Darum geht es
Die Reformationspredigten 2026 in Fulda und Bayern versprechen „Fürchtet euch nicht“ und unverlierbaren Wert aus Gottes Gnade – und verschweigen, dass derselbe Bibeltext vor dem warnt, der „Leib und Seele verderben mag in der Hölle“.Am 31. Oktober hatte man die Wahl: Kürbis oder Kanzel. Während draußen Kinder als Gespenster und Teufelchen um Süßes bettelten, wurde drinnen ein Reformator gefeiert, der zeitlebens tatsächlich an Gespenster und Teufel glaubte. Der Predigttext des diesjährigen Reformationsfestes, Matthäus 10,26–33, gab das Motto vor: „Fürchtet euch nicht!“ Gleich dreimal steht es dort, und so ziemlich jede Kanzel von Fulda bis München hat es dankbar aufgegriffen.
Das klingt für sich genommen freundlich. Der Haken ist nur ein einziger Vers – derselbe Text, aus dem die Entwarnung stammt, enthält auch die Drohung. Ein Streifzug durch vier Reformationspredigten aus Osthessen und Bayern zeigt, wie man aus einer Drohbotschaft eine Wohlfühlbotschaft macht: durch selektives Vorlesen.
Fulda: Wert auf Leihbasis
In der Fuldaer Christuskirche gestalteten sechs Pfarrerinnen und Pfarrer des Kooperationsraums Fulda-Mitte zusammen mit Dekan Dr. Thorsten Waap einen Gottesdienst aus sieben Kurzpredigten unter dem Leitwort „Vom Tun und vom Lassen – Mut zu beidem!“. Pfarrer Stefan Bürger gab in seiner Begrüßung die These vor: Der Reformationstag erinnere daran, dass der Wert eines Menschen nicht von seiner Leistung abhänge, sondern davon, dass er Gottes „geliebtes Kind“ sei. Daraus erwachse Freiheit zum Handeln wie zum Unterlassen. Der Bericht von Osthessen|News fasst das als Kern der reformatorischen Botschaft zusammen: Der Mensch lebe aus Gnade, nicht aus eigenen Werken.
Gegen die Spitze gegen die Leistungsgesellschaft ist nichts einzuwenden. In den Fürbitten wurde für eine Gesellschaft gebetet, die Menschen nicht nur nach ihrer Leistung beurteilt – ein Anliegen, das man auch ohne Gebet teilen kann. Das Problem liegt in der Begründung. Die Predigt bietet zwei Möglichkeiten an: Wert durch Leistung oder Wert durch Gott. Eine dritte kommt nicht vor – dass der Wert eines Menschen überhaupt keiner Begründung durch eine übergeordnete Instanz bedarf.
Ein Wert, der davon abhängt, dass jemand anderes einen liebt, ist kein unbedingter Wert. Er ist eine Leihgabe. Und wer verleiht, kann auch Bedingungen stellen. Dass das keine böswillige Unterstellung ist, zeigt ein Blick in genau den Bibeltext, über den an diesem Abend landauf, landab gepredigt wurde.
Am Rande: Die Fuldaer Predigenden ermunterten auch zum Nichtstun, schließlich mache auch Gott einmal Pause. Ein Schöpfer mit Sechstagewoche und Erholungsbedarf ist eine charmante Vorstellung. Sie verrät allerdings, wie menschlich dieser Gott konstruiert ist – bis hin zur Arbeitszeitregelung.
Der Vers, den keiner vorliest
Matthäus 10,28 lautet in Luthers Übersetzung von 1912:
„Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, und die Seele nicht können töten; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben mag in der Hölle.“
Gemeint ist der liebe Gott. Drei Verse später folgt der Trost, man sei mehr wert als viele Sperlinge. Die Predigthilfe des Gustav-Adolf-Werks zum Reformationstag 2026 macht daraus: „Ihr seid für Gott unendlich wertvoll.“ Das Wohlfühlversprechen und die Höllendrohung stehen im selben Abschnitt, gesprochen vom selben Jesus, bezogen auf denselben Gott. Wer nur das eine zitiert, betreibt keine Auslegung, sondern Marketing.
