Bin ich vom Bösen besessen?

Lesezeit: ~ 3 Min.

Darum geht es

Die tröstende Antwort widerspricht sich selbst, weicht der eigentlich gestellten Frage aus und verweist eine ängstliche Jugendliche nur ans Gemeindegespräch statt an ärztliche oder psychologische Hilfe.

Auf fragen.evangelisch.de wendet sich eine jugendliche Nutzerin in Panik an die Redaktion, nachdem sie eine US-amerikanische Fernsehsendung über angebliche Dämonenbesessenheit gesehen hat. Sie fürchtet seither, selbst vom Bösen besessen zu sein. Geantwortet hat Frank Muchlinsky, der für das Portal theologische Fragen beantwortet.

Die Frage

„Hallo liebes Evangelisch-Team, ich habe eine ernste Frage, die mir Angst und Panik bereitet. Ich habe in einer Fernsehsendung gesehen, wie eine Frau morgens immer wieder erwachte und Kratzer auf dem Rücken hatte. Die Moderation sagte dazu, dass sich das in Amerika zugetragen haben soll. Der Sprecher erzählte, dass diese Frau von Dämonen gequält wurde und daher die Kratzer kamen. Meine Frage dazu: Ist das wirklich möglich? Seitdem ich das gesehen habe, denke ich, dass ich vom Bösen besessen bin und kein richtiger Christ mehr sein kann. Ich bin allerdings in der Kirche aktiv unterwegs und habe auch schon meiner Mutter davon erzählt. Sie sagte, ich soll mir nichts einreden. Die TV-Sendung hieß ‚Ruhelose Seelen‘ auf TLC.“

Sachlich gefragt wird zweierlei: ob die in der Sendung behauptete dämonische Verursachung nächtlicher Kratzer real sein kann, und ob die Fragestellerin selbst besessen ist, weil sie sich seither entsprechende Sorgen macht.

Die Antwort

Muchlinsky ordnet das Fernsehformat zunächst als Unterhaltung ein, die von Angst lebt, und liefert naturalistische Erklärungsansätze für nächtliche Kratzer: „Kratzer am Morgen können viele Ursachen haben: ein unruhiger Schlaf, eine Allergie, vielleicht sogar eine unbewusste Reaktion auf Stress.“ Anschließend historisiert er den Dämonenglauben: „Dämonen sind ein alter Versuch, sich Krankheiten und Verhaltensweisen zu erklären, für die man keine andere Erklärung hatte.“ Er ergänzt, in biblischer Zeit seien Dämonen „so ‚real‘ wie für uns heute Viren und Gene“ gewesen, und verweist darauf, dass Jesus den so gedeuteten Menschen geholfen habe. Der Fragestellerin versichert er unmissverständlich: „Du bist weder von Dämonen noch vom Bösen besessen.“ Am Ende empfiehlt er, bei anhaltender Sorge mit einer Vertrauensperson aus der Gemeinde zu sprechen.

Die Kritik

Die eigentlich gestellte Frage bleibt unbeantwortet. Die Fragestellerin will wissen: „Ist das wirklich möglich?“ – gemeint ist, ob dämonische Besessenheit als Ursache körperlicher Symptome real existiert. Muchlinsky beantwortet stattdessen die andere, naheliegende, aber nicht gestellte Frage, ob sie selbst besessen ist. Ob es das Phänomen, das die Sendung behauptet, überhaupt gibt, wird nie klar verneint oder bejaht – ausgerechnet an der Stelle, an der Klarheit am dringendsten gebraucht würde, bleibt die Antwort vage.

