Aufhören als Methode: Die Exnovations-Toolbox von EKD und Diakonie

Lesezeit: ~ 10 Min.

Darum geht es

Mit „exmove“ legt die evangelische Arbeitsstelle midi einen Werkzeugkasten für das geordnete Aufhören vor – handwerklich beachtlich, sprachlich verräterisch und in genau einem Punkt vollständig leer: Wohin die Transformation führen soll, steht auf keiner der Seiten.

Es gibt Dokumente, die mehr über eine Institution verraten als jede Predigt. „exmove“ ist so eines. Herausgegeben wird die Sammlung von midi, der Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung – einer gemeinsamen Einrichtung von EKD, Diakonie Deutschland und der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste, gegründet zum 1. Januar 2019, feierlich eröffnet im Mai desselben Jahres in Berlin. Auf der Jahrestagung nannte der damalige EKD-Vizepräsident Thies Gundlach den Anlass beim Namen: die Prognose, dass sich die Mitgliederzahl der Kirchen bis 2060 halbiert haben werde.

Sieben Jahre später liegt das Werkzeug dazu vor. Es heißt „exmove – midi Exnovations-Tools“, ist als Testversion (Stand April 2025) frei herunterladbar, und es ist kein Papier über Erneuerung. Es ist eine Anleitung zum Aufhören.

Was in dem Kasten liegt

Exnovation, so die Selbstbeschreibung, bedeute „das bewusste Beenden und Loslassen von Strukturen, Prozessen und Praktiken“. Die Sammlung ist in sechs Kapitel gegliedert: Motivation zum Beenden, strategische Planung, praktische Durchführung, theologische Perspektiven, Kommunikation, kreative Extras. Dazu kommen drei Workshopformate – vom kurzen „Exnovationsimpuls“ bis zum mehrtägigen Prozess –, Zeitangaben pro Methode, Gruppengrößen, Onlinefähigkeit. Ab Frühjahr 2027 soll eine dreiteilige Weiterbildung „Exmove Zertifikat“ Menschen qualifizieren, Exnovationsprozesse zu begleiten und „in Kirche, Diakonie und angrenzenden Kontexten wirksam zu multiplizieren“.

Das ist, sagen wir es deutlich, ordentliche Arbeit. Die Methoden sind sauber beschrieben, Quellen werden – soweit auffindbar – benannt, und der Grundgedanke ist richtig: Organisationen tun sich mit dem Beenden schwerer als mit dem Anfangen, und wer nur Neues anhäuft, erstickt irgendwann daran. Wer schon einmal in einem Gremium saß, das einen Arbeitskreis nicht auflösen konnte, weil es ihn seit 1987 gab, weiß, wovon die Rede ist.

Die interessanten Fragen liegen woanders: bei der Herkunft des Begriffs, bei der Sprache – und bei dem, was in diesen 48 Seiten schlicht nicht vorkommt.

Woher „Exnovation“ kommt – und was unterwegs verloren ging

Der Begriff ist nicht neu und nicht kirchlich. Geprägt hat ihn 1981 der Organisationsforscher John Kimberly: Exnovation liegt vor, wenn eine Organisation sich von einer Innovation trennt, in die sie zuvor investiert hatte. Sein Beispiel war ein Videogerät, das niemand mehr benutzt, das aber weiter Platz und Geld kostet.

Seine eigentliche Karriere machte das Wort ab den 2010er Jahren in der Nachhaltigkeitsforschung. Dort bezeichnet Exnovation die „absichtliche Beendigung bestehender (Infra-)Strukturen, Technologien, Produkte und Praktiken“ – und zwar mit klarer Stoßrichtung: Kohleausstieg, Atomausstieg, Rückbau der autogerechten Stadt. Innovation heißt in dieser Literatur, das Nachhaltige in die Welt zu bringen; Exnovation heißt, das Nicht-Nachhaltige aus ihr zu schaffen.