Das ist kein Ausrutscher, sondern das System. Die christliche Gnade setzt voraus, dass der Mensch ohne sie verloren ist. Luther hat das in seinem Kleinen Katechismus unmissverständlich formuliert: Christus habe „mich verlornen und verdammten Menschen erlöset“. In „De servo arbitrio“ beschrieb er den menschlichen Willen als Lasttier, das entweder von Gott oder vom Teufel geritten wird – eine dritte Möglichkeit, etwa einen selbstbestimmten Menschen, kennt dieses Bild nicht. Und das Markusevangelium (16,16) legt die Konsequenz für alle offen, die das Angebot ausschlagen: „wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“
Die reformatorische Botschaft lautet also nicht „Du bist wertvoll“. Sie lautet: „Du bist verdammt – es sei denn, Gott begnadigt dich.“ Die Fuldaer Predigt präsentiert die zweite Hälfte des Satzes und lässt die erste weg. Das ist, als würde ein Versicherungsvertreter nur über die Leistungen reden und das Kleingedruckte verschweigen – mit dem Unterschied, dass hier die Vertragsstrafe ewig dauert.
München: Die Hölle sind jetzt die anderen
Am interessantesten ist in diesem Zusammenhang die Predigt des Münchner Regionalbischofs Thomas Prieto Peral zur Wiedereröffnung der Emmauskirche in Harlaching. Er erinnerte daran, dass Luther in einer Welt lebte, „in der die Menschen Höllenängste hatten, auch er selbst“. Dann folgte die Wendung: Politische Extremisten und religiöse Fanatiker seien heute als Angstmacher unterwegs, die Hölle seien jene, die Menschen politisch geschürte Angst vor der Zukunft machten.
Man reibt sich die Augen. Die Höllenängste, unter denen Luther und seine Zeitgenossen litten, sind ja nicht vom Himmel gefallen. Sie wurden von der Kirche über Jahrhunderte gepredigt, gemalt, in Stein gemeißelt und verkauft – der Ablasshandel, gegen den Luther antrat, war nichts anderes als ein Geschäft mit genau dieser Angst. Luther selbst schaffte die Hölle nicht ab, er änderte nur den Fluchtweg: Gnade statt Ablassbrief. Den Teufel hat er in „Ein feste Burg“ eigens besungen: „Der alt böse Feind mit Ernst er’s jetzt meint“.
Wenn ein Bischof heute erklärt, die Hölle seien die politischen Angstmacher, dann wird aus einer Lehre, die Millionen Menschen tatsächlich in Todesangst versetzt hat, eine bequeme Metapher. Das ist keine Milderung, sondern Verschleierung: Der Bibeltext bleibt unverändert, im Zweifel lesen ihn Fundamentalisten wörtlich, und die Landeskirche kann sich als aufgeklärt präsentieren, ohne sich je von ihm distanziert zu haben.
Dabei hat Prieto Peral in der Sache recht: Wer Angst schürt, will Macht. Nur gilt das in beide Richtungen. Religiöse und politische Angstmacher arbeiten mit derselben Methode – einer übermächtigen Bedrohung, die nur abwendet, wer sich dem richtigen Anbieter anschließt. Dass Populisten sich gern mit Religionsvertretern verbünden, wo genug Gläubige zu gewinnen sind, und ohne sie auskommen, wo nicht, ist kein Zufall. Ein Glaubensgebäude, das sich je nach Publikum gegen oder für Angstmacher in Stellung bringen lässt, taugt eben nicht als moralischer Kompass.
Bayreuth: Scham als Minderheitsgefühl
Die Bayreuther Regionalbischöfin Berthild Sachs rief in der Stadtkirche dazu auf, mutig für den eigenen Glauben einzustehen. Glaube und das Zeigen des Glaubens seien in unserer Gesellschaft inzwischen weithin „schambesetzt“, Christen seien in Deutschland keine Mehrheit mehr.
(öffnet in neuem Tab)
(öffnet in neuem Tab)
(öffnet in neuem Tab)Hier wird Bedeutungsverlust mit Bedrängnis verwechselt. Niemand hindert Christen in Bayern daran, ihren Glauben zu zeigen – das Land ist nach wie vor voller Wegkreuze, Kirchtürme und, dank Kreuzerlass, Kreuze in den Eingangsbereichen der Landesbehörden, Kirchensteuer wird vom Staat eingezogen, die Bischöfe predigen mit Radio- und Fernsehübertragung. Was sich geändert hat, ist nicht die Freiheit, zu glauben, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der der Glaube früher als gesellschaftlicher Normalfall galt. Wer das als Scham empfindet, empfindet in Wahrheit den Verlust eines Privilegs.
