Güte statt Rentenniveau: Das „Wort zum Sonntag“ vor dem 6. September

Lesezeit: ~ 7 Min.

Am Vorabend der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt beschreibt Magdalena Kiess im „Wort zum Sonntag“ präzise, wie aus Frust Wut und aus Wut die Suche nach Sündenböcken wird – und antwortet darauf mit einem Gleichnis, das gar nicht von Bedarfsgerechtigkeit handelt, sowie mit einem Appell an Güte, der jede politische Konkretion vermeidet.

Ein Sendeplatz, ein Datum

Am Samstag, dem 5. September 2026, sprach Magdalena Kiess, katholische Pastoralreferentin im Erzbistum Berlin und seit November 2024 Sprecherin im „Wort zum Sonntag“, über Gerechtigkeit, Frust und Sündenböcke. Am Tag darauf, dem 6. September 2026, wählt Sachsen-Anhalt seinen neunten Landtag – rund 1,7 Millionen Wahlberechtigte, fünfzehn kandidierende Parteien. Die AfD lag in den Umfragen vor der Wahl mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund bei etwa 41 bis 42 Prozent, die CDU des seit Januar 2026 amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze bei 24 bis 26 Prozent.

Das ist kein Zufall, und es soll auch keiner sein. Kiess ist die rbb-Sprecherin des Formats, sie spricht für den ostdeutschen Sendeanteil, und ihr Text handelt von genau den Empfindungen, um die dieser Wahlkampf kreiste. Sie sagt: „Ich habe den Eindruck, viele haben gerade das Gefühl: Das ist unfair!“ Und dann zählt sie auf, was gemeint ist: vierzig Jahre gearbeitet und die Rente reicht nicht, die Arztpraxis im Heimatort schließt, die Bäckerei findet keine Nachfolge, die Kinder ziehen weg, weil die Arbeit fehlt.

Das ist gut beobachtet. Was daraus folgt, ist der eigentliche Gegenstand dieser Analyse.

Die Diagnose ist scharf, die Adresse fehlt

Kiess beschreibt einen Mechanismus, und sie beschreibt ihn zutreffend: Der Frust sei wichtig, weil er auf einen realen Missstand zeige. Wenn aber lange niemand auf ihn antworte, könne aus ihm Wut werden – und blinde Wut frage nicht mehr, was gebraucht werde, sondern wer schuld sei. Dann sei schnell einer gefunden: der Nachbar, der auf staatliche Hilfe angewiesen ist, die Familie im Flüchtlingsheim, das Kind, das in der Schule zusätzliche Hilfe bekommt. Aus einer Liste ungelöster Probleme werde eine Rechnung, aus dem Rechenstrich ein Trennstrich, aus dem Trennstrich ein Graben.

Das ist eine bemerkenswert klare Beschreibung der Ressentimentbildung, vorgetragen zur besten Sendezeit am Abend vor einer Wahl, bei der eine Partei führte, deren Programmatik genau auf dieser Umbuchung beruht. Nur: Kiess nennt sie nicht. Sie nennt die Wahl nicht, sie nennt keine Partei, sie nennt kein Land, sie nennt keine Zahl. Es bleibt bei „in diesen Wochen“.

Man kann das für Klugheit halten – die Sendung ist ökumenisch verantwortet und an Neutralitätsanforderungen gebunden, eine Wahlempfehlung im Ersten wäre ein Eklat. Der Einwand richtet sich nicht darauf, dass Kiess keine Partei empfiehlt. Er richtet sich darauf, dass auch die zweite Hälfte fehlt: die politische Adresse der Missstände. Wenn die Rente nach vierzig Berufsjahren nicht reicht, ist das keine Frage der Güte, sondern des Rentenniveaus, der Erwerbsbiografien und der Beitragsbemessung. Wenn die Landarztpraxis schließt, ist das eine Frage der Bedarfsplanung, der Niederlassungsanreize und der Studienplatzvergabe. Diese Fragen sind entscheidbar, strittig und verhandelbar. In Kiess’ Text kommen sie ausschließlich als Gefühlslage vor.

Übrig bleibt am Ende: „Und das mit mehr Güte und Großzügigkeit.“ Das ist keine Antwort auf den Frust, den sie zuvor als berechtigt bezeichnet hat. Es ist eine Aufforderung an die Frustrierten, ihn besser zu verwalten.

