Sei mutig und stark – und lies weiter: Buß zum Weltmissionssonntag

Lesezeit: ~ 7 Min.

Darum geht es

Stadtpfarrer Buß macht aus einem biblischen Eroberungsbefehl ein Mutmach-Motto, bestreitet den Bekehrungsauftrag, den sein eigener Papst ausdrücklich bekräftigt, verschweigt das Beispielland Madagaskar und sammelt für eine Kirche, die allein in Deutschland 6,75 Milliarden Euro Kirchensteuer im Jahr einnimmt.

Am 25. Oktober 2026 begeht die katholische Kirche in Deutschland den Sonntag der Weltmission, und zwar zum hundertsten Mal: Papst Pius XI. hat ihn am 14. Juni 1926 eingeführt. Das Leitwort der diesjährigen missio-Aktion stammt aus dem Buch Josua (1,6): „Sei mutig und stark!“ Stadtpfarrer Stefan Buß nimmt das in seinem aktuellen Impuls auf Osthessen|News (öffnet in neuem Tab) zum Anlass für eine Betrachtung über Mut, Hoffnung und weltweite Gemeinschaft – und für einen Spendenaufruf. Was er dabei weglässt, ist aufschlussreicher als das, was er sagt.

Wer „mutig und stark“ zitiert, sollte weiterlesen

Buß fasst den biblischen Hintergrund so zusammen:

„Er soll Verantwortung übernehmen, aufbrechen und das Volk Israel in eine neue Zukunft führen. Kein leichter Weg.“

„Eine neue Zukunft“ ist eine bemerkenswert freundliche Umschreibung für das, was im Buch Josua folgt: die Landnahme Kanaans. Schon der Vers selbst nennt den Zweck des Mutes – Josua soll dem Volk das Land zum Besitz geben, das Gott den Vätern geschworen hat. Der nächste Vers koppelt den Mut an Gehorsam: Josua soll sich exakt an die Weisung des Mose halten und weder nach rechts noch nach links davon abweichen. Und am Ende des ersten Kapitels steht der Zuruf ein weiteres Mal, diesmal unmittelbar nach einer Todesdrohung. In der Lutherübersetzung von 1912 lautet Josua 1,18:

„Wer deinem Mund ungehorsam ist und nicht gehorcht deinen Worten in allem, was du uns gebietest, der soll sterben. Sei nur getrost und unverzagt!“

Die Einheitsübersetzung von 2016, aus der das missio-Motto stammt, übersetzt den Schluss dieses Verses wörtlich mit „Sei nur mutig und stark!“. Wer Ungehorsam mit dem Tod bestraft, dem wird also Mut zugesprochen. Ein schöner Einstieg in eine Predigt über Hoffnung.

Es geht noch deutlicher. In Josua 10 lässt Josua fünf gefangene Könige aus einer Höhle holen und befiehlt seinen Anführern, ihnen die Füße auf den Hals zu setzen. Dann spricht er, nach Luther 1912:

„Fürchtet euch nicht und erschreckt nicht, seid getrost und unverzagt; denn also wird der HERR allen euren Feinden tun, wider die ihr streitet. Und Josua schlug sie darnach und tötete sie und hing sie an fünf Bäume.“ (Jos 10,25–26)

Auch hier steht in der Einheitsübersetzung: „Seid mutig und stark!“ – das diesjährige Weltmissionsmotto, gesprochen über den Nacken besiegter Gefangener, kurz vor ihrer Hinrichtung. Dazwischen liegen Jericho, wo laut Josua 6,21 alles mit der Schärfe des Schwerts „verbannt“ wird, „Mann und Weib, jung und alt, Ochsen, Schafe und Esel“, und der Feldzug durch den Süden, an dessen Ende Josua 10,40 bilanziert, Josua habe niemanden übrig gelassen und alles verbannt, „was Odem hatte, wie der HERR, der Gott Israels, geboten hatte“.

