Darum geht es
Stefan Buß liest im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg eine Liebe ohne Menschen erster und zweiter Klasse – und zieht im selben Satz eine Trennlinie zu allen, die den Glauben nicht teilen. Ungenannt bleiben das Lohnversprechen drei Verse zuvor, die Eigentumsbegründung des Gutsherrn samt Vorwurf des „bösen Auges“ – und vor allem, was nach der Lehre der eigenen Kirche mit denen geschieht, die der Einladung nicht folgen: ewige Trennung von Gott, ohne Frist und ohne Berufung.Stadtpfarrer Stefan Buß hat auf Osthessen|News einen neuen Impuls veröffentlicht: „Der Herr des Weinbergs“. Ausgangspunkt ist ein Urlaub an der Mosel, eine Wanderung durch die Steillagen und die Erinnerung an das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1–16). Der Text ist freundlich, gut gebaut und endet versöhnlich: „Der Herr des Weinbergs sieht in seiner Güte jede und jeden.“
Auf dem Weg dorthin passiert viererlei: Ein Satz nimmt zurück, was der Impuls behauptet. Ein Lohnversprechen aus dem unmittelbaren Kontext fehlt. Das Gleichnis endet anders, als der Impuls es enden lässt. Und die Einladung, um die es angeblich geht, ist keine.
„Keine Menschen erster und zweiter Klasse“ – außer im selben Satz
Die zentrale These lautet: „Bei Gott gibt es keine Menschen erster und zweiter Klasse.“ Ein guter Satz. Er steht allerdings nicht allein da. Vollständig lautet er: „Bei Gott gibt es keine Menschen erster und zweiter Klasse, auch wenn Menschen, die sich mit dem Glauben schwertun oder ihn gar versuchen zu bekämpfen, dies nicht zugänglich ist.“
Der Satz stolpert schon grammatisch – ein Dativ fehlt, das „dies“ hängt in der Luft. Interessanter ist, was er inhaltlich tut. Er führt genau die Unterscheidung ein, die er zwei Halbsätze zuvor bestreitet: hier diejenigen, denen die Botschaft zugänglich ist, dort diejenigen, denen sie es nicht ist. Die Grenze verläuft nicht entlang der Leistung, sondern entlang der Zustimmung.
Hinzu kommt die Konstruktion selbst. Wer den Glauben nicht teilt, wird hier nicht als jemand beschrieben, der zu einem anderen Urteil gekommen ist, sondern als jemand, dem etwas verschlossen bleibt – ein Wahrnehmungsdefizit, keine Position. Das ist rhetorisch bequem, weil es Einwände erledigt, bevor sie formuliert sind: Wer widerspricht, belegt damit nur den unterstellten Mangel. Prüfbar ist an dieser Aussage nichts, und genau das ist ihr Zweck. Es ist dieselbe geschlossene Anlage, die wir hier schon am Antonius-Impuls beschrieben haben, wo jeder Ausgang der Suche als Bestätigung zählte.
Zwei Absätze später heißt es: „Auch wer erst spät im Leben den Glauben entdeckt, wer nach langen Umwegen zu Gott zurückfindet […] – der ist bei Gott willkommen.“ Das Willkommen gilt den Späten, nicht den Bleibenden. Wer gar nicht kommt, taucht in diesem Impuls nur einmal auf: als Beispiel für Unzugänglichkeit.
Der Lohn, der drei Verse vorher versprochen wird
„Seine Liebe kann man nicht verdienen“, schreibt Buß. „Sie wird nicht nach Stunden, Leistung oder Verdienst ausgeteilt.“ Das ist die klassische Auslegung – und sie hält der Lektüre des unmittelbaren Kontexts nicht stand.
Das Gleichnis beginnt in Mt 20,1. Was steht in Mt 19,27? Petrus fragt: „Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen?“ Die Antwort ist keine Zurückweisung der Frage, sondern eine Bezifferung: zwölf Throne für die Zwölf und, für alle anderen, „das Hundertfache“ plus „das ewige Leben“ (Mt 19,28–29). Erst danach folgt der Satz „Viele Erste werden Letzte sein und Letzte Erste“ – und dann das Gleichnis, das mit exakt demselben Satz endet.
Das Gleichnis beantwortet also eine Lohnfrage, statt sie abzuschaffen. Es korrigiert die Rangordnung, nicht das Prinzip: Nachfolge wird vergolten, im Verhältnis 1:100, und wer nichts verlassen hat, kommt in der Rechnung nicht vor. Dass in dem Text, der die Verrechnung von Leistung angeblich aufhebt, wenige Zeilen zuvor die höchste Rendite des Neuen Testaments steht, ist kein Detail. Es ist die Kontextinformation, die die Predigt trägt – und im Impuls fehlt sie.
