Alle im Himmel? Was katholisch.de Kindern über Allerseelen verschweigt

Lesezeit: ~ 5 Min.

Darum geht es

katholisch.de erklärt Kindern Allerheiligen und Allerseelen, verspricht ihnen, ihre toten Eltern seien im Himmel, und verschweigt dabei genau das, worum es an Allerseelen nach katholischer Lehre eigentlich geht: Fegefeuer, Ablass und Hölle.

Anfang November gehen viele Familien auf den Friedhof, und Kinder fragen, was da eigentlich gefeiert wird. katholisch.de hat darauf eine Antwort: „Allerheiligen und Allerseelen für Kinder erklärt“ (öffnet in neuem Tab), geschrieben 2018 von Edda Görnert und bis heute in der Reihe „Für Kinder erklärt“ zu finden. Aus derselben Reihe und von derselben Autorin stammt die Schöpfungsgeschichte, die wir kürzlich unter dem Titel „Katholische Kinderverarschung: Sieben Tage, ein müder Gott und keine Fragen erlaubt“ besprochen haben.

Diesmal geht es um ein ernsteres Thema. Kinder, die diesen Text lesen oder vorgelesen bekommen, haben vielleicht gerade jemanden verloren. Das verdient Behutsamkeit, und zwar gerade im Umgang mit der Frage, was man ihnen erzählt.

Alle im Himmel?

Der Text ist in seiner Hauptaussage eindeutig. Wenn ein Mensch stirbt, bleibe der Körper auf der Erde, die Seele aber gehe in den Himmel zu Gott. Ohne Bedingung, ohne Einschränkung. Auf dem Friedhof, so heißt es wenig später, besuchten alle die Gräber ihrer Omas, Opas, Mamas und Papas, die schon im Himmel seien.

Man kann verstehen, warum ein Kindertext so formuliert. Es ist der Satz, den ein trauerndes Kind hören möchte. Aber es ist nicht das, was die katholische Kirche lehrt. Und der Text selbst verrät das, nur einen Absatz später: Viele Menschen beteten an Allerseelen dafür, dass Gott die Verstorbenen zu sich in den Himmel nehme. Wenn alle Toten schon dort sind, ist dieses Gebet überflüssig. Dass es trotzdem gesprochen wird, hat einen Grund, den der Artikel verschweigt.

Was Allerseelen wirklich ist

Allerseelen ist nach katholischem Verständnis kein allgemeiner Gedenktag für die Toten. Es ist der Tag der Fürbitte für die sogenannten Armen Seelen im Fegefeuer.

Der Katechismus der Katholischen Kirche beschreibt in Nr. 1030 bis 1032 einen Zustand der Läuterung nach dem Tod, den die Seelen durchlaufen müssen, bevor sie in den Himmel gelangen, und empfiehlt den Lebenden, ihnen durch Gebet, Almosen, Bußwerke und Ablässe zu helfen. Der Allerseelentag selbst geht auf das Kloster Cluny um die Jahrtausendwende zurück, wo Abt Odilo ihn als Gedenktag für alle verstorbenen Gläubigen einführte.

Dazu gehört ein Detail, das im Kinderartikel besonders auffällig fehlt: der Allerseelenablass. Wer in den ersten Novembertagen einen Friedhof besucht und für die Verstorbenen betet, kann nach kirchlicher Lehre unter den üblichen Bedingungen einen vollkommenen Ablass gewinnen, der den Seelen im Fegefeuer zugewendet wird. Der Friedhofsbesuch, den der Artikel als liebevolle Geste für die Toten beschreibt, ist in der katholischen Praxis also auch ein Verfahren zur Verkürzung jenseitiger Läuterungsstrafen. Das Erzbistum Köln formuliert es auf seiner eigenen Website offen: Durch die Fürsprache verkürze sich die Zeit im Fegefeuer.

Den Kindern wird davon nichts erzählt. Sie erfahren nur, dass alle im Himmel sind. Die Kirche erzählt Erwachsenen eine andere Geschichte als Kindern, und wieder ist es die Kinderfassung, die nicht stimmt.

Und die Hölle?

Das Fegefeuer ist in der katholischen Lehre die freundliche Variante. Der Katechismus kennt auch die andere. In Nr. 1035 heißt es, die Seelen derer, die im Zustand der Todsünde sterben, kämen sogleich nach dem Tod in die Hölle, wo sie deren Qualen erleiden. Wer nicht glaubt, wird nach Markus 16,16 verdammt werden.

Man muss das nicht in einen Kindertext schreiben. Aber man kann Kindern auch nicht wahrheitsgemäß versprechen, ihre Mama sei im Himmel, wenn die eigene Lehre dafür Bedingungen stellt, die niemand auf dem Friedhof überprüfen kann. Der Artikel löst diese Spannung nicht. Er lässt sie einfach weg. Das ist die Kinderversion jener entschärften Sprache, mit der die Kirche auch Erwachsenen die Hölle heute als „Selbstausschließung“ nahebringt: Die Drohung verschwindet aus dem Vordergrund, aus der Lehre verschwindet sie nicht.

Die Seele als Tatsache

Der Text erklärt, Christen glaubten, dass ein Mensch nicht nur einen Körper habe, sondern auch eine Seele. Das ist korrekt eingeleitet. Dann aber wird aus dem Glauben unmerklich eine Beschreibung: Die Seele sei das, was einen Menschen besonders mache, was er fühle und denke, und sie gehe nach dem Tod in den Himmel.

