Darum geht es
Pfarrer Ulrich Piesche predigt bei der 46. Frauenwallfahrt zum Gehilfersberg vom „Draht zu Gott“ – einem Bild, das sich die Plausibilität eines technischen Geräts borgt und dessen entscheidende Eigenschaft weglässt: die Prüfbarkeit. Der Sender sendet immer, die Störung liegt grundsätzlich beim Empfänger. Gelobt wird an den Frauen ausgerechnet das unbemerkte Leiden – von einem Mann, in einer Institution, die genau diesen Frauen das Wort im Gottesdienst verweigert.Osthessen|News berichtet am 13. September 2026 über die 46. Frauenwallfahrt zum Gehilfersberg bei Rasdorf. Frauen aus dem Pastoralverbund „Hessisches Kegelspiel zu den Heiligen 14 Nothelfern“ zogen mit geschmückten Kreuzen sternförmig aus ihren Ortschaften auf den Berg, beteten und sangen an drei Stationen aus einem eigens erarbeiteten Heft, feierten Eucharistie und trafen sich anschließend im Bürgerhaus bei Kaffee und Kuchen. Die Kollekte, 300 Euro, geht an den Ökumenischen Hospizverein Hünfeld.
Über das Ereignis ist wenig zu sagen: ein gewachsenes Ritual, organisiert von Ehrenamtlichen, mit einem Ertrag, der Menschen in ihrer letzten Lebensphase zugutekommt.
Bemerkenswert ist die Denkfigur, die der Tag trägt – und die Pfarrer Ulrich Piesche in seiner Predigt entfaltet: ein angeblicher Draht zu Gott.
Ein Bild aus der Technik, ohne die Technik
Das Bild ist grundsätzlich gut gewählt, und genau darin liegt aber auch das grundlegende Problem. Eine Leitung ist deshalb vertrauenswürdig, weil sie prüfbar ist: Es gibt ein Freizeichen, eine Gegenstimme, einen messbaren Signalpegel. Man kann feststellen, ob die Verbindung steht. Fällt sie aus, lässt sich lokalisieren, wo.
Beim Transfer ins Religiöse wird genau diese Eigenschaft stillschweigend entfernt. Übrig bleibt ein Kanal ohne Freizeichen, ohne Rückmeldung, ohne jede Möglichkeit, Verbindung von Nicht-Verbindung zu unterscheiden. Was die Metapher an Anschaulichkeit gewinnt, borgt sie sich von einem Gerät, dessen definierende Leistung sie nicht mitliefert. Das ist kein Detail, sondern der ganze Vorgang.
Die Störung liegt immer beim Empfänger
Im Bericht heißt es, im Alltag sei der Draht oft durch Termine, Sorgen und die Geschäftigkeit des Umfeldes gestört; es bedürfe einer Antenne, um ihn neu zu spüren. Damit ist die Fehlerdiagnose festgelegt, bevor irgendetwas untersucht wurde. Der Sender sendet ununterbrochen. Kommt nichts an, liegt es an der Empfängerin.
Das ist das Grundmuster einer immunisierten Behauptung, wie es Karl Popper und Hans Albert beschrieben haben. Man prüfe die möglichen Fälle durch: Die Frau erlebt Trost auf dem Weg – der Draht trägt. Sie erlebt nichts – sie muss an ihrer Antenne arbeiten. Sie erlebt das Gegenteil, Zweifel, Leere, Wut – eine Prüfung, eine Zeit der Dunkelheit, in der Gott sich verbirgt. Es gibt keinen denkbaren Ausgang, der gegen die These spräche. Eine Aussage, die mit jedem Befund verträglich ist, ist nicht besonders stark. Sie sagt nichts.
Dazu kommt die Kostenseite. Wer die Störung grundsätzlich beim Empfänger verortet, verteilt damit auch Verantwortung. Die Frau, die nach Jahrzehnten des Betens nichts mehr hört, hat nach dieser Logik ein Defizit – zu viel Alltag, zu wenig Stille, zu schwache Antenne. Die Konstruktion schützt die Behauptung und belastet die Person. Ausgerechnet bei einer Zielgruppe, die laut Predigt ohnehin Hoffnung, Enttäuschung, Krankheit und Trauer mit sich trägt.