Diese Herkunft ist entscheidend, weil der Begriff dort normativ ist. Man exnoviert nicht irgendetwas, weil es alt ist, sondern etwas Bestimmtes, weil es schadet. Das Kriterium steht vorher fest, es ist öffentlich begründet und es ist strittig – deshalb gibt es Kohlekommissionen, Ausstiegsgesetze und Klagen. Der Satz „Wir steigen aus der Braunkohle aus“ nennt das, was endet, und den Grund dafür.

Die Toolbox kennt diese Literatur. Im Verzeichnis stehen Arbeiten zur „Exnovation des privaten Automobils“ in Brüssel und zur Verkehrswende. Übernommen wird das Verfahren – nicht das Kriterium. Was in der Nachhaltigkeitsforschung eine politische Auseinandersetzung mit benanntem Ziel ist, wird hier zu einer Moderationstechnik ohne Ziel.

Das Ziel, das nicht genannt wird

Man kann die Toolbox von vorn bis hinten nach einer Aussage darüber durchsuchen, wohin die Reise geht. Man findet stattdessen immer dieselbe Formel in Variationen. Exnovation schaffe „Raum für Neues“ und verhindere, „dass Ressourcen in veralteten Strukturen gebunden bleiben“. Methoden versprechen, „Freiraum für Innovation zu schaffen“, „Ressourcen gezielt freizusetzen“, „den Fokus auf das Wesentliche zu lenken“, „klare Verhältnisse für mehr Effizienz“ herzustellen.

Was das Neue ist, wofür der Raum entsteht, worin das Wesentliche besteht: kein Wort. Und das ist keine Nachlässigkeit, sondern Bauprinzip. Die Sammlung richtet sich ausdrücklich auch an „Unternehmen, NGOs und Bildungseinrichtungen“, an Coaches, Trainerinnen und Fachkräfte der Organisationsentwicklung. Ein Werkzeug, das überall passen soll, darf nirgends etwas voraussetzen.

Der Preis dafür ist hoch. Eine Methode zum Beenden, die kein Kriterium mitliefert, kann nicht sagen, ob das Richtige beendet wird. Sie kann das Aufhören organisieren, moderieren, liturgisch begleiten und emotional abfedern – aber sie kann es nicht begründen. Übrig bleibt ein Verfahren, das seine Rechtfertigung aus sich selbst bezieht: Beendet wird, was sich beenden lässt.

Das Eröffnungsmotto passt dazu besser, als den Herausgebern lieb sein kann. Zitiert wird Picasso: „Jeder Akt der Schöpfung ist zuerst ein Akt der Zerstörung.“ Die Zuschreibung ist unsicher; überliefert ist aus dem Gespräch mit Christian Zervos (Cahiers d’Art, 1935) ein anderer Satz – früher sei ein Bild eine Summe von Additionen gewesen, bei ihm sei es eine Summe von Zerstörungen. Die griffige Fassung ist eine spätere Verdichtung. Ausgerechnet eine Sammlung, die anderswo ihre Quellen sorgfältig ausweist, eröffnet mit einem Zitat, das so vermutlich nie gefallen ist.

Müllbeseitigung, Sunsetting, Kraft der Lücke

Wo das Ziel fehlt, arbeitet die Sprache. Und sie arbeitet hier hart.

Eine Methode heißt „Müllbeseitigung“ und soll helfen, „hinderliche Strukturen, unnötige Prozesse und veraltete Routinen systematisch zu identifizieren und zu eliminieren“. Eine andere ist das „End-of-Life-Framework“, das den Lebenszyklus von „Angeboten, Arbeitsweisen, Produkten, Prozessen, Strukturen, Kultur, Haltungen“ in Einführung, Wachstum, Reife und Niedergang einteilt; für die Schlussphase liefert die Toolbox den betriebswirtschaftlichen Fachbegriff gleich mit: „Sunsetting“. Weiter gibt es die „Warum noch?-Technik“, die „Kraft der Lücke“ und eine Ampellogik für die Frage, was fortgeführt wird.