Die Erklärung widerspricht sich selbst. Einerseits werden Dämonen als vormoderne Fehldeutung von Krankheit entlarvt, entstanden, weil man „keine andere Erklärung hatte“. Andererseits wird im selben Absatz unwidersprochen berichtet, was Jesus mit den so gedeuteten Menschen tat: „Er hat ihnen geholfen – und genau das ist der Punkt.“ Wenn Dämonen nur ein Erklärungsversuch für Krankheit waren, dann heilte Jesus kranke Menschen, keine Besessenen – die Erzählung von der Dämonenaustreibung wäre dann selbst ebenso Deutung wie die Dämonen, die sie enthält. Diese Konsequenz zieht die Antwort nicht, sondern nutzt die biblische Erzählung weiter unbefangen als Beleg für Jesu Güte, obwohl sie deren tragende Prämisse gerade für obsolet erklärt hat.

Der Vergleich mit Viren und Genen verwischt einen entscheidenden Unterschied. Viren und Gene sind empirisch nachweisbare, unabhängig überprüfbare Ursachen; Dämonen sind es nicht und waren es nie. Dass Menschen in biblischer Zeit von Dämonen ebenso überzeugt waren wie wir heute von Viren, sagt nichts über deren Existenz, sondern nur etwas über den damaligen Erklärungshorizont. Die Formulierung nivelliert den Unterschied zwischen einer belegten und einer unbelegten Ursachenzuschreibung zu einer bloßen Frage des jeweiligen Zeitgeists.

Die einzige konkrete Handlungsempfehlung bleibt binnenkirchlich. Die Fragestellerin schildert ausdrücklich Angst und Panik, ausgelöst durch einen aufdringlichen, sich immer wieder aufdrängenden Gedanken. Statt auch nur zu erwähnen, dass anhaltende Angstzustände ärztlich oder psychotherapeutisch abgeklärt werden können, verweist die Antwort ausschließlich auf das Gespräch „mit jemandem aus deiner Gemeinde“. Für eine Person mit belastenden, sich aufdrängenden Gedanken ist das eine unnötig enge Empfehlung.

Die Antwort aus säkularer Sicht

Nein: Es gibt keine Dämonen, und niemand ist besessen – weder die Frau aus der Fernsehsendung noch die Fragestellerin. Die beruhigende Kernaussage der Antwort ist richtig, sie braucht nur eine tragfähigere Begründung als eine Analogie zu Viren.

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Kratzer, die man morgens am eigenen Körper vorfindet, ohne sich an eine Ursache zu erinnern, sind ein bekanntes, harmloses Phänomen: Menschen kratzen sich im Schlaf, etwa bei trockener Haut, Neurodermitis oder einer Allergie, oder schlicht, weil eine Stelle juckt und man das im Tiefschlaf nicht bewusst wahrnimmt. Auch unruhiger Schlaf, lebhafte Träume oder scheuernde Bettwäsche können Spuren hinterlassen, die morgens rätselhaft wirken, obwohl die Erklärung banal ist. Formate wie die genannte Sendung leben davon, genau diese Alltagsphänomene dramatisch umzudeuten, weil Angst Quote bringt.

Wer nach so einer Sendung tagelang von dem Gedanken verfolgt wird, selbst besessen zu sein, hat es nicht mit einem übernatürlichen Problem zu tun, sondern mit einem hartnäckigen, sich aufdrängenden Gedanken – ein Muster, das jedem bekannt ist, der schon einmal eine beunruhigende Nachricht nicht mehr aus dem Kopf bekam. Solche Gedanken verlieren an Macht, wenn man sie beim Namen nennt, statt sie zu verdrängen oder religiös aufzuladen.

Wenn die Kratzer selbst ungewöhnlich häufig auftreten oder sich Hautveränderungen zeigen, lohnt sich ein Termin bei einer Hausärztin oder einem Hautarzt – nicht, weil etwas Unheimliches dahintersteckt, sondern weil sich die allermeisten Ursachen ganz gewöhnlich behandeln lassen. Hält die Angst selbst an, ist ein Gespräch mit einer Beratungsstelle oder einer Psychotherapeutin ein ebenso naheliegender wie hilfreicher Schritt.

Quelle

„Bin ich vom Bösen besessen?“, Antwort von Frank Muchlinsky auf fragen.evangelisch.de

KI

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