Der Schatz und das Kleingedruckte: Was Buß zwei Verse später verschweigt

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Darum geht es

Stefan Buß verkauft das Reich Gottes als Schatz mit garantierter Rendite – und kürzt genau die zwei Verse weg, in denen sein eigener Bibeltext den Feuerofen für alle vorsieht, die nicht zugreifen.

Stadtpfarrer Stefan Buß hat auf Osthessen|News einen neuen Impuls veröffentlicht: „Der Schatz des Lebens“. Er handelt von den Gleichnissen aus Matthäus 13, von König Salomo und der Frage, woran unser Herz hängt. Der Text ist freundlich, gut gebaut und endet mit einem Satz, der alles zusammenfasst: „Wer Christus gefunden hat, hat für sich den wahren Schatz seines Lebens gefunden.“

Bis dahin passiert dreierlei: Ein Bibeltext wird an der entscheidenden Stelle abgeschnitten, ein Kronzeuge wird aufgerufen, dessen Geschichte man besser nicht weiterliest, und ein Angebot wird gemacht, dessen Gegenwert niemand prüfen kann.

Der Feuerofen, der nicht mehr in den Impuls passte

Buß schreibt: „Im Evangelium spricht Jesus noch vom Netz, das Fische aller Art sammelt (Mt. 13, 47-48). Das Reich Gottes ist offen für alle Menschen.“

Man beachte die Versangabe. Sie endet bei 48. Was in 49 und 50 folgt, ist nicht etwa ein anderes Thema, sondern die Auslegung, die der Erzähler selbst mitliefert: „So wird es auch bei dem Ende der Welt sein: Die Engel werden kommen und die Bösen aus der Mitte der Gerechten aussondern und sie in den Feuerofen werfen. Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.“

Schon Vers 48, den Buß noch mitzitiert, sagt es im Bild: „die schlechten aber warfen sie weg.“ Das Netz ist kein Bild der Offenheit, es ist ein Bild der Sortierung. Genau diese Pointe verschwindet, und an ihre Stelle tritt der Satz: „Der Schatz wird niemandem aufgezwungen. Er will entdeckt und angenommen werden.“ Nach dem Text, den Buß zitiert, wird gerade nichts freigestellt: Wer nicht annimmt, landet nicht in der Freiheit, sondern im Ofen. Ein Angebot, dessen Ablehnung mit ewiger Bestrafung sanktioniert ist, heißt in jedem anderen Kontext nicht Einladung.

Bemerkenswert ist, dass das kein Ausrutscher ist. Im Impuls zu Mariä Himmelfahrt zitierte Buß den paulinischen „Wohlgeruch Christi“ (2 Kor 2,15) und ließ die zweite Hälfte des Verses weg – die von denen handelt, „die verloren gehen“. Im Antonius-Impuls versprach er, niemand sei „endgültig verloren“, während der Katechismus in Nr. 1035 die ewige Trennung von Gott festhält. Dreimal dasselbe Verfahren: Das Drohpotenzial bleibt in der Lehre, aus dem Impuls wird es herausgekürzt. Wer nur die Impulse liest, lernt eine Religion kennen, die es so nicht gibt.

Der Schatzfinder, der lieber nichts sagt

„Da ist ein Mann, der einen Schatz im Acker findet“, schreibt Buß, „von außen betrachtet mag das verrückt erscheinen. Doch wer den Wert des Gefundenen erkannt hat, weiß: Es lohnt sich.“

Der Vers selbst ist detaillierter: „Ein Mann entdeckte ihn und grub ihn wieder ein. Und in seiner Freude ging er hin, verkaufte alles, was er besaß, und kaufte den Acker“ (Mt 13,44). Der Finder verschweigt dem Eigentümer, was in dessen Boden liegt, und erwirbt das Grundstück zum Preis eines Grundstücks – keine Torheit aus Liebe, sondern eine Transaktion mit einseitigem Informationsvorsprung. Der zweite Held ist ausdrücklich Kaufmann und tut, was Kaufleute tun: Er erkennt eine unterbewertete Ware und kauft.

Beide Gleichnisse sind ökonomisch gedacht, und Buß übernimmt die Ökonomie mitsamt ihrer Sprache: „Es lohnt sich.“ Das ist ein Renditeversprechen. Der Einsatz ist konkret und diesseitig – „Zeit, Kraft und Herz“, nach dem Bild sogar „alles, was er besaß“ –, der Ertrag unbestimmt und erst nach dem Tod fällig. Kein Anbieter dürfte ein Finanzprodukt mit diesem Verhältnis von Einsatz und Nachweis bewerben.