Konfessionsfreie Menschen kennen die Lage übrigens seit Generationen von der anderen Seite: als Minderheit, die sich bei Taufe, Kommunion, Konfirmation, kirchlicher Trägerschaft von Kita und Krankenhaus und in der Schule rechtfertigen musste. Willkommen in der Normalität einer pluralen Gesellschaft – sie ist gar nicht so schlimm.
Kitzingen: Singen gegen die Angst
Am harmlosesten war Landesbischof Christian Kopp im unterfränkischen Kitzingen. Er lobte das gemeinsame Singen: Wer mit anderen singe, merke, dass er nicht allein sei. Die Lieder der Reformation hätten den Menschen gesagt: „Da ist etwas größer als meine Angst.“
Dass gemeinsames Singen verbindet und beruhigt, bestreitet niemand – das wissen Fußballfans, Gewerkschaftschöre und Wanderliedgruppen auch. Bemerkenswert ist nur die Pointe: Wenn das Größere, das gegen die Angst hilft, derselbe Gott ist, vor dem man sich laut Matthäus 10,28 „vielmehr“ fürchten soll, dann löscht der Brandstifter das Feuer – und lässt sich dafür besingen.
Die humanistische Alternative: Würde ohne Spender
Was alle vier Predigten richtig wahrnehmen, ist ein reales Bedürfnis: Menschen leiden unter Leistungsdruck, unter Zukunftsangst, unter dem Gefühl, nie genug zu sein. Die säkular-humanistische Antwort darauf ist schlichter und zugleich belastbarer als die kirchliche:
- Würde braucht keinen Verleiher. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es in Artikel 1 des Grundgesetzes – ohne Zusatz, wer sie gewährt. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte spricht davon, dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind. Geboren, nicht begnadigt.
- Kein Wert unter Vorbehalt. Eine Würde, die jedem Menschen schlicht zukommt, lässt sich nicht entziehen – weder durch Leistungsversagen noch durch Unglauben. Die Gnadenlehre dagegen kennt immer auch die Verdammten.
- Angst ernst nehmen, statt sie zu bewirtschaften. Ängste vor Krieg, Klimakrise oder sozialem Abstieg sind real. Ihnen begegnet man mit Information, Solidarität und politischem Handeln – nicht mit dem Hinweis auf eine noch größere, ewige Bedrohung, die man durch das richtige Bekenntnis abwenden kann.
- Mut zum Lassen gibt es auch ohne Gott. Pausen, Gelassenheit, Grenzen setzen: Dafür braucht es keinen Schöpfer mit Ruhetag, sondern die schlichte Einsicht, dass Menschen keine Maschinen sind.
„Fürchtet euch nicht“ ist ein schöner Satz. Er wird nur dann glaubwürdig, wenn nicht im nächsten Atemzug die Hölle folgt – und wenn diejenigen, die ihn verkünden, sich ehrlich zu dem verhalten, was in ihrem eigenen Text steht. Bis dahin gilt für den Reformationstag eine humanistische Lesart: Fürchtet euch nicht. Auch und erst recht nicht vor Göttern.
Quellen
- Osthessen|News: Reformationsgottesdienst in der Christuskirche: Mut zum Tun und Lassen (01.11.2026)
- Sonntagsblatt/epd: Reformationstag: Regionalbischof Prieto Peral warnt vor Angstmachern
- Sonntagsblatt/epd: Regionalbischöfin Sachs ruft zu mutigem Bekenntnis des Glaubens auf (01.11.2026)
- Sonntagsblatt/epd: Reformationstag: Landesbischof Kopp lobt Kraft des gemeinsamen Singens
- Sonntagsblatt/epd: Reformationstag 2026: Diese Gottesdienste finden in Bayern statt
- Gustav-Adolf-Werk: Predigtgedanken zum Reformationstag 2026 (PDF)
- Die Bibel (Luther 1912): Matthäus 10,26–33; Markus 16,16
- Martin Luther: Der Kleine Katechismus (1529), Erklärung zum zweiten Artikel; De servo arbitrio (1525); Ein feste Burg ist unser Gott (um 1529)
- Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 1; Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 1














Bitte beachte beim Kommentieren: