Fragt nicht, was die Kirche für euer Land tun kann

Lesezeit: ~ 7 Min.

Darum geht es

Alexander Höner verkauft im „Wort zum Sonntag“ einen Satz aus einer Kalte-Kriegs-Rede als „christliche Weisheit“ und empfiehlt Freiwilligen, mit Bäckerei, Poststelle und Fahrdienst die Lücken zu stopfen, die Konzernentscheidungen und Sparpolitik gerissen haben – während er den Bürgern das Nachfragen nach den Verantwortlichen ausdrücklich verbietet.

Der Abend, an dem Kennedy evangelisch wurde

Alexander Höner, evangelischer Pfarrer in Berlin, Leiter der Arbeits- und Forschungsstelle „Theologie der Stadt“ im Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg und seit 2022 Sprecher im „Wort zum Sonntag“, hat seine Ausgabe „Alles Dreck“ genannt. Der Titel ist ein Zitat der Leute, gegen die er anredet: „Das, was die da oben beschließen, ist doch der letzte Dreck.“

Der Aufbau ist handwerklich sauber. Ein Rätselzitat am Anfang, die Auflösung in der Mitte, die Anwendung auf Deutschland am Schluss. Das Zitat ist John F. Kennedys „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann. Fragt, was ihr für euer Land tun könnt“ – gesprochen am 20. Januar 1961, also tatsächlich vor 65 Jahren. Dann kommt der Satz, an dem der ganze Beitrag hängt: „Er spricht eine christliche Weisheit aus: Wenn du gibst, hast du mehr davon und die Gemeinschaft auch.“

Dieser eine Satz enthält drei Behauptungen, und keine davon hält.

Drei Etikettenschwindel in einem Zitat

Erstens ist der Satz nicht christlich, sondern republikanisch-patriotisch. Er hat weltliche Vorläufer, die gut dokumentiert sind: Warren G. Harding forderte 1916 auf dem Parteitag der Republikaner „a citizenship less concerned about what the government can do for it and more anxious about what it can do for the nation“; ähnliche Formulierungen finden sich bei Oliver Wendell Holmes Jr. Kennedys Redenschreiber Ted Sorensen hat die Herkunft nie vollständig aufgeklärt – auf die Bibel hat sie niemand zurückgeführt.

Zweitens meint er nicht, was Höner ihn meinen lässt. Die Antrittsrede ist eine Kalte-Kriegs-Rede. Wenige Absätze vor dem berühmten Satz steht: „Let every nation know […] that we shall pay any price, bear any burden, meet any hardship, support any friend, oppose any foe, in order to assure the survival and the success of liberty.“ Das ist kein Appell zur Nachbarschaftshilfe, sondern zur nationalen Opferbereitschaft im Systemkonflikt. „Was ihr für euer Land tun könnt“ hieß bei Kennedy: staatlich organisierter Dienst, Wehrdienst, Entwicklungsprogramme, die „alliance for progress“ – exakt das Gegenteil von privatem Lückenfüllen anstelle öffentlicher Aufgaben.

Drittens ist der Satz alles andere als der harmlose Gemeinplatz, als der er hier vorgetragen wird. Milton Friedman eröffnete 1962 „Capitalism and Freedom“ mit einem Angriff genau auf diese Zeile: Der erste Teil mache den Bürger zum Mündel, der zweite die Regierung zum Herrn – „neither half of the statement expresses a relation between the citizen and his government that is worthy of the ideals of free men in a free society“. Man muss Friedman nicht folgen. Aber wer einen der meistdiskutierten politischen Sätze des 20. Jahrhunderts als schlichte Lebensweisheit ausgibt, hat entweder die Debatte nicht gelesen oder sie weggelassen.

Bleibt die „christliche Weisheit“ selbst: „Wenn du gibst, hast du mehr davon.“ Reziprozität ist kein konfessionelles Eigentum, sondern die am besten belegte Grundregel menschlicher Vergesellschaftung überhaupt – bei Seneca, im Konfuzianismus, in jeder ethnologischen Feldstudie. Das nächstliegende Bibelwort dazu, „Geben ist seliger als Nehmen“ (Apostelgeschichte 20,35), zitiert Paulus als Herrenwort, obwohl es in keinem einzigen Evangelium steht. Es ist ein Agraphon – ausgerechnet die christliche Beglaubigung des Gebens ist selbst ein Zitat ohne Quelle.