Der stärkste Faden – und ein Zirkel
Das zweite Bild der Predigt ist ein Spinnennetz: Reißt ein Faden, halten die anderen. Der stärkste Faden sei Gott selbst, er halte auch dann, „wenn der Halt verloren scheine“. Der Nebensatz ist die eigentliche Arbeit des Satzes. Er erklärt die naheliegendste Gegenprobe – dass Menschen zusammenbrechen, dass Halt tatsächlich verloren geht – im Voraus zur bloßen Erscheinung. Was wie eine Zusage klingt, ist eine Klausel gegen Widerlegung.
Und dann Matthäus 18,20: Wo zwei oder drei in seinem (gemeint ist der Gottessohn aus der biblisch-christlichen Mythologie, Anm. v. mir) Namen versammelt seien, sei er mitten unter ihnen. Als Zusage im Gottesdienst ist das üblich. Als Begründung, wie es der Bericht nahelegt – die Wallfahrt gehe man mit den Füßen, aber eigentlich mache sich Gott mit auf den Weg –, ist es ein Zirkel: Die Anwesenheit der Gruppe belegt die Anwesenheit dessen, um den es geht. Beobachtbar ist allerdings nur das eine. Dass Menschen zusammen einen Berg hinaufgehen und dabei etwas spüren können, ist unbestritten. Dass ein Dritter mitgeht, folgt daraus nur, wenn man es vorher hineingelegt hat.
Was sich prüfen lässt, wurde geprüft
Piesche betont, Gott brauche keine langen Gebete; manchmal genüge „Danke, Hilf mr, Bleib bei mir“ oder Stille. Der Satz ist sympathisch und weicht zugleich der Frage aus, was das Gebet eigentlich bewirken soll. Dort, wo diese Frage überprüfbar gestellt wurde, liegen Ergebnisse vor.
Die STEP-Studie (Benson et al., American Heart Journal 2006) untersuchte an sechs US-Kliniken 1.802 Bypass-Patienten. Komplikationen traten bei 52 Prozent derjenigen auf, für die gebetet wurde, und bei 51 Prozent derjenigen, für die nicht gebetet wurde. In der Gruppe, die sicher wusste, dass für sie gebetet wird, lag die Quote mit 59 Prozent sogar höher als in der ungewissen Vergleichsgruppe mit 52 Prozent. Ein Cochrane-Review zum Fürbittgebet kam 2009 ebenfalls zu keinem belastbaren Wirknachweis.
Das widerlegt nicht, dass Beten Menschen beruhigt, strukturiert und Trauer sortiert – das tut es nachweislich, wie andere Rituale auch. Es widerlegt die Beschreibung des Betens als Übertragung auf einem Draht, an dessen anderem Ende jemand eingreift. Genau diese Beschreibung ist aber die, mit der geworben wird.
46 Jahre unterwegs – und wer am Mikrofon steht
Der Bericht macht die Arbeitsteilung ungewollt sichtbar. Fünf Frauen haben das Wallfahrtsheft erarbeitet, sie werden namentlich genannt. Frauen ziehen aus den Dörfern sternförmig zum Berg, seit 46 Jahren. Das Familiengottesdienstteam bereitet den Saal vor, schmückt mit Blumen, stellt Kaffee und Kuchen bereit. Die Eucharistiefeier leitet ein Mann. Die Deutung dessen, was die Frauen da eigentlich tun, liefert derselbe Mann.
Das ist kein persönlicher Vorwurf an Ulrich Piesche, sondern die Beschreibung einer Ordnung, die er nicht gemacht hat, aber verkörpert. Can. 1024 des katholischen Kirchenrechts hält fest, dass die Weihe nur ein getaufter Mann gültig empfängt; das Schreiben Ordinatio sacerdotalis von 1994 erklärte die Frage für abschließend entschieden. Der Synodale Weg in Deutschland hat 2023 dazu einen Handlungstext beschlossen – bezeichnenderweise unter dem Titel „Perspektiven für das weltkirchliche Gespräch“. Mehr als die Bitte um ein Gespräch war innerkirchlich nicht zu erreichen. Wer also nach 46 Jahrgängen Frauenwallfahrt predigen darf, steht nicht zur Disposition der Gemeinde.
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(öffnet in neuem Tab)Vor diesem Hintergrund bekommt das Lob der Predigt einen Beigeschmack. Gerühmt wird an den Frauen, sie hätten ein Leben lang den Draht gepflegt: im Gebet, als die Kinder klein waren, „geweint, ohne dass es jemand bemerkt habe“, das Herz geöffnet ohne viele Worte. Das ist als Beschreibung vielleicht zutreffend. Als Lob ist es eine Rollenempfehlung: aushalten, nicht auffallen, nicht fordern. Das unbemerkte Weinen wird zur Tugend geadelt – und damit die Bedingung, unter der es unbemerkt blieb, gleich mit.
