Heilig nach Bauplan – Stefan Buß und der Mensch, wie Gott ihn gedacht haben soll

Lesezeit: ~ 7 Min.

Darum geht es

Stefan Buß verwandelt Heiligkeit in ein Wellness-Programm der Selbstfindung, widerspricht dabei Evangelium, Katechismus und seinem eigenen Text – und verschweigt, dass „so werden, wie Gott uns gedacht hat“ in der kirchlichen Praxis heißt: so werden, wie das Lehramt es vorschreibt.

Morgen ist Allerheiligen, und Stadtpfarrer Stefan Buß hat auf Osthessen|News pünktlich seinen Impuls zum Fest geliefert. Er beginnt mit einer sympathischen Beobachtung: „Heiliger“ ist im Alltag eher ein Schimpfwort, gemeint ist der Besserwisser, die Spaßbremse, der Regelfetischist. Selbst kirchliche Mitarbeiter, so Buß, bekämen gelegentlich zu hören, sie seien gar nicht so heilig wie befürchtet. Und auch mit Heiligsprechungen täten sich viele schwer, weil dort Menschen über Menschen urteilten.

Bis hierhin könnte man fast zustimmen. Dann aber folgt die übliche Operation: Der sperrige kirchliche Begriff wird entkernt und mit einem Inhalt gefüllt, gegen den niemand etwas haben kann. Heilig sein heiße, ganz zu werden, zu sich selbst zu finden, im Einklang mit sich, dem Nächsten und Gott zu leben – kurz: so zu werden, wie Gott uns gedacht hat. Wer genau hinsieht, findet in den wenigen Absätzen allerdings mehr Widersprüche als Heilige im Kalender.

Ein Detail am Rande: Den Satz, ein Heiliger sei auch nur ein Mensch, legt Buß diesmal einem Jugendlichen in den Mund. Letztes Jahr stand er noch als Überschrift über seinem eigenen Allerheiligen-Impuls, den wir damals unter dem Titel „Die Banalisierung der Heiligkeit“ besprochen haben. Recycling ist löblich, aber die Argumente sind dadurch nicht besser geworden.

Erst die Heiligsprechung kritisieren, dann die Heiligen feiern

Buß räumt ein, bei Heiligsprechungen scheine das Urteil von Menschen über andere Menschen das Maß aller Dinge zu sein. Am Ende des Textes erfahren wir dann, Heilige seien Menschen, die ihren Lohn von Gott erwarten und nicht von der Zustimmung der Menschen. Genau das feiere man an Allerheiligen.

Das passt nicht zusammen. Wer in der katholischen Kirche als Heiliger gilt, entscheidet ein vatikanisches Dikasterium mit einem formalisierten Verfahren, und am Ende unterschreibt der Papst. Für die Heiligsprechung muss einem Seligen nach kirchlicher Regel ein zweites Wunder zugeschrieben werden, das sich erst nach der Seligsprechung ereignet hat. Die Kirche verlangt dabei ausdrücklich ein „physisches“ Wunder, ein moralisches reicht nicht. Die Heiligen, die das Fest Allerheiligen ehrt, verdanken ihren Status also exakt dem, was Buß zu Beginn kritisiert: der Zustimmung von Menschen, kombiniert mit Gutachten über medizinisch unerklärte Heilungen. Mit „ganz werden“ und „zu sich selbst finden“ hat dieses Verfahren nichts zu tun. Buß kritisiert die Praxis seiner Kirche, um sie anschließend wortreich zu feiern.

Etymologie à la carte

Als Begründung für seine Neudeutung bemüht Buß die Wortbedeutung: Heil und heilig hätten immer etwas mit Ganzsein zu tun. Für das deutsche Wort stimmt das halbwegs. Das germanische *hailaga- bedeutet „mit Heil versehen“, die indogermanische Wurzel wird meist mit „ganz, unversehrt“ wiedergegeben. Der vorchristliche Sinn war vermutlich eher: etwas, das unversehrt bleiben muss, das man nicht verletzen darf. Mit Selbstfindung hat auch das wenig zu tun.

