Sind die Evangelien ausgedacht?

Lesezeit: ~ 4 Min.

Darum geht es

Die Antwort verschweigt, dass die Evangelien mutmaßlich anonym entstanden sind, und widerspricht sich, wenn sie Erfindung erst ausschließt und später einräumt, die Texte belegten nichts historisch Übernatürliches.

Auf fragen.evangelisch.de fragt der Nutzer Jannik, ob die Evangelien erfunden sein könnten, und begründet seine Skepsis gegenüber dieser These mit dem Martyrium der Apostel und der inhaltlichen Übereinstimmung mehrerer Autoren. Geantwortet hat Pfarrer Felix Weise.

Die Frage

„Guten Tag, Es gibt ja viele Menschen, welche sagen, dass es nicht belegt ist, dass Matthäus, Johannes, Markus und Lukas die Verfasser der Evangelien waren. Diese Menschen halten die Evangelien deshalb für unglaubwürdig und ausgedacht. Dass die Apostel sich die Evangelien ausgedacht haben halte ich eh für unlogisch, denn die wurden ja verfolgt und ermordet, das hätten sie nicht für eine Lüge auf sich genommen. Aber manche denken, ja dass irgendwelche anderen (die nicht zu den Aposteln oder den bekannten Evangelisten gehörten), sich das ausgedacht haben. Meine Frage ist deshalb folgende: Vorausgesetzt die Verfasser waren nicht Matthäus, Johannes, Lukas und Markus, warum sollten die Verfasser sich etwas ausdenken, wovon sie wissen, dass es nicht passiert ist? Zur damaligen Zeit gab es doch keinen Grund dafür, sich so etwas auszudenken (auch wenn man als normaler damaliger Bürger die Evangelien anonym verbreiten könnte), oder? Außerdem hätte ich noch ein weiteres Argumente dafür, dass die Evangelien nicht ausgedacht sind: Es gab mehrere Autoren der Evangelien und Briefe des biblischen Kanons. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass so viele Menschen sich etwas ausdenken, was so gut zusammenpasst und widerspruchslos ist. Was würden sie zu diesem Argument sagen? Ich hoffe, dass Sie mir helfen können. Mit freundlichen Grüßen“

Sachlich gefragt wird, ob es einen plausiblen Grund gäbe, warum unbekannte Verfasser Geschichten über Jesus hätten erfinden sollen, obwohl ihnen das keinen erkennbaren Vorteil brachte, und ob die Übereinstimmung mehrerer Autoren gegen eine Erfindung spricht.

Die Antwort

Weise verortet die Bibelwissenschaft zwischen wörtlicher Verbalinspiration und reiner Erfindung: „Zumindest in der Bibelwissenschaft … ist es breiter Konsens, dass die Evangelien nicht einfach ‚ausgedacht‘ sind.“ Er skizziert den Entstehungsprozess über mündliche Überlieferung hin zur schriftlichen Sammlung „vermutlich ab ca. 70 n. Chr, also 40 Jahre nach Jesu Tod“, verfasst von Menschen, die „von der tiefen Überzeugung geprägt waren, dass die Geschichte Jesus von Nazareth nicht mit seinem Tod vorbei war“. Die eigentliche Frage sei nicht, ob alles erfunden sei, sondern „an welcher Stelle beim Weiterzählen die Geschichten von Jesus ausschmückt wurden“. Zugleich räumt er ein: „Die Evangelien sind keine historischen Beweise, dass in Jesus Gott zu den Menschen gesprochen haben.“

Die Kritik

Die eigentliche Prämisse der Frage wird nicht korrigiert. Jannik geht implizit davon aus, die Evangelien könnten von Augenzeugen-Aposteln stammen, die im Fall einer Lüge ihr Martyrium unnötig auf sich genommen hätten. Die historisch-kritische Bibelwissenschaft, auf die sich Weise selbst beruft, geht jedoch überwiegend davon aus, dass die Evangelien anonym verfasst und erst später den Namen Matthäus, Markus, Lukas und Johannes zugeschrieben wurden – keiner der Autoren war nachweislich Augenzeuge. Diese zentrale Information nennt die Antwort nicht, obwohl sie Jannik unmittelbar weitergeholfen hätte.