Diesen sogenannten Bann (hebräisch cherem) haben wir im April bereits ausführlich behandelt, als Buß den Alten Bund auf „Liebe“, „Treue“ und „Segen“ zusammenschrumpfen ließ. Und schon 2019 hat katholisch.de einen Vers aus der Einsetzung Josuas zum Facebook-Meme verarbeitet und mit „Ziehen Sie mit!“ überschrieben – dafür gab es damals die Goldene Rosine. Das Verfahren ist immer dasselbe: Man schneidet einen gut klingenden Halbsatz aus einem Gewaltkontext, hängt ihn an ein harmloses Anliegen und vertraut darauf, dass niemand nachschlägt.

Der übliche theologische Einwand lautet, die Landnahme sei so nie geschehen, das Buch Josua sei eine spätere theologische Erzählung. Mag sein. Dann bleibt aber die Frage, warum man ausgerechnet eine Erzählung, deren Pointe die göttlich befohlene Auslöschung ganzer Städte ist, zum Motto einer weltweiten Solidaritätsaktion wählt. Ob historisch oder erfunden: Die moralische Botschaft des Textes lautet, dass Gewalt gut ist, wenn Gott sie befiehlt. Ein Text, dessen ethischer Gehalt erst durch Weglassen erträglich wird, ist keine Moralquelle, sondern ein Steinbruch.

Mission ohne Überzeugen? Der Papst sieht das anders

Der zweite Kernsatz des Impulses lautet:

„Denn Mission bedeutet nicht zuerst, dass wir anderen unseren Glauben erklären oder sie von etwas überzeugen müssen. Mission bedeutet: Wir teilen die Hoffnung, die uns trägt.“

Das klingt sympathisch und ist mit der offiziellen Lehre seiner Kirche schwer vereinbar. Papst Leo XIV. hat seine Botschaft zum 100. Weltmissionssonntag (öffnet in neuem Tab) unter das Thema „Eins in Christus, vereint in der Mission“ gestellt. Darin empfiehlt er ausdrücklich das Motto des seligen Paolo Manna zur Beachtung: „Die ganze Kirche für die Bekehrung der ganzen Welt“. Und er zitiert Paul VI. mit dem Grundsatz, ohne Verkündigung von Namen, Lehre und Verheißungen Jesu gebe es keine wirkliche Evangelisierung. Von „nicht überzeugen müssen“ ist da keine Rede – Bekehrung ist das erklärte Ziel.

Auch die Geschichte des Tages ist eindeutig. Als die päpstliche Ritenkongregation den Weltmissionssonntag einführte, sollte er nach einem zeitgenössischen Bericht von 1927 (öffnet in neuem Tab) in der ganzen katholischen Welt als „Gebets- und Werbetag für die Missionen“ begangen werden. Werbung, nicht bloß Hoffnungsteilen.

Und Buß selbst? Vor elf Monaten klang er noch ganz anders. Im November 2025 schrieb er in seinem Impuls zu Matthäus 10,27 (öffnet in neuem Tab), das Evangelium sei „keine Privatsache“, verlangt sei ein „öffentliches, unerschrockenes Bekenntnis“ – von den Dächern. Wir haben das damals als Aufruf zur öffentlichen Missionierung kritisiert. Jetzt, wo es um Geld geht, wird aus dem Ruf von den Dächern ein leises Hoffnungsteilen. Selbst im aktuellen Text verrät ihn ein Nebensatz: Die Spende soll unter anderem helfen, „dass Gemeinden aufgebaut werden“ und „dass die Botschaft des Evangeliums dort lebendig bleibt“. Das ist exakt das, was er eingangs bestreitet.

Zur „Hoffnung, die uns trägt“, gehört außerdem eine Kehrseite, die in keinem Weltmissions-Impuls vorkommt. Nach Markus 16,16 wird gerettet, wer glaubt und sich taufen lässt; wer nicht glaubt, wird verdammt. Mission ist in dieser Logik kein unverbindliches Angebot unter vielen, sondern die einzige Option auf Rettung vor einer angedrohten Strafe. Wer das weglässt und nur vom „Teilen der Hoffnung“ spricht, betreibt keine Bescheidenheit, sondern Verpackung.

