Ist Kontakt zu verstorbenen Seelen erlaubt?

Lesezeit: ~ 3 Min.

Darum geht es

Die Antwort auf die Frage nach Kontakt zu Verstorbenen weicht der eigentlichen Frage aus, vermischt Trauerrituale mit behaupteter Geisterkommunikation und lässt die biblische Position zum Totenkontakt unerwähnt.

Auf dem evangelischen Frage-Portal fragen.evangelisch.de wollte eine Leserin namens Tanja wissen, ob sie weiterhin Kontakt zu verstorbenen Seelen suchen darf, die sie eigenen Angaben zufolge erst zum Glauben an Gott geführt hätten. Geantwortet hat Johanna Klee, Pfarrperson und Studienleiterin am Theologischen Zentrum Braunschweig. Es geht um eine der ältesten Fragen der Religionsgeschichte: Darf man mit den Toten sprechen – und was, wenn die zuständige kirchliche Stelle selbst keine klare Antwort geben will?

Die Frage

Tanja schreibt: „Ich bin über eine Lebenskrise zur Esoterik gekommen und endlich bei Gott zu Hause angekommen. Er ist für mich die Antwort auf alles. Ich weiß auch, dass ich mich nur mehr an ihn selbst wenden darf bzw. zu ihm beten. Doch darf ich in Kontakt (ich selbst als auch über eine Freundin) mit verstorbenen Seelen gehen? Sie haben mich ja immerhin zu Gott geführt und mir immer Trost gegeben.“

Gefragt ist damit im Kern, ob eine bestimmte spirituelle Praxis – die Kontaktaufnahme zu Verstorbenen, gegebenenfalls vermittelt über eine dritte Person – mit dem christlichen Glauben vereinbar ist, zu dem sich die Fragestellerin inzwischen bekennt.

Die Antwort

Johanna Klee stellt zunächst fest, eine solche Kontaktaufnahme sei „in der evangelischen Kirche … nicht üblich“, und verweist stattdessen auf die Hoffnung, dass Verstorbene „bei Gott gut aufgehoben“ seien. Als Alternative empfiehlt sie Erinnerungsrituale: „Wir können an unsere Verstorbenen denken: ihre Grabsteine pflegen, Kerzen für Sie entzünden, ihre Lieblingsorte aufsuchen.“ Auch das Schreiben von Briefen an die Verstorbenen oder das Gebet zu Jesus werden als mögliche Wege genannt. Am Ende gibt sie die Entscheidung an die Fragestellerin zurück: „Letztlich liegt die Entscheidung natürlich bei Ihnen.“

Die Kritik

Die Antwort beantwortet die gestellte Frage nicht. Tanja fragt ausdrücklich, ob ihr der Kontakt zu Verstorbenen „erlaubt“ ist. Johanna Klee antwortet mit einer Beschreibung dessen, was in der evangelischen Kirche „üblich“ ist, und mit einer Liste alternativer Handlungen. Ob die gewünschte Praxis theologisch zulässig, bedenklich oder schlicht ein Missverständnis ist, wird nicht gesagt. Am Ende bleibt offen, was die Fragestellerin eigentlich wissen wollte.

Die eigene Tradition wird verschwiegen. Totenkontakt ist in der biblischen Überlieferung kein weißer Fleck, sondern ausdrücklich Thema – etwa im Verbot aus 5. Mose 18,10-11 oder in der Erzählung von Saul und der Totenbeschwörerin von En-Dor in 1. Samuel 28. Eine Antwort, die sich als kirchliche Auskunft versteht, hätte diese Tradition benennen und einordnen können, ob und warum sie heute noch gilt. Stattdessen bleibt es bei der soziologischen Beobachtung, was „nicht üblich“ sei – das ist keine theologische Positionierung.

Erinnerung und Kontaktaufnahme werden vermischt. Grabpflege, Kerzen, Briefe an Verstorbene – das sind anerkannte Formen der Trauerarbeit, bei denen niemand behauptet, tatsächlich mit einer verstorbenen Person zu kommunizieren. Tanjas Frage zielt aber genau auf diese Behauptung: reale Kommunikation, teils vermittelt über eine dritte Person. Indem die Antwort beides nebeneinanderstellt, ohne den Unterschied zu benennen, entsteht der Eindruck austauschbarer Varianten desselben Anliegens. Das sind sie nicht.

Die entscheidende Prämisse der Fragestellerin bleibt unkommentiert. Tanja begründet ihren Wunsch damit, dass verstorbene Seelen sie „zu Gott geführt“ hätten. Diese Behauptung – dass eine bestimmte spirituelle Erfahrung tatsächlich Verstorbene involviert – wird von der Antwort weder bestätigt noch infrage gestellt. Wer sich zur Wahrheitsfrage in Glaubensdingen äußert, hätte zumindest benennen können, dass diese Deutung selbst eine ungeprüfte Voraussetzung ist.

Die Antwort aus säkularer Sicht

Nein – ein tatsächlicher Kontakt zu Verstorbenen ist nicht möglich, weder über Gebet noch über Medien oder Vermittler. Es gibt keinen belastbaren Beleg dafür, dass Bewusstsein den Tod des Gehirns überdauert oder dass Menschen mit einer Bewusstseinsform kommunizieren können, die es nicht mehr gibt. Das ist keine erfreuliche Auskunft für jemanden, der Trost sucht, aber es ist eine ehrliche.

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Real ist dagegen die Bindung, die Trauernde zu den Menschen behalten, die sie verloren haben. In der Trauerforschung ist das seit den 1990er Jahren unter dem Begriff der „continuing bonds“, der fortbestehenden Bindungen, gut untersucht: Trauernde, die die innere Beziehung zu Verstorbenen aktiv weiterführen – durch Erinnerungsrituale, imaginierte Gespräche, das Aufsuchen bedeutsamer Orte – kommen damit oft besser zurecht als jene, die sich zu einem abrupten „Loslassen“ gedrängt fühlen. Das Konzept geht auf Arbeiten von Dennis Klass, Phyllis Silverman und Steven Nickman zurück.

Genau deshalb sind Rituale wie Grabpflege, Kerzen, Briefe und Ortsbesuche tatsächlich sinnvoll – nicht weil sie eine Verbindung zu einer jenseitigen Seele herstellen, sondern weil sie der trauernden Person selbst helfen, Erinnerung, Dankbarkeit und Abschied zu verarbeiten. Man muss dafür nicht annehmen, dass die verstorbene Person das Ritual „empfängt“. Es genügt, dass es der oder dem Lebenden hilft.

Vorsicht ist dort geboten, wo aus dem verständlichen Bedürfnis nach Nähe ein Geschäftsmodell wird: Medien, die gegen Bezahlung angebliche Botschaften Verstorbener übermitteln, arbeiten in aller Regel mit unspezifischen Aussagen und Techniken wie dem „Cold Reading“, die von praktisch jeder trauernden Person als treffend erlebt werden können. Wer echten Trost sucht, ist mit einem offenen Gespräch mit nahestehenden Menschen oder mit professioneller Trauerbegleitung besser beraten als mit einer angeblichen Direktverbindung ins Jenseits.

Quelle

„Ist Kontakt zu verstorbenen Seelen erlaubt?“, Antwort von Johanna Klee auf fragen.evangelisch.de

KI

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