Das Wort zum Wort zum Sonntag (öffnet in neuem Tab): Sperrcode 0310: Wir haben Geschichte geschrieben, verkündigt von Johanna Vering, ausgestrahlt am 03.10.2026 im Ersten.
Darum geht es
Johanna Vering spricht am Tag der Deutschen Einheit vier Minuten lang klug über Ost und West – ohne Gott, ohne Bibel, ohne Kirche und ausgerechnet als Katholikin mit dem Satz, Einheit heiße nicht Vereinheitlichung; Anlass für eine klare Abgrenzung: Wir kritisieren Religion aus humanistischen Gründen, nicht aus denen der AfD.Zuerst ein kostenloser Sicherheitshinweis, ganz ohne Kirchensteuer: Wer den Sperrcode seines Handys im Ersten verrät, sollte ihn ändern. Johanna Verings Freund Nico hat jetzt ein Problem, denn sein Code lautet „0310“. Der Grund ist eigentlich rührend: „Denn ohne den Tag der Deutschen Einheit hätte er nie seine Frau kennengelernt. Er vom Niederrhein, sie aus Ostberlin.“
Daran hängt Vering, Pastoralreferentin im Bistum Münster, ihr Wort zum Sonntag am Tag der Deutschen Einheit. Sie war sieben, als die Einheit kam, und hat sie „immer selbstverständlich“ gefunden. Dann hat sie Menschen aus Ost und West nach ihren Erinnerungen gefragt und dabei erfahren, dass nach der Euphorie des Mauerfalls schnell die Ernüchterung kam. Eine Freundin erzählt ihr: „Nach der Wende habe ich meinen Job verloren, und das mehrmals.“ Ihr Fazit: „Die deutsche Einheit ist nicht selbstverständlich.“ Man solle sich die eigenen Geschichten erzählen und zuhören, denn die Einheit sei „ein Wir, das Unterschiede aushält“.
Das ist sympathisch, selbstkritisch und über weite Strecken richtig. Gerade deshalb lohnt der Blick darauf, wer in diesen vier Minuten fehlt.
Vier Minuten, null Gott
Gott kommt nicht vor. Kein Bibelvers, kein Gebet, kein Segen, kein Jesus, keine Kirche. Das Wort „Glaube“ fällt nicht ein einziges Mal. Wer die Sendung ohne Vorspann sieht, könnte eine nachdenkliche Kolumnistin im Feuilleton vor sich haben.
Bemerkenswert ist das, weil Vering selbst eine andere Messlatte aufgestellt hat. Vor ihrem ersten Auftritt beschrieb sie ihr „Credo“ so: Wir Menschen seien gut und wertvoll, und zwar so, „dass wir in jeder Lebenslage von Gott geliebt sind“, und sie wolle „ein gutes und im besten Sinne kompetentes Gesicht von Kirche“ sein (DOMRADIO.DE, 14.11.2024). Am Nationalfeiertag gibt es weder das eine noch das andere. Das Credo bleibt offenbar im Schrank, wenn es um etwas Wichtiges geht.
Der Sendeplatz selbst ist allerdings sehr wohl kirchlich. Das Wort zum Sonntag läuft auf einem Platz, den die ARD-Anstalten den Kirchen einräumen müssen (vgl. § 14 Abs. 3 MDR-Staatsvertrag). Wofür dieses Privileg da ist, wenn die beste kirchliche Wortmeldung zum 3. Oktober ohne Kirche auskommt, wäre eine eigene Sendung wert. Wir halten fest: Das gelungenste Wort zum Sonntag seit Wochen ist eines, das man ohne jeden Verlust einem konfessionsfreien Moderator hätte geben können.
Die Kirche, die lieber nicht vorkommt
Ausgerechnet beim Mauerfall verzichtet eine Kirchenvertreterin auf das einzige Kapitel, in dem Kirchen in dieser Geschichte tatsächlich eine Rolle gespielt haben. Die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche, aus denen die Montagsdemonstrationen hervorgingen, sind fester Bestandteil jeder Erzählung von 1989. Nur waren das evangelische Kirchen.