Das Weglassen an der entscheidenden Stelle ist bei diesen Impulsen kein Einzelfall. Beim Impuls zu Mariä Himmelfahrt endete das Paulus-Zitat vom „Wohlgeruch Christi“ genau vor der Hälfte des Verses, die von denen handelt, „die verloren gehen“.
Was der Gutsherr tatsächlich sagt
Buß hält fest: „Am Ende aber erhalten alle den gleichen Lohn“, und deutet das als Bild grenzenloser Güte. Die Erzählung geht danach noch weiter, und ihre Pointe liegt in der Begründung.
Die Ganztagsarbeiter beschweren sich: „Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen“ (Mt 20,12). Der Gutsherr antwortet mit zwei Sätzen. Erstens: „Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will?“ Zweitens: „Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“
Das erste ist ein Eigentumsargument. Die Gleichbehandlung wird nicht damit begründet, dass jeder Mensch gleich viel wert ist, sondern damit, dass der Besitzer über sein Geld verfügen darf, wie es ihm beliebt – mit derselben Begründung hätte er auch ungleich auszahlen können. Güte ist hier kein Anspruch der Arbeiter, sondern eine Laune des Eigentümers.
Das zweite ist ein Angriff auf den Fragenden. Der Einwand wird nicht beantwortet, sondern moralisch umgewidmet: Wer nachfragt, hat ein „böses Auge“. Damit ist im Gleichnis exakt dieselbe Figur eingebaut, mit der der Impuls seine Kritiker abräumt. Wer widerspricht, ist nicht im Irrtum, sondern schlecht ausgestattet – im Text des ersten Jahrhunderts wie im Text vom 9. September 2026. Buß muss diese Bewegung nicht erfinden. Er findet sie vor.
Der Herr des Weinbergs, ein Kapitel später
Die Formulierung, die dem Impuls seinen Titel gibt, steht im Matthäusevangelium wörtlich an anderer Stelle. In Mt 21,40 fragt Jesus: „Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt: Was wird er mit jenen Winzern tun?“ Die Antwort, die seine Zuhörer geben und die er anschließend bestätigt, lautet: „Er wird diese bösen Menschen vernichten und den Weinberg an andere Winzer verpachten.“ Zwei Verse später kündigt er an, das Reich Gottes werde ihnen weggenommen (Mt 21,43). Derselbe Weinberg, derselbe Herr, ein Kapitel weiter.
Auch das Gegenstück zum tröstlichen „Es ist nie zu spät“ steht in der Nähe. In Mt 22 lädt ein König kurzfristig alle ein, die auf der Straße zu finden sind, „Böse und Gute“ – die Spätesten der Späten. Einer erscheint ohne Hochzeitsgewand, und das Fest endet für ihn so: „Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein“ (Mt 22,13). Der Schlusssatz des Gleichnisses lautet nicht „alle sind willkommen“, sondern: „Denn viele sind gerufen, wenige aber auserwählt.“ Und die Abschlussrede desselben Evangeliums, das Weltgericht in Mt 25, endet mit „ewiger Strafe“ für die einen und „ewigem Leben“ für die anderen (Mt 25,41.46).
Das ist keine Randnotiz, sondern die Geschäftsgrundlage. Die Lehre der Kirche hält daran fest: Der Katechismus bekräftigt in Nr. 1035 die Hölle als ewig und nennt als „schlimmste Pein“ die „ewige Trennung von Gott, in dem allein der Mensch das Leben und das Glück finden kann“. Und die Frist ist ebenfalls definiert: Mit dem Tod endet nach Nr. 1021 die Zeit, in der man sich zur Gnade verhalten kann; das besondere Gericht kennt drei Ausgänge, einer davon ist die ewige Verdammnis. „Nie zu spät“ gilt also bis zum letzten Atemzug und danach nie wieder.
Hölle, Hölle, Hölle
Nun beschreibt die moderne Fassung die Hölle vorzugsweise nicht mehr als Feuer, sondern als „endgültige Selbstausschließung aus der Gemeinschaft mit Gott“ (Nr. 1033). Das klingt milder und ist die problematischere Variante. Sachlich ändert es nichts – ewig bleibt ewig, endgültig bleibt endgültig. Rhetorisch schiebt es die Verantwortung auf den Bestraften, der sich angeblich selbst ausschließt; kein Strafrecht der Welt ließe eine Sanktion als Selbstvollzug des Verurteilten durchgehen. Vor allem aber lässt die Formel die Texte harmloser erscheinen, als sie sind: Mt 25,41 spricht vom „ewigen Feuer“, Mt 22,13 von Fesselung und Finsternis, Mt 13,50 vom Feuerofen.