Das ist die Sprache des Portfolio-Managements, und sie leistet etwas Bestimmtes: Sie verwandelt Schrumpfung in Handlung. Nicht „wir müssen die Kirche schließen“, sondern „wir exnovieren“. Nicht Verlust, sondern „Kraft der Lücke“. Nicht Rückzug aus der Fläche, sondern „Fokussierung auf Wesentliches“. Grammatisch steht die Institution damit im Aktiv, obwohl sie auf eine Entwicklung reagiert, die sie nicht steuert. Wer beendet, hat entschieden; wer aufgibt, wurde entschieden. Der Unterschied ist rein sprachlich – und genau deshalb so wertvoll.

Bemerkenswert ist auch, was in Kapitel 3 mitverwaltet wird. Es verspricht Werkzeuge, die „Trauer und Widerstände bewältigen“. Beides steht in einer Reihe. Trauer ist ein Gefühl, das Begleitung braucht. Widerstand kann ein Gefühl sein – oder ein Einwand, der zutrifft. Wer beides unter „bewältigen“ verbucht, hat vorab entschieden, dass die Gegenrede kein Argument enthält, sondern ein Verarbeitungsproblem ist. Für die Gemeinde, deren Kirche geschlossen wird, ist das der praktisch folgenreichste Satz der ganzen Sammlung.

„Feindesliebe“: die Bergpredigt als Wettbewerbsanalyse

Den Höhepunkt liefert das Kommunikationskapitel. Dort findet sich eine Methode namens „Feindesliebe“. Sie hilft, wie es heißt, „die eigene Identität zu schärfen, indem man sich in die Rolle der Konkurrenz versetzt“, und arbeitet mit dem „Alleinstellungsmerkmal“, international bekannt als USP, „Unique Selling Point“.

Der Ablauf: Man wählt drei bis fünf Wettbewerber aus, „die ähnliche Zielgruppen ansprechen“, schreibt sie auf Karten, verteilt sie, und die Teilnehmenden präsentieren die fremde Organisation so überzeugend wie möglich – Stärken herausstellen, Kernbotschaft vertreten, den USP „zelebrieren“. Danach der Rücksprung zur eigenen Positionierung. Entwickelt wurde das Tool laut Quellenangabe von einer strategischen Designagentur.

Man muss das nicht kommentieren, man muss es nur nebeneinanderstellen. „Liebet eure Feinde“ steht in der Bergpredigt (Mt 5,44) und meint dort den Verzicht auf Vergeltung gegenüber denen, die einem schaden. Hier bezeichnet der Begriff eine Wettbewerbsanalyse, in der man die Werbebotschaft der Gegenseite nachspielt, um sich anschließend besser abzugrenzen.

Wir haben auf diesem Blog wiederholt beschrieben, wie kirchliche Verkündigung säkulare Errungenschaften vereinnahmt – zuletzt am EU-Recht auf Reparatur. Hier läuft die Bewegung erstmals in die Gegenrichtung: Ein Zentralbegriff der eigenen Tradition wird ans Marketing abgetreten. Wer die Bergpredigt als Werkzeug der Markenpositionierung verwendet, sollte sich anschließend mit der Klage über eine ökonomisierte Gesellschaft zurückhalten.

Und die naheliegende Frage stellt die Toolbox nicht: Wer ist eigentlich die Konkurrenz einer Kirchengemeinde? Die Nachbargemeinde? Die andere Konfession? Der Sportverein? Die Konfessionsfreien, die inzwischen die größte weltanschauliche Gruppe im Land stellen? Ein Tool, das den USP über Abgrenzung ermitteln lässt, setzt einen Markt voraus. Auf einem Markt aber ist Mitgliedschaft eine Kundenbeziehung – kündbar, vergleichbar, ersetzbar. Genau das ist der Befund der Austrittsstatistik, und die Toolbox akzeptiert ihn stillschweigend als Rahmen.

Kapitel 4: Wenn das Aufhören liturgisch wird

Der spezifisch kirchliche Teil ist der interessanteste. Er bietet Andachten, Gebete, Segensrituale und Gottesdienstentwürfe für Beendigungsprozesse – erarbeitet unter anderem in einer Schreibwerkstatt am 3. März 2025 in Jena, in Kooperation mit dem Zentrum für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur in Wittenberg. Theologisch gerahmt wird das mit Sabbat, Schuldenerlass nach sieben Jahren (Dtn 15,1), Brache im siebten Jahr (Lev 25,4), Exodus und Emmaus.

