster, das wir bei Texten aus diesem Haus schon mehrfach beobachtet haben und das wir weiterhin als Beobachtung notieren, nicht als Behauptung: Solche gleichförmigen Listen mit inhaltsleeren, aber wohlklingenden Zuschreibungen sind das typische Produkt generativer Textwerkzeuge. Beweisen lässt sich das von außen nicht. Feststellen lässt sich, dass ein Text über vierzehn angeblich sehr unterschiedliche Menschen – Buß betont ausdrücklich, sie seien „unterschiedlich in Herkunft, Beruf und Begabung“ gewesen – vierzehnmal denselben Satz mit ausgetauschtem Subjekt liefert. Wer Vielfalt behauptet und Schablone liefert, macht auf das Verfahren aufmerksam.
„Keine Ersatzgötter“ – und dann die Ressortliste
Buß sichert sich früh ab: „Die Vierzehn Nothelfer sind keine Ersatzgötter. Sie stehen niemals an der Stelle Gottes.“ Der Satz ist theologisch korrekt und beschreibt die Praxis nicht. Unmittelbar danach folgt eine Aufstellung von Zuständigkeiten nach Berufsgruppen, Lebenslagen und Beschwerden, und der Text endet mit einer direkten Anrufung: „Ihr heiligen Nothelfer, bittet für uns!“
Funktional ist das ein Ämterverzeichnis mit Spezialisierung – strukturell also genau das, was das Christentum als Fortschritt gegenüber dem Polytheismus reklamiert. Der Unterschied liegt in der Erklärung, nicht im Verhalten. Und die Erklärung selbst hat ein Problem, das wir am Antonius-Impuls ausführlich behandelt haben: Ein allwissender Gott kennt das Anliegen bereits, ein allgütiger braucht keine Empfehlung, ein unveränderlicher lässt sich nicht umstimmen. Die Fürsprache setzt eine Instanz voraus, die überzeugt werden muss. Buß‘ eigenes Bild sagt es unfreiwillig deutlich: „So wie wir einen Freund bitten können: ‚Bitte bete für mich‘.“ Man bittet Freunde um Fürsprache bei Menschen, die man selbst nicht erreicht oder die auf andere besser hören.
Hinzu kommt: Die Anrufung der Heiligen ist innerchristlich seit fünfhundert Jahren strittig. Die Confessio Augustana hält 1530 in Artikel 21 fest, dass sich die Anrufung der Heiligen aus der Schrift nicht begründen lasse; das Konzil von Trient bekräftigte sie 1563 in seiner 25. Sitzung ausdrücklich gegen die Reformatoren. Buß schreibt in einer Region mit erheblichem evangelischem Bevölkerungsanteil, ohne diese Differenz mit einem Wort zu erwähnen. Was hier als „christliche Tradition“ eingeführt wird, ist eine konfessionelle Besonderheit, über die es einen der härtesten Konflikte der europäischen Religionsgeschichte gab.
Der Testfall: die Pest
Buß datiert die Entstehung der Verehrung korrekt: „Die Verehrung der Vierzehn Nothelfer entstand im 14. Jahrhundert, als Europa von Pest, Hungersnöten und Kriegen heimgesucht wurde. Die Menschen suchten Trost und Hoffnung. Sie erfuhren, dass Gott seine Nähe auch durch das Vorbild der Heiligen schenkt.“
Der letzte Satz ist der entscheidende, und er beschreibt einen Vorgang, den man prüfen kann. Was die Menschen erfuhren, war zunächst dies: Der Schwarze Tod tötete zwischen 1347 und 1352 nach gängigen Schätzungen ein Drittel bis die Hälfte der europäischen Bevölkerung. Die Nothelferverehrung entstand nicht, weil sie funktionierte, sondern weil nichts funktionierte. Sie ist kein Beleg für Hilfe, sondern für Hilflosigkeit.
Was tatsächlich half, kam später und aus einer anderen Richtung. Zuerst die Verwaltung: Ragusa verhängte 1377 die erste dokumentierte Isolationsfrist für Ankömmlinge, Venedig baute Quarantäneanstalten. Dann die Wissenschaft: Alexandre Yersin identifizierte 1894 in Hongkong den Erreger, der heute seinen Namen trägt. Heute ist die Pest bei rechtzeitiger Gabe von Antibiotika in der Regel heilbar – unbehandelt liegt die Letalität der Beulenpest laut WHO zwischen 30 und 100 Prozent. Zwischen Christophorus und Streptomycin liegt kein Glaubensunterschied, sondern ein Wirksamkeitsunterschied.