Vor allem aber ist das deutsche Wort für die christliche Heiligkeit nur das Etikett. Der Inhalt stammt aus der Bibel, und dort heißt das hebräische qadosch im Kern: abgesondert, ausgesondert, einem besonderen Zweck geweiht. Wenn es im Buch Levitikus heißt, das Volk solle heilig sein, weil Gott heilig ist, dann begründet der Text das ausdrücklich damit, dass Gott es von den anderen Völkern abgesondert habe (Lev 20,26). Heiligkeit im biblischen Sinn ist Trennung, nicht Ganzheit. Buß greift sich aus der Wortgeschichte genau die Bedeutung, die in ein modernes Lebenshilfe-Seminar passt, und lässt die weg, auf der seine eigene Tradition beruht.

Keine Selbstverleugnung? Das sieht Jesus anders

Bei der Heiligkeit gehe es nicht um fromme Verrenkungen, nicht um Selbstverleugnung, nicht um Weltflucht, versichert Buß. Das ist eine bemerkenswerte Aussage für einen katholischen Pfarrer, denn sein eigener Religionsstifter formuliert die Bedingung der Nachfolge im Evangelium unmissverständlich: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich“ (Mt 16,24, Luther 1912). Die Kirchengeschichte ist voller Heiliger, die genau das wörtlich genommen haben – Säulensteher, Einsiedler, Märtyrer, Asketen. Erst vor wenigen Tagen hat Buß selbst mit Mutter Teresa und Therese von Lisieux zwei Frauen als Vorbilder empfohlen, deren Spiritualität das Leiden verklärt (wir berichteten).

Und selbst innerhalb seines eigenen Textes hält die Absage an die Selbstverleugnung nur wenige Zeilen. Gegen Ende heißt es, heilig sein bedeute, ein anderes Leben zu führen als das bequeme, den Mut zum Anderssein zu haben, sich nicht anzupassen. Was denn nun: Zu sich selbst finden, im Einklang mit sich leben – oder das Unbequeme wählen, gegen den Strom schwimmen, auf himmlischen Lohn statt auf irdische Anerkennung setzen? Das ist kein Paradox mit Tiefgang, sondern der Versuch, sowohl die Wohlfühl- als auch die Opferfraktion zu bedienen.

Der Bauplan und seine Hüter

Der Kernsatz des Impulses steht schon in der Überschrift: so werden, wie Gott uns gedacht hat. Er klingt nach Wertschätzung. Tatsächlich enthält er eine erhebliche Voraussetzung: dass es einen Entwurf gibt, an dem jeder Mensch gemessen wird, und dass irgendwer weiß, wie dieser Entwurf aussieht.

Buß setzt beides stillschweigend gleich: zu sich selbst finden und so werden, wie Gott es will. Wenn das immer dasselbe wäre, bräuchte man Gott dafür nicht – Selbstfindung genügte. Interessant wird es erst, wenn beides auseinanderfällt. Und dann zeigt sich, wer in der katholischen Kirche über den göttlichen Bauplan wacht. Ein homosexueller Mensch, der zu sich selbst findet, findet nach Nr. 2358 des Katechismus der Katholischen Kirche eine Neigung, die „objektiv ungeordnet“ sei und für ihn eine Prüfung darstelle; er solle die damit verbundenen Schwierigkeiten mit dem Kreuzesopfer Christi vereinen. Von Einklang mit sich selbst ist dort keine Rede. Die freundlich klingende Formel vom Menschen, „wie Gott ihn gedacht hat“, ist in der kirchlichen Praxis eben keine Einladung zur Selbstfindung, sondern ein Maßstab, den das Lehramt verwaltet. Ganz wird nur, wer in die vorgesehene Form passt.

Lohn von oben – und die Rückseite des Angebots

Heilige, schreibt Buß, ließen sich ganz auf Gott ein, weil sie glaubten, dass sie ihren Lohn von Gott bekommen. Das ist ehrlicher, als es vermutlich gemeint ist. Denn es benennt das Belohnungsprinzip, auf dem diese Moral beruht. Wer gut handelt, weil ein Lohn im Jenseits winkt, handelt nicht selbstlos, sondern mit verschobenem Zahlungsziel. Die Bergpredigt sagt es offen: Wer seine Frömmigkeit vor den Leuten zur Schau stellt (so wie zum Beispiel der Stadtpfarrer Stefan Buß aus Fulda), verliert den Lohn beim himmlischen Vater (Mt 6,1).