Vorsorglich baut Buß eine Schutzklausel ein: „Jesus erzählt diese Gleichnisse nicht, um uns zu einem leichtfertigen Umgang mit Besitz zu bewegen.“ Woher weiß er das? Derselbe Jesus sagt in Markus 10,21 zum reichen Mann: „Geh, verkaufe, was du hast, gib es den Armen.“ Die Entschärfung stammt nicht aus dem Text, sondern aus der Rücksicht auf ein Publikum, das sein Haus behalten möchte – Auslegung nach Bedarf.

Salomo als Kronzeuge – und was danach kommt

Als Antwort auf die Frage nach dem größten Schatz führt Buß Salomo an: „Salomo bittet nicht um Reichtum, Macht oder ein langes Leben. Er bittet um ein hörendes Herz.“

Das steht so in 1 Kön 3,7–12. Nur endet die Szene nicht bei Vers 12. Vers 13 lautet: „Aber auch das, was du nicht erbeten hast, will ich dir geben: Reichtum und Ehre, sodass zu deinen Lebzeiten keiner unter den Königen dir gleicht.“ Vers 14 stellt für Gehorsam zusätzlich das lange Leben in Aussicht.

Damit kippt die Moral der Geschichte. Erzählt wird nicht der Verzicht auf Reichtum, sondern seine erfolgreichste Erwerbsform: Wer nicht danach fragt, bekommt ihn obendrauf. Das ist kein Gegenentwurf zum Besitzdenken, sondern Besitzdenken mit einem Umweg. Genau der Vers, der das zeigt, fehlt im Impuls – dasselbe Verfahren wie beim Feuerofen, nur eine Buchseite weiter.

Auch die Deutung des „hörenden Herzens“ verschiebt sich. Salomo erbittet es laut Text, „damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ – es geht um Urteilskraft im Amt. Bei Buß wird daraus: „Nur ein hörendes Herz erkennt den Willen Gottes.“ Aus einem Werkzeug der Beurteilung wird ein Empfangsorgan für Anweisungen; aus Unterscheiden wird Gehorchen. Wie praktisch diese Formel im Predigtbetrieb ist, war hier schon an Sabine Krannichs Gebrauch desselben Bildes zu sehen.

Wie sich die göttlich verliehene Weisheit auswirkt, erzählt das Erste Buch der Könige gleich mit: Derselbe König lässt „Leute aus ganz Israel zum Frondienst ausheben“, 30.000 Mann, dazu 70.000 Lastträger und 80.000 Steinhauer (1 Kön 5,27–29). Am Ende hat er „siebenhundert fürstliche Frauen und dreihundert Nebenfrauen“, wendet sich fremden Göttern zu und verliert nach 1 Kön 11,9–11 das Reich – das unmittelbar danach an eben jener Fronlast zerbricht. Hinzu kommt, dass das salomonische Großreich in der Archäologie seit Jahrzehnten umstritten ist; für ein Imperium dieser Größenordnung im 10. Jahrhundert v. u. Z. fehlen die Befunde. Der Kronzeuge ist unhandlicher, als der Impuls verrät.

Die Liste, in der Selbstverwirklichung neben Konsum steht

„Jeden Tag wird uns gesagt, was wichtig sei: Erfolg, Ansehen, Konsum, Selbstverwirklichung. Vieles davon hat seinen Platz. Aber nichts davon kann unserem Leben den letzten Sinn geben.“

Die Aufzählung leistet die Arbeit, die sonst ein Argument leisten müsste. Erfolg, Ansehen und Konsum sind plausible Kandidaten für Oberflächlichkeit – und in ihrem Windschatten fährt „Selbstverwirklichung“ mit durch. Das ist eine Gleichsetzung, keine Analyse: Wer ein Instrument lernt, einen erfüllenden Beruf ergreift oder ein Kind großzieht, verwirklicht sich selbst, ohne etwas zu konsumieren.

Und der „letzte Sinn“? Dass ihn nichts Innerweltliches liefern könne, wird nicht begründet, sondern durch Wiederholung eingeführt. Empirisch spricht wenig dafür: Die Länder, die im World Happiness Report seit Jahren die höchsten Werte für Lebenszufriedenheit erreichen – Finnland, Dänemark, Island, Schweden –, gehören zugleich zu den am stärksten säkularisierten der Welt. Das ist kein Argument gegen den Glauben, widerlegt aber die Behauptung, ohne ihn bleibe eine Lücke.