Was der Impuls über das 14. Jahrhundert nicht sagt
„Die Menschen suchten Trost und Hoffnung“ – das ist die eine Hälfte dessen, was im 14. Jahrhundert geschah. Die andere gehört zur Sache, gerade in Fulda.
Wo die Ursache einer Seuche unbekannt ist und die religiöse Deutung sie als Strafe fasst, entsteht die Suche nach Schuldigen. Die Pestjahre 1348 bis 1351 waren die Zeit der schwersten Judenpogrome des Mittelalters; in Straßburg wurden am 14. Februar 1349 rund zweitausend Menschen ermordet. Fulda war nicht Zuschauer. Bereits Weihnachten 1235 waren hier auf einen Ritualmordvorwurf hin rund 34 Juden getötet worden – die erste Blutbeschuldigung dieser Art im Reich; Kaiser Friedrich II. ließ die Sache untersuchen und sprach die Beschuldigten frei. Am 22. März 1349 folgte das Pestpogrom: Etwa 180 Fuldaer Juden wurden getötet; ihr Hilfegesuch an den Abt blieb erfolglos.
Das ist derselbe Zeitraum, dieselbe Not und dieselbe Frömmigkeit, aus der der Impuls seine Nothelfer bezieht. Wer das 14. Jahrhundert als Epoche beschreibt, in der Menschen „Trost und Hoffnung“ suchten und Gottes Nähe erfuhren, und die Kehrseite nicht erwähnt, erzählt die Geschichte um die Hälfte gekürzt. Es ist dasselbe Verfahren, das wir an Buß‘ Umgang mit Bibelversen wiederholt gezeigt haben – zuletzt am Mariä-Himmelfahrt-Impuls: Was das Bild trübt, wird weggeschnitten.
Regionalbezug: Gehilfersberg, Simmershausen, Vierzehnheiligen
Für die Region ist das Thema nicht abstrakt. Auf dem Gehilfersberg steht seit etwa 1630 die Wallfahrtskapelle „St. Maria und Vierzehn Nothelfer“, einer der bekanntesten Wallfahrtsorte des Fuldaer Landes; in Großenlüder gibt es die Vierzehn-Nothelfer-Kapelle am Langenberg. Und aus Hilders-Simmershausen führt bis heute die vielleicht größte Fußwallfahrt der Region über rund 120 Kilometer in vier Tagen nach Vierzehnheiligen in Oberfranken, mit regelmäßig mehr als 550 Teilnehmern.
Ihr Ursprung ist aufschlussreich. Die Rhönwallfahrt geht nach eigener Darstellung auf ein Gelöbnis in der Pestzeit 1635 und der Hungersnot 1637 zurück. Es handelt sich also um einen Vertrag: Leistung gegen Gegenleistung, jährlicher Bußgang gegen Verschonung. Auch das Ziel selbst entstand aus einem Vorgang, den man heute anders einordnen würde – ein Schäfer namens Hermann Leicht will 1445 und 1446 auf dem Feld ein Kind und dann vierzehn Kinder gesehen haben; daraus wurde 1448 eine Kapelle, aus der Kapelle die Wallfahrt, aus der Wallfahrt ab 1743 Balthasar Neumanns Basilika, 1897 zur päpstlichen Basilika erhoben.
Man kann das schön finden, und vieles daran ist es: eine viertägige Wanderung in Gemeinschaft, Musik, Gastgeber entlang der Strecke, Verbindungen, die über Jahrzehnte halten. Nur ist all das nicht der Grund, der angegeben wird. Was die Wallfahrt trägt, ist überprüfbar – Bewegung, Rhythmus, gemeinsame Anstrengung, soziale Bindung. Was sie begründet, ist es nicht. Der Substituierbarkeitstest fällt hier ungewöhnlich klar aus: Streicht man das Gelöbnis, bleibt die Wanderung mit allem, was sie den Teilnehmern gibt. Streicht man die Wanderung, bleibt vom Gelöbnis nichts.
Was tatsächlich half
Die vierzehn Patronate lassen sich gegenrechnen, und das Ergebnis ist eintönig.