Kurioserweise enthält Kennedys Rede tatsächlich einen theologischen Satz, und zwar den letzten: „knowing that here on earth God’s work must truly be our own“. Er sagt: Gott wird es nicht machen, wir müssen es machen. Das ist der säkularste Gedanke des ganzen Textes – und der einzige, den Höner nicht zitiert.

Die Liste, in der aus Nachfragen ein Verdacht wird

Der argumentativ heikelste Moment des Beitrags ist eine Aufzählung: „Fragt nicht schon wieder, wer etwas verbockt hat, was alles schief läuft und verschwinden muss oder welches Lügensystem hinter allem steckt.“

In dieser Reihe stehen drei völlig verschiedene Dinge nebeneinander. Die Frage, wer etwas verbockt hat, ist die Kernfunktion demokratischer Verantwortlichkeit – ohne sie gäbe es keine Untersuchungsausschüsse, keine Abwahl, keinen Rechnungshof. Die Frage, was schiefläuft, ist Sachkritik. Und „welches Lügensystem hinter allem steckt“ ist Verschwörungsdenken.

Durch die bloße Reihung färbt das Letzte auf das Erste ab. Wer nach Verantwortung fragt, findet sich rhetorisch neben dem Mann wieder, der die Mondlandung für gefälscht hält. Das ist derselbe Kategorienfehler, den wir hier schon bei Anke Prumbaums Reparatur-Predigt beschrieben haben, nur mit höherem Einsatz: Dort wurden Toaster, Demokratie und Beziehungen in einen Topf geworfen; hier werden Rechenschaft und Wahn in einen Satz gepackt.

Der Bäckerladen, den keine Freiwilligen retten

Dann wird Höner konkret, und hier kippt der Beitrag von der Erbauung in die Politik: „Macht den pleite gegangenen Bäckerladen in eurem Ort wieder auf, mit Freiwilligen, wenigstens für einen Tag in der Woche.“

Sehen wir uns an, warum dieser Laden zugemacht hat. Das Bäckerhandwerk zählte 2025 noch 8.659 Betriebe; 2015 waren es 12.155, 2020 noch 10.181. Im selben Zeitraum stieg der Branchenumsatz auf 18,14 Milliarden Euro. Es wird also nicht weniger Brot gekauft – es wird von immer weniger, immer größeren Betrieben verkauft, mit im Schnitt 26,8 Beschäftigten und 43.500 Verkaufsstellen. Was hier passiert, ist Konzentration: Energiekosten, Personalkosten, Discounter-Backautomaten, fehlende Nachfolger.

Gegen diese Ursachen hilft kein Freiwilligendienst. Und der Vorschlag ist nicht nur ökonomisch naiv, er ist rechtlich schlicht nicht durchführbar. Ein Betrieb, der Backwaren an Kunden abgibt, ist ein Lebensmittelunternehmen: Gewerbeanmeldung, Registrierung beim Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt, Hygieneschulungen nach der EU-Lebensmittelhygieneverordnung, Belehrung nach Infektionsschutzgesetz, Haftpflicht, Kassenpflicht. Der „pleite gegangene“ Laden gehört außerdem in aller Regel der Insolvenzmasse oder dem Vermieter. Wer mit einer Handvoll Nachbarn samstags die Rollläden hochzieht, bekommt keinen Applaus vom Ordnungsamt, sondern Post.

Das ist der Punkt, an dem der freundliche Appell zynisch wird: Er verlangt von Ehrenamtlichen, ein strukturelles Marktproblem mit unbezahlter Arbeit zu lösen – und suggeriert im selben Atemzug, wer das nicht tut, jammere nur.

Die Poststation, die einem Konzern die Pflicht abnimmt

Noch deutlicher wird es beim zweiten Beispiel: „Gründet mit dem Pfarrer eine Poststation in der Kirche.“

Postversorgung ist kein Gnadenakt und kein Ehrenamtsprojekt, sondern gesetzlicher Universaldienst. Das im Juli 2024 novellierte Postgesetz schreibt bundesweit 12.000 Filialen vor. Neu ist, dass Automaten künftig Filialen ersetzen dürfen und Briefe langsamer zugestellt werden können. Zu erbringen hat diese Pflicht ein Unternehmen, das im Geschäftsjahr 2025 ein Konzern-EBIT von 6,1 Milliarden Euro und einen Gewinn nach Steuern von 3,5 Milliarden Euro auswies, die Dividende auf 1,90 Euro erhöhte und für 1,4 Milliarden Euro eigene Aktien zurückkaufte.

