Kleine Gesten, große Legenden: Stefan Buß und die Abreißkalender-Heiligen

Lesezeit: ~ 6 Min.

Darum geht es

Stefan Buß verpackt säkulare Alltagsfreundlichkeit in Abreißkalender-Frömmigkeit, schreibt das Ergebnis Gott gut und empfiehlt dafür ausgerechnet zwei Heilige, deren Spiritualität das Leiden verklärt – Mutter Teresa inklusive Sterbehaus ohne Schmerztherapie.

Es gibt Impulse, bei denen man dem Fuldaer Stadtpfarrer kaum widersprechen möchte. Lächeln statt Knurren, Geduld statt Gereiztheit, ein freundliches Wort statt eines harten, Zeit für einsame Menschen: Wer wollte dagegen etwas haben? In seinem aktuellen Impuls auf Osthessen|News lässt sich Stefan Buß von einem Spruch auf seinem Abreißkalender inspirieren, sinngemäß: Tu das Kleine mit großer Liebe, vertraue Gott dein Leben an, dann kommt durch dich Gottes Liebe in die Welt. Dazu reicht er zwei Kronzeuginnen nach, „Mutter Teresa“ von Kalkutta und Therese von Lisieux.

Das klingt nur oberflächlich betrachtet sympathisch und unverfänglich. Schaut man genauer hin, passiert in dem Text allerdings dreierlei: Menschliche Anständigkeit wird stillschweigend in Gottes Besitz überführt, das Wort „vielleicht“ übernimmt die Rolle der Begründung, und die beiden empfohlenen Vorbilder stehen für eine Frömmigkeit, die man sich bei näherem Hinsehen lieber nicht zum Vorbild nehmen sollte.

Der Subtraktionstest

Ein einfaches Verfahren hilft bei fast jedem Buß-Impuls: Man streiche alles, was sich auf Gott bezieht, und prüfe, was verloren geht. Hier bleibt erstaunlich viel übrig. Frieden in der Familie stiften, einen Streit nicht weitertragen, jemandem Mut machen, helfen, ohne Dank zu erwarten – das ist exakt das, was humanistische Ethik seit jeher empfiehlt, und es funktioniert ohne jede Metaphysik. Niemand muss an einen Gott glauben, um seinem Nachbarn die Einkäufe hochzutragen.

Was beim Streichen wegfällt, sind genau zwei Dinge: das Gebet und die Aufforderung, Gott das eigene Leben anzuvertrauen. Ausgerechnet diese beiden Punkte sind die einzigen in der ganzen Liste, die keinem anderen Menschen irgendetwas nützen. Ein Gebet, bei dem man – wie Buß selbst einräumt – nichts Besonderes spürt, tröstet keinen Einsamen und trägt keine Einkaufstüte. Der religiöse Anteil des Impulses ist also nicht das Fundament der Botschaft, sondern ihr Anhängsel.

Gottes Liebe, menschlich ausgeliefert

Interessanter ist, was das Anhängsel mit dem Rest macht. Buß schreibt: „Gott braucht nicht zuerst unsere großen Taten. Er möchte unser Herz.“ Und am Ende soll man den eigenen Teil der Welt nicht mit der eigenen, sondern mit seiner Liebe berühren – der Gottes.

Damit wird der Mensch zum Lieferdienst degradiert. Die Freundlichkeit gehört nicht mehr dem, der sie aufbringt, oft gegen eigene Müdigkeit und schlechte Laune, sondern einer unsichtbaren Instanz, die sich ihrer bedient. Wer einem einsamen Menschen Zeit schenkt, tut das nach dieser Logik nicht, weil ihm dieser Mensch etwas bedeutet, sondern weil durch ihn „etwas von Gottes Liebe“ in die Welt kommt. Das ist keine Aufwertung des Kleinen, sondern eine Enteignung.

Nebenbei stellt sich die alte Frage, warum ein allmächtiges Wesen überhaupt etwas „braucht“ oder „möchte“ – und warum es seine Liebe ausgerechnet über die unzuverlässigsten denkbaren Kanäle verteilt: über Menschen, die schlecht geschlafen haben. Ein Gott, der Frieden will, aber auf Familienväter wartet, die heute ausnahmsweise einen Streit nicht weitertragen, hat ein bemerkenswert bescheidenes Wirkungsprofil.