Margareta stand den Gebärenden bei; die Müttersterblichkeit sank nicht durch Anrufung, sondern als Ignaz Semmelweis 1847 in Wien die Händedesinfektion mit Chlorkalk einführte und die Kindbettfiebersterblichkeit auf einen Bruchteil drückte – gegen den erbitterten Widerstand seiner Fakultät. Barbara ist Patronin der Bergleute; was Bergleute schützt, sind Bergrecht, Grubenwehr, Wetterführung, Arbeitsschutzvorschriften und Mitbestimmung. Christophorus ist Patron der Reisenden; was Reisende schützt, sind Gurtpflicht, Knautschzone, ABS, Alkoholgrenzwerte und Geschwindigkeitsbegrenzungen – die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland ist seit dem Höchststand 1970 um weit über achtzig Prozent gefallen, während die Fahrleistung stieg. Blasius steht für Halsleiden; die Diphtherie, einst als „Würgeengel der Kinder“ gefürchtet, ist durch Impfung praktisch verschwunden.
Zu Pantaleon schreibt Buß, er sei Arzt gewesen und „erinnert daran, dass jede Heilkunst letztlich Gottes Geschenk ist“. Das ist die Vereinnahmung in Reinform. Die Heilkunst ist niemandem geschenkt worden. Sie wurde erarbeitet, oft gegen theologischen Widerstand – von Anatomen, die sich mit Sektionsverboten herumschlugen, bis zu Semmelweis, dessen Befund man ablehnte, weil er die Ärzte selbst zu Überträgern erklärte. Wer die Ergebnisse dieser Arbeit nachträglich als Gabe verbucht, nimmt denen die Urheberschaft, die sie geleistet haben.
Was der Text über Not sagt – und was nicht
Der Impuls beginnt mit Krankheit, Angst, Einsamkeit, Krieg und Zukunftssorgen. In den folgenden rund vierzig Sätzen kommt keine einzige weltliche Konsequenz vor. Kein Arzt, keine Beratungsstelle, keine Nachbarschaft, kein Notruf, kein Hinweis darauf, dass Einsamkeit ein Gesundheitsrisiko mit bekannten Gegenmitteln ist oder dass Krieg von Menschen begonnen und von Menschen beendet wird.
Der Schlussabschnitt erklärt, warum. Die Nothelfer sagten „gleichsam: ‚Schaut nicht auf uns, sondern auf Christus.‘“ Die Not ist in diesem Text nicht der Gegenstand, sondern der Anlass. Sie liefert den Einstieg, über den der Leser zum eigentlichen Ziel geführt wird – „Unsere eigentliche Hoffnung ist Jesus Christus.“ Die vierzehn sind ausdrücklich Durchgangsstation, und die Not ist es damit auch. Dieselbe Konstruktion haben wir hier schon mehrfach beschrieben: Die Zuwendung ist die Verpackung, die Botschaft ist die Ware.
Der säkulare Gegenentwurf
Nothilfe ist organisierbar, und sie ist organisiert. Sie heißt 112 und ist rund um die Uhr besetzt. Sie heißt Rettungsdienst mit definierten Hilfsfristen, Notaufnahme, Katastrophenschutz, Feuerwehr, Technisches Hilfswerk. Sie heißt Krankenversicherung, Pflegeversicherung, Erwerbsminderungsrente, Grundsicherung. Sie heißt Telefonseelsorge, Krisendienst, Schuldnerberatung, Frauenhaus. Sie heißt Nachbarn, die klingeln, und Vereine, die anrufen, wenn jemand zweimal nicht kommt.
Diese Nothelfer haben drei Eigenschaften, die den vierzehn fehlen. Sie sind erreichbar – nicht durch Anrufung, sondern durch Anruf. Ihre Wirksamkeit ist messbar, ihre Fehler sind benennbar, ihre Ausstattung ist verhandelbar. Und sie haben Adressen: Wer sie verbessern will, weiß, an wen er sich wendet – an Kommunalparlamente, Kassen, Ministerien, Tarifrunden.
Genau darin liegt der Unterschied. Eine Zuständigkeit, die nicht versagen kann, ist keine. Ein Rettungsdienst, der zu spät kommt, ist ein politisches Problem mit einer Lösung. Ein Heiliger, der nicht hilft, war nie zuständig – dann hat man zu wenig vertraut, oder es war nicht Gottes Wille, oder die Hilfe kam anders als erwartet. Ein System, das jeden Ausgang als Bestätigung verbucht, tröstet vielleicht. Helfen tut es nicht.
