Ein Kind, eine Kerze, ein Missionsauftrag: Stefan Buß zur Diaspora-Aktion

Lesezeit: ~ 7 Min.

Darum geht es

Stefan Buß verkauft die Diaspora-Aktion als stilles Kerzenlicht ohne Hintergedanken – dahinter steht eine Missionskampagne mit Verdammungsklausel, die bei einem Kind ansetzt, das noch nichts prüfen kann.

Kritik zum Impuls Stefan Buß: „Glauben bezeugen – Hoffnung teilen. Eröffnung Diaporaaktion“, veröffentlicht am 7.11.2026 von Osthessen|News

Am Sonntag, 8. November 2026, eröffnet das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken seine bundesweite Diaspora-Aktion im Fuldaer Dom, der Höhepunkt folgt mit dem Diaspora-Sonntag am 15. November. Stadtpfarrer Stefan Buß widmet seinen Impuls dem diesjährigen Leitwort und dem Aktionsplakat: Eine Mutter hält ihren kleinen Sohn auf dem Arm und zündet eine Kerze an, das Kind schaut gebannt in die Flamme. Ein stiller, unspektakulärer Moment, findet Buß, und doch stecke darin eine große Botschaft.

Das stimmt. Nur ist es eine andere Botschaft als die, die er meint.

Ein stiller Moment mit Spendenkonto

Glaube, so Buß, werde nicht zuerst durch Lehrsätze und nicht durch große Programme weitergegeben, sondern durch Menschen, durch ihr Tun und ihre Ausstrahlung. Das ist eine bemerkenswerte Einleitung für einen Text, der ein großes Programm bewirbt. Das 1849 gegründete Bonifatiuswerk arbeitet im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz und ist mit einem Förderbudget von elf Millionen Euro ins Jahr 2026 gestartet. Eine seiner vier Hilfsarten heißt ganz offen „Glaubenshilfe“: Sie finanziert laut Praxisheft zur Aktion missionarische Initiativen, Projekte der Glaubensweitergabe, religiöse Früherziehung sowie Sakramenten- und Religionsunterricht.

Auch die Zielgruppe ist klar benannt. Das Heft beruft sich auf den Missionsbefehl in Mk 16,15, fordert, den eigenen Glauben als Sendungsauftrag zu verstehen, und nennt ausdrücklich anders- und nicht gläubige Umfelder als Ort der Verkündigung. Mitgeliefert werden Plakate zur Erwachsenentaufe unter dem Titel „Schon getauft? Wir taufen!“, Ideen für die Schulpastoral, Gebetsbilder, Untersetzer mit Impulsfragen und ein Einkaufswagenlöser namens „WAGEMut“ – die ersten 50 Stück gratis, danach 20 Cent. Wer also demnächst in einem Fuldaer Supermarkt einen solchen Chip im Wagen findet, möge sich erinnern: Das ist kein Programm. Das ist Ausstrahlung.

Der Junge, der noch nichts versteht

Das Praxisheft beschreibt das Plakatmotiv ausführlicher als Buß. Der Junge heißt Hennes und ist noch kein Jahr alt. Über ihn steht dort ein Satz, der mehr verrät, als beabsichtigt sein dürfte: „Er versteht die Symbolik noch nicht – und doch nimmt er teil.“ Später, so das Heft weiter, werde er daraus vielleicht eine eigene Haltung entwickeln.

Genau diesen Mechanismus beschreibt Buß als sanfte Selbstverständlichkeit: Ein Kind erlebe, dass seine Eltern beten, und so werde Glaube weitergegeben. Damit räumt er unfreiwillig ein, worauf die Weitergabe beruht. Nicht darauf, dass sich der Glaube als wahr erwiesen hätte, sondern darauf, dass er vorgelebt wird, bevor jemand fragen kann. Deshalb hängt die Religion eines Menschen so stark davon ab, wo und bei wem er aufwächst – und so wenig von der Qualität der Argumente.

Das Prinzip ist alt und wird im selben Heft sogar biblisch unterfüttert. Der exegetische Impuls widmet sich dem Schma Israel aus Dtn 6, und zwei Verse nach dem Bekenntnis steht die Gebrauchsanweisung: „und sollst sie deinen Kindern einschärfen“ (Dtn 6,7, Luther 1912). Die Autorin preist das Schma als biblische Einladung zum Denken – und empfiehlt zum Schluss, es auswendig zu lernen. Denken lernen durch Auswendiglernen: Auf diese Didaktik muss man erst einmal kommen.

Gegen eine Kerze ist nichts einzuwenden. Kinder lieben Flammen, und Rituale können Geborgenheit stiften. Problematisch wird es, wenn das Ritual zum Werkzeug wird, ein Weltbild zu verankern, bevor das Kind es prüfen kann – und wenn genau das als Erfolgsmodell beworben wird. Säkular-humanistische Erziehung setzt andersherum an: Kinder dürfen Fragen stellen, auch unbequeme, und bekommen Antworten, die sich überprüfen lassen. Wie das aussehen kann, zeigt unser Kinderangebot kwq.de. Zum frühesten institutionellen Zugriff auf Kinder, der Säuglingstaufe, siehe auch unseren Beitrag zu Buß‘ Taufritualen.