Und weil die Einladungsrhetorik so sanft daherkommt, lohnt die Gegenprobe: Was geschieht mit dem Herzen, das Gott nicht geschenkt wird? Darüber schweigt der Impuls, die kirchliche Lehre nicht. „Wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Mk 16,16) steht weiterhin im Neuen Testament, und kein noch so freundlicher Kalenderspruch hat es dort gestrichen. Das „Angebot“ hat eine Rückseite, die man bei Abreißkalendern nur nicht zu sehen bekommt.

Sechsmal vielleicht, einmal Gewissheit

Auffällig ist die Argumentationsstruktur. Sechsmal steht im Text ein „vielleicht“: Vielleicht liegt darin etwas Wichtiges, vielleicht ist das eine Botschaft des Glaubens, vielleicht ist das eine gute Frage, vielleicht wird die Welt dadurch ein wenig heller… Die einzige Stelle ohne jedes Zögern ist ausgerechnet die unüberprüfbarste: dass nichts, was man in Liebe tut, „zu klein für Gott“ sei.

Das ist umgekehrt proportional zur Beweislage. Dass kleine Freundlichkeiten anderen Menschen guttun, ist gut belegt und braucht kein Vielleicht. Dass ein Gott sie registriert, ist durch nichts belegt – und genau dort verschwindet der Konjunktiv.

„Mutter Teresa“: das Kleine mit großem Etat

Bleiben die Kronzeuginnen. Schon das Zitat ist wackelig: Die von Buß angeführte Fassung ist die populäre Kalenderversion. Das Mother Teresa Center der Missionarinnen der Nächstenliebe führt ähnliche Varianten ausdrücklich als stark paraphrasiert und nicht authentisch; belegt ist eine verwandte Aussage in dem Band Come Be My Light, wonach man nicht nach großen Dingen suchen, sondern kleine Dinge mit großer Liebe tun solle. Ein Pfarrer, der das Abreißkalenderzitat für Mutter Teresa hält, ist nicht allein – aber Quellenkritik sieht anders aus.

Gewichtiger ist die Frage, wofür „Mutter Teresa“ tatsächlich steht. Klein war am „Todesengel von Kalkutta“ wenig: ein weltweiter Orden, ein Friedensnobelpreis, Millionenspenden. 1994 besuchte Robin Fox, damals Herausgeber des medizinischen Fachjournals The Lancet, ihr Sterbehaus in Kalkutta. Er würdigte Sauberkeit und Zuwendung, beschrieb die medizinische Versorgung aber als planlos, mit fehlender Diagnostik und unzureichender Schmerzbehandlung, und schrieb, Mutter Teresa ziehe die Vorsehung der Planung vor. Kanadische Forscher um Serge Larivée werteten 2013 rund 300 Dokumente aus und kamen zu dem Schluss, ihr Heiligenbild halte einer Prüfung der Fakten nicht stand und sei das Ergebnis einer wirksamen Medienkampagne. Sie kritisieren unter anderem den Umgang mit dem Leiden der Kranken, die intransparente Verwendung der Spenden und ihre Nähe zum haitianischen Diktator Jean-Claude Duvalier, von dem sie 1981 die Ehrenlegion entgegennahm.

Den Kern dieser Haltung hat „Mutter Teresa“ selbst formuliert. Auf einer Pressekonferenz 1981 gefragt, ob sie die Armen lehre, ihr Los zu ertragen, nannte sie es „sehr schön, wenn die Armen ihr Los annehmen“ und meinte, die Welt profitiere vom Leiden der Armen. Hinzu kommt die von ihr ermutigte Praxis, Sterbende ohne Rücksicht auf deren eigene Religion zu taufen. Wer die Liebe zum Nächsten mit einem Taufschein für den Himmel verbindet, zeigt, dass der Nächste nicht der eigentliche Adressat war.

