Der Weltenbrand kommt nicht aus der Edda

Lesezeit: ~ 6 Min.

Darum geht es

Benedikt Welter schreibt im „Wort zum Sonntag“ die Lust am Weltenbrand der „germanischen Seele“ zu und die Achtung vor der Schöpfung der Taufe – dabei stammt die am meisten ausgearbeitete Feuer-Apokalyptik Europas aus seiner eigenen Tradition, und die Achtung vor der Welt kam aus der Wissenschaft.

Der Rauch war echt

Man muss dem Beitrag zugutehalten, dass er zumindest oberflächlich betrachtet von etwas Wirklichem handelt. Benedikt Welter, Pfarrer in Trier und seit Januar 2016 Sprecher im „Wort zum Sonntag“, beginnt mit der Nase: beißender Geruch, gereizte Augen, ein Stechen im Rachen, fahles Sonnenlicht, abgebrochene Volksfeste, ein überlasteter Notruf. Das war die Woche vom 14. August in Trier, und die Beschreibung stimmt.

Auch die Lagemeldung stimmt. Im Hürtgenwald brannten seit dem 14. August rund 300 Hektar – der größte Waldbrand in der Geschichte Nordrhein-Westfalens; etwa 2.000 Menschen wurden aus Gey evakuiert, bis zu 1.800 Einsatzkräfte waren im Einsatz, gelöscht war das Feuer erst am 21. August. Im belgischen Hohen Venn brannten rund 2.000 Hektar Wald und Moor, laut RTBF der größte Brand, den Belgien je erlebt hat. Und der Rhein, den Welter „praktisch unschiffbar“ nennt, stand bei Kaub Mitte August bei minus zwei Zentimetern, dem niedrigsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen 1880.

Wer die Klimakatastrophe zur besten Sendezeit Klimakatastrophe nennt und nicht „Wandel“, hat sich diesen Absatz verdient. Umso genauer lohnt der Blick darauf, was der Beitrag mit der richtigen Diagnose dann anstellt.

Der Weltenbrand-Bumerang

Die dramaturgische Mitte der Sendung ist eine Gegenüberstellung:

„In der germanischen Seele und ihrer Sagenwelt gibt es offensichtlich eine Faszination für so einen Weltenbrand. Da lässt der listige Loki alles in Flammen aufgehen. Da herrscht Spaß am Untergang. […] Die mit Wasser getaufte Christenseele tickt da anders. Die kennt keine Freude am brennenden Weltuntergang.“

Das ist in jedem einzelnen Bestandteil unzutreffend.

Erstens die Mythologie: Im Ragnarök zündet nicht Loki die Welt an, sondern Surt, der Feuerriese aus Muspellsheim, der laut Völuspá „von Süden“ mit dem Flammenschwert heranfährt. Loki steuert das Totenschiff und fällt im Zweikampf mit Heimdall.

Zweitens der angebliche „Spaß am Untergang“: Die Völuspá endet nicht im Feuer. Sie endet damit, dass die Seherin die Erde zum zweiten Mal aus dem Wasser auftauchen sieht, wieder grünend, und Baldr zurückkehrt. Es ist ein Erneuerungsmythos – strukturell übrigens genau das, was Welter zwei Sätze später als spezifisch christliches Versprechen ausgibt.

Drittens, und das ist der eigentliche Punkt: Die detailfreudigste und über anderthalb Jahrtausende institutionell gepflegte Vorstellung eines brennenden Weltendes ist christlich.

Der zweite Petrusbrief kündigt an, der Himmel werde „mit Getöse vergehen“ und die Elemente im Feuer verglühen; wenige Verse später zergehen „die Himmel im Feuer“ und die Elemente schmelzen „im Brand“ (2 Petr 3,10.12). Die Offenbarung liefert die Bildregie. Und die Sequenz Dies irae, dem 13. Jahrhundert zugeschrieben, öffnet mit der Zeile solvet saeclum in favilla – „löst die Welt in Asche auf“. Dieser Text war bis zur Liturgiereform 1970 fester Bestandteil der katholischen Totenmesse. Er wurde nicht widerwillig geduldet, sondern gesungen, vertont von Mozart bis Verdi, jahrhundertelang, in jeder Pfarrkirche.

„Die kennt keine Freude am brennenden Weltuntergang“ – ein Satz, der die eigene Liturgiegeschichte entweder nicht kennt, der sein Publikum für unwissend hält, oder der bewusst in betrügerischer Absicht so formuliert wurde. Man kann sich aussuchen, welche Variante am ehesten zutrifft.

Der Rest ist Empirie, und sie ist unbequem: Barker und Bearce haben 2013 im Political Research Quarterly gezeigt, dass der Glaube an eine bevorstehende Endzeit in den USA ein eigenständiger, statistisch signifikanter Prädiktor für die Ablehnung von Klimapolitik ist. Wer die Welt für ein Provisorium mit Ablaufdatum hält, investiert nicht in ihre Instandhaltung. Der Weltenbrand ist keine folkloristische Altlast der Wikinger, sondern ein wirksamer Faktor in der Klimapolitik der größten Volkswirtschaft der Erde – und er ist christlich.

