Wie werde ich meine Angst vor dem Tod los?

Lesezeit: ~ 3 Min.

Darum geht es

Henning Kiene tröstet Lara persönlich und ehrlich, doch seine Auferstehungshoffnung beantwortet die eigentliche Frage nach dem Wiedersehen nicht klarer als die Reinkarnation, die er selbst ablehnt.

Auf fragen.evangelisch.de hat sich Lara Yorulmaz mit ihrer Angst vor dem Tod an das Portal gewandt. Geantwortet hat Henning Kiene, Pastor für United4Rescue. Seine Antwort ist ungewöhnlich persönlich und ehrlich in ihren Grenzen – gerade deshalb lohnt sich ein Blick darauf, was sie trägt und was nicht.

Die Frage

Lara schreibt: „ich weiß momentan nicht mehr weiter. Meine Familie und ich sind alle gläubige Christen. Meine Mutter hat innerhalb von 9 Jahren alle ihre 5 Geschwister verloren, auf unterschiedlichste Weisen, und es hört einfach nicht auf. […] ich drehe bald durch, weil meine Angst vor dem Tod dadurch immer weiter angefacht wird, weil ich so unglaubliche Angst habe, meinen Körper zu verlassen. […] Gibt es Tipps dagegen, die einen beruhigen können? Und ich hab auch unglaubliche Angst, meine Angehörigen nicht mehr wiederzusehen, weil meine Mutter und mein Bruder an eine Inkarnation glauben […] Gibt es eine Reinkarnation im Christentum und wenn ja, in welcher Form?“

Lara stellt damit zwei getrennte Fragen: Wie wird die eigene Todesangst erträglicher, und was lehrt das Christentum zur Wiederkehr nach dem Tod.

Die Antwort

Henning Kiene weist schnellen Trost zurück: „Solche Trostversuche kenne ich aus vielen Zusammenhängen, aber ich mag nicht, wenn man mir sagt, was ich fühlen soll, das ich tatsächlich nicht fühlen kann.“ Stattdessen empfiehlt er, die Erinnerung an Verstorbene aktiv zu pflegen: „Reden Sie in Ihrer Familie über die Verstorbenen, deren Leben und deren Sterben, nehmen Sie Fotos zur Hand und teilen mit Ihrer Mutter die schönsten Momente noch einmal neu.“ Zur eigenen Sterblichkeit rät er zu Trauergruppen und persönlich bedeutsamen Texten oder Musik. Die Reinkarnationsfrage beantwortet er klar: „Reinkarnation […] wird in den christlichen Kirchen nicht gelehrt.“ An ihre Stelle setzt er die christliche Auferstehungshoffnung, gestützt durch ein Zitat aus dem Römerbrief und das Glaubensbekenntnis.

Die Kritik

Der eigentliche Ratschlag verliert sich zwischen zwei Anekdoten. Auf Laras konkrete Bitte um „Tipps“ folgen zwei ausführliche Geschichten über einen alten Pfarrer und dessen Sterben – anrührend erzählt, aber ohne dass daraus eine übertragbare Handlungsanweisung für Lara selbst entsteht. Der knappe, tatsächlich konkrete Rat – miteinander reden, Fotos ansehen, eine Trauergruppe suchen – nimmt neben den Anekdoten nur wenig Raum ein.

Die Auferstehungshoffnung wird als Antwort auf die Reinkarnationsfrage präsentiert, obwohl sie eine andere Frage beantwortet. Lara fragt, ob und wie Menschen sich nach dem Tod wiedersehen. Kiene antwortet mit einem Bekenntnis zu Auferstehung und ewigem Leben, verbindet dies aber selbst mit dem Zusatz „es wird alles ganz anders sein“ – was offenlässt, ob und in welcher Form ein Wiedersehen darin überhaupt vorkommt. Die Unsicherheit, die er bei der Reinkarnation offen benennt („So genau wie du weiß ich es nicht“), gilt für die eigene Position ebenso, wird dort aber nicht ausgesprochen.

Der Trost wird an eine unbelegte Zusatzannahme geknüpft. Die Beruhigung, „begleitet“ zu sein „von Gott, einem Engel, Christus“, funktioniert nur, wenn diese Wesen tatsächlich existieren und tatsächlich begleiten. Für Lara, die ohnehin schon verunsichert ist, hängt der Trost damit an einer Voraussetzung, die selbst nicht geprüft, sondern vorausgesetzt wird.

Die Antwort aus säkularer Sicht

Die Angst vor dem eigenen Tod und die Angst, geliebte Menschen zu verlieren, sind zwei verschiedene Ängste, und beide sind zutiefst menschlich – Lara muss sich für keine von beiden rechtfertigen. Der Philosoph Epikur hat vor über zweitausend Jahren einen Gedanken formuliert, der bis heute trägt: Solange man lebt, ist der eigene Tod nicht da, und wenn er da ist, ist man selbst nicht mehr da, um ihn zu erleiden. Das nimmt die Angst nicht einfach weg, aber es entzieht ihr einen Teil ihres Schreckens: Es gibt keinen Moment, in dem man das Totsein als Zustand erleben oder erleiden müsste.

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Die andere Angst, die Lara beschreibt – ihre Angehörigen zu verlieren – lässt sich nicht wegdenken, weil sie der Preis dafür ist, Menschen wirklich geliebt zu haben. Trauer ist keine Störung, die behoben werden muss, sondern der Ausdruck einer echten Bindung. Genau deshalb ist Henning Kienes konkreter Rat trotz aller Kritik am Drumherum richtig: Über die Verstorbenen sprechen, ihre Fotos ansehen, ihre Geschichten weitererzählen. Das hält die Erinnerung lebendig, ohne dass es dafür eine Fortexistenz nach dem Tod braucht – die Erinnerung selbst ist real und wirksam.

Konkret helfen außerdem Dinge, die sich unabhängig vom eigenen Weltbild umsetzen lassen: mit vertrauten Menschen offen über die Angst sprechen, statt sie allein zu tragen; sich um die praktischen Dinge kümmern, die Sicherheit geben – eine Patientenverfügung, ein Testament, klare Absprachen in der Familie, die die Kontrolle über das Vorhersehbare zurückgeben; und Rituale, die nicht an eine bestimmte Theologie gebunden sind, etwa das gemeinsame Erinnern an einem festen Datum im Jahr.

Wenn die Angst vor dem Tod so stark wird, dass sie den Alltag durchgehend beherrscht – wie Lara es mit „ich drehe bald durch“ beschreibt –, dann ist das ein Signal, sich professionelle Unterstützung zu suchen, etwa bei einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten oder in einer Trauerberatung. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern die naheliegendste Reaktion auf eine Belastung, die alleine kaum zu tragen ist. Niemand muss wissen, was nach dem Tod kommt, um gut mit der Angst davor umzugehen.

Quelle

„Wie werde ich meine Angst vor dem Tod los?“, Antwort von Henning Kiene auf fragen.evangelisch.de

KI

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