Höners Vorschlag lautet in der Sache: Ehrenamtliche mögen bitte helfen, einem DAX-Konzern die Erfüllung seiner gesetzlichen Verpflichtung zu erleichtern. Kostenlos. Im Gemeindehaus. Und dabei bitte nicht fragen, wer etwas verbockt hat.

Was Bürgerbusse wirklich brauchen

Das dritte Beispiel – „ein Fahrservice für die Älteren“ – ist das interessanteste, weil es das Gegenteil von dem beweist, was es beweisen soll. Bürgerbusse gibt es wirklich, und sie funktionieren. In Nordrhein-Westfalen fahren rund 150 Bürgerbusvereine mit etwa 3.200 Ehrenamtlichen jährlich über fünf Millionen Kilometer und befördern mehr als 1,2 Millionen Fahrgäste.

Nur entsteht so ein Bus nicht dadurch, dass jemand aufhört zu meckern. Er braucht einen eingetragenen Verein, eine Liniengenehmigung der Bezirksregierung nach dem Personenbeförderungsgesetz, ein kooperierendes Verkehrsunternehmen für Technik und Fahrplan – und Geld vom Staat: 35.000 bis 84.000 Euro Zuschuss pro Fahrzeug, dazu 6.500 bis 7.500 Euro jährlich pro Verein.

Ehrenamt in dieser Größenordnung ist also nichts, was aus Haltung erwächst. Es erwächst aus Recht, Organisation und öffentlicher Finanzierung – aus genau der Ebene, über die man laut Höner nicht mehr streiten soll. Sein einziges funktionierendes Beispiel widerlegt seine These.

Wer hier wen um Engagement bittet

Bemerkenswert ist auch, aus welcher Position dieser Appell kommt. Die Kirchen verloren 2025 rund 1,13 Millionen Mitglieder; Ende 2025 gehörten ihnen noch 43,8 Prozent der Bevölkerung an, 19,22 Millionen Katholiken und 17,4 Millionen Protestanten. Rund 657.000 Menschen traten aus. Gemeinden werden fusioniert, Pfarrstellen zusammengelegt, Gebäude aufgegeben – die Institution, die hier den Rückzug aus der Fläche beklagt, vollzieht ihn selbst.

Zugleich flossen 2025 657 Millionen Euro an Staatsleistungen an die beiden großen Kirchen, 6,2 Prozent mehr als im Vorjahr – Zahlungen, deren Ablösung Artikel 140 Grundgesetz in Verbindung mit Artikel 138 der Weimarer Reichsverfassung seit 1919 vorschreibt und die seither von keiner Bundesregierung umgesetzt wurde, auch von der amtierenden nicht. Ein hübscher Zufall der Statistik: 657.000 Austritte, 657 Millionen Euro.

Man darf beides nebeneinanderstellen: Die Bürger sollen unbezahlt einspringen, wo der Staat sich zurückzieht. Die Kirche bekommt weiterhin bezahlt, wo die Verfassung ihr das Ende der Zahlungen verordnet hat. Über das eine wird gepredigt, über das andere nicht.

Die Meckergesellschaft, die es so nicht gibt

Die Ausgangsdiagnose lautet, „andere Stimmen“ würden ihn „komplett überrollen“, überall werde nur geklagt. Zwei Minuten später sagt derselbe Text: „Und es passiert schon millionenfach.“

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Das Zweite stimmt und widerlegt das Erste. Nach dem sechsten Freiwilligensurvey engagierten sich 2024 rund 36,7 Prozent der Menschen ab 14 Jahren freiwillig – knapp 27 Millionen Personen. Gegenüber 2019 (39,7 Prozent) ist das ein Rückgang, aber weiterhin ein historisch hohes Niveau. Es gibt keine Gesellschaft aus Nörglern, die man erst zum Engagement überreden müsste.

Und die Gegenüberstellung selbst ist falsch. Unzufriedenheit und Engagement sind keine Gegensätze, sondern hängen zusammen: Wer die Tafel organisiert, den Verein am Laufen hält oder Geflüchtete begleitet, sieht die Lücken zuerst und benennt sie am schärfsten. Die Vorstellung, wer sich beteilige, höre auf zu kritisieren, hat mit der Praxis des Ehrenamts wenig zu tun. Sie beschreibt eher ein Wunschbild: Bürger, die anpacken und dabei still sind.

„Ich will kein Wir hier und die da“

Der Schluss verlangt Respekt, Zuhören und ein Ende der Feindbilder: „Ich will Respekt und ein Zuhören, auch wenn ich mal anderer Meinung bin.“ Das ist ein sympathischer Satz. Er steht nur am Ende eines Textes, der zuvor eine ganze Bevölkerungsgruppe als Kollektiv beschrieben hat: Besserwisser, die auf Partys herumjammern, aufs Handy starren und sich anstecken lassen.

