Echokammer oder Resonanzraum? Bischof Gerbers Pfingstpredigt 2026

Lesezeit: ~ 4 Min.

Gedanken zum Beitrag: Bischof Gerber: Pfingsten lädt ein, sich auf Gottes Wirken einzulassen, veröffentlicht am 27.5.26 von Osthessen-News

Darum geht es

Bischof Gerber verkauft mit der Metapher vom „Resonanzraum“ ein physikalisches Echo als Beleg für Gottes Gegenwart, deutet den Niedergang der Kirche zur Vorsehung um und erklärt Kritik vorab zum vorschnellen „Etikett“.

Eine schöne Metapher – und ihre stille Verschiebung

Bischof Dr. Michael Gerber hat zu Pfingsten im Fuldaer Dom ein Bild in den Mittelpunkt gestellt, das auf den ersten Blick einleuchtet: Kirche als „Resonanzraum“. Ausgangspunkt ist eine konkrete, sympathische Beobachtung – die Stimme eines Kindes, die im Domraum einen besonderen Nachhall fand. Wer je in einer großen Kirche gestanden hat, kennt den Effekt. (Dass Gerbers Pfingstrhetorik hier schon einmal Thema war, ist kein Zufall – schon 2020 fiel sie auf.)

Das Problem beginnt dort, wo Gerber von dieser realen, physikalisch erklärbaren Erfahrung unmerklich zu einer ganz anderen Aussage hinübergleitet.

Vom Echo zum Erhören

Gerber sagt: „Menschen erfahren, dass ihr Schrei im Raum der Kirche eine besondere Resonanz erfährt.“ Diese Resonanz deutet er sogleich: Die Nöte der Menschen verhallten nicht, sondern träfen „auf Gottes mitfühlende Gegenwart“.

Hier liegt der Kern der Konstruktion. Das Wort „Resonanz“ hat zwei grundverschiedene Bedeutungen:

Im physikalischen Sinn ist Resonanz ein messbares Mitschwingen – ein Echo, eine akustische Tatsache, die keinerlei Adressaten braucht: Schallwellen werden an Steinwänden reflektiert, ob jemand zuhört oder nicht.

Im übertragenen Sinn meint „Resonanz“, dass ein Mensch gehört wird, dass sein Anliegen bei einem Gegenüber ankommt.

Gerber nutzt die unbestreitbare physikalische Bedeutung – das Kind, der Nachhall – als anschaulichen Einstieg und überträgt die so erzeugte Plausibilität auf eine theologische Behauptung: dass da ein göttliches Gegenüber sei, das den „Schrei“ hört. Das eine folgt aber nicht aus dem anderen. Dass ein Raum ein Echo erzeugt, ist kein Indiz dafür, dass jemand zuhört – und schon gar nicht irgendein oder gar ein bestimmter Gott.

Diese Denkfigur hat einen Namen: Äquivokation, ein Schluss, der die Doppeldeutigkeit eines Wortes ausnutzt. Die Metapher leistet rhetorische Überzeugungsarbeit, die sie sachlich nicht decken kann.

Hinzu kommt: Wie schon bei Pfarrer Buß‘ Pfingst-Impuls ist die zentrale Behauptung so gebaut, dass sie sich nicht überprüfen lässt. Wer Trost erfährt, hat „göttliche Resonanz“ erlebt; wer keinen erfährt, hat eben noch nicht „geduldig genug gehört“. Es gibt keinen denkbaren Befund, der dem Bild widerspräche – und eine Aussage, die mit jedem Ausgang vereinbar ist, erklärt nichts.

„Resonanz“ – ein geliehener Begriff

Bemerkenswert ist die Wortwahl auch deshalb, weil „Resonanz“ derzeit eine prominente säkulare Karriere macht. Der Soziologe Hartmut Rosa hat den Begriff zum Zentrum einer einflussreichen Gesellschaftstheorie gemacht: Resonanz als gelingende Beziehung des Menschen zur Welt – zu Arbeit, Natur, anderen Menschen, Kunst –, beschrieben gänzlich ohne Rückgriff auf einen Gott. Gerber muss diese Theorie nicht bewusst zitieren. Aber das Muster ist erkennbar: Ein diesseitiges, intellektuell angesehenes Konzept bekommt unauffällig ein metaphysisches Futter eingenäht, das der säkulare Begriff gerade nicht enthält.

„Kein Zurück zur früheren Harmonie“: Wenn Niedergang zur Vorsehung wird

Der wohl aufschlussreichste Satz der Predigt lautet: „Es gibt kein Zurück zur früheren Harmonie.“ Pfingsten sei keine Rückkehr zu „bekannten, vertrauten Klängen“, sondern ein „Aufbruch in eine neue Wirklichkeit“. Innerhalb der Predigtlogik bezieht sich das auf die Jünger nach Karfreitag, die nicht hinter ihre Erschütterung zurückkönnen. Als Exegese ist das unauffällig.