Das Gleichnis verteilt nicht nach Bedarf

Der theologische Kern der Sendung ist eine Definition, die Kiess ihrem Vater zuschreibt: Gerechtigkeit heiße nicht, dass alle das Gleiche bekommen, sondern jeder das, was er oder sie gerade braucht, um gut weitermachen zu können. Als biblischen Beleg führt sie das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg an (Mt 20,1–16) und zieht daraus den Schluss: Gottes Gerechtigkeit frage nicht, wer wie viel geleistet habe, sondern was ein Mensch brauche, um leben zu können.

An dieser Stelle geht die Auslegung am Text vorbei, und zwar in beide Richtungen.

Erstens verteilt der Weinbergbesitzer gerade nicht nach Bedarf. Er zahlt allen exakt dasselbe: einen Denar, den mit den ersten Arbeitern vereinbarten Tageslohn (Mt 20,2). Er erkundigt sich bei niemandem, wie viele Kinder zu Hause warten oder wer eine kranke Mutter zu versorgen hat. Das Gleichnis ist ein Modell radikaler Gleichbehandlung ohne Ansehen der Leistung – nicht ein Modell der Bedarfsgerechtigkeit. Kiess’ eigener Satz, jeder bekomme so viel, dass er „die Chance hat, gut über den Tag zu kommen“, funktioniert nur, weil der Denar zufällig ungefähr dem Existenzminimum eines Tagelöhners entsprach. Wäre der Bedarf das Kriterium, hätten die Arbeiter unterschiedliche Summen erhalten müssen.

Zweitens begründet der Weinbergbesitzer sein Verhalten nicht sozial, sondern eigentumsrechtlich. Kiess zitiert seine Rückfrage: „Bist du jetzt neidisch, weil ich gütig bin?“ Sie zitiert nicht den Satz unmittelbar davor, in dem er darauf verweist, dass er mit dem, was ihm gehört, tun dürfe, was er wolle (Mt 20,15). Das ist keine Nebensächlichkeit, sondern die tragende Begründung: Die Zuteilung ist gerechtfertigt, weil der Eigentümer souverän über sein Eigentum verfügt – nicht, weil die Empfänger etwas brauchen. Als sozialpolitisches Vorbild ist das eine unangenehme Vorlage.

Drittens ist der Rahmen eschatologisch, nicht ökonomisch. Das Gleichnis steht zwischen zwei Fassungen desselben Satzes: Die Letzten werden die Ersten sein und die Ersten die Letzten (Mt 19,30; Mt 20,16). Es beantwortet die im Kapitel zuvor gestellte Frage, wer in das Himmelreich gelangt – und die Pointe ist, dass späte Umkehr nicht schlechter gestellt wird als lebenslange Frömmigkeit. Es ist ein Gnadengleichnis. Wer daraus ein Verteilungsprinzip macht, liest etwas hinein, was der Text nicht hergibt.

Kiess ist damit nicht allein; diese Lesart ist in der Verkündigung verbreitet. Aber sie ist Eisegese, und sie ist es zu einem hohen Preis: Der sympathischste Gedanke des Beitrags – Zuteilung nach Bedarf – wird an einen Text gehängt, der ihn nicht stützt, statt an die Begründungen, die ihn tatsächlich tragen.

Woher der Gedanke wirklich stammt

Denn diese Begründungen gibt es, und sie sind gut ausgearbeitet. Die Formel „nicht alle gleich viel, sondern jeder nach seinem Bedarf“ ist in der politischen Theorie kein Randgedanke. Karl Marx formulierte sie 1875 in der „Kritik des Gothaer Programms“ als Prinzip einer künftigen Gesellschaft: jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. John Rawls begründete 1971 in „A Theory of Justice“ mit dem Differenzprinzip, dass Ungleichheiten nur zulässig sind, wenn sie den am schlechtesten Gestellten zugutekommen. Amartya Sen und Martha Nussbaum entwickelten daraus den Befähigungsansatz, der genau die Frage stellt, die Kiess für ihren Vater reklamiert: Was braucht dieser Mensch, um sein Leben führen zu können?

