Für wen haltet ihr ihn? – Buß und die einzig zulässige Antwort

Lesezeit: ~ 7 Min.

Darum geht es

Stefan Buß verlangt eine ganz persönliche Antwort auf die Frage, wer Jesus ist – und lässt dann doch nur eine einzige gelten: die des Katechismus, gestützt auf eine Bibelstelle, die historisch kaum trägt, und auf eine Drohung, die er lieber verschweigt.

Gedanken zum Impuls: Stefan Buß: „Für wen haltet ihr mich?“, veröffentlicht am 17.10.26 von osthessen-news.de

Darum geht es

Stadtpfarrer Stefan Buß hat sich für seinen Samstagsimpuls eine der bekanntesten Szenen des Neuen Testaments ausgesucht: das Messiasbekenntnis des Petrus bei Cäsarea Philippi. Jesus fragt seine Jünger zuerst, wofür ihn die Leute halten, dann, wofür sie selbst ihn halten. Petrus antwortet: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ – und bekommt dafür den Felsen, die Kirche und die Schlüssel.

Buß macht daraus eine Frage an uns alle: Nicht was im Religionsbuch steht, nicht was man im Katechismus gelernt hat, zähle, sondern „Wer ist Jesus für mich persönlich?“ Das klingt nach Freiheit. Es ist aber das Gegenteil. (Nebenbei: Die Stelle steht nicht in Mt 16,3, wie Buß angibt, sondern in Mt 16,13. Eine Kleinigkeit – aber wer anderen das Bibelstudium ans Herz legt, könnte die eigene Stellenangabe prüfen.)

Persönlich – aber bitte nach Vorschrift

Buß grenzt die persönliche Antwort ausdrücklich vom Katechismus ab. Dann liefert er sie – und sie ist, Wort für Wort, die Antwort des Katechismus. Dort heißt es in Nummer 424, man bekenne von Jesus „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“, und auf den Felsen dieses Glaubens, den Petrus bekannt habe, habe Christus seine Kirche gebaut. Genau das ist der Kern des Impulses: „Der Fels, auf dem die Kirche steht, ist letztlich nicht die Stärke eines Menschen. Es ist das Bekenntnis.“

Die „persönliche“ Frage hat also genau ein richtiges Kästchen zum Ankreuzen. Wer persönlich zu dem Ergebnis kommt, Jesus sei ein jüdischer Wanderprediger gewesen, der das baldige Weltende erwartete und sich darin irrte, hat nicht persönlich geantwortet, sondern falsch. Spielraum gewährt Buß nur bei der Lautstärke: Die Antwort müsse „nicht immer so groß und klar sein wie die des Petrus“, sie dürfe auch lauten: „Herr, ich glaube – aber mein Glaube ist klein.“ Zweifel ist erlaubt, solange er sich als Bekenntnis mit Demutsbonus verkleidet. Das Ergebnis selbst steht fest.

Pikant ist, welche Antworten die Geschichte als unzureichend abtut: Die Leute halten Jesus für Johannes den Täufer, für Elija, für Jeremia, für „einen der Propheten“. Ausgerechnet diese „Meinung der anderen“ liegt dem, was die historisch-kritische Forschung seit Albert Schweitzer über Jesus sagt, erstaunlich nahe: ein apokalyptischer Prophet in der Tradition des Täufers. Der Impuls behandelt die plausibelste Antwort als Vorstufe, die man überwinden muss, um zur eigentlichen Wahrheit zu gelangen. So funktioniert Verkündigung: Die Evidenz ist das, was die Leute reden; die Wahrheit ist das, was das Lehramt sagt.

Ein Fels mit Haarrissen

Buß behandelt das Felsenwort, als hätte Jesus es so gesagt. Das ist mutig. Die Szene steht zwar bei allen drei Synoptikern, aber nur bei Matthäus mit dem Zusatz, auf den es Buß ankommt. Bei Markus, dem ältesten Evangelium, antwortet Petrus schlicht: „Du bist der Christus“ (Mk 8,29) – kein „Sohn des lebendigen Gottes“, kein Fels, keine Kirche, keine Schlüssel. Bei Lukas heißt es: „der Christus Gottes“ (Lk 9,20). Das Wort „Kirche“ (ekklesia) kommt in allen vier Evangelien überhaupt nur zweimal vor, beide Male bei Matthäus (Mt 16,18 und 18,17). Ein Prediger, der das nahe Gottesreich erwartete, gründet nebenbei eine Institution mit Leitungsamt? Das ist die Sprache einer späteren Gemeinde, die sich ihre Ordnung rückwirkend vom Gründer bestätigen ließ. Wir haben das im April anlässlich von Buß‘ Rom-Impuls ausführlicher beschrieben (Zwischen Glaube und Geschichtsfälschung: Buß in Rom).