Was an so einem Tag tatsächlich trägt
Das Spinnennetz ist ein brauchbares Bild, nur stimmt die Zuschreibung nicht. Was an diesem Tag trägt, lässt sich benennen, ohne einen unsichtbaren Faden zu bemühen: das gemeinsame Gehen, Menschen, die einander seit Jahrzehnten kennen, ein Weg mit Anfang und Ziel, ein geschmückter Saal, die Gelegenheit, über Sorgen zu reden, die im Alltag keinen Ort haben. Soziale Einbindung, Bewegung und wiederkehrende Rituale haben messbare Effekte auf Wohlbefinden und Belastbarkeit. Kein einziger davon braucht einen imaginären Sender am anderen Ende der Leitung.
Und es gibt im Bericht eine Stelle, deren Wirkung sich nicht an einer Deutung, sondern an Personen messen lässt: die 300 Euro für den Ökumenischen Hospizverein Hünfeld. Hospizarbeit hilft, ob der Draht steht oder nicht. Sie ist überprüfbar, sie ist kritisierbar, sie kann besser oder schlechter gemacht werden – genau das macht sie belastbar. Ein säkular-humanistischer Trost funktioniert nach demselben Prinzip: Wer sagt „ich bin da“, gibt ein Versprechen, das man einlösen oder brechen kann. Es ist verletzlicher als eine Leitung, die per Konstruktion nie ausfällt. Es ist aber auch das einzige von beiden, auf das man sich tatsächlich stützen kann.
Die Bauart lohnt sich zu kennen, weil sie nicht auf Religion beschränkt ist. Politische Heilsversprechen arbeiten mit derselben Immunisierung: Passt die Wirklichkeit nicht zur Lehre, liegt es an Feinden, an mangelnder Reinheit, an der fehlenden Antenne der Anhänger. Wer den Mechanismus in der Predigt erkennt, erkennt ihn auch auf dem Marktplatz. Konfessionsfreiheit allein leistet das nicht – sie ist keine Gewähr dafür, nicht auf dieselben Methoden hereinzufallen, nur mit anderem Inhalt.
Fazit
Ein Draht, bei dem der Sender nie schweigt, die Störung immer beim Empfänger liegt und selbst der abgerissene Halt als Beweis der Tragfähigkeit gilt, ist kein Draht. Er ist eine Erzählung, die so gebaut wurde, dass sie nicht scheitern kann – und die ihren Preis bei denen abbucht, die nichts hören und daraus schließen sollen, es liege an ihnen.
Was die Frauen auf dem Gehilfersberg getragen hat, hat einen Namen, und er steht im Bericht: 46 Jahrgänge gemeinsames Gehen, fünf Frauen, die das Heft geschrieben haben, ein Team, das den Saal geschmückt hat, 300 Euro für Sterbende. Dass am Ende dieser Kette ein Mann erklärt, wer da eigentlich mitgegangen ist, und den Frauen dabei das stille Weinen als Auszeichnung anrechnet, ist kein Schlussakkord. Es ist die Pointe, die der Bericht nicht bemerkt.
Quellen
- Osthessen|News: „Wenn der Draht zu Gott neue Kraft schenkt“ – 46. Frauenwallfahrt zum Gehilfersberg, 13. September 2026 (besprochener Beitrag)
- Benson H. et al.: Study of the Therapeutic Effects of Intercessory Prayer (STEP) in cardiac bypass patients. American Heart Journal 151 (2006), S. 934–942 (Volltext, PDF)
- American College of Cardiology: Zusammenfassung der STEP-Studie (Design, Endpunkte, Ergebnisse)
- Roberts L., Ahmed I., Davison A.: Intercessory prayer for the alleviation of ill health. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Art. No. CD000368
- Johannes Paul II.: Apostolisches Schreiben Ordinatio sacerdotalis vom 22. Mai 1994 (deutsch, PDF)
- Codex Iuris Canonici (1983), can. 1024 – lateinisch-deutsche Online-Ausgabe (Stefan Ihli), ebenso vatican.va (italienisch)
- Der Synodale Weg: Handlungstext „Frauen in sakramentalen Ämtern – Perspektiven für das weltkirchliche Gespräch“, Beschluss vom 11. März 2023 (PDF)
- Karl Popper: Logik der Forschung (1934) und Hans Albert: Traktat über kritische Vernunft (1968) – zum Begriff der Immunisierungsstrategie














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