Keine dieser Begründungen benötigt einen Weinbergbesitzer. Sie sind überprüfbar, kritisierbar und in Sozialrecht übersetzbar – im deutschen Recht etwa im Grundsatz der Bedarfsdeckung des SGB II und XII, im Bundesteilhabegesetz oder im Nachteilsausgleich der Schulgesetze. Das „Kind, das in der Schule zusätzliche Hilfe bekommt“, dessen Ressentiment-Karriere Kiess korrekt beschreibt, bekommt diese Hilfe nicht aus Güte. Es hat einen Anspruch darauf. Genau darin liegt der Unterschied, den der Beitrag nicht macht.

Der Substituierbarkeitstest

Bleibt die Frage, was die theologische Rahmung in diesem Text argumentativ leistet. Der Schluss lautet: Der Gott, an den sie glaube, rechne nicht ab und rechne nicht auf, er gebe großzügig und eröffne Chancen – wir sollten es ihm gleichtun.

Streicht man diese drei Sätze, verliert der Beitrag nichts. Die Diagnose bleibt, die Sündenbock-Analyse bleibt, der Appell bleibt: großzügig sein, Chancen eröffnen, nicht aufrechnen. Gott tritt hier ausschließlich als Vorbild auf, und ein Vorbild ist per Konstruktion entbehrlich, wenn das Verhalten unabhängig davon begründbar ist – was es, siehe oben, ist. Auch die einzige Tätigkeit, die ihm zugeschrieben wird, ist erklärungsbedürftig: Wenn Gott „Chancen eröffnet“, warum schließt dann die Arztpraxis? Der Text stellt die Frage nicht, weil sie das Bild zerstören würde.

Dasselbe Muster haben wir bei Kiess bereits an ihrem Beitrag zu Mariä Himmelfahrt beschrieben: Die Menschen handeln, Gott sieht zu und wird anschließend als Grund verbucht.

Anzeige
Religiös glauben - Männer T-Shirt Grau meliert (öffnet in neuem Tab)
Religiös glauben - Männer T-Shirt Grau meliert
Zum Produkt (öffnet in neuem Tab)
Fliegendes Spaghettimonster - Frauen Premium Bio Hoodie Altrosa (öffnet in neuem Tab)
Fliegendes Spaghettimonster - Frauen Premium Bio Hoodie Altrosa
Zum Produkt (öffnet in neuem Tab)
AWQ - Answers without questions - Frauen Premium Bio Top Altrosa (öffnet in neuem Tab)
AWQ - Answers without questions - Frauen Premium Bio Top Altrosa
Zum Produkt (öffnet in neuem Tab)

Geschwister – ein Bild mit Nebenwirkungen

Der Rahmen des Beitrags ist familiär: Kiess hat fünf Geschwister, Geschwister streiten und nerven sich, aber man kann immer wieder aufeinander zugehen, „wir bleiben Geschwister“. Am Ende wird daraus die „große Menschheitsfamilie mit sehr vielen Geschwistern, von überall her und mit unterschiedlichsten Voraussetzungen“.

Das Bild ist warm und es ist inklusiv gemeint – der Zusatz „von überall her“ ist am Vorabend dieser Wahl unmissverständlich. Zwei Nebenwirkungen hat es trotzdem.

Erstens naturalisiert es den Konflikt. Zwischen Geschwistern gibt es Zoff, keine Rechtsverhältnisse. Wer die Auseinandersetzung um Aufenthaltsrechte, Sozialleistungen und Förderansprüche als Familienstreit beschreibt, verschiebt sie aus dem Bereich des Einklagbaren in den des Zwischenmenschlichen. Man kann sich mit seinem Bruder versöhnen; man kann ihn nicht verklagen, wenn er einem das Erbe vorenthält – doch, natürlich kann man, und genau das ist der Punkt.

Zweitens ruht die Geschwisterschaft theologisch auf einer gemeinsamen Vaterschaft. Wer Menschen als Geschwister begründet, weil sie Kinder desselben Gottes sind, hat eine Prämisse eingebaut, die nicht alle teilen. Die säkulare Fassung kommt ohne sie aus: Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte erklärt alle Menschen für frei und gleich an Würde und Rechten geboren – ohne Vater, ohne Familie, ohne Bedingung. Das ist die voraussetzungsärmere und damit belastbarere Begründung.

Der Sendeplatz und seine Basis

Bleibt eine Beobachtung zum Format selbst. Nach den Berechnungen der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland stellten die Konfessionsfreien Ende 2024 mit 46,8 Prozent erstmals einen größeren Bevölkerungsanteil als Katholiken (23,7 Prozent) und Protestanten (21,5 Prozent) zusammen. In Sachsen-Anhalt, dem Bundesland, dessen Wahl an diesem Wochenende anstand, ist der Anteil der Kirchenmitglieder der bundesweit niedrigste – er liegt bei rund 15 Prozent.

