Der heilige Wendelin: Vom Viehseuchen-Patron zum Klima-Heiligen

Lesezeit: ~ 7 Min.

Darum geht es

Stefan Buß macht aus einem legendarischen Viehseuchen-Patron einen Öko-Vorbildheiligen – und übergeht dabei, dass die Kirchenlehre den Menschen ausdrücklich als Herrn über die Tiere sieht und Gottvertrauen gegen Dürre noch nie geholfen hat.

Zum Wendelinstag hat Stadtpfarrer Stefan Buß auf Osthessen|News einen Heiligen für die Klimakrise entdeckt. Der heilige Wendelin, so Buß, sei ein Mann der Einfachheit gewesen, ein Hirte, der seine Tiere umsorgte – und damit ein Vorbild für eine Zeit, die immer „größer, schneller und leistungsfähiger“ werden wolle. Am Ende lädt er uns ein, „Hirten der Schöpfung“ zu werden. Das klingt sympathisch, beinahe grün. Bei näherem Hinsehen bleibt von dem Bild allerdings wenig übrig: eine Legende aus dem Spätmittelalter, eine theologisch fragwürdige Umdeutung und ein Gottvertrauen, das ausgerechnet beim Thema Dürre ziemlich alt aussieht.

Ein Heiliger aus zweiter, eher aus achter Hand

Buß schreibt, Wendelin habe im 6. Jahrhundert gelebt, sei „der Überlieferung nach“ aus vornehmer Familie gekommen und habe sich gegen Wohlstand und Macht entschieden. Das Wörtchen „Überlieferung“ trägt hier schwer. Die Catholic Encyclopedia, nicht gerade ein Organ der Religionskritik, hält fest, dass die frühesten Lebensbeschreibungen Wendelins erst nach 1417 entstanden sind – also rund 800 Jahre nach seinem angenommenen Tod um 617. Wie weit man diesen späten Biografen trauen kann, sei schwer zu sagen, räumt der Artikel ein. Ein niederländisches Heiligenlexikon formuliert es noch deutlicher: Wendelins Lebensgeschichte beruhe rein auf Legende.

Diese Legende erzählt von einem schottischen oder irischen Königssohn, der nach einer Romwallfahrt im Trierer Land als Einsiedler lebte, von einem Grundherrn als Müßiggänger beschimpft wurde und daraufhin in dessen Dienst als Viehhirte trat. Später soll er Abt von Tholey geworden sein – was historisch ebenfalls wackelt, denn das Kloster wurde wohl erst um 630 gegründet. Interessant ist, was Buß aus dieser Geschichte auswählt und was er weglässt: Der Abt, also der Leiter einer klösterlichen Gemeinschaft mit Grundbesitz, passt schlecht zum Bild vom Mann, der „Macht“ ablehnt. Also fällt er unter den Tisch.

Unfreiwillig komisch wird es, wenn Buß betont, ein Hirte besitze seine Herde nicht, sondern trage Verantwortung für sie. Laut Legende stimmt das sogar – die Herde gehörte schlicht dem Grundherrn. Wendelin war, nüchtern betrachtet, ein Lohnhirte, der fremdes Eigentum bewachte. Dass daraus eine Ethik der Schöpfungsverantwortung wird, verdankt sich nicht der Quelle, sondern dem Predigtbedarf des 21. Jahrhunderts.

Vom Viehseuchen-Patron zum Klima-Heiligen

Auch die Verehrung, die Buß als Beleg für Wendelins Aktualität anführt, hatte jahrhundertelang einen sehr handfesten Zweck. Die Catholic Encyclopedia nennt ihn den Patron der Landleute und Hirten, dessen Fürsprache besonders bei Seuchen und ansteckenden Viehkrankheiten als wirksam galt. Man betete zu Wendelin nicht, um die Biodiversität zu schützen, sondern damit das eigene Vieh nicht krepierte. Das ist menschlich völlig verständlich – aber es ist das Gegenteil des romantischen Bildes vom selbstlosen Naturfreund.

Und hier lohnt der Blick darauf, was tatsächlich geholfen hat. Die Rinderpest, über Jahrhunderte eine der verheerendsten Tierseuchen in Europa, Asien und Afrika, gilt seit 2011 als weltweit ausgerottet. Die FAO-Konferenz erklärte damals offiziell die globale Freiheit von der Krankheit – nach einer jahrzehntelangen internationalen Kampagne. Entscheidend war ein 1960 entwickelter Impfstoff. Es war die erste Tierseuche, die der Mensch je ausgerottet hat, und nach den Pocken überhaupt erst die zweite Krankheit. Wendelinsprozessionen hat es in dieser Zeit reichlich gegeben. Den Durchbruch brachten Virologen, Tierärzte und internationale Zusammenarbeit.