Noch interessanter ist, wie geschmeidig Buß den Felsen deutet. Der Fels sei „letztlich nicht die Stärke eines Menschen“, sondern das Bekenntnis. Das ist die Lesart Augustins, und der Katechismus führt sie in Nummer 424 auch. Ein paar hundert Nummern weiter, in Nummer 881, klingt es allerdings ganz anders: Der Herr habe „einzig Simon“ zum Felsen seiner Kirche gemacht, ihm die Schlüssel übergeben und ihn zum Hirten der ganzen Herde bestellt. Auf dieser Lesart ruht das Papsttum. Die Kirche hält sich beide Deutungen vor und greift zu der, die gerade passt: Für die Romreise ist Petrus der Fels, für den Trost-Impuls das Bekenntnis. Ein Text, der sich je nach Bedarf in die eine oder andere Richtung biegen lässt, ist als Fundament ungefähr so verlässlich wie ein Felsen aus Knetmasse.

Auch was Buß weglässt, ist aufschlussreich. Unmittelbar nach dem Bekenntnis verbietet Jesus den Jüngern, irgendjemandem zu sagen, dass er der Christus sei (Mt 16,20) – Buß dagegen ruft dazu auf, genau dieses Bekenntnis „sichtbar zu machen“. Und nur drei Verse später nennt derselbe Jesus denselben Petrus „Satan“ (Mt 16,23). Der Fels hält keine Seite lang.

„Gerade deshalb tröstlich“

Den zentralen Gedanken des Impulses formuliert Buß so: Petrus war kein perfekter Mensch, er verleugnete Jesus dreimal, „gerade deshalb ist es so tröstlich, dass Jesus seine Kirche nicht auf einen vollkommenen Menschen baut.“ Und weiter: „Der Glaube lebt nicht von perfekten Menschen.“

Als Ermutigung für den Einzelnen ist das harmlos. Als Selbstbeschreibung einer Institution ist es eine Immunisierungsformel. Wenn Unvollkommenheit zum Gründungsmerkmal erklärt wird, wird jedes Versagen zur Bestätigung des Programms. Die MHG-Studie hat 2018 in den Personalakten der deutschen Bistümer Hinweise auf 1.670 beschuldigte Kleriker und 3.677 betroffene Kinder und Jugendliche gefunden – ausdrücklich als untere Schätzgrößen, weil in sechs von sieben Teilprojekten Hinweise auf vernichtete oder manipulierte Akten auftauchten. Das ist keine liebenswerte Petrus-Schwäche, die man mit einem Hahnenschrei bereut. Erst in der vergangenen Woche haben wir festgestellt, dass genau dieses Thema in Buß‘ Impulsen konsequent fehlt (Drei Augen, ein blinder Fleck). Der Trost, dass Gott auch mit Sündern baut, kommt bei denen, die unter diesen Sündern gelitten haben, vermutlich anders an als bei denen, die sie gedeckt haben.

Und dann dieser Satz: Jesus habe Petrus „nicht abgeschrieben“. Die Institution, die sich auf ihn beruft, ist da weniger großzügig. Wer in Deutschland vor dem Standesamt oder Amtsgericht aus der katholischen Kirche austritt, begeht nach dem Allgemeinen Dekret der Deutschen Bischofskonferenz von 2012 eine „schwere Verfehlung“ und darf die Sakramente der Buße, Eucharistie, Firmung und Krankensalbung nicht mehr empfangen – außer in Todesgefahr. Petrus durfte nach dreifacher Verleugnung weitermachen. Wer die Kirchensteuer verleugnet, fliegt.

Die Frage hinter der Frage

„Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ – Buß präsentiert das als offene, fast zärtliche Einladung zur Selbstprüfung. Offen wäre die Frage aber nur, wenn jede ehrliche Antwort folgenlos bliebe. Das Matthäusevangelium lässt daran keinen Zweifel. Wenige Kapitel zuvor heißt es: „Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen“ (Mt 10,33). Und im selben Kapitel 16, wenige Verse nach dem Felsenwort, kündigt Jesus an, der Menschensohn werde kommen und „jedem vergelten, wie es seine Taten verdienen“ (Mt 16,27). Der Markus-Schluss formuliert es am knappsten: Wer nicht glaubt, wird verdammt werden (Mk 16,16).

Eine Frage, auf die es eine belohnte und eine bestrafte Antwort gibt, ist keine Frage, sondern eine Gesinnungsprüfung. Petrus bekommt für die richtige Antwort die Schlüssel des Himmelreichs. Was die anderen bekommen, erzählt der Impuls nicht. Die moderne Predigtsprache hat gelernt, die Drohung wegzulassen und nur die Einladung zu zeigen; an der Struktur ändert das nichts.