Madagaskar: Wo der Staat versagt, kommt die Kirche

Bemerkenswert ist, was im Impuls gar nicht vorkommt: das Land, um das es bei der diesjährigen Aktion eigentlich geht. Beispielland 2026 ist Madagaskar (öffnet in neuem Tab). Nach missio leben dort über 75 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, Korruption und staatliche Untätigkeit hätten das Land strukturell geschwächt, und die Kirche fülle die Lücke, indem sie einen Großteil der staatlichen Aufgaben übernehme. Der Aufruf der deutschen Bischöfe ergänzt: Die Kirche biete in ländlichen Gebieten oft als einzige Institution soziale, medizinische und Bildungsangebote – und stärke „zugleich“ die Christen in ihrem Glauben.

Dieses „zugleich“ ist der Kern des Modells. Wo eine Weltanschauungsgemeinschaft Schulen und Krankenstationen betreibt, weil der Staat es nicht tut, entsteht eine Abhängigkeit, und die Hilfe wird zum Vehikel der Verkündigung. Das ist keine Unterstellung, sondern steht so in den Materialien. Historisch ist das in Madagaskar auch nichts Neues: Der Katholizismus gewann dort erst mit der französischen Kolonisierung ab 1896 nennenswert Anhänger (öffnet in neuem Tab). Der Historiker J. P. Daughton hat dem Zusammenspiel von militärischer „Befriedung“, republikanischer Zivilisierungsmission und katholischen Missionaren auf der Insel in seinem Buch An Empire Divided ein eigenes Kapitel gewidmet; sein Titel: „Qui dit Français dit catholique“ (öffnet in neuem Tab) – wer Französisch sagt, sagt katholisch. Wie Mission und staatliche Macht andernorts ineinandergriffen, haben wir in der Interviewreihe zu den kanadischen Missionsschulen beleuchtet.

Das heißt nicht, dass die Ordensschwester in einer madagassischen Dorfschule keine gute Arbeit leistet. Es heißt, dass ein Hilfsmodell, das Bildung und Gesundheit an eine Konfession bindet, strukturell ein Missionsmodell bleibt. Die säkular-humanistische Alternative lautet: Hilfe ohne Bekenntnisbindung, Rechtsansprüche statt Almosen, und der Aufbau funktionierender öffentlicher Strukturen statt ihrer dauerhaften Ersetzung durch eine Kirche, die von dieser Lücke lebt.

Dazu passt auch Buß‘ Gemeinschaftsformel: „Wir sind eine weltweite Gemeinschaft. […] Wir gehören zusammen.“ Gemeint sind Christinnen und Christen, die Weltkirche. Das „Wir“ endet an der Konfessionsgrenze. Ein humanistisches Wir kennt diese Grenze nicht: Ein hungerndes Kind in Madagaskar verdient Hilfe, weil es ein Mensch ist – nicht, weil es getauft ist oder getauft werden könnte.

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Die reichste Bittstellerin der Welt

Den Abschluss des Impulses bildet ein Spendenaufruf, an prominenter Stelle in einem regionalen Nachrichtenportal:

„Unterstützen Sie das Anliegen des Weltmissionssonntag am morgigen Sonntag auch mit Ihrer Spende. Wir spenden, weil wir eine Weltkirche sind. Was einer Kirche fehlt, teilen andere mit ihr.“

Schauen wir also, wem hier etwas fehlt. Die 27 katholischen Bistümer in Deutschland haben 2025 laut Statistik der Bischofskonferenz 6,75 Milliarden Euro Kirchensteuer (öffnet in neuem Tab) eingenommen. Im Jahr 2005 waren es knapp 4 Milliarden (öffnet in neuem Tab) – bei damals 25,87 Millionen Katholiken, heute sind es noch 19,22 Millionen. Weniger Mitglieder, fast 70 Prozent mehr Geld.

Buß‘ eigenes Bistum Fulda hat 2023 laut Jahresabschluss (öffnet in neuem Tab) rund 107 Millionen Euro Kirchensteuer eingenommen, das Bilanzvolumen stieg auf 783,9 Millionen Euro. Zum Vergleich: Dem Hilfswerk missio Aachen standen 2024 laut Jahresbericht (öffnet in neuem Tab) insgesamt 53,55 Millionen Euro zur Verfügung. Das Bistum Fulda nimmt allein an Kirchensteuer also etwa doppelt so viel ein, wie missio Aachen im ganzen Jahr für seine weltweite Arbeit hat. Bundesweit entspricht das missio-Aachen-Budget nicht einmal einem Prozent des katholischen Kirchensteueraufkommens.