Die Methode „Sabbat – heilige Unterbrechung“ etwa empfiehlt, Angebote zeitweise auszusetzen. Die Pause sei „nicht nur ein strategischer Prozess, sondern eine Möglichkeit, Raum für Gottes Wirken zu lassen“.

Dieser Satz ist der theologische Kern des Bandes und zugleich seine schwächste Stelle. Denn er ist durch keinen denkbaren Verlauf zu widerlegen. Belebt sich das Angebot nach der Pause, hat Gott gewirkt. Bleibt es aus, war es offenbar nicht sein Wille, und die Exnovation war richtig. Passiert gar nichts, wirkt er im Verborgenen. Wir haben dieses Muster hier mehrfach beschrieben – eine Deutung, die mit jedem Ergebnis verträglich ist, schließt nichts aus und erklärt deshalb nichts. Ihr praktischer Nutzen liegt woanders: Sie macht aus einer betriebswirtschaftlichen Entscheidung ein geistliches Geschehen und verlagert die Verantwortung dafür aus dem Gremium heraus.

Die zitierte Fachliteratur bestätigt das Verfahren. Sie trägt Titel wie „Exnovation. Oder vom würdevollen Sterben“, „Kirche zwischen Krise und Kairos“ oder – als Themenheft der Lebendigen Seelsorge von 2024 – „Gepflegt kleiner werden“; dort geht es laut Annotation der Toolbox darum, „wie Kirche im Weniger neue Bedeutung und Gestalt finden kann“. Damit ist die Antwort auf die Ausgangsfrage doch gegeben, nur eben im Literaturverzeichnis statt in der Zielbeschreibung: Die Transformation führt nach unten. Was die Methoden leisten, ist die Umdeutung dieses Weges in einen Reifungsprozess – die Krise als Kairos, der Rückbau als Chance, das Schrumpfen als geistliche Übung.

Der ehrlichste Text des ganzen Bandes

Und dann steht in diesem Kapitel ein Text, der aus allem herausragt. Es ist ein Gebet in Litaneiform, eine Aufzählung dessen, was bleiben soll und was nicht. Bleiben sollen: das Suchen nach Gerechtigkeit, die Geschichten vom Stark-Werden der Schwachen, das Brot- und Wein-Teilen, die Feste, die Erinnerungen, die Fähigkeit, Fehler zuzugeben. Nicht bleiben sollen: die zu langen Sitzungen, die Selbstüberforderung, die Position des Gesangbuchwagens, die Gottesdienstanfangszeit, der Reparaturstau, „das war immer schon so“ – und, in derselben Aufzählung, dies:

„Nicht sexualisierte Gewalt / Nicht Selbsttrunkenheit / Die Fähigkeit Fehler zuzugeben / Und wirklich toxische Strukturen zu zerstören“

Ein zweiter Text aus derselben Werkstatt beginnt: „Die Kleider unserer Kirche sind uns zu groß geworden, Gott.“

Das ist bemerkenswert, und es soll hier ausdrücklich gewürdigt werden. In keinem Verlautbarungstext einer Kirchenleitung, in keinem „Wort zum Sonntag“ und in keinem Impuls, den wir hier analysiert haben, steht so nüchtern nebeneinander, was an dieser Institution entbehrlich ist. Menschen, die in einer Schreibwerkstatt sitzen, sind offenkundig weiter als die Gremien, für die sie schreiben.

