Hinweise bitte an die Hausadresse – Schönstatt sucht Zeitzeugen zu Kentenich

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Darum geht es

Schönstatt ruft Zeitzeugen auf, Erfahrungen mit Kentenich zu melden – an die eigene Adresse, mit dem Slogan von 2020 und einer Quellenkritik, die späte Erinnerungen vorab relativiert.

Am 15. Oktober 2026 hat die Schönstatt-Bewegung auf ihrer Website eine Meldung mit dem Titel „Aufarbeitung der Causa Josef Kentenich: Offen für die Wahrheit“ veröffentlicht. Die KNA hat sie verbreitet, Kirche+Leben und domradio haben sie aufgegriffen. Kern ist ein Aufruf: Wer eigene Erfahrungen mit dem 1968 verstorbenen Gründer gemacht hat oder unveröffentlichte Briefe und Aufzeichnungen besitzt, soll sich melden – ausdrücklich auch mit Erfahrungen, die als grenzverletzend oder missbräuchlich erlebt wurden.

Das sieht aus wie ein Fortschritt. Ein kleiner. Wer genauer hinsieht, erkennt das Muster, das wir im September unter dem Titel „Wer die Akten hat, schreibt die Meldung“ beschrieben haben. Neu ist nur: Jetzt gibt es auch ein Postfach dazu.

Ein Satz mit sechs Jahren Vorlauf

„Keine Angst vor der Wahrheit“ gehöre zur Grundhaltung der Bewegung, heißt es in der Meldung. Der Satz ist nicht neu. Ende Oktober 2020, nachdem katholisch.de ausführlich aus dem Buch von Alexandra von Teuffenbach berichtet hatte, schrieb Schönstatt bereits: „Wir haben keine Angst vor der Wahrheit.“ Im selben Text stand, die Anschuldigungen widersprächen den eigenen, sehr positiven Erfahrungen mit Kentenich, und man vertraue darauf, dass die Gottesmutter die Bewegung auch weiterhin führe.

Angekündigt wurde damals eine gründliche historische Aufarbeitung. Sechs Jahre und zehn Studienbände später folgt der erste öffentliche Aufruf an die Menschen, die dabei waren. Man hat also zuerst die Akten ediert und dann die Zeugen gefragt. Historiker nennen so etwas eine ungewöhnliche Reihenfolge. Kommunikationsberater nennen es kontrollierbar.

Zeitzeugen gesucht, Zeitzeugen vorgewarnt

Kentenich starb am 15. September 1968. Die Visitation, ausgelöst durch Beschwerden von Marienschwestern, fand 1949 statt, das Exil in Milwaukee dauerte von 1951 bis 1965. Wer ihn als Erwachsener erlebt hat, ist heute mindestens Mitte siebzig; die Frauen, deren Aussagen 1949 aktenkundig wurden, dürften in aller Regel nicht mehr leben. Der Aufruf kommt nicht nur spät. Für die meisten, um die es ginge, kommt er zu spät.

Bemerkenswert ist, was die Meldung dem Aufruf voranstellt: einen Absatz über Quellenkritik. Zeugnisse entstünden in einem Lebenszusammenhang, würden gedeutet und oft erst Jahre nach den Ereignissen aufgeschrieben; Befund und Deutung seien zu trennen. Das ist inhaltlich die Argumentation des Jesuiten Paul Oberholzer, dessen Aufsatz Schönstatt im Juni als Studie präsentierte, die die Quellengrundlage der Vorwürfe hinterfrage. Man bittet also um Erinnerungen, die fast sechs Jahrzehnte alt sind, und erklärt im selben Text, warum späte Erinnerungen mit Vorsicht zu genießen sind. Wer sich jetzt meldet, weiß vorab, wie seine Aussage gewogen werden wird.

Immerhin verspricht die Meldung, dieses Verfahren gelte für alle Seiten. Das wäre neu. Im September haben wir gezeigt, dass Quellenkritik in der Causa Kentenich bisher eine Einbahnstraße war: Sie traf die Briefe der Schwestern, nicht die rund zweihundert Zeugenvernehmungen und die fast zwei Millionen „Gebetserhörungen“, mit denen das Seligsprechungsverfahren bestückt wurde. Ob die versprochene Symmetrie eingelöst wird, entscheidet derselbe Kreis, der sie bisher nicht eingelöst hat.

