Warum brauchen wir verschiedene Konfessionen?

Lesezeit: ~ 3 Min.

Darum geht es

Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Konfessionen widerspricht sich selbst, deutet Machtinteressen zu Freiheit um und begründet die Kirchenspaltung nie wirklich.

Ein Leser, der sich selbst als „KonfessionsFREIer Christ“ bezeichnet, hat dem evangelischen Frage-Portal fragen.evangelisch.de eine unbequeme Frage gestellt: Wozu braucht es überhaupt verschiedene Konfessionen, wenn doch überall Jesus im Mittelpunkt steht? Geantwortet hat Frank Muchlinsky, Pfarrer und Leiter des Fragen-Bereichs bei evangelisch.de. Die Antwort beginnt mit einem bemerkenswerten Zugeständnis – und endet mit dessen Widerruf.

Die Frage

Basti schreibt: „Guten Tag und Gottes Segen. Meine Frage ist knapp und (vielleicht) auch etwas plump. Aber: Warum brauchen wir verschiedene Konfessionen? Ich bin 35 Jahre alt, Christ und kenne natürlich die Unterschiede zwischen der Kath. und Evan. Kirche. Ebenso habe ich in meinem Leben auch Freikirchen besucht. Meine Erfahrungen, vielleicht auch für manche Menschen Irrglaube ist, dass trotz der Unterschiede Jesus im Mittelpunkt steht. […] Wieso lassen wir nicht (naiv gedacht) alle Konfessionen weg und feiern unseren Retter Jesus!!!!??? Oder bin ich so sehr falsch unterwegs?“

Gefragt ist damit, ob die Aufspaltung des Christentums in Konfessionen sachlich notwendig ist oder ob sie eine vermeidbare, vielleicht sogar der gemeinsamen Sache schädliche Organisationsform darstellt.

Die Antwort

Frank Muchlinsky beginnt mit einem klaren Satz: „Im Grunde brauchen wir keine Konfessionen.“ Anschließend liefert er eine historische Erklärung für die Kirchenspaltungen: Neben Glaubensfragen wie der Präsenz Christi im Abendmahl hätten „meistens auch handfeste Machtinteressen“ eine Rolle gespielt, etwa beim „Amtsverständnis“ – der Frage, wer Priesterin oder Priester werden darf. Wer das römische Weihe-Monopol nicht akzeptieren wolle, „braucht“ folglich eine andere Konfession. Am Ende vergleicht er Kirchenzugehörigkeit mit Familienzugehörigkeit und schließt: Die Kirchen seien „Gemeinschaften, nicht lediglich Versammlungen von Leuten, die glauben“, und dazu gehöre auch die „Horizontale des Kreuzes“ – gelebt „in den Kirchen, und das bedeutet auch in den Konfessionen“.

Die Kritik

Die Antwort widerspricht sich in ihrer eigenen Kernaussage. Sie beginnt mit „Im Grunde brauchen wir keine Konfessionen“ und endet mit der gegenteiligen Behauptung, Konfessionen seien notwendig, damit die „Horizontale des Kreuzes“ gelebt werden könne. Zwischen diesen beiden Sätzen findet keine Auflösung des Widerspruchs statt, nur ein schrittweiser Meinungswechsel, der nie als solcher benannt wird.

Macht wird zu Freiheit umgedeutet, ohne die Spannung aufzulösen. Erst wird eingeräumt, dass hinter Kirchenspaltungen „meistens auch handfeste Machtinteressen“ standen. Im nächsten Satz wird genau dieser Befund positiv gewendet: Jede neue Konfession sei „als Zugewinn an Freiheit und Autonomie“ erlebt worden. Ob Konfessionen also aus theologischer Erkenntnis oder aus Machtkonflikten entstanden sind, bleibt damit unentschieden – die Antwort nutzt beide Deutungen dort, wo sie gerade passen.

Die Familienanalogie ersetzt ein Argument, ohne eines zu sein. Die Zugehörigkeit zu einer Konfession wird mit Verwandtschaft verglichen, um zu begründen, warum man trotz gemeinsamer Freundschaften über Konfessionsgrenzen hinweg eine „Familie“ brauche. Eine Analogie erklärt aber nichts, wenn der entscheidende Unterschied übergangen wird: Familie ist niemandem freigestellt, Konfessionszugehörigkeit dagegen schon – historisch entstanden aus genau den zuvor genannten Macht- und Freiheitskonflikten.