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Genau deshalb der Einwand. Sexualisierte Gewalt und toxische Strukturen stehen hier in einer Reihe mit dem Gesangbuchwagen und dem Sitzungsende – und sie stehen im Konjunktiv einer Bitte: „irgendwas, das bleibt / das wäre so schön“. Die ForuM-Studie vom 25. Januar 2024 hat aus Disziplinarakten der evangelischen Kirche 2.225 Betroffene und 1.259 mutmaßliche Täter dokumentiert und auf mindestens 9.355 Betroffene hochgerechnet; die Forschenden sprachen von der „Spitze der Spitze des Eisbergs“, auch weil die Landeskirchen ihnen nur einen Bruchteil der relevanten Akten öffneten. Das ist keine Praxis, die man in einem Workshop beendet, und keine Trauer, die man begleitet. Dafür gibt es kein Tool mit Zeitangabe und Gruppengröße, sondern Akteneinsicht, unabhängige Kommissionen, Entschädigung, Strafrecht und Personalentscheidungen. Die Toolbox enthält 48 Seiten Methodik zum Beenden – für das, was am dringendsten zu beenden wäre, bietet sie ein Gebet.

Was nicht exnoviert wird

Damit ist die eigentliche Leerstelle bezeichnet. Exnovation zielt in diesem Werk konsequent nach innen und nach unten: auf Gottesdienstzeiten, Gremiensitzungen, Formate, Angebote, Gebäude, Routinen. Also auf das, was Gemeinden selbst in der Hand haben – und was ohnehin unter Druck steht.

Nicht vorgesehen ist die Anwendung derselben Methode auf die Außenbeziehungen. Dabei bietet sich das geradezu an. 2025 flossen rund 657 Millionen Euro an Staatsleistungen an die beiden dereinst großen Kirchen, 6,2 Prozent mehr als im Vorjahr – Zahlungen, deren Ablösung Artikel 140 Grundgesetz in Verbindung mit Artikel 138 der Weimarer Reichsverfassung seit 1919 vorschreibt und die seither keine Bundesregierung umgesetzt hat. Hinzu kommen der staatliche Einzug der Kirchensteuer, das kirchliche Sonderarbeitsrecht, der konfessionell reservierte Sendeplatz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, dessen inhaltliche Leere wir hier zuletzt am „Wort zum Sonntag“ gezeigt haben.

Legt man die „Warum noch?-Technik“ an diese Posten an – wozu dient das noch, wem, seit wann, und was passiert, wenn es wegfällt? –, wird der Werkzeugkasten unbenutzbar. Denn diese Strukturen sind exakt das, was die Nachhaltigkeitsforschung als Exnovationsfall beschreibt: bestehende Arrangements, die durch Pfadabhängigkeit und die Interessen etablierter Akteure am Leben bleiben, obwohl ihre Begründung entfallen ist. Es gehört zum Bild, dass ausgerechnet hier die Bereitschaft zum Loslassen endet. Exnoviert wird das, was Geld kostet. Was Geld bringt, bleibt.

Ähnlich verhält es sich mit der Frage, wer entscheidet. Die Toolbox adressiert Kirchenvorstände und Leitungsgremien, und im evangelischen Bereich haben diese tatsächlich Kompetenzen. Die Gemeindeglieder, deren Kirche entwidmet oder deren Angebot „gesunset“ wird, kommen dagegen nur in einer Rolle vor: als Adressaten von Kommunikation und als Träger von Trauer und Widerstand, die es zu bewältigen gilt. Wie das strukturell aussieht, wenn eine Kirche ihre Fusionen von oben verfügt und die Gremien „begleiten“ dürfen, war im August in Hanau zu besichtigen – katholisch, mit anderem Kirchenrecht, aber derselben Grundfigur: Der Rückbau wird als „Zusammenfließen“ erzählt.

Der säkulare Gegenentwurf

Es wäre albern, gegen das Aufhören zu argumentieren. Institutionen, die nicht aufhören können, sind ein Problem, und eine Kirche, die ihre Angebote ehrlich prüft, statt sie aus Pietät weiterzuschleppen, tut etwas Vernünftiges. Der Einwand richtet sich nicht gegen die Werkzeuge, sondern gegen ihre Entkopplung von jeder Begründung.