„Nicht Herr über die Schöpfung“? Die eigene Lehre sagt etwas anderes

Den theologisch interessantesten Satz des Impulses formuliert Buß so: Der Mensch sei nicht Herr über die Schöpfung, sondern Teil von ihr. Das ist ein schöner, ökologisch anschlussfähiger Gedanke. Er hat nur ein Problem: Er steht quer zu den eigenen Grundlagentexten. Im Schöpfungsbericht heißt es in der Lutherbibel von 1912 unmissverständlich:

„Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über Fische im Meer und über Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ (Genesis 1,28)

Der Katechismus der Katholischen Kirche zieht daraus bis heute die Konsequenz. In Nummer 2417 heißt es, Gott habe die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt; somit dürfe man sich der Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern bedienen, auch Tierversuche seien in vernünftigen Grenzen sittlich zulässig. Selbst das Verbot, Tiere nutzlos leiden zu lassen, begründet der Katechismus nicht mit der Würde des Tieres, sondern mit der des Menschen. Das ist keine Randnotiz, das ist die offizielle Morallehre der Kirche, für die Buß spricht.

Der US-Historiker Lynn White, selbst Christ, hat 1967 in „Science“ die viel diskutierte These vertreten, das westliche Christentum trage mit seinem Herrschaftsverständnis gegenüber der Natur eine erhebliche Mitschuld an der ökologischen Krise. Man muss diese These nicht in ihrer Zuspitzung teilen – Kritiker haben zu Recht eingewandt, dass auch nichtchristliche Gesellschaften ihre Umwelt zerstört haben. Aber die Gegenrichtung, die Buß nahelegt, ist mindestens ebenso schief: als sei Schöpfungsverantwortung seit jeher christliches Kerngut. Tatsächlich hat sich die Formel von der „Bewahrung der Schöpfung“ erst 1983 auf der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver als kirchliches Leitmotiv etabliert. Das ist knapp 1400 Jahre nach Wendelin – und ziemlich genau zu der Zeit, als die säkulare Umweltbewegung längst auf der Straße war.

Ein Bild, das sich in jede Richtung biegen lässt

Wie beliebig der Rückgriff auf die „Schöpfung“ ist, zeigt ein Blick in die rechtskonservative Publizistik. Dort wird dieselbe Formel als substanzloses Wieselwort der Klimapropaganda verspottet, Kirchen gelten als Komplizen von Ideologen, und man beruft sich darauf, dass der Katechismus gar nicht verlange, einen bestimmten Zustand der Natur zu konservieren. Die eine Seite liest aus der Bibel den Auftrag zum Klimaschutz, die andere den Freibrief, sich um das Klima nicht zu scheren. Beide haben ihre Belegstellen.

Genau darin liegt das Grundproblem: Ein Glaubenskonstrukt, das sich je nach Publikum als grünes Gewissen oder als Bollwerk gegen „Klimahysterie“ in Stellung bringen lässt, taugt nicht als Moralquelle. Es liefert keine Begründung, sondern nur Verpackung. Ob ein Prediger in Fulda Wendelin zum Ökoheiligen macht oder ein evangelikaler Prediger in Texas aus Genesis 1,28 das Recht auf ungebremstes Wachstum ableitet, hängt nicht am Text, sondern daran, was das jeweilige Publikum hören will. Populisten aller Lager wissen das und bedienen sich entsprechend.

Gott lässt wachsen – oder eben verdorren

Gegen Ende schwenkt Buß auf das „Vertrauen“. Ein Hirte wisse, dass er nicht alles in der Hand habe; er könne säen und pflegen, aber den Regen könne er nicht machen. Darum sollten wir darauf vertrauen, dass Gott wachsen lasse, was wir in seine Hände legen – eine Anspielung auf Paulus: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben“ (1. Korinther 3,6).

Nur wenige Absätze vorher hat Buß selbst aufgezählt, was in den vergangenen Jahren geschah: Hitze, Dürre, Wasserknappheit, Waldschäden, Extremwetter. Wenn Gott derjenige ist, der den Regen macht, dann hat er ihn in diesen Jahren offenbar nicht gemacht. Entweder hat er also nicht wachsen lassen, was die Bauern ihm in die Hände gelegt haben – oder er hat damit schlicht nichts zu tun. Die erste Variante wirft die bekannte Theodizeefrage auf, die zweite macht das ganze Vertrauen überflüssig. Einen dritten Weg bietet der Impuls nicht an, er stellt die beiden Gedanken einfach unverbunden nebeneinander und hofft, dass es niemandem auffällt.