Das entwertet nicht, was Kiess sagt. Aber es macht die Frage unabweisbar, warum ausgerechnet für diese Perspektive ein fester Sendeplatz nach den Tagesthemen reserviert ist, den keine humanistische, keine philosophische und keine sonstige weltanschauliche Stimme beanspruchen kann – und das in einer Region, in der etwa fünf von sechs Menschen keiner Kirche angehören. Wenn der Inhalt, wie hier, vollständig ohne die religiöse Prämisse auskommt, wird die Sonderstellung nicht plausibler, sondern erklärungsbedürftiger.

Was säkular an dieser Stelle möglich wäre

Die vier Minuten hätten dasselbe leisten können, ohne den Umweg über den Weinberg – und mit mehr Ertrag:

Der Frust ist berechtigt, und er hat Adressen. Wer nach vierzig Beitragsjahren im Alter nicht auskommt, ist Opfer politischer Entscheidungen über Rentenniveau, Niedriglohnsektor und Erwerbsminderung – Entscheidungen, die revidierbar sind. Wer keine Hausarztpraxis mehr findet, erlebt das Ergebnis einer Bedarfsplanung, die man ändern kann. Diese Missstände sind nicht das Werk des Nachbarn mit Bürgergeldbezug, der Familie in der Gemeinschaftsunterkunft oder des Kindes mit Förderbedarf – und zwar nicht, weil man großzügig sein sollte, sondern weil es empirisch nicht stimmt. Die Umbuchung von Verteilungsfragen auf Zugehörigkeitsfragen ist keine moralische Schwäche, sondern ein politisches Verfahren, und es lässt sich benennen.

Und dass jeder Mensch bekommen soll, was er zum Leben braucht, ist kein Geheimnis der Gnade. Es ist eine Position, die man begründen, bestreiten, ausrechnen und in Gesetze gießen kann. Sie steht in Artikel 1 und 20 des Grundgesetzes, in den Sozialgesetzbüchern und in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zum menschenwürdigen Existenzminimum. Sie ist damit etwas, was ein Gleichnis nie sein kann: einklagbar.

Belege und Quellen

  • „Das Wort zum Sonntag“ mit Magdalena Kiess: „Das ist unfair!“, Das Erste, 5. September 2026 (Zitate nach den Sendungsuntertiteln, rbb 2026)
  • Landtagswahl Sachsen-Anhalt am 6. September 2026: Terminbeschluss des Landtags vom 13. Mai 2025 (LT-Drs. 8/5517), Bekanntmachung der Landeswahlleiterin vom 29. September 2025; rund 1,7 Millionen Wahlberechtigte, 15 kandidierende Parteien; Umfragewerte AfD 41–42 Prozent, CDU 24–26 Prozent
  • Matthäus 20,1–16 (Einheitsübersetzung), Rahmenverse Mt 19,30 und Mt 20,16
  • Karl Marx, „Kritik des Gothaer Programms“ (1875, veröffentlicht 1891)
  • John Rawls, „A Theory of Justice“ (1971), Differenzprinzip
  • Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid), Religionszugehörigkeiten Ende 2024: Konfessionsfreie 46,8 %, Katholiken 23,7 %, Protestanten 21,5 %
  • Anteil der Kirchenmitglieder in Sachsen-Anhalt: rund 15 Prozent, bundesweit niedrigster Wert
  • Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 1

Deine Gedanken dazu?

Fragen, Lob, Kritik, Ergänzungen, Korrekturen: Trage mit deinen Gedanken zu diesem Artikel mit einem Kommentar bei!

Wenn du uns unterstützen möchtest, freuen wir uns über eine kleine Spende in die Kaffeekasse.

Bitte beachte beim Kommentieren:

  • Vermeide bitte vulgäre Ausdrücke und persönliche Beleidigungen.
  • Kennzeichne Zitate bitte als solche und gib die Quelle/n an.
  • Wir behalten uns vor, rechtlich bedenkliche oder anstößige Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Schreibe einen Kommentar

Ressourcen

Gastbeiträge geben die Meinung der Gastautoren wieder.

AWQ unterstützen

Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

Wikipedia-Zitate werden unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike veröffentlicht.