Wer davon profitiert, ist absehbar. Für die wörtlich lesenden Fundamentalisten ändert die Umformulierung nichts; sie haben den Wortlaut auf ihrer Seite. Erleichtert wird sie nur denen, die die Lehre ohnehin nur noch als Stimmung mitführen – in der geglätteten Fassung lässt sich dabeibleiben, ohne sich die Konsequenz je vorzulegen. Die Aussage selbst steht unverändert im Kanon und wird lehramtlich verwendet: Nr. 1257 begründet die Heilsnotwendigkeit der Taufe – „Der Herr selbst sagt, daß die Taufe heilsnotwendig ist“ – unter anderem mit Mk 16,16: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden.“ Dass dieser Satz zum sekundären Markusschluss gehört, entlastet nicht – er ist kanonisch, und der Katechismus zitiert ihn genau so. Kürzer lässt sich der Sanktionscharakter des Angebots nicht formulieren.
Damit ändert sich die Beschreibung der Lage. Was der Impuls als offene Einladung schildert – der Gutsherr, der immer wieder hinausgeht und sucht –, ist ein Angebot, dessen Ablehnung sanktioniert ist, und zwar mit der schwersten Sanktion, die sich formulieren lässt: endgültig, ohne Berufung, ohne Strafmaß, ohne Ende. Der Katechismus benennt in Nr. 1036 die Funktion dieser Lehre selbst: Sie sei eine Mahnung, die Freiheit verantwortlich zu gebrauchen, und ein Aufruf zur Bekehrung. Eine Drohung, die zum Zweck der Verhaltenssteuerung ausgesprochen wird, ist genau das – auch dann, wenn der Text, der sie transportiert, freundlich klingt.
Buß erwähnt nichts davon. Das ist keine Fälschung, sondern eine Auswahl – dieselbe humane Auswahl, die aus dem biblischen Engelpersonal nur die grüßenden Boten übrig lässt und die Vollstrecker weglässt. Bemerkenswert ist nur, dass diese Auswahl nicht aus der Lehre stammt, sondern von außen an sie herangetragen wird. Gepredigt wird die Einladung, in Kraft bleibt die Sanktion.
Und säkular betrachtet: Ein Normensystem, das endliches Nichtbefolgen mit unendlicher Strafe belegt, kennt keine Verhältnismäßigkeit – kein Rechtsstaat dürfte so verfahren. Zustimmung, die unter dieser Drohung zustande kommt, ist zudem keine freie Zustimmung. Wer sagt „du bist willkommen“ und die Alternative verschweigt, beschreibt die Lage nicht vollständig.
(öffnet in neuem Tab)
(öffnet in neuem Tab)Wer im Gleichnis gar nicht vorkommt
Ein Zug der Erzählung ist tatsächlich humaner, als die üblichen Auslegungen zugeben. Der Denar war kein Stundenlohn, sondern der Tagessatz eines Tagelöhners – ungefähr das, was eine Familie zum Leben brauchte. Wer um fünf Uhr nachmittags noch auf dem Markt stand, hatte nicht weniger Hunger als der, der seit Sonnenaufgang arbeitete. Bezahlt wird nach Bedarf, nicht nach Stunden. Das ist ein Gedanke, den man ohne jede Theologie gut findet.
Nur führt er im Gleichnis zu nichts, worauf sich jemand berufen könnte. Wer nicht angeworben wurde, bekommt nichts; er kommt in der Geschichte nicht einmal vor. Der Denar bleibt Gabe, nicht Anspruch – und darin liegt der Unterschied zu dem, was säkulare Gesellschaften daraus gemacht haben. Das Bundesverfassungsgericht hat am 5. November 2019 (1 BvL 7/16) entschieden, dass der Staat „die menschenwürdige Existenz jederzeit realistisch sichern“ muss, und Sanktionsstufen für verfassungswidrig erklärt. Das Existenzminimum ist damit kein Akt der Güte, sondern ein einklagbares Recht – kein Gutsherr, der tun darf, was er will.
