Darum geht es
Schönstatt sucht neue Zeugnisse zu Kentenich – Regina Heyder zeigt, dass die belastenden längst vorliegen, teils in Schönstatts eigener Edition.Am 15. Oktober hat die Schönstatt-Bewegung dazu aufgerufen, Erinnerungen und Dokumente zu ihrem Gründer Josef Kentenich einzureichen, ausdrücklich auch zu Erfahrungen, „die als grenzverletzend, oder missbräuchlich erlebt wurden“. Wir haben am 18. Oktober beschrieben, warum dieser Aufruf an die eigene Hausadresse geht und dem Aufruf eine Quellenkritik vorangestellt ist, die späte Erinnerungen vorab relativiert.
Vier Tage später hat katholisch.de ein Interview mit der Kirchenhistorikerin Regina Heyder veröffentlicht, Dozentin am Theologisch-Pastoralen Institut in Mainz. Ihren Aufsatz „Eine Geschichte von Täter und Tabu“ in der Herder Korrespondenz 10/2026 haben wir am 1. Oktober besprochen. Im Interview geht sie weiter. Und sie beantwortet nebenbei eine Frage, die der Aufruf offenlässt: Woran fehlt es eigentlich? An Zeugnissen jedenfalls nicht.
Der Brief, der schon gedruckt ist
Im Zentrum steht ein Brief von Sr. Georgia Wagner aus dem Jahr 1948. Darin berichtet sie unter anderem, „dass sie und andere Schwestern allein mit Kentenich nur kniend sprechen dürfen“. Die Generaloberin leitete den Brief weiter, und zwar, so Heyder, „an niemanden anderen als Kentenich“ – also an den Beschuldigten. Kentenich habe den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs erkannt, ihn aber weginterpretiert, „indem er die Schwester als krank und vom Teufel besessen charakterisiert“.
Man muss sich das Verfahren in Ruhe vor Augen führen: Eine Frau beschwert sich über ihren geistlichen Vater, die Beschwerde landet beim geistlichen Vater, und der stellt fest, dass die Frau vom Teufel besessen ist. Für eine Organisation, deren Mitglieder ihren Gründer bis heute „Vater“ nennen, ist das kein Randdetail. Es ist ein Lehrstück darüber, wie ein geschlossenes Deutungssystem Kritik in einen Beweis für die Verdorbenheit der Kritikerin verwandelt. Wer widerspricht, ist nicht im Recht, sondern in Gefahr.
Der entscheidende Satz im Interview betrifft den Fundort: Dieser Brief ist laut Heyder „mittlerweile auch in der erwähnten Dokumentensammlung enthalten“ – gemeint sind die „Dokumente zur Geschichte der Schönstatt-Bewegung“, Schönstatts eigene Studienausgaben, herausgegeben vom Postulator des Seligsprechungsverfahrens. Das zentrale belastende Zeugnis liegt also gedruckt im Patris Verlag in Vallendar. Und dieselbe Bewegung ruft jetzt dazu auf, ihr bislang unbekannte Zeugnisse zu schicken.
Quellenkritik mit Ergebnis
Schönstatt hat seinem Aufruf einen Absatz über Quellenkritik vorangestellt, inhaltlich die Argumentation des Jesuiten Paul Oberholzer, der der Dokumentation von Alexandra von Teuffenbach selektive Quellenauswahl und handwerkliche Fehler vorgeworfen hat. Heyder wurde genau danach gefragt. Ihre Antwort: „In Teilen. Die Qualität der Publikation Teuffenbachs hat kleine Schwächen“ – wie übrigens auch die Dokumente aus Schönstatt. Und dann: „Dennoch gibt es keine Gründe, an der Glaubwürdigkeit der Schwestern zu zweifeln.“ Keine von ihnen habe „leichtfertig oder gern über das missbräuchliche Verhalten Kentenichs gesprochen“.
Das ist der Unterschied zwischen Quellenkritik und Quellenentsorgung. Die erste prüft, ob eine Edition sauber gearbeitet ist, und kommt dann zu einem Urteil über den Inhalt. Die zweite nutzt Mängel der Edition, um den Inhalt gar nicht erst beurteilen zu müssen. Heyder macht vor, wie die erste aussieht. Schönstatts Pressemeldung vom Juni, die Oberholzers Aufsatz als Studie präsentierte, die die Quellengrundlage der Vorwürfe „hinterfragt“, steht für die zweite.
Gehorsam, wenn er passt
Neu ist auch, was Heyder über das Exil in Milwaukee berichtet. Die Dekrete des Heiligen Offiziums untersagten Kentenich dort, „weder schriftlich noch mündlich, weder direkt noch indirekt Kontakt zu den Marienschwestern und zu Schönstatt“ zu haben. Gestützt auf die Geschichte der Pallottinerprovinz von Steven Avella („Mother of God“) schildert Heyder, dass Kentenich Deckadressen nutzte, um Post zu empfangen, und dass sich Marienschwestern mit ihm auf dem nahegelegenen Friedhof trafen. Ihr trockenes Fazit: Wer Avella lese, habe „jedenfalls nicht den Eindruck, dass von einem künftigen Seligen die Rede ist“.