Exnovation, ernst genommen, verlangt vier Dinge, die diese Sammlung nicht liefert. Erstens ein Kriterium: Beendet wird nicht, was alt ist, sondern was nachweislich schadet oder nichts leistet – und das muss vorher gesagt und begründet werden. Zweitens ein Ziel: Wer „Raum für Neues“ schafft, muss sagen können, für welches. Sonst ist die Lücke keine Kraft, sondern eine Lücke. Drittens Beteiligung: Betroffene sind keine Zielgruppe von Kommunikationsmaßnahmen, sondern Beteiligte mit Einspruchsrecht; Widerspruch ist Information, nicht Störung. Viertens Überprüfbarkeit: Nach zwei Jahren muss man sagen können, ob die Entscheidung richtig war – und das setzt voraus, dass man vorher benannt hat, woran man das erkennen würde. Genau diesen Punkt macht der Rückgriff auf „Raum für Gottes Wirken“ unmöglich.

Vier Bedingungen, die in der Kohlekommission selbstverständlich sind und in einer Gemeinde offenbar zu viel verlangt. Sie sind unbequem, weil sie Streit erzeugen. Aber sie sind der Unterschied zwischen einer Entscheidung und einem Abschiedsritual.

Und die gesellschaftliche Exnovation, die tatsächlich ansteht, braucht ohnehin kein Workshopformat. Die Ablösung der Staatsleistungen, das Ende des staatlichen Kirchensteuereinzugs, die Öffnung der weltanschaulichen Sendeplätze, die Angleichung des kirchlichen Arbeitsrechts: Nichts davon entsteht aus einer Haltung des Loslassens. Alles davon entsteht aus Gesetzgebung. Das war schon der Kern unserer Kritik am „Wort zum Sonntag“ über das Recht auf Reparatur – Haltung reicht nicht, deshalb wurde ein Gesetz nötig. Hier gilt derselbe Satz, nur mit umgekehrten Vorzeichen: Die Kirchen haben eine ausgefeilte Methodik für das Beenden dessen, was ihnen ohnehin wegbricht. Für das Beenden ihrer Privilegien wird man weiterhin den Bundestag brauchen.

Fazit

„exmove“ ist das bemerkenswerteste kirchliche Dokument, das uns in diesem Jahr bisher untergekommen ist – nicht wegen seiner Thesen, sondern weil es keine hat. Es ist die Verfahrensbeschreibung einer Institution, die ihren eigenen Rückbau organisiert und dabei so professionell vorgeht, dass die Frage nach dem Wohin gar nicht mehr auftaucht. Sie ist nicht beantwortet und nicht gestellt.

Wer wissen will, wohin es geht, muss die Fußnoten lesen: „vom würdevollen Sterben“, „gepflegt kleiner werden“. Und wer wissen will, was diese Institution über sich selbst denkt, wenn keine Kamera läuft, findet es in einem Gebet aus einer Jenaer Schreibwerkstatt, in dem sexualisierte Gewalt und der Streit über die Wandfarbe im Klo untereinander stehen, unter der Überschrift: Was bleiben soll, und was nicht.

Beide Sätze sind ehrlicher als alles, was auf der Projektseite steht. Man müsste sie nur nach vorn holen.

Belege und Quellen

midi, „exmove – midi Exnovations-Tools“, Testversion 1.0, April 2025, abrufbar über mi-di.de/exmove (alle Zitate zur Toolbox daraus); midi-Magazin, „Aufhören, um weiterzukommen – Exnovation als Schlüssel zur Transformation“EKD zur Gründung von midi (Dezember 2018)EKD/DBK, „Kirche im Umbruch – Projektion 2060“ (Freiburger Studie, Mai 2019); John R. Kimberly, „Managerial Innovation“, in: Nystrom/Starbuck (Hg.), Handbook of Organizational Design, 1981; Heyen/Hermwille/Wehnert, Exnovation als Beendigung bestehender Strukturen, 2017; ForuM-Studie zur sexualisierten Gewalt in der evangelischen Kirche (25. Januar 2024)hpd.de zu den Staatsleistungen 2025fowid: Kirchenmitglieder Ende 2025; Picasso im Gespräch mit Christian Zervos, Cahiers d’Art, 1935.

KI

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