Zwei Fußnoten, die der Beitrag nicht hat

Welter zitiert am Ende: „‚Mensch, halt ein, wo laufst du hin?‘ hat ein mittelalterlicher Denker gerufen.“ Gemeint ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Angelus Silesius: „Halt an, wo laufst du hin, der Himmel ist in dir; / Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.“

Nur war Angelus Silesius kein mittelalterlicher Denker. Johannes Scheffler wurde 1624 in Breslau geboren, starb dort 1677 und veröffentlichte den Cherubinischen Wandersmann 1657 – das ist Barock, neun Jahre nach dem Westfälischen Frieden, zeitgleich mit Pascal und Spinoza. Zwischen dem Mittelalter und diesem Distichon liegen Buchdruck, Reformation und Kopernikus.

Wichtiger als die Epoche ist der Inhalt. Das Distichon handelt nicht von Maßhalten, nicht von Ressourcen und nicht von der Welt. Es sagt: Hör auf, draußen zu suchen, Gott ist in dir. Ein mystischer Vers über Innerlichkeit wird hier zur ökologischen Mahnung umgewidmet – ausgerechnet in einem Beitrag, der das Gegenteil verlangt, nämlich den Blick nach außen zu richten, auf brennende Wälder und trockene Äcker. Der Autor, ein Konvertit und ab 1661 Priester, der Dutzende teils bösartige Streitschriften gegen Protestanten verfasste, wäre über seine Verwendung als sanfter Naturfreund vermutlich überrascht.

Die zweite Fußnote betrifft das Bibelzitat: „in einem Brief an die Gemeinde in Kolossä in Kleinasien, wohl vom Apostel Paulus geschrieben“. Das „wohl“ zeigt in die falsche Richtung. Der Kolosserbrief gilt in der historisch-kritischen Exegese mehrheitlich als deuteropaulinisch, also als nach Paulus’ Tod unter seinem Namen verfasst; Sprache, Stil und Christologie weichen von den unbestrittenen Paulusbriefen ab. „Wohl nicht“ wäre redlicher gewesen – und es geht dabei um die Autorität, mit der der Zentralsatz des Beitrags vorgetragen wird.

„Alles hat in ihm Bestand“

Dieser Zentralsatz lautet: „Durch Jesus Christus und auf ihn hin ist alles geschaffen. Alles hat in ihm Bestand“ (nach Kol 1,16 f.). Er steht in einem Beitrag, der zwei Minuten später feststellt: „Gottes Schöpfung dürrt und brennt und ertrinkt.“

Jesus: »Ich bin dazu gekommen, ein Feuer auf die Erde zu werfen, und was sollte ich lieber wünschen, als daß es schon brennte! 

Lukas 12,49 MENG

Man kann den Widerspruch fromm auflösen, indem man „Bestand“ metaphysisch und „brennt“ physikalisch liest. Nur behauptet die Aussage dann nichts mehr. Ein Bestand, der mit 2.300 Hektar verbranntem Wald, evakuierten Dörfern und einem Rhein unter Null vollständig verträglich ist, ist kein Bestand, sondern eine Formel.

Interessanter ist die Verteilung der Zuständigkeiten, und sie ist bemerkenswert asymmetrisch. Die Schöpfung: geschenkt und anvertraut, „ganz ohne unser Zutun“. Die Erneuerung: von Tod und Auferstehung versprochen. Die Zerstörung: menschengemachte Überhitzung, ausgelöst von „einem sorglosen oder einem bösen Menschen“.

Alles Gute kommt von oben, alles Schlechte von uns – und die Instanz, die alles im Bestand hält, hat mit dem, was gerade brennt, nichts zu tun. Dieselbe Buchführung haben wir hier bei der Theodizee-Frage schon beschrieben. Sie hat einen Vorteil: Sie ist unwiderlegbar. Und einen Nachteil: Sie erklärt nichts.

Wer hat die Achtung vor der Welt eigentlich erfunden?

„Gott und Jesus Christus selbst haben sie uns geschenkt und sie uns anvertraut“ – die Achtung vor der Welt als Taufgeschenk. Diese Herleitung hat ein Problem, das seit fast sechzig Jahren diskutiert wird.

1967 veröffentlichte der Mediävist Lynn White jr. in Science den Aufsatz „The Historical Roots of Our Ecologic Crisis“ mit der These, das Christentum sei „die anthropozentrischste Religion, die die Welt gesehen hat“, und der Auftrag aus Genesis 1,28 – macht euch die Erde untertan – habe die Ausbeutung der Natur theologisch legitimiert. Die These ist seither vielfach kritisiert worden und sicher zu monokausal. Ihr Kern bleibt: Der biblische Schöpfungsauftrag ist ein Herrschaftsauftrag, und die Umdeutung des dominium terrae zum Bewahrungsauftrag ist keine Entdeckung der Kirchenväter, sondern eine Reaktion des 20. Jahrhunderts.