Das kontrastiert bemerkenswert mit der Selbstdarstellung. In einem Vortrag nach seiner Rückkehr wies Kentenich den Vorwurf zurück, er habe sich gegenüber der kirchlichen Autorität auf sein Charisma berufen: „Das habe ich niemals in meinem Leben getan.“ Das Sekretariat Pater Josef Kentenich schreibt bis heute, in den langen Jahren der Abwesenheit von Schönstatt habe sich seine „Liebe zur Kirche“ bewährt. Treue zur Autorität ist in dieser Lesart eine Tugend des Gründers – Kritik am Gründer dagegen ein Zeichen von Besessenheit. Ein kleines Detail am Rande: Auf schoenstatt.de illustriert ein Archivfoto die Causa Kentenich, das ihn bei einem „Spaziergang über einen Friedhof am Ort seines Exils in Milwaukee“ zeigt. Ob es derselbe Friedhof ist, wissen wir nicht. Als Bildidee ist es jedenfalls unfreiwillig treffend.
Gewusst und geschwiegen
Am meisten Gewicht hat eine Bemerkung, die im Interview fast beiläufig fällt. Heyder vermutet, dass viele Mitglieder von den Vorwürfen bis heute wenig wissen, weil die Leitung sie lange von ihnen ferngehalten habe. Und sie verweist auf Leitungspersonen, „die 2020 ausdrücklich zugaben, dass sie bestimmte Dinge wussten“, diese aber „mit Rücksicht auf bestimmte Personengruppen“ nicht gesagt hätten. Was genau sie wussten, weiß auch Heyder nicht.
Das passt zu einem Satz aus dem Brief, mit dem sich das Generalpräsidium im Juli 2020 an die Schönstatt-Familie wandte: Manches sei „aus Rücksicht und zum Schutz von Personen und Gemeinschaften zu lange zurückgehalten“ worden. Rücksicht ist in dieser Geschichte ein Wort mit erstaunlicher Reichweite. Es schützt die Gemeinschaft vor der Information, den Gründer vor der Kritik und die Leitung vor der Frage, wann sie was gewusst hat. Die Mitglieder, die in den Jahrzehnten dazwischen zur Verehrung dieses Gründers angeleitet wurden, haben ein Recht auf eine Antwort auf genau diese Frage. Ein Aufruf, der um neue Erinnerungen bittet, ersetzt sie nicht.
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(öffnet in neuem Tab)Wegerklärt, dann eingeordnet, dann angekündigt
Fair bleibt festzuhalten, was Heyder an Schönstatts eigener Arbeit anerkennt. In den Einleitungen der Studienausgaben sieht sie eine Entwicklung: „Anfangs wurden Vorwürfe gegen Kentenich nicht eingeordnet, sondern wegerklärt.“ Inzwischen habe man sich „zu mehr Vorsicht durchgerungen“ und „sogar einen Band mit den Zeugnissen der betroffenen Schwestern angekündigt“. Das ist ein Fortschritt, und er verdient Erwähnung. Zugleich zeigt der Satz die Reihenfolge: Zuerst wurde wegerklärt, dann vorsichtiger formuliert, und die Zeugnisse der Betroffenen kommen zuletzt – angekündigt, nicht erschienen.
Weitere Erkenntnisse erwartet Heyder aus den Visitationsakten von 1964, die im Archiv des Dikasteriums für die Glaubenslehre zugänglich werden sollen. Eine Seligsprechung würde sie „sehr wundern“. Ein Ende des Verfahrens zu fordern, sei aber nicht ihre Aufgabe; die Zuständigen müssten Verantwortung übernehmen.
Was daraus folgt
Heyders Forderung an die Bewegung ist eindeutig: „Schönstatt muss heute das Unrecht anerkennen, das Kentenich verschiedenen Marienschwestern angetan hat.“ Das ist eine andere Tonlage als „Offen für die Wahrheit“. Ergebnisoffenheit ist eine Tugend, solange die Ergebnisse offen sind. Wenn eine Historikerin, die die Akten in Rom gesehen hat, keinen Grund findet, an den Schwestern zu zweifeln, und das zentrale Zeugnis in der eigenen Edition steht, wird die Dauerbetonung der Offenheit zur Methode, sich nicht festlegen zu müssen.
Aus säkular-humanistischer Sicht gilt dabei, was für jede Institution gilt, die über sich selbst urteilt: Anerkennung von Unrecht braucht keine Seligsprechungslogik, die Gutes und Böses gegeneinander verrechnet, und keine Theologie, die Kritikerinnen für besessen erklären kann. Sie braucht Menschen, die zuhören, Akten, die offenliegen, und eine Stelle, die nicht dem Gründer verpflichtet ist. Heyders Begriff dafür, was geschieht, wenn man stattdessen schweigt, sollte man sich merken: „intellektuelles Bystandertum“. Er trifft nicht nur Wissenschaftlerinnen. Er trifft jeden, der wusste – und Rücksicht nahm.
Quellen
- Kirchenhistorikerin: Fall Kentenich braucht eine breite Aufarbeitung – Interview mit Regina Heyder, katholisch.de, 19.10.2026
- Regina Heyder: Eine Geschichte von Täter und Tabu – Herder Korrespondenz 10/2026
- Aufarbeitung der Causa Josef Kentenich: Offen für die Wahrheit – schoenstatt.de, 15.10.2026
- Causa Josef Kentenich: Neue wissenschaftliche Studie hinterfragt zentrale Quellengrundlage der öffentlichen Vorwürfe – schoenstatt.de, 19.6.2026
- Durch Fragen und Kritik weiter wachsen – Brief des Generalpräsidiums, schoenstatt.de, 8.7.2020
- Eine Stimme von außen zu den Vorwürfen gegen Pater Kentenich – schoenstatt.de, 19.12.2024 (Archivfoto Friedhof Milwaukee)
- Seligsprechung – pater-kentenich.org
- Josef Kentenich: Das Exil und sein Ende (Vortrag vom 3.1.1966) – Kentenich-Reader, Josef-Kentenich-Institut














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