Hinweise bitte an die Hausadresse

Als Kontakt nennt die Meldung eine E-Mail-Adresse unter schoenstatt.de, alternativ die Ansprechpersonen der Bewegung zum Thema Missbrauch – ebenfalls mit schoenstatt.de-Adressen. Deren Seite verweist weiter auf das Portal der Deutschen Bischofskonferenz und die Präventionsbeauftragten der Bistümer. Eine Stelle außerhalb von Bewegung und Kirche nennt weder die Meldung noch die Ansprechpartner-Seite.

Der zentrale Satz lautet: „Entsprechende Hinweise werden gesammelt, vertraulich behandelt und nicht vorab bewertet.“ Ein Satz im Passiv, und das Passiv verschweigt, wer sammelt, wer liest und wer hinterher bewertet. Die Meldung nennt die Beteiligten an anderer Stelle: die Herausgeber der Studienausgaben, Forschende an Universitäten und interne Arbeitskreise der Schönstatt-Gemeinschaften, die in ihren eigenen Archiven die Quellen erschließen. Herausgeber der Studienausgabe 4 ist P. Eduardo Aguirre – der Postulator des ausgesetzten Seligsprechungsverfahrens, also derjenige, dessen Amt es ist, die Seligsprechung voranzubringen.

Wer einen Übergriff des Gründers schildern will, schreibt demnach an die Bewegung des Gründers, und das Material landet bei Menschen, die von Amts wegen auf seiner Seite stehen. Das ist ungefähr so, als bäte ein Fußballverein Zeugen eines Fouls seines Kapitäns, sich beim Vereinsvorstand zu melden. Vertraulich, versteht sich. Und wer überlegt, ob er sich meldet, darf sich auch daran erinnern, dass das Säkularinstitut der Schönstätter Marienschwestern 2021 gerichtlich gegen das Buch von Teuffenbach vorging – das Landgericht Berlin wies den Antrag auf einstweilige Verfügung zurück.

Ein Detail rundet das Bild ab: In der Seitenleiste neben dem Aufruf bietet schoenstatt.de „ein gutes Wort von Pater Kentenich für deinen Tag“ an und lädt ein, eine Bitte um seine Fürsprache einzureichen. Auf derselben Seite kann man also mögliche Grenzverletzungen des Mannes melden und ihn um himmlische Vermittlung bitten. Ergebnisoffenheit sieht anders aus.

Die interessantere Stimme kommt aus Chile

Fünf Tage vor der offiziellen Meldung erschien auf dem internationalen Portal schoenstatt.org ein Essay von Patricio Young aus Chile, nach eigener Angabe seit über sechzig Jahren in der Bewegung. Anlass war der Artikel „Eine Geschichte von Täter und Tabu“ von Regina Heyder in der Herder Korrespondenz 10/2026, den wir am 1. Oktober besprochen haben. Young berichtet, manche Schönstätter sähen in der Veröffentlichung zum hundertjährigen Bestehen der Marienschwestern eine Verschwörung; er hält das für übertrieben. Das Thema kehre zurück, weil es nie mit der nötigen Ernsthaftigkeit aufgearbeitet worden sei.

Was folgt, ist für einen Text auf einem Schönstatt-Portal bemerkenswert deutlich. Die Bewegung habe ein falsches Bild eines nahezu fehlerlosen Gründers konstruiert. Das Seligsprechungsanliegen solle für längere Zeit zurückgestellt werden, und man solle aufhören, bei Generalaudienzen den Papst darum zu bitten. Die Pädagogik verlange vom Einzelnen schonungslose Selbstkritik, die Bewegung als Ganzes verweigere sie sich selbst. In Chile habe eine Praxis des Verschweigens und Vertuschens im Umgang mit Priestern dazu geführt, dass ein bedeutender Teil eines Leitungsgremiums des Familienbundes die Bewegung verlassen habe. Das ist mehr Substanz als in der gesamten offiziellen Meldung, die Heyders Artikel nicht einmal erwähnt.