Therese von Lisieux und die Schönheit des Verzichts

Die Verbindung zwischen beiden Frauen ist enger, als Buß andeutet. Mutter Teresa wählte ihren Ordensnamen nach Therese von Lisieux, und Vatican News hält ausdrücklich fest, dass sie deren Leidensfrömmigkeit übernommen hat – die Vorstellung, eigenes körperliches und seelisches Leiden lindere das Leiden Christi. Therese, mit 15 in den Karmel eingetreten und mit 24 an Tuberkulose gestorben, weihte sich 1895 der „barmherzigen Liebe“; Papst Benedikt XVI. beschrieb ihre letzte Lebensphase als Leiden „in tiefer Vereinigung mit dem Leiden Jesu“.

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Ihr „kleiner Weg“ hat durchaus anrührende Seiten, aber er ist kein Programm der Lebensfreude, sondern eines der Selbstzurücknahme. Das zeigt sich auch in Buß‘ eigener Liste: Lächeln, obwohl einem nicht danach ist; beten, obwohl man nichts spürt. Was im Einzelfall Höflichkeit sein mag, wird als Dauerhaltung zum Problem. Die Emotionsforschung zeigt seit Langem, dass gewohnheitsmäßiges Unterdrücken eigener Gefühle mit schlechterem Wohlbefinden und weniger tragfähigen Beziehungen einhergeht (Gross & John, 2003). Ein Lächeln, das echte Not überdeckt, ist keine Liebe, sondern Fassade – und die Mutter aller Fassaden ist ein Glaube, der weiterbetet, obwohl er nichts spürt.

Die bequeme Bescheidenheit

Am Ende versichert Buß, man müsse nicht die ganze Welt verändern. Das entlastet – und es ist genau die Botschaft, die Institutionen gern hören, denen an Veränderung wenig liegt. Der brasilianische Erzbischof Hélder Câmara hat den Mechanismus einmal so beschrieben: Gab er den Armen Brot, nannte man ihn einen Heiligen; fragte er, warum sie keines haben, nannte man ihn einen Kommunisten. Die Spiritualität des Kleinen ist die des Brotgebens, nicht des Fragens. Mutter Teresas Satz vom schönen Los der Armen ist ihre konsequenteste Zuspitzung.

Bemerkenswert ist zudem, wie gut sich diese Heiligenbilder vermarkten lassen. Larivée und Kollegen beschreiben Mutter Teresas Aufstieg als Medienphänomen, das sie selbst gezielt zu nutzen wusste, und ihre Nähe zu Duvalier zeigt, wie bereitwillig sich Macht und Frömmigkeit gegenseitig Glaubwürdigkeit leihen. Das ist dieselbe Mechanik, mit der heute Populisten religiöse Milieus umwerben: Ein Bild der Güte, das niemand überprüft, ist politisch Gold wert. Und die Vorstellung der still leidenden und freudig dienenden Frau teilt man ja sowieso.

Was Buß selbst tun könnte

Unter den kleinen Dingen, die Buß empfiehlt, sind auch ein Gespräch und ein geduldiger Blick. Dem Betreiber dieses Blogs hat er einige Rückfragen zu seinen Impulsen beantwortet – und dann mitgeteilt, er werde nicht mehr antworten. Daran hat er sich seither gehalten. Ein Gespräch wäre ein wirklich kleines Stück gewesen, das man mit großer Liebe hätte tun können. Offenbar gilt die Einladung zur Begegnung nur, solange niemand nachfragt.

Die humanistische Alternative

Säkularer Humanismus hat mit dem vermeintlichen Kern des Impulses kein Problem – im Gegenteil. Kleine Freundlichkeiten zählen, weil sie für Menschen zählen, nicht weil jemand im Himmel mitschreibt. Sie gehören dem, der sie aufbringt, und dem, der sie empfängt. Sie brauchen kein Vielleicht und keine Drohkulisse im Hintergrund.

Zugleich verlangt eine humanistische Ethik mehr als Bescheidenheit: Sie fragt nach Ursachen, nicht nur nach Linderung. Sie will Schmerzmittel im Sterbehaus statt Leidensmystik, transparente Hilfsorganisationen statt unantastbarer Ikonen, und echte Gefühle statt verordneter Lächeln. Und sie hält es für eine Selbstverständlichkeit, auf Fragen zu antworten. Das wäre, um im Bild zu bleiben, nicht einmal etwas Großes.

Quellen

KI

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