Der Schlussgedanke ist ein Fehlschluss. Aus der – plausiblen – Aussage, dass gelebter Glaube auch gemeinschaftliche Verantwortung („Horizontale“) braucht, folgt nicht, dass diese Gemeinschaft in Form getrennter Konfessionen organisiert sein muss. Genau das Gegenteil ließe sich mit derselben Prämisse ebenso gut begründen: eine einzige, ungeteilte Gemeinschaft. Die Antwort behauptet die Konfessionsform, statt sie zu begründen.

Die Antwort aus säkularer Sicht

Aus säkularer Perspektive ist die ehrlichste Antwort auf Bastis Frage: Konfessionen werden nicht gebraucht, sie entstehen. Religiöse Gemeinschaften spalten sich, wo Menschen unterschiedliche Antworten auf dieselben unüberprüfbaren Fragen für verbindlich erklären, und wo mit diesen Antworten – wie Muchlinsky selbst einräumt – auch Ämter, Einfluss und Ressourcen verbunden sind. Das ist ein soziologisch gut beschriebenes Muster institutioneller Ausdifferenzierung, kein theologisches Erfordernis.

Anzeige
AWQ - Answers without questions - Frauen Premium Bio Top Mint  (öffnet in neuem Tab)
AWQ - Answers without questions - Frauen Premium Bio Top Mint 
Zum Produkt (öffnet in neuem Tab)
Religion: Das CHRISTal Meth der Weltanschauungen - Männer T-Shirt Anthrazit (öffnet in neuem Tab)
Religion: Das CHRISTal Meth der Weltanschauungen - Männer T-Shirt Anthrazit
Zum Produkt (öffnet in neuem Tab)
Fliegendes Spaghettimonster - Tasse einfarbig Schwarz (öffnet in neuem Tab)
Fliegendes Spaghettimonster - Tasse einfarbig Schwarz
Zum Produkt (öffnet in neuem Tab)

Bemerkenswert ist dabei, was die konfessionelle Vielfalt eigentlich zeigt: Wenn sich unter Berufung auf denselben Text und denselben Christus unvereinbare Lehren zu Abendmahl, Amt und Autorität herausgebildet haben, dann kann bestenfalls eine dieser Lehren richtig sein – vermutlich aber keine, sofern man an ihrem übernatürlichen Wahrheitsanspruch überhaupt festhalten will. Die Zersplitterung ist damit weniger ein Betriebsunfall des Glaubens als ein Indiz dafür, dass die zugrundeliegenden Fragen empirisch nicht entscheidbar sind.

Das, was Basti an seinen unterschiedlichen Gottesdienstbesuchen offenbar wirklich schätzt – Gemeinschaft, Gesang, ein Gefühl von Zugehörigkeit, ein gemeinsamer moralischer Bezugspunkt – ist an keine Konfession und an keine übernatürliche Prämisse gebunden. Humanistische und säkulare Gemeinschaften, Vereine, Chöre, Nachbarschaftsinitiativen oder philosophische Gesprächskreise bieten dieselben sozialen Funktionen, ohne dass eine Seite ihre Deutung des Abendmahls oder ihr Amtsverständnis für die einzig gültige erklären müsste.

Wer also fragt, warum man Konfessionen „braucht“, bekommt die ehrlichste Antwort, wenn die Frage umgedreht wird: Man braucht sie nicht für die Wahrheit, sondern manche Menschen finden in ihnen – trotz der historischen Macht- und Streitgeschichte – eine konkrete, verlässliche Gemeinschaft. Das ist ein nachvollziehbares menschliches Bedürfnis, das aber ebenso gut außerhalb religiöser Institutionen erfüllt werden kann.

Quelle

„Warum brauchen wir verschiedene Konfessionen?“, Antwort von Frank Muchlinsky auf fragen.evangelisch.de

KI

Deine Gedanken dazu?

Fragen, Lob, Kritik, Ergänzungen, Korrekturen: Trage mit deinen Gedanken zu diesem Artikel mit einem Kommentar bei!

Wenn du uns unterstützen möchtest, freuen wir uns über eine kleine Spende in die Kaffeekasse.

Bitte beachte beim Kommentieren:

  • Vermeide bitte vulgäre Ausdrücke und persönliche Beleidigungen.
  • Kennzeichne Zitate bitte als solche und gib die Quelle/n an.
  • Wir behalten uns vor, rechtlich bedenkliche oder anstößige Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Schreibe einen Kommentar

Ressourcen

Gastbeiträge geben die Meinung der Gastautoren wieder.

AWQ unterstützen

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

Wikipedia-Zitate werden unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike veröffentlicht.

Neueste Kommentare