Genau das, was hier als Seele beschrieben wird, das Fühlen und Denken, kennen wir als Tätigkeit des Gehirns. Wird es verletzt, verändert sich die Persönlichkeit; hört es auf zu arbeiten, endet auch das Fühlen und Denken. Dafür, dass es danach an anderer Stelle weitergeht, gibt es keinen Beleg. Ein Kind hat Anspruch darauf, den Unterschied zwischen „Christen glauben“ und „so ist es“ zu erfahren. Der Artikel verwischt ihn.

Eine Heilige als Vorbild

Bei Allerheiligen stellt der Text ausgerechnet „Mutter“ Teresa vor, den „Engel der Armen“, die mit der Hilfe Gottes vielen Armen und Kranken geholfen habe. Dass sie weltweit bewundert wird, ist unbestritten. Ebenso unbestritten ist aber, dass es an ihrem Wirken erhebliche Kritik gibt. Der damalige Herausgeber der Fachzeitschrift The Lancet, Robin Fox, beschrieb 1994 nach einem Besuch in ihrem Sterbehaus in Kalkutta eine unsystematische medizinische Versorgung und das Fehlen starker Schmerzmittel; Unterstützer des Ordens verwiesen später auf die damaligen indischen Vorschriften für Morphin. Christopher Hitchens widmete ihr 1995 mit The Missionary Position ein ganzes Buch. Eine Auswertung der Literatur durch Forschende der Universitäten Montréal und Ottawa kam 2013 zu dem Schluss, dass ihr Bild als selbstlose Heilige vor allem ein mediales Konstrukt sei, und wies unter anderem auf die Pflegebedingungen und den ungeklärten Umgang mit Spendengeldern hin.

Man muss Kindern das nicht im Detail erzählen. Aber wer eine Person als Vorbild präsentiert, sollte keine wählen, deren Heiligkeit so umstritten ist, oder zumindest nicht so tun, als sei sie es nicht. Und bemerkenswert ist die Formulierung „mit der Hilfe Gottes“: Das Gute, das ein Mensch tut, wird Gott gutgeschrieben. Aus säkularer Sicht gehört die Anerkennung dem Menschen, der es getan hat.

Kleinigkeiten, die etwas verraten

Der Artikel schreibt, an Allerheiligen habe man frei. Das gilt nur in fünf Bundesländern: Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Kinder in Hamburg, Sachsen oder Hessen gehen an diesem Tag zur Schule. Ein katholisches Portal der Bischofskonferenz behandelt den katholisch geprägten Süden und Westen offenbar als Normalfall.

Die Blumen auf dem Grab seien ein Geschenk für den Verstorbenen, die Kerzen sollten zeigen, dass Gott immer bei den Toten sei. Tatsächlich sind Grablichter und Grabschmuck deutlich älter als diese Deutung und werden heute auch von Menschen gepflegt, die mit Gott wenig im Sinn haben. Wir haben das für Kinder auf kwq.de erklärt: „Wieso brennen auf dem Friedhof Kerzen?“ (öffnet in neuem Tab)

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Was man Kindern stattdessen sagen kann

Die entscheidende Frage ist nicht, ob man Kinder trösten darf. Natürlich darf man das, und man soll. Die Frage ist, womit.

Ein ehrlicher Trost muss nichts versprechen, was niemand halten kann. Er kann sagen, was wir wissen: dass ein Mensch, der gestorben ist, keine Schmerzen mehr hat und keine Angst. Dass er nicht mehr zurückkommt, und dass es in Ordnung ist, darüber traurig zu sein. Dass er aber weiterlebt in dem, was er uns beigebracht hat, in den Geschichten, die wir über ihn erzählen, in der Art, wie wir lachen oder kochen oder Fahrrad fahren. Der griechische Philosoph Epikur hat schon vor über zweitausend Jahren darauf hingewiesen, dass der Tod den Toten selbst nicht mehr betrifft, weil sie ihn nicht erleben. Das ist ein Gedanke, der auch Kindern die Angst nehmen kann, ohne ihnen etwas vorzumachen.

Und die Rituale bleiben: Blumen auf dem Grab, eine Kerze, ein Besuch an einem bestimmten Tag. Sie sind nicht weniger wertvoll, wenn man weiß, dass sie für die Lebenden da sind. Im Gegenteil, genau darin liegt ihr Sinn. Wir tun es nicht, damit ein Toter schneller aus einem Läuterungszustand entlassen wird, sondern weil wir ihn vermissen.

Auf kwq.de haben wir die Frage, was beim Sterben passiert, kindgerecht und ohne Jenseitsversprechen beantwortet: „Was passiert, wenn Menschen sterben?“ (öffnet in neuem Tab)

Fazit

Der katholisch.de-Artikel erzählt Kindern eine freundlich klingende Geschichte: Alle Toten sind im Himmel, die Blumen sind Geschenke, die Heiligen waren gute Menschen, und an Allerheiligen haben alle frei. Nichts davon stimmt so, und am wenigsten stimmt es mit der Lehre der Kirche überein, die den Text herausgibt. Deren Allerseelen handelt von Fegefeuer, Fürbitte und Ablass, und hinter dem Fegefeuer steht die Hölle.

Man kann darüber streiten, wie viel davon Kinder wissen müssen. Aber wer Kindern etwas erklärt, sollte ihnen nichts erklären, was seiner eigenen Lehre widerspricht. Trauernde Kinder brauchen Trost. Sie brauchen keinen, der auf Bedingungen beruht, die man ihnen verschweigt.

Letztlich belegt der Artikel in erster Linie die Diskrepanz zwischen der absurden und unmenschlichen katholischen Jenseitsmythologie und dem Erkenntnis- und Entwicklungsstand der Menschheit im 21. Jahrhundert.

KI

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