Darum geht es
Eine Kandidatin verweigert bei „The Voice of Germany“ das „Ave Maria“, weil Singen für sie Beten ist – und bekommt dafür eine Sonderregel, die zeigt, wie selbstverständlich Glaube noch immer als Ausnahmeticket gilt.Das heutige Fundstück stammt aus dem Freitagabendprogramm von Sat.1. In den Battles von „The Voice of Germany“ hatte Coachin Shirin David für ihr Duo Jessica Paulo (20) und den klassischen Sänger Hank das „Ave Maria“ ausgesucht – naheliegend, schließlich singt er klassisch und sie gern christliche Lieder. Doch die Bernerin winkte ab: „Dieser Song ist ein katholischer Song. Ich bin evangelisch.“ Und weiter: „Dieser Song geht direkt an Maria. Es ist ein Gebet zu ihr. Und wir beten Maria nicht an.“ Ihr Fazit: „Ich bete nur Jesus Christus an.“
Der Boulevard machte daraus prompt einen „Religions-Eklat“. Das ist maßlos übertrieben. Aber an der kleinen Szene lässt sich erstaunlich viel ablesen.
Singen ist nicht beten
Der Denkfehler steckt im Kern der Begründung: Paulo setzt Interpretation mit Bekenntnis gleich. Wer ein Gebet singt, betet – so ihre Logik. Konsequent zu Ende gedacht dürfte dann keine Schauspielerin mehr eine Mörderin spielen, kein Bariton den Don Giovanni, und jeder Kirchenchor, der Bachs Johannespassion aufführt, würde tatsächlich die Kreuzigung fordern. Kunst lebt gerade davon, Texte zu verkörpern, die man nicht selbst meint. Ihr Battle-Partner brachte das trocken auf den Punkt: „Ich will einfach nur Musiker sein und kein Prediger.“ Mehr säkulare Vernunft passt in einen Satz kaum hinein.
Pikant ist zudem: Welche Vertonung es sein sollte, verraten die Berichte nicht. Die berühmteste, die von Franz Schubert, war ursprünglich gar kein liturgisches Stück, sondern ein deutsches Lied – „Ellens dritter Gesang“ nach Walter Scotts Versepos „The Lady of the Lake“. Dort betet eine Romanfigur zu Maria; der lateinische Gebetstext wurde der Melodie erst später untergelegt. Wer es singt, betet also ungefähr so sehr wie ein Schauspieler, der Hamlet gibt, tatsächlich über Suizid nachdenkt.
Gewissensfreiheit als Einbahnstraße
Bemerkenswerter als die Mariensache ist ein Detail, das in vielen Berichten untergeht: Auch einen nicht christlichen Titel lehnte Paulo kategorisch ab. Am liebsten wäre ihr ein Lied gewesen, „in dem es einfach grundsätzlich um Gott geht“. Damit ist praktisch das gesamte Repertoire tabu, aus dem eine Gesangsshow besteht.
Gesungen hat sie schließlich „Gratitude“, einen Lobpreis-Song des US-Worship-Musikers Brandon Lake – nach ihrer eigenen Logik also ein Gebet zur besten Sendezeit. Das ist die eigentliche Pointe: Ein fremdes Gebet mitzusingen gilt als unzumutbare Gewissensbelastung. Dem Duett-Partner, der Jury und einem Millionenpublikum das eigene Gebet vorzusingen, ist dagegen selbstverständlich. Der Anspruch auf Respekt für die eigene Überzeugung ist eben oft am lautesten, wo er für andere nicht gelten soll.
Glaube als Ausnahmeticket
Shirin David löste das Problem, indem sie beide einzeln auftreten ließ: Paulo mit dem Lobpreis-Song, Hank mit „The Sound of Silence“ – eine Premiere in der Show. Michi Beck kommentierte das knapp: „Ich find’s nicht okay.“ Er hätte lieber einen anderen gemeinsamen Song gesucht. Nico Santos gab zu bedenken, Glaube solle Menschen verbinden und nicht trennen.
Ein frommer Wunsch – und hier ist exakt das Gegenteil passiert. Das ist kein Betriebsunfall, sondern Funktionsprinzip: Ob man Maria anrufen darf, trennt die Konfessionen seit der Reformation. Bekenntnisse stiften Gemeinschaft nach innen, indem sie nach außen Grenzen ziehen. Ein Duett scheiterte nicht an der Musik, sondern an einer Lehrfrage, die mit Gesang nichts zu tun hat.
(öffnet in neuem Tab)
(öffnet in neuem Tab)
(öffnet in neuem Tab)Um es klar zu sagen: Niemand muss singen, was er nicht singen will. Dieses Recht ist unbestritten. Aber Gewissensfreiheit bedeutet nicht, dass für religiöse Gründe andere Spielregeln gelten als für alle anderen. Ein Kandidat, der aus ästhetischen Gründen partout keinen Schlager singen mag, bekäme wohl kaum ein Solo-Battle zugestanden. Fair wäre gewesen: ein gemeinsamer Song, mit dem beide leben können – oder die Konsequenz der eigenen Entscheidung zu tragen.
Fortschritt, gewissermaßen
Und doch hat die Geschichte etwas Versöhnliches. Über die Frage, wie man richtig betet und wer zwischen Gott und Mensch vermitteln darf, haben sich Christen gegenseitig bekriegt und ermordet. Heute endet derselbe Streit mit zwei getrennten Auftritten – und damit, dass beide Talente weiterkommen. Wenn das schon ein „Religions-Eklat“ ist, dann ist die Säkularisierung weiter, als die Schlagzeilen glauben.
Quellen
- watson.ch: Schweizer Kandidatin verweigert «Ave Maria» bei «The Voice of Germany», 24.10.2026
- Südostschweiz: The Voice of Germany: Deswegen verweigerte Jessica Paulo diesen Song, 24.10.2026
- oe24.at: „Voice of Germany“: Religiöser Eklat um Ave Maria, 24.10.2026
- heute.at: „Ave Maria“ verweigert! Religions-Eklat bei „The Voice“, 24.10.2026
- Wikipedia: Ellens dritter Gesang














Bitte beachte beim Kommentieren: