Darum geht es
Die Antwort empfiehlt einer kranken Fragestellerin das Gebet und räumt im letzten Satz selbst ein, dass die Hilfe am Ende von Menschen kommt – womit sie die eigene Empfehlung zurücknimmt, ohne es zu bemerken.Auf fragen.evangelisch.de stellt eine Frau mit dem Kürzel H.V. eine Frage, die sich einfach anhört und es nicht ist. Beantwortet hat sie Frank Muchlinsky, Pfarrer und einer der Hauptbeantworter des Portals. Seine Antwort ist freundlich, ruhig und in einem Punkt bemerkenswert ehrlich – ehrlicher, als ihm vermutlich lieb ist.
Die Frage
„Ich möchte wissen, ob Gott mir helfen kann, dass sich meine Gedanken nicht immer um meine Erkrankung drehen.“
Das ist keine theologische Spitzfindigkeit, sondern eine praktische Frage in einer belastenden Lage: Jemand kreist gedanklich um eine Krankheit und sucht einen Ausweg. Gefragt ist nach einer Wirkung – kann Gott das, ja oder nein?
Die Antwort
Muchlinsky rät zunächst zu einem Bruch in der Situation: „Wenn Ihnen im Bett solche Gedanken kommen, bleiben Sie nicht liegen. Setzen Sie sich aufrecht hin oder – besser noch – stehen Sie auf und gehen in ein anderes Zimmer.“ Dann folgt die eigentliche Empfehlung: die Hände falten, beten, klagen, Gott um seine Nähe bitten. „Sie können beim Beten nichts falsch machen.“ Und: „Hören Sie nicht auf, wenn Sie nicht gleich spüren, dass es ihnen guttut. Beten muss man nicht lernen, aber man kann es üben.“
Der letzte Absatz lautet: „Und wenn Sie merken, dass Ihnen das trotz Üben nicht weiterhilft, suchen Sie sich andere Hilfe bei Menschen, denen Sie vertrauen und/oder die kompetent sind dabei, anderen in solchen Lagen zu helfen. Dann hilft Ihnen – nach meinem Verständnis – Gott nicht durch das Gebet sondern durch diese Menschen.“
Die Kritik
Der Schlusssatz kassiert die Empfehlung. Erst wird das Gebet als Mittel angeboten, dann wird für den Fall seines Versagens auf Menschen verwiesen – und deren Hilfe wird umstandslos ebenfalls Gott zugeschrieben. Damit gibt es kein Ergebnis mehr, das die Ausgangsthese widerlegen könnte. Hilft das Gebet, war es Gott. Hilft es nicht und ein Arzt hilft, war es auch Gott. Eine Behauptung, die durch jeden denkbaren Verlauf bestätigt wird, erklärt nichts. Sie ist nicht besonders gut abgesichert, sondern gegen Prüfung immunisiert.
Die gestellte Frage wird nicht beantwortet. H.V. fragt, ob Gott helfen kann. Beantwortet wird eine andere Frage, nämlich was sie selbst tun soll. Die entscheidende Auskunft – ob hier ein Adressat existiert, der etwas bewirkt – bleibt aus. Wer den Text nüchtern liest, findet die Antwort trotzdem, nur zwischen den Zeilen: Am Ende sind es Menschen.
Der brauchbare Teil des Rats ist psychologisch, nicht theologisch. Aufstehen, den Raum wechseln, die Gedankenschleife körperlich unterbrechen, das Belastende in Worte fassen, eine feste Form dafür haben – das sind wirksame Techniken. Sie funktionieren, weil sie Aufmerksamkeit umlenken und Diffuses in Sprache überführen. Für keinen dieser Effekte wird ein Zuhörer benötigt. Der Rat wäre exakt gleich gut, wenn man das Wort „Gott“ streicht.
Die Reihenfolge stimmt nicht. Professionelle Hilfe erscheint als Notlösung, nachdem das Üben nicht funktioniert hat. Bei anhaltendem Grübeln im Zusammenhang mit einer Erkrankung gehört sie an den Anfang, nicht ans Ende einer Versuchsreihe. Die Empfehlung „hören Sie nicht auf, wenn Sie nicht gleich spüren, dass es Ihnen guttut“ verlängert im ungünstigen Fall genau die Phase, in der jemand keine Hilfe sucht.
Die Antwort aus säkularer Sicht
Nein, hier hilft niemand von außen. Aber die Lage ist trotzdem nicht aussichtslos, und das ist die eigentlich gute Nachricht.
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(öffnet in neuem Tab)Das beschriebene Problem hat einen Namen: Rumination, also das wiederholte, kreisende Nachdenken über Belastendes, ohne dass eine Lösung entsteht. Es ist einer der am besten untersuchten Mechanismen der klinischen Psychologie und gilt als Risikofaktor für depressive Verläufe. Genau deshalb gibt es dafür Verfahren, deren Wirkung man messen kann: Aufmerksamkeitslenkung, Verhaltensaktivierung, achtsamkeitsbasierte Techniken, ruminationsfokussierte kognitive Verhaltenstherapie. Bei einer körperlichen Erkrankung kommt hinzu, dass ein Teil des Kreisens schlicht aus offenen Fragen besteht – ein klärendes Gespräch mit der behandelnden Ärztin nimmt manchmal mehr Last als jede Technik.
Das Aussprechen wirkt tatsächlich, wie Muchlinsky richtig beobachtet. Nur wirkt es nicht, weil jemand zuhört, sondern weil Formulieren aus einem diffusen Zustand einen beschreibbaren Gegenstand macht. Ein Tagebuch leistet das. Ein Mensch, der zuhört, leistet es besser – weil er antwortet, nachfragt und widerspricht.
Und dieser Mensch ist erreichbar: Angehörige, Freunde, Selbsthilfegruppen, Psychotherapeutinnen, die Beratungsstellen der Kliniken. Muchlinsky nennt sie am Ende selbst. Der einzige Unterschied zwischen seiner Antwort und dieser hier ist, dass die Menschen bei ihm die zweite Wahl sind und ihr Erfolg anschließend jemand anderem gutgeschrieben wird.
Wer ehrlich tröstet, verspricht nichts, was er nicht halten kann. Dass Hilfe von Menschen kommt, ist keine Enttäuschung gegenüber der frommen Version. Es bedeutet, dass man weiß, wo man sie suchen muss.
Quelle
„Kann Gott mir helfen?“, Antwort von Frank Muchlinsky auf fragen.evangelisch.de















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