Die katholische Kirche, für die Vering spricht, hielt sich zurück. DOMRADIO.DE, der Sender des Erzbistums Köln, hat das just heute so zusammengefasst: Ihre Bischöfe verfolgten „über Jahrzehnte eine Politik der ‚loyalen Distanz‘ zum SED-Staat“, und als die Protestbewegung 1989 wuchs, „standen die katholischen Bischöfe zunächst nicht an ihrer Spitze“ (DOMRADIO.DE, 03.10.2026). Man kann Vering also zugutehalten, dass sie sich nicht mit fremden Federn schmückt. Sie hätte allerdings ihrer eigenen Kirche gleich mitraten können, sich ihre Geschichte ebenfalls ehrlich zu erzählen.
Und selbst bei den Protestanten war die Kirche eher Schutzraum als Quelle. Eine Überschrift der Katholisch-Theologischen Fakultät Erfurt bringt das unfreiwillig auf den Punkt: „Viele sprachen vielleicht das erste Mal in ihrem Leben ein Vaterunser“. Die Menschen kamen nicht wegen des Vaterunsers. Sie kamen, weil die Kirche einer der wenigen Räume war, in denen der Staat nicht mitredete. Die Freiheit, die sie suchten, war eine sehr weltliche.
Kirchenkritik – aber aus den richtigen Gründen
Einen aktuellen Bezug setzt Vering in einem Halbsatz: Dass die Einheit nicht selbstverständlich ist, erlebe sie „jetzt, auch nach den Landtagswahlen“. Mehr muss sie dazu nicht sagen, jeder im Publikum weiß, was gemeint ist. In Sachsen-Anhalt wurde die AfD am 6. September mit 43,8 Prozent stärkste Kraft (bpb), in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September mit 38,2 Prozent (bpb).
Und hier muss ein religionskritischer Blog etwas sehr deutlich sagen, bevor er weiterlästert. Die Kirchen stehen in dieser Lage (oder, historisch betrachtet, dieses Mal) auf der richtigen Seite. Die katholischen Bischöfe haben 2024 erklärt: „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“. Jan Böhmermann hat am Vorabend des Feiertags ein ganzes ZDF Magazin Royale gewidmet: „Wie die Kirche im Osten die AfD bekämpft“. „Jeden Tag leistet die Kirche im Osten antifaschistische Arbeit“, heißt es in der Ankündigung, sie sei dort „oft die letzte Bastion des Widerstands“.
Folgt man Böhmermann, erklärt das auch, warum die AfD mit den Kirchen über Kreuz liegt. Mit Aufklärung hat diese Gegnerschaft nichts zu tun: Eine Kirche, die Räume, Geld und Reichweite gegen völkischen Nationalismus einsetzt, stört. Wo man sie als Kulisse für das „christliche Abendland“ brauchen kann, wird sie umarmt, wo sie widerspricht, wird sie bekämpft. Populisten nehmen die Religion mit, wo genug Gläubige wohnen, und lassen sie fallen, wo sie nicht nützt oder gar Widerstand leistet. Auch das zeigt übrigens, dass ein Glaubenskonstrukt keine verlässliche Moralquelle ist: Es lässt sich pro- wie antikirchlich in Stellung bringen, je nachdem, was gerade Stimmen bringt.
Deshalb eine klare Abgrenzung: Wir kritisieren Kirche, Glaube und Religion nicht, weil sie der AfD im Weg stehen, und nicht mit deren Argumenten. Wir kritisieren sie aus humanistischen Gründen, im Interesse einer offenen und freien Gesellschaft, die auf den Werten der Aufklärung beruht. Gleiche Rechte für alle, unabhängig vom Bekenntnis. Ein Staat, der sich mit keiner Religion gemein macht. Moral, die sich begründen lassen muss, statt sich auf Offenbarung zu berufen. Völkisch-nationalistische Ideologien sind mit all dem genauso unvereinbar wie Kirchenprivilegien, und sie sind unendlich gefährlicher.
Gute Sache, schlechte Gründe
Bleibt die unbequeme Frage, die in dem kleinen „dieses Mal“ steckt: Wie gut passt die biblisch-christliche Lehre eigentlich zu dem, wofür die Kirchen jetzt eintreten? Die ehrliche Antwort lautet: deutlich schlechter als zu dem, wogegen sie eintreten. Die Bibel kennt eine Obrigkeit, die „von Gott verordnet“ ist (Röm 13,1). Sie kennt ein erwähltes Wir und ein verdammtes Die: „wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden“ (Mk 16,16). Sie kennt eine Ordnung, in der „der Mann des Weibes Haupt“ ist (Eph 5,23), und sie nennt Homosexualität einen „Greuel“ (Lev 18,22). Autorität statt Begründung, Gehorsam statt Kritik, Zugehörigkeit statt gleicher Rechte – das ist das Betriebssystem autoritärer Bewegungen, nicht das einer offenen Gesellschaft.