„Nicht aufdrängen“ – und ein Vers weiter

Buß legt Wert auf eine Klarstellung. Glauben zu bezeugen heiße nicht, auf alles eine fertige Antwort zu haben. „Es bedeutet auch nicht, anderen den Glauben aufzudrängen.“

Das klingt sympathisch. Es lohnt sich trotzdem, den Vers aufzuschlagen, auf den das Bonifatiuswerk seine Aktion ausdrücklich stützt. Mk 16,15 ist der Missionsbefehl. Der unmittelbar folgende Vers lautet:

Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. (Mk 16,16, Luther 1912)

Ein Angebot, dessen Ablehnung mit Verdammnis bewehrt ist, ist kein Angebot, sondern eine Drohung mit freundlichem Gesicht. Daran ändert auch die moderne Katechismussprache nichts, die die Hölle lieber als „Selbstausschließung“ umschreibt (KKK 1033). Die Umformulierung macht die Drohung nicht kleiner, nur unauffälliger – und lässt die drastischen biblischen Schilderungen harmloser erscheinen, als sie sind.

Eine Pointe am Rande: Der Abschnitt Mk 16,9–20 fehlt in den beiden ältesten vollständigen Handschriften des Markusevangeliums, dem Codex Sinaiticus und dem Codex Vaticanus, und gilt der Mehrheit der Bibelwissenschaftler als späterer Zusatz. Der Sendungsauftrag, auf den sich die Kampagne beruft, stammt demnach wohl nicht vom Evangelisten, sondern aus einem nachträglich angefügten Schluss. Die Verdammungsklausel gab es gratis dazu.

Die Kerze ist nicht katholisch

Buß‘ Beispiele für gelebtes Glaubenszeugnis: ein Nachbar, der merkt, dass ihm jemand zuhört; ein Trauernder, der seinen Weg nicht allein gehen muss; ein Mensch, der einem anderen versichert, er sei nicht allein. Nichts davon setzt einen Gott voraus. Zuhören, Trösten und Dasein leisten Hospizvereine, Nachbarschaftshilfen, Freundeskreise und humanistische Trauerbegleitung ebenso.

Das Bonifatiuswerk liefert den Beleg gleich mit. Sein Beispielprojekt 2026 ist ein Tango-Treff der Malteser in Berlin für Trauernde. Was dort hilft, beschreiben die Beteiligten in der Reportage als Bewegung, Gemeinschaft und das Gefühl, mit der Trauer nicht allein zu sein; ergänzend wird auf eine medizinwissenschaftliche Arbeit zur Wirkung des Tanzens bei krebsbedingter Erschöpfung verwiesen. Von Glaubenssätzen ist in dem Bericht auffallend wenig die Rede.

Und die Kerze? Im Juli erklärte Buß selbst in einem Interview zum O|N-Trauerportal: „Das Anzünden einer Kerze geht über Konfessionen hinaus.“ Wir haben das damals als unfreiwilliges Eingeständnis gewürdigt, dass Trost keine Theologie braucht. Nun soll dieselbe konfessionsübergreifende Kerze das spezifisch christliche Zeugnis illustrieren. Beides zugleich geht nicht.

Bemerkenswert ist auch, was ein Militärseelsorger im selben Praxisheft einräumt: Unter Berufung auf Religionssoziologen hält er fest, dass es Menschen gibt, die ohne Religion gut zurechtkommen und denen nichts fehlt, wenn Gott fehlt. Das ist die ehrlichste Passage der ganzen Kampagne – und sie entzieht Buß‘ Erzählung, die Welt brauche gerade jetzt christliche Hoffnungsträger, die Grundlage.

Die säkulare Variante seines Satzes vom Nicht-allein-Sein ist übrigens kürzer und ehrlicher: „Ich bin da.“ Dieser Satz braucht keinen Glauben, nur jemanden, der ihn einlöst. Er verspricht nichts, was sich nicht halten lässt.

Diaspora – ein geliehenes Leidenswort

„Diaspora“ ist griechisch für Zerstreuung und bezeichnete ursprünglich jüdische Gemeinschaften, die nach Exil und Vertreibung fern ihrer Heimat lebten. Die katholische Kirche leiht sich den Begriff für Gegenden, in denen sie in der Minderheit ist. Für Teile Nordeuropas mag das noch angehen. Buß aber dehnt ihn ausdrücklich aus: Diaspora sei längst keine Frage der Geografie mehr, auch mitten in Städten und Dörfern gebe es Menschen, die mit Kirche und Glauben kaum noch Berührung hätten.

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Übersetzt heißt das: Wer gegangen ist, wird zum Missionsgebiet. Nach Berechnungen der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland waren Ende 2024 rund 47 Prozent der Bevölkerung konfessionsfrei – erstmals mehr als Katholiken und Protestanten zusammen. Diese Menschen wurden nicht zerstreut, sie haben sich entschieden. Und eine Kirche, deren Mitgliedsbeiträge die Finanzämter als Kirchensteuer einziehen, die an staatlichen Schulen Religionsunterricht erteilt und allein im Bistum Fulda 2025 noch gut 317.000 Mitglieder zählte, taugt schlecht für die Rolle der bedrängten Minderheit. Ausgerechnet in Fulda von Diaspora zu sprechen, ist ungefähr so, als würde der FC Bayern über Abstiegsangst klagen.