Liest man den Satz jedoch im Kontext der Gegenwart, zeigt er seine eigentliche Funktion. Die katholische Kirche in Deutschland befindet sich in einem historisch beispiellosen Schwund: Austritte in Millionenhöhe, schwindende gesellschaftliche Relevanz, der nicht aufgearbeitete Missbrauchskomplex. Vor diesem Hintergrund liest sich „kein Zurück zur früheren Harmonie“ als theologische Umdeutung genau dieses Verlusts. Was empirisch ein Prozess von Schrumpfung und Vertrauensverlust ist, wird zum geistgewirkten Aufbruch verklärt. Die „Dissonanz“ ist dann kein zu diagnostizierendes Symptom mehr, sondern ein anzunehmendes Geschenk.

Dieser Schachzug erscheint elegant – und gefährlich. Er macht die Institution gegen ihre eigenen Krisenindikatoren immun. Solange Niedergang als tiefere, göttlich gewollte „Harmonie“ umgeschrieben werden kann, kann keine Mitgliederzahl, keine Austrittswelle, kein Skandal je als Argument gegen die Institution zählen. Die Zahlen verlieren ihre Aussagekraft.

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Die säkulare Sicht besteht auf dem Gegenteil: Austrittszahlen und Vertrauensverluste sind Daten. Sie haben Ursachen – darunter der Missbrauchskomplex und sein institutioneller Umgang, die Kluft zwischen verkündeter und gelebter Moral, die nachlassende Plausibilität übernatürlicher Behauptungen. Wer die Krise bearbeiten will, muss diese Ursachen benennen, nicht verklären.

Eine Offenheit mit eingebautem Ergebnis

Gerbers Appell lautet, dem „Fremden und Dissonanten“ nicht vorschnell ein „Etikett“ zu verpassen, weil das „eine tiefere Auseinandersetzung“ verhindere. Für sich genommen ist das ein vernünftiger, geradezu rationaler Grundsatz: Das Unvertraute mit einem schnellen Label abzutun ist tatsächlich ein Denkfehler. Zwei Dinge aber verkehren das Prinzip in sein Gegenteil.

Erstens wird es einseitig angewandt. Gerber ruft die Offenheit ausschließlich dort auf, wo sie dem Annehmen religiöser Inhalte dient – die fremde Musik, die unverständliche Botschaft, das Wirken des Geistes. Er richtet dieselbe Forderung nie an die festen Schließungen seiner eigenen Institution: den Ausschluss von Frauen vom Weiheamt, die Sexualmoral, die dogmatischen Gewissheiten. Dort fehlt der Aufruf, sich „dem Unvertrauten auszusetzen“ und auf das schnelle Etikett zu verzichten, auffällig. Offenheit wird vom Publikum verlangt, nicht von der Kirche.

Zweitens unterstellt die Musik-Analogie ihr Ergebnis. Gerber nutzt die zeitgenössische Messe von Hartwig Lehr: Was dissonant klinge, trage eine „Botschaft“, die geduldiges Hören erschließe. Doch das Bild schmuggelt seine Konklusion ein. In der Musik gibt es eine komponierende Absicht; hinter der Dissonanz liegt nachweislich eine Struktur, weil jemand sie geschrieben hat. Die Analogie verführt dazu, dasselbe von religiöser „Dissonanz“ anzunehmen – dass dahinter eine göttliche „tiefere Harmonie“ warte. Genau das aber ist die offene Frage. Und Gerber versiegelt sie: Es sei „der Heilige Geist selbst“, der helfe, die Botschaft zu „erschließen“. Wer also geduldig hört und nichts findet, ist selbst schuld – nicht hinreichend vom Geist geöffnet. Die Offenheit, die Gerber empfiehlt, kommt mit vorinstalliertem Resultat. Echte Offenheit müsste die Möglichkeit einschließen, dass das Unvertraute schlicht falsch ist – oder dass hinter der Dissonanz gar keine tiefere Harmonie liegt, sondern nur Dissonanz.

Säkulares Fazit

Gerbers Predigt ist rhetorisch geschickter als der durchschnittliche pastorale Impuls – das zentrale Bild ist anschaulich, der Appell zur Offenheit klingt intellektuell großzügig. Gerade deshalb lohnt das Zerlegen. Hinter der eleganten Oberfläche steht eine vertraute Struktur: eine Metapher, die mehr verspricht, als sie hält; eine Kernbehauptung, die sich jeder Prüfung entzieht; die Umdeutung institutionellen Niedergangs in Vorsehung; und eine Offenheit, die im Voraus geschlossen ist.

Die säkulare Gegenposition braucht weder die Resonanz-Metapher noch den Geist. Menschen werden gehört, wenn andere Menschen ihnen zuhören – in Familien, Freundschaften, in Beratung, in funktionierenden Institutionen. Dass dieses Zuhören besser werden kann, ist wahr und wichtig. Aber es ist menschliche Arbeit, mit menschlichen Mitteln, ergebnisoffen. Sie braucht kein göttliches Echo. Und sie gewinnt nichts dadurch, zum „Resonanzraum Jesu“ erklärt zu werden – außer einer Institution, die sich gern für etwas unentbehrlich machen möchte, worauf sie kein Monopol hat.

KI

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