Der Weinberg, der viele Hände braucht
Am Schluss wechselt der Impuls das Thema, ohne es anzukündigen. Aus dem Gleichnis über unverdiente Zuwendung wird ein Wort über Mitarbeit: „Ein Weinberg braucht viele Hände. Jeder hat seinen Platz. So ist es auch in der Kirche und in unserer Gemeinde. […] Manche stehen ganz sichtbar im Weinberg, andere wirken im Verborgenen.“
Der auffälligste Punkt des Gleichnisses ist allerdings nicht das Mitarbeiten, sondern die Auszahlung: Im Weinberg werden alle bezahlt, während die Hände, die in Gemeinden „im Verborgenen“ wirken, in aller Regel unentgeltlich arbeiten.
Interessanter ist der Satz „Jeder hat seinen Platz“. Er ist gemeint als Bild des Leibes mit vielen Gliedern, und als Beschreibung von Arbeitsteilung wäre daran nichts auszusetzen: Dass nicht alle alles tun, folgt normalerweise aus Eignung, Ausbildung und Bereitschaft. An der entscheidenden Stelle folgt der Platz in der katholischen Kirche aber aus keinem dieser Kriterien. Der Katechismus hält in Nr. 1577 fest: „Die heilige Weihe empfängt gültig nur ein getaufter Mann“ (CIC, can. 1024). Und der Unterschied zwischen dem gemeinsamen Priestertum aller Getauften und dem Amtspriestertum besteht nach Nr. 1547 „dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach“.
An dieser Formulierung muss der Impuls sich messen lassen. Ein Unterschied „dem Wesen nach“, zugeteilt nach einem Merkmal, das niemand erwerben oder ablegen kann, ist kein Platz im Sinne von Arbeitsteilung – es ist genau die Rangordnung, die der Text zwei Absätze vorher bestreitet. Die murrenden Arbeiter im Gleichnis beschwerten sich über den umgekehrten Fall: „du hast sie uns gleichgestellt“. Im Weinberg wird gleichgestellt; in der Institution, die das Gleichnis predigt, ist die Ungleichstellung Wesensmerkmal.
Fazit
Der Kern, den Buß freilegt, ist richtig und lässt sich vollständig ohne Weinberg formulieren: Der Wert eines Menschen hängt nicht an seiner Leistung, und die Rechnerei, wer wie viel verdient hat, macht niemanden besser. Dieser Satz steht in säkularer Fassung an prominenter Stelle – Artikel 1 Grundgesetz –, und er hat dort einen Vorzug: Er ist einklagbar und gilt ausdrücklich für alle, nicht nur für diejenigen, denen etwas zugänglich ist.
Der Impuls dagegen verspricht Gleichheit und liefert Zugehörigkeit. Er verspricht unverdiente Liebe und übergeht das Lohnversprechen, das drei Verse vorher steht. Er nennt den Gutsherrn gütig und lässt weg, dass dessen Güte mit Eigentumsrecht begründet und gegen Nachfragen mit dem Vorwurf des bösen Auges verteidigt wird. Vor allem aber wirbt er für eine Einladung und verschweigt, dass ihre Ablehnung nach der Lehre, in deren Auftrag er schreibt, mit der härtesten denkbaren Sanktion belegt ist – „wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden“. Ein Angebot, das man nicht folgenlos ausschlagen kann, heißt in jedem anderen Zusammenhang anders. Dass die Sanktion heute in weichere Worte gefasst wird, ist kein Fortschritt, sondern ein Täuschungsmanöver.
Bleibt der Schlusssatz: „Der Herr des Weinbergs sieht in seiner Güte jede und jeden.“ Er wäre glaubwürdiger, wenn der Text nicht selbst eine Gruppe benannt hätte, die dabei nicht mitgemeint ist.
Quellen:















Es fällt mir nicht ein, das Gleichnis ernsthaft zu analysieren, es drängen sich mir aber doch zwei Fragen auf:
– Was ist das für ein Gutsbesitzer, der keine Ahnung hat, wieviele Arbeiter er für seinen Weinberg braucht ? Offenbar standen die, die er zuletzt anheuerte, schon den ganzen Tag herum.
– Offenbar lehrt das Gleichnis, dass es nicht clever ist, gleich HIER zu rufen, wenn Arbeit verteilt wird ? Dann ist man letztendlich der Letzte: der letzte Depp mit dem geringsten Stundenlohn; oder was soll das kryptische “ die Letzten werden die Ersten sein … “
Die Tagelöhner, die sich an diesem Gleichnis orientieren, dürften bald verhungern, denn die Lebenswirklichkeit sah und sieht definitiv anders aus. Die wird von John Steinbeck in „Früchte des Zorns“ besser beschrieben.