Krisen als Verkaufsargument

Buß zählt auf, was Menschen heute verunsichert: Kriege, Krisen, gesellschaftliche Spannungen, Zukunftsängste – und, eingereiht zwischen Weltpolitik und Weltangst, die Veränderungen in der Kirche. Diese Einreihung ist ein kleines Meisterstück der Verharmlosung. Die Veränderungen sind kein Naturereignis. Im Juni 2025 legte die unabhängige Aufarbeitungskommission ihren Abschlussbericht für das Bistum Fulda vor: 37 Beschuldigte, 120 identifizierte Betroffene, die tatsächliche Zahl nach Einschätzung der Kommission deutlich höher. Bischof Michael Gerber sagte dazu: „Wir haben als Bistum Fulda Schuld auf uns geladen.“ Inzwischen will das Bistum die Zahl seiner Kirchen bis 2035 von rund 400 auf etwa 200 halbieren. Wer all das als „Veränderungen“ neben Kriegen abheftet, macht aus selbstverschuldeten Folgen ein Schicksal, das einen eben trifft.

Dazu kommt die Dramaturgie. Das Praxisheft beginnt mit einer Reihe von Krisenschlagzeilen und fragt dann, worauf man sich überhaupt noch verlassen könne; Buß folgt demselben Muster. Erst die Verunsicherung betonen, dann den Halt anbieten: Das ist die Grundfigur jeder Heilsverkündigung – und zugleich die Grundfigur des politischen Populismus. Beide verbreiten Überzeugungen nicht über Gründe, sondern über Zugehörigkeit, Gefühl und Vorbild, also exakt auf dem Weg, den Buß als vorbildlich beschreibt. Populisten wissen das zu nutzen und suchen das Bündnis mit Religionsvertretern dort, wo genug Gläubige zu gewinnen sind; wo nicht, kommen sie auch ohne aus. Ein Glaubenssystem, das sich je nach Publikum so oder so anschlussfähig machen lässt, taugt nicht als Moralquelle.

Daraus folgt allerdings auch: Der Kirchenaustritt allein schützt vor nichts. Wer konfessionsfrei ist, Überzeugungen aber nach denselben Mechanismen übernimmt, ist für die nächste Heilsbotschaft ebenso empfänglich, ob sie vom Altar kommt oder vom Rednerpult. Der Unterschied liegt nicht im Etikett, sondern in der Gewohnheit, nach Belegen zu fragen.

Willkommen mit Fragen?

Unter Buß‘ Beispielen findet sich ein Jugendlicher, der entdeckt, dass Kirche ein Ort sein kann, an dem er mit seinen Fragen willkommen ist. Und ein Mensch, der Buß fragt, warum er eigentlich noch in die Kirche gehe – das kleine Wörtchen verrät, wie selbstverständlich der Rückzug inzwischen geworden ist.

Mit dem Willkommen für Fragen hat AWQ eigene Erfahrungen. Wir haben Stefan Buß mehrfach Fragen zu seinen Impulsen gestellt. Einige hat er beantwortet, dann mitgeteilt, er werde nicht mehr antworten – und hält sich seither daran. Im August empfahl er in einem Impuls, Kritik wie Spatzengezwitscher an sich vorbeiziehen zu lassen (unsere Antwort darauf). Fragen sind in Buß‘ Kirche offenbar willkommen, solange sich die Antwort mit einer Kerze erledigen lässt.

Hoffnung, die sich begründen lässt

Hoffnung werde nicht weniger, wenn man sie weitergibt, schreibt Buß, sie wachse sogar. Das stimmt – leider auch für unbegründete Hoffnungen. Wunderheiler, Heilsbringer und Wahlversprechen wachsen ebenfalls, wenn man sie teilt. Entscheidend ist nicht, ob eine Hoffnung ansteckend ist, sondern ob sie trägt, wenn man nachprüft, worauf sie sich stützt.

Eine säkular-humanistische Hoffnung stützt sich auf das, was Menschen tatsächlich bewirken können: medizinischen Fortschritt, soziale Absicherung, Nachbarn, die mit anpacken, und eine Gesellschaft, die Kinder ermutigt, selbst zu denken. Sie braucht weder ein Jenseits noch eine Verdammungsklausel. Sie kann sich irren – aber sie kann sich auch korrigieren.

Eine Kerze anzuzünden, steht jedem frei, mit oder ohne Gott. Ein Kind, das die Symbolik noch nicht versteht, zum Plakatgesicht eines Bekenntnisses zu machen und daraus eine Spendenkampagne für Mission zu bauen, ist etwas anderes. Wer Glauben wirklich nicht aufdrängen will, lässt dem kleinen Hennes die Kerze – und die Frage, was sie bedeutet, für später.

Quellen

KI

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