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Auffällig ist auch, womit Buß seine Frage auflädt: „In einer Zeit, in der vieles unsicher geworden ist, in der alte Gewissheiten schwinden und viele Menschen fragen, was im Leben eigentlich trägt …“ Das ist die klassische Bewegung jeder Heilsbotschaft, religiöser wie politischer: erst die Verunsicherung beschwören, dann eine Person anbieten, der man sich persönlich anvertrauen soll – „Er ist der, auf den ich mein Leben gründe. Er ist der, dem ich vertraue.“ Vertrauen vor Prüfung – das ist bei Buß ein Dauerthema; schon im April hatten wir seine Aufforderung, auch ohne Verstehen zu vertrauen, als Einladung zum Fideismus beschrieben (Nix Neues vom Alten Bund). Populisten arbeiten mit demselben Muster aus Krisengefühl und persönlicher Loyalität zu einer Führungsfigur; wo genug religiös gebundene Menschen leben, verbünden sie sich gern mit der Kanzel, wo nicht, kommen sie auch ohne aus. Dass sich das Muster so leicht von einem Inhalt auf den anderen übertragen lässt, zeigt, dass es nichts über die Wahrheit des Inhalts aussagt. Und umgekehrt schützt das bloße Fehlen einer Konfession nicht davor, auf dieselbe Masche hereinzufallen, wenn sie ein anderes Etikett trägt.

Wer fragt, sollte auch antworten

Eine persönliche Anmerkung sei erlaubt. Der Autor dieses Blogs hat Stefan Buß Rückfragen zu seinen Impulsen gestellt. Einige hat er beantwortet; dann ließ er wissen, er werde nicht mehr antworten, und hat seither auch nicht mehr geantwortet. Wer Woche für Woche über Begegnung und Zuhören predigt und nun allen Leserinnen und Lesern die „persönliche“ Frage stellt, zieht sich selbst offenbar dann aus dem Gespräch zurück, wenn die Antworten nicht ins Raster passen. Fragen zu stellen ist bequem, wenn man nur eine Antwort gelten lässt und selbst keine schuldig bleiben will.

Eine ehrliche persönliche Antwort

Nehmen wir Buß beim Wort und beantworten seine Frage tatsächlich persönlich. Für wen halten wir Jesus? Für eine historische Gestalt, über die wir wenig Gesichertes wissen: einen galiläischen Wanderprediger, geprägt von der Endzeiterwartung seiner Zeit, dessen Worte erst Jahrzehnte später von Anhängern aufgeschrieben, ausgeschmückt und theologisch zugespitzt wurden. Manches, was ihm zugeschrieben wird, ist bedenkenswert – die Zuwendung zu Ausgegrenzten etwa –, manches ist es nicht, etwa die Ankündigung ewiger Strafe für Ungläubige. Beides lässt sich am Inhalt prüfen, ohne dass man dem Sprecher einen göttlichen Titel verleihen muss. Ein Gedanke wird nicht wahrer, weil man ihn einem Gottessohn in den Mund legt, und nicht falscher, weil ein Zimmermannssohn ihn hatte.

Und was trägt im Leben, wenn alte Gewissheiten schwinden? Aus säkular-humanistischer Sicht nichts, was man durch ein Bekenntnis herbeisprechen könnte. Halt geben Menschen, die sich aufeinander verlassen können, Wissen, das man überprüfen kann, Institutionen, die man kontrollieren und notfalls korrigieren kann, und ein Vertrauen, das sich nach den Belegen richtet statt nach der Treue zu einer Formel. Zweifel ist in diesem Verständnis kein „kleiner Glaube“, den man reumütig gestehen muss, sondern eine intellektuelle Tugend. Wer sagt „Ich weiß es nicht“, hat nicht versagt, sondern die ehrlichste Antwort gegeben, die auf manche Fragen möglich ist.

Fazit

Buß verkauft eine Pflichtantwort als persönliche Gewissensfrage. Er stützt sie auf ein Felsenwort, das nur Matthäus kennt und das seine Kirche je nach Bedarf auf Petrus oder auf das Bekenntnis bezieht, er deutet die Unvollkommenheit des Personals zum Trostmotiv um, und er verschweigt, dass die „falsche“ Antwort im Evangelium mit Verdammnis bedroht ist. Die Frage „Für wen haltet ihr mich?“ verdient eine ehrliche Antwort. Der Impuls will keine ehrliche, sondern die richtige.

Belege und Quellen

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