Die Chronologie ist unerbittlich. Rachel Carsons Silent Spring: 1962. Club of Rome und erste UN-Umweltkonferenz: 1972. Weltklimarat: 1988. Die erste Umweltenzyklika eines Papstes, Laudato si’: 2015. Wer 2026 sagt, die Achtung vor der Welt sei uns geschenkt worden, verwechselt die Reihenfolge: Erst kam die Messreihe, dann die Kurve, dann die Bewegung, dann die Politik – und dann die theologische Vereinnahmung. Es ist dasselbe Muster, das wir beim „Wort zum Sonntag“ zum EU-Recht auf Reparatur beschrieben haben, nur mit höherem Einsatz.

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Der böse Mensch und die Munition im Boden

Der Beitrag erklärt die einzelne Katastrophe so: „Oft genug löst auch noch ein sorgloser oder ein böser Mensch die einzelne Katastrophe aus.“ Und die allgemeine so: „An Erkenntnis mangelte es schon damals eigentlich nicht, aber an Einsicht in weiten Kreisen leider noch heute.“

Beides individualisiert ein strukturelles Problem. Ob ein Funke zum Flächenbrand wird, entscheidet nicht die Moral dessen, der ihn verursacht, sondern der Zustand des Waldes: Trockenheit, Bodenwasserdefizit, standortfremde Nadelholz-Monokulturen, Reisig aus Trockenschäden. Und wie schnell er gelöscht wird, entscheidet die Ausstattung.

Im Hürtgenwald kann man das mit ungewöhnlicher Deutlichkeit sehen. Der Wald ist mit Kampfmitteln aus dem Zweiten Weltkrieg durchsetzt; während der Löscharbeiten detonierte Munition im Boden, Einsatzkräfte konnten Brandzonen nicht betreten, teilweise waren Sicherheitsabstände von über 500 Metern nötig. Was stattdessen half: vier Bergepanzer der Bundeswehr, die Schneisen schlugen, zehn Hubschrauber mit rund 57.000 Litern Wasser, ferngesteuerte Löschfahrzeuge, tschechische Einheiten, schwedische und niederländische Löschflugzeuge. Im Hohen Venn brannte der Torf unterirdisch weiter – „Zombiefeuer“, die tagelang wieder aufflammen.

Das ist die säkulare Alternative, und sie ist unromantisch: Waldumbau zu Mischwald, Kampfmittelräumung, Löschwasserinfrastruktur, europäische Katastrophenschutzverbünde, verlässlich finanzierte Feuerwehren, funktionierende Warnsysteme – und, weiter oben in der Kausalkette, eine Klimapolitik, die den nächsten Sommer nicht noch trockener macht. Nichts davon ist eine Frage der Einsicht. Alles davon ist eine Frage von Haushaltstiteln, Zuständigkeiten und Mehrheiten.

Wer 1.800 Einsatzkräfte eine Woche lang im Feuer stehen sieht und daraus „mangelnde Einsicht“ diagnostiziert, hat sich das falsche Problem ausgesucht.

Und am Ende: Regen

Bleibt der Schluss. Nach zweieinhalb Minuten korrekter Klimadiagnose – Dürre, Brände, Unwetter, Tornados, Rhein – endet die Sendung mit dem Wunsch nach „einem mit sanftem Regen gesegneten Sonntag“, unter dem die Erde „wohlig stöhnend“ aufjauchzt. Ein schönes Bild, und der Punkt, an dem der Beitrag in sich zusammenfällt. Die Frage „Wer wird da bereit sein, endlich die richtigen Schlüsse zu ziehen?“ steht im Text – beantwortet wird sie nicht. Kein Adressat, keine Maßnahme, keine Zahl, kein Name. Ausgesprochen wird am Ende die Bitte um Wetter.

Die Entwarnung, von der Welter zu Beginn erzählt, kam nicht aus dem Gebet. Sie kam von Feuerwehr und Wetterdienst. Und der Regen, der am Hohen Venn tatsächlich Entspannung brachte, kam aus einem Tiefdruckgebiet, dessen Zugbahn Tage vorher berechnet worden war – von Menschen, die die Achtung vor der Welt so ausdrücken, dass sie sie vermessen.

Genau das wäre die humanistische Antwort auf Welters Frage nach dem „tiefen Staunen darüber, dass etwas ist und nicht nichts“. Das Staunen bleibt. Es braucht nur keinen Eigentümer. Eine Welt, die niemandem geschenkt wurde und niemandem gehört, verpflichtet nicht weniger, sondern mehr – denn dann gibt es keine Instanz, die am Ende alles zum Guten erneuert. Dann sind wir es, oder es ist niemand.

Quellen: Kreis Düren zum Waldbrand Hürtgenwald, euronews: größter Waldbrand der NRW-Geschichte, ingenieur.de: Spezialtechnik und Kampfmittel im Hürtgenwald, WirtschaftsWoche: Rhein-Niedrigwasser 2026, Barker/Bearce, Political Research Quarterly 2013, Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann (Gutenberg), Benedikt Welter (Wikipedia)
Wort zum Sonntag: Benedikt Welter: „Wo bleibt die Achtung vor der Welt?“, 22.8.26, ARD/daserste.de

KI

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