Die Antwort weicht dem eigentlichen Streitpunkt aus, indem sie ihn umbenennt. Statt zu klären, ob gerade die entscheidenden Inhalte – Wunder, Auferstehung – erfunden sein könnten, wird die Frage auf das Ausmaß der „Ausschmückung“ verengt. Das klingt nach stilistischer Ausgestaltung eines wahren Kerns; ob zentrale Elemente selbst spätere Erzähltradition sind, bleibt unbeantwortet.

Die Antwort widerspricht sich in der Tragweite ihrer eigenen Aussage. Der einleitende breite Konsens, die Evangelien seien „nicht einfach ausgedacht“, steht der späteren Einschränkung entgegen, die Evangelien „sind keine historischen Beweise, dass in Jesus Gott zu den Menschen gesprochen hat“ und könnten „maximal zeigen, dass viele Menschen von Jesus begeistert waren“. Damit wird der für Jannik eigentlich interessante Kern – Wunder, Auferstehung – am Ende doch als unbelegt eingeräumt. Die beruhigende erste Aussage und die skeptische zweite passen nicht zusammen.

Der Schlusssatz macht die Antwort unabhängig von jedem Ergebnis. „Wer davon überzeugt ist, dass Gott nur ein Fantasieprodukt ist … den werden die Evangelien auch nicht von etwas Anderem überzeugen.“ Damit wird jede Uneinigkeit von vornherein der fehlenden Glaubensperspektive des Lesers zugeschrieben, nicht der Beleglage – eine Formulierung, die sich gegen Kritik immunisiert, weil sie Widerspruch als Symptom mangelnden Glaubens wertet statt als mögliches Ergebnis der Prüfung.

Die Antwort aus säkularer Sicht

Nein, „ausgedacht“ im Sinn einer bewussten Lüge sind die Evangelien vermutlich nicht – „historisch zuverlässig“ sind sie deshalb noch lange nicht. Dazwischen liegt die naheliegendste Erklärung: gewachsene, aufrichtig geglaubte Legende.

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Historisch-kritische Forschung geht heute überwiegend davon aus, dass alle vier Evangelien anonym entstanden sind; die Namen Matthäus, Markus, Lukas und Johannes wurden ihnen erst später zugeordnet. Damit erledigt sich Janniks Ausgangsannahme, es handle sich um Berichte verfolgter Augenzeugen.

Das Martyrium-Argument überzeugt zudem unabhängig davon nicht: Menschen sterben nachweislich für Überzeugungen, die objektiv falsch sind, von Sektenmitgliedern bis zu Attentätern. Bereitschaft zum Sterben belegt die Aufrichtigkeit einer Überzeugung, nicht deren Wahrheit. Genau das ist bei den Evangelien die plausibelste Annahme: Ihre Verfasser glaubten offenbar aufrichtig, was sie schrieben – nach Jahrzehnten mündlicher Weitergabe, in denen sich Erzählungen erfahrungsgemäß ausschmücken und einander angleichen.

Auch das Konsistenz-Argument trägt weniger, als es scheint: Die vier Evangelien widersprechen sich in etlichen Details, etwa in den Weihnachtserzählungen bei Matthäus und Lukas oder in Zahl und Reihenfolge der Erscheinungen nach der Auferstehung. Dass sie dennoch ein gemeinsames Grundgerüst teilen, spricht nicht gegen literarische Abhängigkeit – im Gegenteil: Markus gilt in der Forschung als älteste Quelle, aus der Matthäus und Lukas große Teile übernommen haben. Gemeinsamkeiten mehrerer Texte sind damit eher ein Hinweis auf geteilte Tradition als ein Beleg unabhängiger Zeugenaussagen.

Quelle

„Sind die Evangelien ausgedacht?“, Antwort von Pfarrer Felix Weise auf fragen.evangelisch.de

KI

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