Darum geht es
Die Antwort begründet moralische Auswahl aus der Bibel mit Kriterien, die selbst wieder aus der Bibel stammen, und lässt die Frage nach einem verlässlichen Prüfmaßstab offen.Auf fragen.evangelisch.de antwortet der Theologe Frank Muchlinsky auf eine Anfrage von M. Karlsohn, der die Erzählung um Lot in Genesis 19 kritisch liest und fragt, wie ein Buch mit solchen Passagen heute noch moralische Orientierung bieten soll. Muchlinsky widerspricht der Darstellung, Lot sei für sein Angebot an den Mob belohnt worden, und erklärt, wie theologische Auslegung mit den harten Stellen der Bibel umgeht.
Die Frage
M. Karlsohn schreibt: „Wer bestimmt eigentlich, dass diese Textpassagen nicht einmal ansatzweise Gültigkeit haben, andere, wie die Schöpfungsgeschichte aber schon?“ Besonders schockiert habe ihn die Erzählung um Lot, „der seine Töchter und die Nebenfrau eines Priesters dem marodierenden Mob zur Verfügung gestellt hat und dafür noch belohnt wurde“. Am Ende fragt er: „wer garantiert mir, dass dieser Mensch nicht genauso falsch liegt wie diejenigen, die Giordano Bruno auf den Scheiterhaufen gebracht haben?“
Gefragt ist damit nach dem Maßstab, mit dem entschieden wird, welche Bibelstellen heute noch moralisch verbindlich sein sollen und welche nicht – und wer diese Auswahl legitimiert.
Die Antwort
Muchlinsky widerspricht zunächst der Prämisse, Lot sei für seinen Vorschlag belohnt worden: „Wo nehmen Sie das her? Das steht nirgends in der Bibel.“ Lot werde „ausdrücklich nur deswegen gerettet, weil sein Onkel Abraham darum gebeten hat“. Die Bibel stelle die Taten der Familie nicht als vorbildlich dar, sondern erzähle sie „lediglich als einen Teil der Geschichte der Menschen“. Zur eigentlichen Auslegungsfrage erklärt er, man müsse ständig abwägen, welcher Bibelstelle man den Vorzug gebe – etwa gegenüber der Vorschrift, eine menstruierende Frau sei „unrein“. Nur „Fundamentalisten“ hielten sämtliche Stellen für gleich gültig. Zugleich räumt er ein: „Ich sehe übrigens durchaus die Gefahr, dass es immer wieder zu Auslegungen der Bibel kommen wird, die nach meinen Maßstäben in die völlig falsche Richtung laufen.“
Die Kritik
Die eigentliche Frage nach dem Prüfkriterium bleibt unbeantwortet. Karlsohn will wissen, woran sich eine richtige von einer falschen Auslegung unterscheiden lässt – daher der Vergleich mit den Richtern, die Giordano Bruno verurteilten. Muchlinsky beschreibt ausführlich, dass abgewogen wird, aber nicht, woran man erkennt, ob eine bestimmte Auswahl zutrifft. Er räumt die Gefahr von Fehldeutungen sogar selbst ein, ohne ein Kriterium zu nennen, das sie ausschließen würde.
Die Begründung für die Auswahl der Bibelstellen ist zirkulär. Um zu entscheiden, welche Passage gegenüber einer anderen den Vorzug verdient, verweist Muchlinsky auf „gute Gründe, die ebenfalls aus der Bibel abgeleitet sind“. Damit entscheidet der Text selbst darüber, welche seiner Teile gelten – ein Verfahren, das praktisch jedes gewünschte Ergebnis erlaubt, je nachdem, welche Stelle man zuerst für maßgeblich erklärt.
Der Hinweis, Lot sei nicht belohnt worden, löst das moralische Problem nicht, sondern verschiebt es. Selbst wenn die Rettung allein auf Abrahams Fürbitte zurückgeht: Der Text erzählt ohne ausdrückliche Verurteilung, wie ein Vater seine Töchter einem Mob anbietet. Dass eine Erzählung diese Tat nicht offen billigt, macht sie noch nicht zu einer moralischen Orientierung – es macht sie höchstens zu einer neutral referierten Gräueltat, aus der jede Leserin und jeder Leser selbst die Bewertung mitbringen muss, die der Text nicht liefert.
Am Ende bleibt die Orientierung Sache der Auslegenden, nicht der Bibel selbst. Wenn, wie Muchlinsky schreibt, das Risiko falscher Deutungen einfach eingegangen werden muss, dann liegt die tatsächliche moralische Instanz nicht im Text, sondern im Urteil der Menschen, die ihn lesen. Das ist eine vertretbare Position – nur ist sie mit der Ausgangsbehauptung, die Bibel biete Orientierung, kaum noch vereinbar. Die Orientierung kommt von außen, an den Text herangetragen.
Die Antwort aus säkularer Sicht
Karlsohns eigentliche Sorge lässt sich auflösen, indem man die Prämisse fallen lässt, dass moralische Orientierung überhaupt aus einem einzigen, angeblich autoritativen Text stammen muss.
(öffnet in neuem Tab)
(öffnet in neuem Tab)Ethische Urteile lassen sich an nachvollziehbaren Kriterien prüfen: Verursacht eine Handlung Leid, verletzt sie die Selbstbestimmung anderer, hielte man sie für vertretbar, wenn sie einem selbst widerführe? Solche Maßstäbe benötigen keine Berufung auf ein einzelnes Buch und keine Entscheidung darüber, welche seiner widersprüchlichen Stellen gerade gelten sollen.
Das heißt nicht, dass biblische Texte wertlos wären. Als historische und literarische Quellen erzählen sie viel darüber, wie frühere Gesellschaften Recht, Familie und Gewalt verstanden – gerade auch in ihren erschreckenden Passagen. Als Grundlage heutiger Ethik taugen sie aber nur insoweit, wie ihre Aussagen auch unabhängig von einem göttlichen Anspruch begründbar sind.
Wer eine Antwort auf Karlsohns Frage sucht, wer garantiert, mit einer Deutung richtig zu liegen, findet sie nicht in einer Autorität, sondern in einem Verfahren: offene Kritik, Revidierbarkeit im Licht neuer Argumente und der Verzicht darauf, eine Position für unhinterfragbar zu erklären. Das schützt nicht vor jedem Irrtum, aber es macht Irrtümer korrigierbar – anders als ein Text, dessen Deutung am Ende doch nur denjenigen folgt, die ihn gerade auslegen.















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