Bedenklich ist auch die Botschaft „Auch wir können die Welt nicht retten“. Als Trost für überforderte Einzelne mag das taugen. Als gesellschaftliche Haltung ist es fatal, denn die Klimakrise ist kein Wetterschicksal, das man mit Demut ertragen müsste, sondern ein physikalisch gut verstandener Prozess, dessen Verlauf von menschlichen Entscheidungen abhängt. Wer an dieser Stelle die Verantwortung zur Hälfte an eine höhere Instanz abgibt, schwächt genau das, was er eingangs einfordert.

Der Hirte und seine Schafe

Bleibt das Bild vom Hirten, das Buß so liebevoll ausmalt. Es ist kein Zufall, dass es ihm so gut gefällt: „Pastor“ heißt nichts anderes als Hirte, und die Kirche beschreibt ihr Verhältnis zu den Gläubigen seit jeher als das von Hirte und Herde. Der Hirte führt, die Schafe folgen. Und Schafe werden – das gehört zur Ehrlichkeit des Bildes – nicht aus Zuneigung gehalten, sondern wegen Wolle, Milch und Fleisch.

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Auch die „Einladung“, mit der Buß schließt, ist bei Licht besehen keine. Heiligkeit ist in katholischer Lehre kein netter Lebensstil, sondern verbunden mit dem Heil – und dessen Kehrseite benennt das Markusevangelium ohne Umschweife: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden“ (Markus 16,16). Wer das freundliche Gesicht des Schäfers zeigt und den Hund verschweigt, der die Herde zusammenhält, erzählt nur die halbe Geschichte.

Eine Randbemerkung sei erlaubt. Ein guter Hirte, schreibt Buß, müsse aufmerksam sein und wissen, wann seine Schützlinge etwas brauchen. Der Autor dieses Blogs hat dem Stadtpfarrer mehrfach Rückfragen zu seinen Impulsen gestellt. Einige hat Buß beantwortet, dann mitgeteilt, er werde nicht mehr antworten – und sich seither daran gehalten. Aufmerksamkeit, so scheint es, gilt vor allem den Schafen, die nicht widersprechen.

Die säkular-humanistische Alternative: Verantwortung ohne Heiligenschein

Dabei enthält der Impuls Gedanken, denen man ohne Weiteres zustimmen kann: Ressourcen sind endlich, wir sollten nicht unbegrenzt verbrauchen, die Frage „Was brauche ich wirklich?“ ist klüger als „Was kann ich mir leisten?“. Das schönste Bild des Textes ist der Mensch, der einen Baum pflanzt, obwohl er selbst nicht mehr in dessen Schatten sitzen wird. Nur: Für all das braucht es weder Wendelin noch Gott.

Eine humanistische Umweltethik begründet Verantwortung nicht mit einem „Anvertrauen“ durch einen Schöpfer, sondern mit drei nachprüfbaren Tatsachen. Erstens: Wir hängen von funktionierenden Ökosystemen ab, das ist Biologie, nicht Glaube. Zweitens: Künftige Generationen werden mit den Folgen unserer Entscheidungen leben, und Fairness ihnen gegenüber ist ein moralisches Prinzip, das sich ohne Jenseits begründen lässt. Drittens: Tiere sind empfindungsfähige Wesen, deren Leid zählt – um ihrer selbst willen und nicht, wie im Katechismus, um der Würde des Menschen willen. Wer den Baum für die Enkel pflanzt, ohne dafür auf himmlische Belohnung zu spekulieren, handelt nicht weniger, sondern eher selbstloser als der fromme Hirte.

Und statt auf ein Gedeihen zu vertrauen, das Gott gewährt oder verweigert, vertraut die säkulare Perspektive auf das, was sich bewährt hat: Messdaten, Forschung, internationale Zusammenarbeit und politische Entscheidungen. Dass dieser Weg funktionieren kann, zeigt ausgerechnet die Geschichte, an der sich Wendelins Kult jahrhundertelang abgearbeitet hat – die Ausrottung der Rinderpest.

Fazit

Buß‘ Wendelin ist ein Heiliger nach Maß: Die Legende wird so zugeschnitten, dass der Abt verschwindet und der Ökohirte übrig bleibt, die Kirchenlehre zur Herrschaft über die Tiere wird ins Gegenteil verkehrt, und das Gottvertrauen bekommt einen Platz neben der Dürre, ohne dass beides zusammenpassen müsste. Was an dem Impuls gut ist – Achtsamkeit, Maßhalten, Verantwortung für die Nachkommen –, ist nicht christlich, sondern schlicht vernünftig. Was christlich daran ist, macht ihn nicht besser. Hirten der Schöpfung müssen wir nicht werden. Erwachsene Menschen, die Verantwortung übernehmen, ohne dafür einen Heiligen zu brauchen, reichen völlig.

Quellen

KI

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