Die deutsche Geschichte bestätigt das. Ein halbes Jahr nach der Machtübernahme schloss der Heilige Stuhl am 20. Juli 1933 das Reichskonkordat mit Hitlers Regierung. Die Bischöfe schworen darin, „die verfassungsmässig gebildete Regierung zu achten und von meinem Klerus achten zu lassen“ (Art. 16). Auf evangelischer Seite gewannen im selben Monat die „Deutschen Christen“ die Kirchenwahlen, und Luthers Hetzschrift „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) lieferte den Nationalsozialisten ein bequemes Zitat. Es gab Bonhoeffer und die Bekennende Kirche, und ihr Mut verdient jeden Respekt. Aber sie waren die Ausnahme, nicht die Regel.
Die Gegenwart sieht nicht besser aus. 81 Prozent der weißen Evangelikalen in den USA haben 2024 Trump gewählt (Pew Research). In Russland erklärte das kirchennahe „Weltkonzil des Russischen Volkes“ den Angriff auf die Ukraine zum „Heiligen Krieg“ (Vatican News). Wo Rechtspopulisten und Christen zusammenfinden, müssen sie die Bibel nicht verbiegen. Wer dagegen gleiche Rechte für Frauen, Homosexuelle und Andersgläubige aus ihr ableiten will, muss sehr viel weglassen.
Genau darin liegt der Bärendienst, den der christliche Mainstream seinem eigenen, an sich richtigen Anliegen erweist. Wer Menschenwürde mit der Gottebenbildlichkeit begründet und Mitmenschlichkeit mit Bibelversen, macht die gute Sache von einer Autorität abhängig, die die Gegenseite genauso zitieren kann, und oft mit mehr Textbelegen. Er akzeptiert die Spielregel, dass Werte aus Offenbarung stammen, also genau die Spielregel, nach der „Gottes Ordnung“ und das „christliche Abendland“ funktionieren. Der Streit wird dann zu einem Streit darüber, wer die Bibel richtig auslegt, und dafür gibt es keinen Schiedsrichter. Menschenrechte gelten aber nicht, weil ein Bischof die Schrift in diesem Jahrzehnt freundlich liest. Sie gelten, weil Menschen sie einander schulden, und das lässt sich begründen, prüfen und für alle gleich einfordern. Gute Dinge verdienen gute Argumente.
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(öffnet in neuem Tab)Und deshalb bleibt die Kritik auch dann bestehen, wenn die Kirche sich gerade für die gute Sache einsetzt. Ein Sonderrecht wird nicht dadurch richtig, dass es im Moment für etwas Sympathisches genutzt wird. Eine wehrhafte Demokratie stützt sich auf Grundgesetz, Bildung und Zivilgesellschaft, auch eine konfessionsfreie, und nicht darauf, dass zufällig die Kirche gerade das Richtige sagt. Und die Ehrlichkeit nach der anderen Seite gehört dazu: In Sachsen-Anhalt gehören nur noch 13,8 Prozent der Menschen einer der beiden großen Kirchen an (Zensus 2022). Konfessionsfrei heißt nicht automatisch säkular, humanistisch oder vernünftig. Wer nie in der Kirche war, ist damit noch nicht gegen Heilsversprechen, Sündenböcke und einfache Antworten geimpft. Die werden in Magdeburg und Schwerin eben ohne Weihrauch verkauft. Dagegen hilft keine Taufe und kein Austritt, sondern Bildung, Streitkultur und die Gewohnheit, Behauptungen zu prüfen.
„Einheit heißt für mich nicht Vereinheitlichung“ – sagt eine Katholikin
Der stärkste Satz der Sendung lautet: „Einheit heißt für mich nicht Vereinheitlichung, sondern dass wir lernen, uns zu verstehen. Einheit ist kein naives, gleichmachendes Wir.“ Ein Wir, „das Unterschiede aushält“. Dem ist aus humanistischer Sicht nichts hinzuzufügen.
Pikant ist nur, wer ihn sagt. Vering ist Pastoralreferentin, also Theologin mit vollem Studium, die in ihrer Kirche trotzdem nie Priesterin werden kann. Johannes Paul II. hat 1994 erklärt, „daß die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und daß sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben“ (Ordinatio sacerdotalis, Nr. 4). Endgültig. Für alle. Das ist die Definition von Einheit als Vereinheitlichung, und zwar von oben.
