Johannes 5,4: Warum heilt Jesus nicht alle?

Lesezeit: ~ 3 Min.

Darum geht es

Die Antwort zur ungleichen Heilung am Teich Bethesda verschweigt, dass der zugrunde liegende Vers als späterer Zusatz gilt, und beantwortet die Theodizee-Frage nicht, sondern vertagt sie.

Pia Hauck liest zum ersten Mal die Bibel und stößt im Johannesevangelium auf eine Stelle, die ihr ungerecht erscheint: Am Teich Bethesda wird nur ein einziger Kranker geheilt, obwohl viele dort warten. Ihre Frage hat sie dem evangelischen Portal fragen.evangelisch.de gestellt, beantwortet hat sie Pfarrerin Pamela Barke. Es geht um nichts Geringeres als die klassische Theodizee-Frage – und um einen Bibelvers, dessen Herkunft die Antwort mit keinem Wort erwähnt.

Die Frage

Pia Hauck schreibt: „Guten Tag. Ich bin dabei, das erste Mal die Bibel zu lesen, also Anfänger. Nun kann ich nicht verstehen warum in Joh. 5,4 steht, dass nur EIN Mensch, nämlich der erste, der das Wasser berührt, von den Vielen geheilt wird. Das erscheint mir ungerecht den Anderen gegenüber. Unser Gott ist aber nicht ungerecht. Wie soll ich das also verstehen?“

Gefragt ist damit konkret, wie sich die in Johannes 5,4 geschilderte Auswahlregel – geheilt wird, wer als Erster das aufgewühlte Wasser berührt – mit der Vorstellung eines gerechten Gottes verträgt.

Die Antwort

Pamela Barke schildert zunächst die Szene am Teich Bethesda, wo „Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte“ auf Heilung warteten, und wie Jesus gezielt den seit 38 Jahren kranken Mann anspricht. Sie benennt das Problem offen: „Ich kann Deine Frage sehr gut verstehen: warum heilt Gott nicht alle dort?“ Als Antwort bietet sie kein Argument, sondern eine Beobachtung: „Das ist ein wiederkehrender Gedanke in der Bibel: Gott wählt Menschen aus.“ Die eigentliche Leidfrage lässt sie offen – „wenn es doch einen Gott gibt, warum gibt es dann Leid?“ – und verweist am Ende auf eine zukünftige Verheißung aus der Offenbarung: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen … denn das Erste ist vergangen.“

Die Kritik

Der Vers, um den es geht, gilt in der Bibelwissenschaft als späterer Zusatz. Johannes 5,3b-4 – die Erzählung vom Engel, der das Wasser bewegt, und der Regel, dass nur der oder die Erste geheilt wird – fehlt in den ältesten erhaltenen Handschriften des Johannesevangeliums und wird in der neutestamentlichen Textkritik gemeinsam mit der Ehebrecherin-Perikope (Johannes 7,53-8,11) als nachträgliche Ergänzung eingestuft. Weder Pia Haucks Frage noch Pamela Barkes Antwort erwähnen das. Damit wird ein handschriftlich unsicherer, wahrscheinlich gar nicht ursprünglicher Vers behandelt, als sei die darin geschilderte „Auswahlregel“ verbindlicher biblischer Befund – dabei ließe sich die als ungerecht empfundene Passage textkritisch relativieren, statt sie theologisch rechtfertigen zu müssen.

„Gott wählt Menschen aus“ erklärt nichts, es benennt nur das Problem neu. Auf die Frage, warum nicht alle geheilt werden, folgt keine Begründung, sondern eine Feststellung, dass Auswahl offenbar stattfindet. Ein Kriterium, nach dem ausgewählt wird, wird nicht genannt. Eine Erklärung, die selbst offen lässt, wer warum ausgewählt wird, unterscheidet sich von reinem Zufall nicht mehr messbar.

Die zentrale Frage wird als offen deklariert und damit faktisch nicht beantwortet. Barke formuliert die entscheidenden Alternativen selbst sehr klar: „Oder zeigt die Abwesenheit von Vollkommenheit, dass es keinen Gott gibt? Oder, dass er zu schwach ist?“ Diese Fragen werden aufgeworfen und anschließend nicht entschieden, sondern durch den Begriff des Vertrauens ersetzt: „Glauben heißt auch, vertrauen, inmitten all dieser Fragen.“ Damit wird die schwierigste Stelle der Antwort zur Voraussetzung erklärt, die man mitbringen muss, um die Antwort überhaupt zu akzeptieren.

Der Trost verlagert sich in eine nicht überprüfbare Zukunft. Das Schlusszitat aus der Offenbarung verspricht ein zukünftiges Ende allen Leids „am Ende aller Zeiten“. Eine Zusage, die per Definition erst nach dem Tod oder am Ende der Geschichte eingelöst werden kann, lässt sich zu Lebzeiten weder bestätigen noch widerlegen. Als Antwort auf ein gegenwärtiges Gerechtigkeitsproblem – warum wird gerade jetzt nur einer geheilt – trägt ein unprüfbares Zukunftsversprechen nichts zur Klärung bei.

Die Antwort aus säkularer Sicht

Die ehrliche Antwort auf Pias eigentliche Beobachtung lautet: Ja, es ist ungerecht, dass Leid und Genesung so ungleich verteilt sind – aber nicht, weil eine Instanz bewusst auswählt, sondern weil Krankheit, Zugang zu Behandlung und Überleben von nachvollziehbaren, weitgehend natürlichen Faktoren abhängen: Ursache der Erkrankung, Immunlage, Ernährung, sozialer Status, Zugang zu medizinischer Versorgung. Diese Faktoren erklären reale Ungleichheit im Gesundheitszustand von Menschen bis heute, weltweit und nachweisbar – ganz ohne dass ein handelnder Akteur „auswählt“, wer gesund wird.

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Die Erzählung vom Teich, an dem angeblich der oder die Erste im aufgewühlten Wasser geheilt wurde, ist dabei selbst aufschlussreich: Sie beschreibt eine vormoderne Erklärung für einen beobachteten, aber unverstandenen Zusammenhang – manche genesen, andere nicht – und deutet ihn religiös, mit einem Wunderwasser und einer göttlich-arbiträren Reihenfolge. Genau diese Lücke füllt heute die Medizin mit überprüfbaren Ursachen statt mit Auswahlgeschichten.

Das bedeutet nicht, dass Ungerechtigkeit im Leiden hingenommen werden muss – im Gegenteil. Wo Ungleichheit auf behebbaren Ursachen beruht, etwa ungleichem Zugang zu Gesundheitsversorgung, ist sie eine Aufgabe für uns Menschen: durch öffentliche Gesundheitssysteme, Forschung, Solidarität und Verteilungsgerechtigkeit lässt sich echte Verbesserung erzielen, messbar und überprüfbar. Das ist ungleich handlungsleitender als die Hoffnung auf ein Ende der Tränen erst „am Ende aller Zeiten“.

Wer wie Pia neu mit dem Bibellesen beginnt, darf sich also ruhig darauf verlassen, dass ihr Gerechtigkeitsempfinden hier richtig reagiert hat: Die Stelle wirkt unfair, weil sie unfair konstruiert ist – noch dazu an einer Stelle, die aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht zum ursprünglichen Text gehörte. Das ist keine Glaubenskrise, sondern ein gutes Zeichen für aufmerksames Lesen.

Quelle

„Johannes 5,4: Warum heilt Jesus nicht alle?“, Antwort von Pamela Barke auf fragen.evangelisch.de

KI

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