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Und doch endet auch Young dort, wo die Aufarbeitung eigentlich erst beginnen müsste: „Ich bin überzeugt: Die Wahrheit wird ihm letztlich nicht schaden.“ Zuvor schreibt er, Postulatoren sollten Schwächen ehrlich benennen und zugleich zeigen, dass das Gute das Böse bei weitem überwiege. Das Ergebnis der ergebnisoffenen Forschung steht damit fest, bevor sie abgeschlossen ist. Im September haben wir als Prüfstein formuliert: Wer forscht, muss vorher sagen können, welcher Befund ihn zum Umdenken brächte. Young nennt keinen. Er hat, wie er schreibt, alles gelesen und liebt Kentenich trotzdem. Das wirft zwar die Frage nach Youngs moralischem Kompass auf, ist aber zumindest ehrlich. Aber es ist ein Bekenntnis, kein Befund.

Aufschlussreich ist auch ein Satz, der beruhigend gemeint ist: Alle Heiligen seien Sünder gewesen. Damit wechselt die Frage still die Kategorie. Aus möglichem Unrecht an konkreten Frauen wird eine „Schwäche“, die zwischen dem Menschen und seinem Gott verhandelt wird und von seiner Größe überstrahlt werden darf. Wie diese Umetikettierung ein Verbrechen an Menschen kleiner macht, haben wir erst kürzlich am Beispiel des Bischofswortes „Antisemitismus ist Sünde“ beschrieben. Die Betroffenen kommen in dieser Rechnung als Posten auf der Soll-Seite vor, nicht als Menschen mit eigenen Ansprüchen.

Was ein ernst gemeinter Aufruf bräuchte

Fair bleibt festzuhalten: Ein Missbrauch durch Kentenich ist weder strafrechtlich noch kirchenrechtlich festgestellt, er kann sich nicht mehr äußern, und dass Schönstatt Belastendes überhaupt ausdrücklich einlädt, ist mehr, als die Bewegung 2020 zu sagen bereit (bzw. genötigt) war. Gerade deshalb lohnt der Blick darauf, wie eine glaubwürdige Version aussähe. Sie braucht keine Grundhaltung, sondern ein Verfahren:

  • Eine Anlaufstelle außerhalb von Bewegung und Kirche, an die sich niemand wenden muss, der sein halbes Leben in dieser Gemeinschaft verbracht hat oder noch darin lebt.
  • Eine unabhängige Kommission mit Betroffenenbeteiligung, die die Hinweise nach vorher veröffentlichten Kriterien auswertet und ihre Ergebnisse selbst publiziert – nicht im Verlag der Beforschten.
  • Uneingeschränkten Archivzugang zu den Beständen der Marienschwestern und Patres für Historikerinnen und Historiker ohne Bindung an die Bewegung.
  • Vorab benannte Konsequenzen: Was ändert sich am „Vater“-Kult, an Gebetsbitten, Gedenktagen und Heiligtumsnamen, wenn sich die Vorwürfe erhärten?

Säkulare Aufarbeitung beginnt nicht mit der Versicherung, man habe keine Angst. Sie beginnt mit Strukturen, in denen es auf die Angst der Institution gar nicht mehr ankommt. Vertrauen entsteht durch Kontrolle von außen, nicht durch Bekenntnisse von innen – und schon gar nicht durch ein Postfach bei denen, über die geurteilt werden soll.

Bleibt die Frage, die keine Archivsignatur braucht und die auch der neue Aufruf nicht stellt: ob die Struktur noch steht, in der all das möglich war. Eine Gemeinschaft erwachsener Menschen, die sich „Familie“ nennt, einen Mann „Vater“ und dessen Fürsprache auf derselben Website anbietet, auf der sie Hinweise auf seine möglichen Übergriffe sammelt. Wer die Wahrheit wirklich nicht fürchtet, könnte mit dieser Frage anfangen.

Quellen

KI

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