Fazit
Buß stellt drei Fragen und beantwortet die interessanteste nicht. Er nennt vierzehn Zeugen, von denen die eigene Kirche mehrere 1969 aus dem Kalender genommen hat, weil sich nicht nachweisen ließ, dass sie je gelebt haben. Er nimmt ihnen die Zuständigkeiten, die sie zu Nothelfern machten, und ersetzt sie durch austauschbare Erbauungsformeln. Und er datiert ihre Entstehung in ein Jahrhundert, dessen Umgang mit der Not er nur zur Hälfte erzählt.
Bleibt der Satz, der im Text am ehesten stimmt: „niemand muss allein glauben“. Er stimmt sogar über den Glauben hinaus. Niemand muss allein sein. Dafür braucht es keine vierzehn Fürsprecher, sondern Menschen in Reichweite und Einrichtungen, die halten, was sie zusagen. Beides ist herstellbar. Beides ist überprüfbar. Und beides antwortet, wenn man ruft.
Magisches Denken
Magisches Denken heißt: Man nimmt an, dass zwischen einer Handlung und einem gewünschten Ergebnis eine Verbindung besteht, die sich weder zeigen noch prüfen lässt. Wer Knoblauch an die Tür hängt, um Vampire und Werwölfe fernzuhalten, verfährt exakt so wie jemand, der einen Heiligen anruft, damit ein Schlüssel wieder auftaucht oder eine Operation gut ausgeht: Es gibt einen Anlass, eine festgelegte Handlung und die Erwartung einer Wirkung – nur keinen benennbaren Weg dazwischen.Beide Verfahren sind zudem gegen Misserfolg immunisiert. Bleibt der Vampir aus, hat der Knoblauch gewirkt; kommt er trotzdem, war es der falsche Knoblauch. Wird der Schlüssel gefunden, hat der Heilige geholfen; wird er nicht gefunden, hat man zu wenig vertraut oder es war so gewollt. Ein Verfahren, das durch keinen denkbaren Ausgang widerlegt werden kann, liefert keine Erkenntnis, sondern nur das Gefühl, gehandelt zu haben.
Der Unterschied zum vernünftigen Denken liegt nicht in der Ernsthaftigkeit, sondern in der Prüfbarkeit. Ein Antibiotikum, ein Bergrettungsdienst oder eine Impfung müssen zeigen, dass sie besser wirken als nichts – in kontrollierten Studien, mit Fehlerquoten, offengelegt und korrigierbar. Genau diese Rechenschaftspflicht macht sie verbesserungsfähig. Wer schneidet, muss sich messen lassen; wer segnet, nicht.
Der eigentliche Kritikpunkt an der Religion ist deshalb nicht, dass sie im 14. Jahrhundert magisches Denken hervorgebracht hat – das taten damals alle, weil niemand es besser wusste. Er ist, dass sie es heute noch als sinnvolles Verfahren empfiehlt, obwohl die Alternative bekannt und nachweislich überlegen ist.
Fast niemand hängt heute noch Knoblauch an die Tür, weil sich die Erklärung der angeblichen Wirksamkeit gegen Vampire und Werwölfe nicht gehalten hat. Die Heiligenanrufung wird dagegen von Amts wegen weiterempfohlen, in Predigten, Impulsen und Wallfahrten – nicht als kulturelle Erinnerung, sondern als Handlungsempfehlung für konkrete Not.
Das ist der Punkt, an dem aus einer harmlosen Tradition eine Erziehung zur Denkgewohnheit wird: Wer lernt, dass Anrufen eine Form von Handeln ist, hat weniger Grund zu fragen, wer eigentlich zuständig ist, was tatsächlich hilft und wer dafür bezahlen müsste.
Belege und Quellen
- Stefan Buß, „Die Vierzehn Nothelfer – Zeugen des Glaubens und Begleiter in der Not“, Osthessen|News, 29.08.2026
- Paul VI., Motu proprio Mysterii paschalis (14.02.1969, veröffentlicht 09.05.1969); Calendarium Romanum, Rom 1969
- katholisch.de, „Große Aufräumaktion im Heiligenhimmel“, 09.05.2019
- Confessio Augustana, Art. 21; Konzil von Trient, 25. Sitzung (1563), Dekret über die Anrufung und Verehrung der Heiligen
- WHO, Factsheet „Plague“
- Jüdische Gemeinde Fulda: Pogrome 1235 und 22.03.1349 (juden-in-fulda.org)
- Vierzehnheiligenwallfahrt Simmershausen, Historie; Osthessen|News, „390-jährige Tradition“, 27.05.2025

















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