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„Wird niemandem aufgezwungen“

Der Satz behauptet die Freiwilligkeit des Ganzen – und verdient deshalb eine eigene Prüfung. Die Institution, in deren Auftrag Buß schreibt, tauft Säuglinge. Der Katechismus begründet das in Nr. 1250 damit, dass Kinder „mit einer gefallenen und durch die Erbsünde befleckten Menschennatur zur Welt kommen“ und deshalb „der Wiedergeburt in der Taufe“ bedürfen; das Kirchenrecht hält die Eltern in can. 867 an, die Taufe in den ersten Wochen zu veranlassen. Der Beitritt erfolgt also vor jeder Möglichkeit zu entdecken oder anzunehmen. Er zieht Kirchensteuerpflicht nach sich, sobald ein Einkommen erzielt wird, und der Austritt ist ein behördlicher Akt mit Gebühr, den die Deutsche Bischofskonferenz zusätzlich als schwere Verfehlung mit Sakramentenausschluss bewertet.

„Entdeckt und angenommen werden“ beschreibt einen Vorgang, der bei den meisten Mitgliedern nie stattgefunden hat. Bei ihnen wurde entschieden, bevor sie sprechen konnten.

Der Rückblick, in dem immer Gott gearbeitet hat

„Manchmal merken wir erst im Rückblick, dass Gott schon lange an unserem Leben gearbeitet hat.“ Dieser Satz ist die Sicherung der ganzen Konstruktion. Er erlaubt es, jedes Ereignis nachträglich als Wirken zu verbuchen – die glückliche Fügung ebenso wie die überstandene Krise, den Zufall wie die eigene Anstrengung. Wo nichts geschieht, arbeitet Gott im Verborgenen; wo etwas geschieht, war er es.

Dass Menschen aus ungeordneten Ereignisketten im Nachhinein Erzählungen mit Richtung und Absicht bauen, ist gut untersucht und meist harmlos. Zum Problem wird es, wenn die selbst erzeugte Erzählung als Beleg für ihren eigenen Erzähler gilt – dasselbe geschlossene System wie im Antonius-Impuls, wo jeder Ausgang der Suche als Bestätigung zählte. Was durch keinen denkbaren Verlauf widerlegt werden kann, sagt nichts über die Welt aus.

Die Frage ist gut. Die Antwort muss man nicht kaufen.

„Was ist mein größter Schatz? Woran hängt mein Herz? Worauf vertraue ich wirklich?“ – das sind ernsthafte Fragen, und Buß stellt sie zu Recht. Nur folgt aus ihnen nichts Übernatürliches. Wer prüfen will, woran sein Herz hängt, hat nachprüfbare Mittel: Wie verteile ich meine Zeit tatsächlich? Wen rufe ich an, wenn es schwierig wird, und wer ruft mich an? Was habe ich in den letzten fünf Jahren dafür getan, das zu erhalten, was ich vermissen würde? Der Kalender der vergangenen Woche beantwortet die Frage nach den Prioritäten präziser als jede Innenschau.

Was dabei herauskommt, ist wenig überraschend und gut belegt: Tragfähige Beziehungen, sinnvolle Arbeit, Gesundheit und das Gefühl, etwas bewirken zu können, sind die stabilsten Quellen von Lebenszufriedenheit. Gegenüber dem Schatz im Acker haben sie einen Vorteil – man kann sie im Voraus erkennen, gezielt aufbauen und im Nachhinein überprüfen. Und sie verlangen keinen Totalverkauf: Niemand muss alles hergeben, um einen guten Freund zu haben. Auch der „letzte Sinn“ liegt nicht vergraben in einem Acker und wartet auf seinen Finder. Er entsteht in Beziehungen, in Aufgaben, in dem, was man hinterlässt – hergestellt, nicht gefunden.

Fazit

Der Impuls ist handwerklich sauber und in der Sache lückenhaft – wobei die Lücken auffällig systematisch liegen. Weggelassen wird der Vers mit dem Feuerofen, weggelassen der Vers, in dem Salomo den Reichtum doch bekommt, weggelassen alles, was aus dem Angebot eine Forderung macht. Übrig bleibt eine heuchlerische Einladung ohne Kleingedrucktes.

Die Frage nach dem größten Schatz bleibt trotzdem eine gute Frage. Man sollte sie sich stellen – und die Antwort selbst formulieren, statt sie gegen den Verkauf von allem einzutauschen, was man besitzt. Wer wissen will, woran sein Herz hängt, muss nicht hören. Er muss nachsehen.

KI

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