Wenn Vering also ein Wir fordert, das Unterschiede aushält, dann fordert sie im Grunde den säkularen Rechtsstaat. Er hat 1990 zwei sehr verschiedene Gesellschaften zusammengeführt, ohne irgendwem ein Glaubensbekenntnis abzuverlangen. Ihre eigene Institution schafft nicht einmal die Einheit zwischen Männern und Frauen am Altar.
Geschichten sind gut, Zahlen auch
Bleibt die Methode. Vering hat Geschichten gesammelt, und die Geschichten haben ihr Bild korrigiert: „Ich habe gedacht, dass alle glücklich waren über diese Freiheit […]. Wohl eine ziemlich westdeutsche Sicht.“ Dass sie das so offen sagt, verdient Anerkennung. Viele kommen über diese Einsicht nie hinaus.
Nur: Dass im Osten nach 1990 ganze Industrien verschwanden, ist keine Privatanekdote. Die Zahl der Arbeitsplätze im Verarbeitenden Gewerbe schrumpfte „bis zum Jahr 1991 von ehemals 3,3 Millionen auf nur noch 1,7 Millionen“ (bpb), bis 1995 blieb rund ein Viertel übrig. Man musste dafür nicht 36 Jahre warten, bis eine Freundin es erzählt. Geschichten öffnen Herzen, Fakten verhindern, dass man sich nur die Geschichten erzählen lässt, die ins eigene Bild passen. Die Kirche hat jahrhundertelang vorgemacht, wohin es führt, wenn Erzählungen wichtiger sind als Belege. Ein humanistisches „Erzählen wir uns unsere Geschichten“ hätte deshalb einen Nachsatz: und prüfen wir sie.
Fazit
Johanna Vering hat am Tag der Deutschen Einheit ein kluges, warmes und weitgehend richtiges Wort gesprochen. Es kommt ohne Gott aus, ohne Bibel und ohne Kirche. Wer die Einheit als „unsere gemeinsame Aufgabe“ versteht, braucht keinen Verkündigungsauftrag, sondern Bürgerinnen und Bürger, die zuhören, nachfragen und prüfen.
Dass Kirchen im Osten gegen Rechtsextremismus aufstehen, verdient Respekt. Die Antwort auf völkischen Nationalismus ist aber nicht mehr Kirche, sondern mehr Aufklärung: ein Wir, das Unterschiede aushält, weil es auf gleichen Rechten beruht und nicht auf gemeinsamem Glauben.
Quellen
- Johanna Vering: Sperrcode 0310: Wir haben Geschichte geschrieben. Das Wort zum Sonntag, Das Erste, 03.10.2026 (Untertitel: WDR).
- DOMRADIO.DE: Neue Sprecherin vom „Wort zum Sonntag“ freut sich auf Verkündigung (14.11.2024)
- DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielte die katholische Kirche auf dem Weg zur Einheit? (03.10.2026)
- Universität Erfurt, Theologie Aktuell: „Viele sprachen vielleicht das erste Mal in ihrem Leben ein Vaterunser“: Die Bedeutung der Friedensgebete für die Friedliche Revolution 1989
- bpb: Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026 – AfD stärkste Kraft
- bpb: Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern 2026 – AfD stärkste Kraft, CDU verfehlt Einzug in den Landtag
- Du bist Halle: Zahl der Kirchenmitglieder in Sachsen-Anhalt sinkt auf 13,8 Prozent (Zensus 2022)
- bpb: Strukturwandel nach Entindustrialisierung
- katholisch.de: Deutsche Bischöfe grenzen sich scharf von Rechtsextremismus ab (22.02.2024)
- ZDF Magazin Royale: Wie die Kirche im Osten die AfD bekämpft (02.10.2026)
- Staatsvertrag über den Mitteldeutschen Rundfunk, § 14 Abs. 3
- Johannes Paul II.: Apostolisches Schreiben Ordinatio sacerdotalis (22.05.1994)
- Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich, 20. Juli 1933
- Pew Research Center: Voting patterns in the 2024 election (26.06.2025)
- Vatican News: Weltkirchenrat: Erklärung des russischen Konzils inakzeptabel (April 2024)
- Martin Luther: Von den Juden und ihren Lügen (1543).
- Bibelzitate nach der Lutherbibel 1912: Röm 13,1; Mk 16,16; Eph 5,23; Lev 18,22.














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