Von den 53,55 Millionen flossen knapp 36 Millionen an kirchliche Partner in Afrika, Asien, dem Nahen Osten und Ozeanien. 6,5 Millionen gingen in „weltkirchliche Bildungsarbeit“ in Deutschland, 4,7 Millionen in Werbung und Öffentlichkeitsarbeit, 3,27 Millionen in die Verwaltung. Bereits 2022 hatte der Spiegel dem Hilfswerk vorgeworfen, einen großen Teil der Mittel in Deutschland zu belassen; missio wies das zurück (öffnet in neuem Tab) und erklärte, nicht jeder Euro könne im Ausland verwendet werden. Und was mit dem Geld vor Ort geschieht, hat Papst Leo XIV. im Juni 2026 offen gesagt: Die Kollekte helfe den Missionsgebieten, die nötigen kirchlichen Infrastrukturen aufzubauen (öffnet in neuem Tab) und missionarische Initiativen zu unterstützen.

Wenn der Kirche die Weltmission so am Herzen liegt, wie Buß nahelegt, könnten die Bistümer sie aus ihren Milliarden finanzieren, statt am Sonntag den Klingelbeutel herumzureichen und im Lokalportal um Spenden zu werben. Wie wenig vom Kirchensteueraufkommen tatsächlich bei Bedürftigen ankommt und wie die Kirchen das in ihren Darstellungen verschleiern, haben wir an anderer Stelle beschrieben. Wer Menschen in Madagaskar helfen möchte, kann das direkt und ohne Missionsauftrag tun: über konfessionsungebundene Organisationen, deren Hilfe nicht an ein Bekenntnis gekoppelt ist.

Gläubig genug?

Buß endet mit einer Steigerung: „Mutig genug, unsere Hoffnung zu teilen. Stark genug, füreinander einzustehen. Und gläubig genug, darauf zu vertrauen: Gott geht mit – hier bei uns und überall auf der Welt.“ Dass Gott „überall“ mitgeht, ist angesichts von Dürren und Zyklonen in Madagaskar eine kühne Behauptung. Wenn er mitgeht, geht er offenbar tatenlos mit. Dass man „gläubig genug“ sein soll, macht das Vertrauen in eine unbelegte Behauptung zur Tugend. Und wenn es schief geht, war man eben nicht „gläubig genug.“ Selber schuld. Mut und Solidarität brauchen beides nicht. Menschen stehen füreinander ein, weil sie Mitgefühl haben und wissen, dass niemand allein zurechtkommt – nicht, weil ihnen ein Befehlsgeber Mut zuspricht, der im selben Atemzug Ungehorsam mit dem Tod bedroht.

Fazit: Mut zum Kontext

„Sei mutig und stark“ ist im Buch Josua kein Zuspruch für Hilfsbereite, sondern ein Marschbefehl für Eroberer. Mission ist nach dem Willen des Papstes sehr wohl auf Bekehrung angelegt, auch wenn Buß das für den Spendenaufruf weichzeichnet. Das Beispielland Madagaskar, in dem die Kirche staatliche Aufgaben übernimmt und dabei den Glauben stärken will, erwähnt er nicht. Und die Spendenbitte kommt von einer Institution, die in Deutschland so viel Steuergeld einnimmt wie nie zuvor bei so wenigen Mitgliedern.

Mut wäre es, das Buch Josua bis zum Ende zu lesen und offen zu sagen, was darin steht. Mut wäre es auch, kritische Rückfragen zu beantworten. Auf solche Rückfragen dieses Blogs hat Buß eine Zeit lang reagiert, dann aber mitgeteilt, er werde nicht mehr antworten. Hoffnungsvoll klingende Fiktionen teilen geht offenbar leichter als Fragen aushalten.

Quellen

KI

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