Wer Pauschalurteile beklagt und dabei pauschal urteilt, betreibt genau das „Wir hier und die da“, das er ablehnt – nur mit der eigenen Position auf der guten Seite. Und der Harmonieappell hat einen Preis: Er entzieht realen Interessenkonflikten die Sprache. Ob Pflegekräfte mehr verdienen, wer die Kosten des Klimaschutzes trägt, wie Renten finanziert werden – das sind keine Missverständnisse, die sich durch besseres Zuhören auflösen. Das sind Verteilungsfragen mit Gewinnern und Verlierern. Demokratie ist das Verfahren, solche Konflikte zivil auszutragen, nicht die Technik, sie zu übertönen.

Auch der Schlusssatz verdient einen zweiten Blick: „Wir sind ein Land, demokratisch, mit Respekt, Anstand und Nächstenliebe.“ Zwei dieser Begriffe stehen im Grundgesetz nicht. Es kennt Menschenwürde, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit – einklagbare Zusagen. Nächstenliebe dagegen ist freiwillig, asymmetrisch und kennt nur Gebende und Empfangende, aber keine Ansprüche. Wer als Alleinerziehende auf Kinderbetreuung wartet, braucht kein Wohlwollen, sondern einen Rechtsanspruch. Genau das war schon der Kern der Reparatur-Predigt: Haltung reicht nicht, deshalb wurde ein Gesetz nötig.

Was stattdessen zu sagen wäre

Die säkulare Antwort auf Politikverdrossenheit ist nicht weniger Kritik, sondern wirksamere Beteiligung. Sie besteht aus drei Dingen, die im Beitrag alle fehlen.

Erstens: Solidarität braucht Struktur, nicht Gesinnung. Verlässlich wird Hilfe, wenn sie ein Recht ist – Nahversorgungskonzepte der Kommune, Ausschreibung von Rufbussen, ein Universaldienst, der Automaten nicht als Filiale zählt. Ehrenamt kann das ergänzen und veredeln. Ersetzen kann es das nicht, denn es hat keine Verlässlichkeit, keinen Anspruch und keine Haftung.

Zweitens: Beteiligung mit Durchsetzungsmacht. Höner rät ausdrücklich davon ab, sich auf das Wählen zu verlassen – „nicht nur irgendwelche Parteien zu wählen, die das dann schon für euch in die Hand nehmen“. Damit wertet er ausgerechnet die Instrumente ab, die Macht tatsächlich verteilen: Wahlen, Bürgerbegehren, Einwohneranträge, Vereins- und Verbandsarbeit, Klagerechte. Wer sich im Bürgerbusverein engagiert und gleichzeitig im Rat für Nahverkehrsmittel streitet, tut mehr für sein Land als jemand, der beides durch gute Laune ersetzt.

Drittens: Kritik ist keine Krankheit. Die Fähigkeit, öffentlich zu sagen, dass etwas nicht funktioniert und wer dafür verantwortlich ist, ist kein Charakterfehler, sondern die Voraussetzung von Selbstregierung. Was Verschwörungsdenken von Kritik unterscheidet, ist nicht die Lautstärke, sondern die Prüfbarkeit: Kritik nennt Belege, benennt Adressaten und akzeptiert Widerlegung. Genau diese Unterscheidung müsste man Menschen beibringen. Höner löscht sie.

Bleibt eine letzte Beobachtung, die diese Sendereihe zunehmend prägt: In diesen rund fünf Minuten kommt kein Gott vor, keine Bibelstelle, kein theologisches Argument – nur das Etikett „christliche Weisheit“ auf einem amerikanischen Präsidentenzitat und die Formel „Bleiben Sie behütet“ am Schluss. Wenn der Inhalt vollständig säkular ist, stellt sich unabweisbar die Frage, warum es dafür einen konfessionell reservierten Sendeplatz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen braucht, den keine humanistische und keine philosophische Stimme beanspruchen kann. Fragt nicht, was der Rundfunk für die Kirchen tun kann.

Quellen: Alexander Höner – rundfunk.evangelisch.de, domradio: Neuer Sprecher Alexander Höner, Ralph Keyes: Ask Not Where This Quote Came From, Kennedy-Antrittsrede im Wortlaut, Friedman, Capitalism and Freedom (Kap. 2, PDF), Sechster Freiwilligensurvey (Bundesregierung, PDF)

KI

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