Und wo es Lohn gibt, gibt es auch das Gegenteil. Darüber schweigt der Impuls, wie fast alle Impulse dieser Art – zumindest im christlichen Mainstream. Die Positivität des Lebens, an der man trotz allem festhalten soll, hat im Neuen Testament einen Haken: „wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden“ (Mk 16,16, Luther 1912). Die Einladung, so zu werden, wie Gott uns gedacht hat, ist kein unverbindliches Angebot, das man folgenlos ausschlagen kann. Sie kommt mit einer Strafandrohung, die auch durch die heute übliche weichgezeichnete Sprache nicht verschwindet.

Der Zeitgeist als Allzweckgegner

Bleibt der Satz, Heilige seien Menschen, „die sich nicht anpassen an den Zeitgeist“. Er ist die Pointe der Predigt und zugleich ihre unfreiwillige Komik. Denn was Buß als zeitgemäßen Heiligkeitsbegriff anbietet – Ganzheit, Selbstfindung, Einklang mit sich selbst, Positivität –, ist der Zeitgeist in Reinform. So klingen Coaching-Ratgeber, Achtsamkeits-Apps und Wellnesshotel-Prospekte. Die Heiligen früherer Jahrhunderte hätten mit diesem Vokabular wenig anfangen können. Buß passt den Heiligkeitsbegriff an den Zeitgeist an und lobt die Heiligen dafür, dass sie sich nicht anpassen.

Selbst innerkirchlich ist das Zeitgeist-Argument umstritten. Der evangelische Pastor Frank Muchlinsky hat es auf evangelisch.de als rhetorischen Popanz beschrieben: Wer von „dem“ Zeitgeist spreche, unterstelle, es gebe nur einen, und könne ihn so als Gegenspieler des Heiligen Geistes inszenieren. Das trifft es. „Der Zeitgeist“ ist eine Leerstelle, in die jeder hineinprojizieren kann, was ihm missfällt.

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Genau darin liegt das Problem. „Mut zum Anderssein“ und „sich nicht dem Mainstream anpassen“ sind auch die Lieblingsparolen politischer Populisten, von Querdenkern bis zu Kulturkämpfern, die gegen „den Zeitgeist“ mobil machen. Die Formel sagt nichts darüber, ob jemand gegen Unrecht aufsteht oder gegen Impfungen, gegen Diskriminierung oder gegen die Gleichberechtigung. Nonkonformität ist kein Wert an sich; sie ist so gut wie die Gründe, die man für sie hat. Ein Moralbegriff, der sich mit derselben Rhetorik für das eine wie für das andere in Stellung bringen lässt, taugt nicht als Kompass. Und das gilt umgekehrt auch für Konfessionsfreie: Wer der Kirche den Rücken gekehrt hat, ist damit nicht automatisch gegen dieselben Parolen gefeit, wenn sie aus anderer Richtung kommen.

Würde mit Abstammungsnachweis

Ein letzter Punkt: Buß spricht davon, dass wir berufen seien, die Würde der Gotteskindschaft zu leben. Damit wird Würde zu etwas, das aus einer Beziehung zu Gott abgeleitet wird. Die säkulare Rechtsordnung sieht das grundlegend anders. Nach Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sind alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren, und das Grundgesetz erklärt die Würde des Menschen für unantastbar – ohne Glaubensvoraussetzung und ohne Taufschein. Diese Würde muss man nicht „leben“ oder sich durch Vertrauen auf Gottes gute Absichten verdienen. Man hat sie. Auch derjenige, der nach einem Schicksalsschlag nicht mehr an die Positivität des Lebens glauben kann.

A propos Würde: Passend dazu haben die Kollegen vom Ketzerpodcast (öffnet in neuem Tab) gerade ein hörenswertes Segment (öffnet in neuem Tab) veröffentlicht. Dort geht es um die wirren Aussagen von Bischof Oster zu diesem Thema.

Immer wieder neu anfangen

Ein Heiliger, so zitiert Buß den Jugendlichen, sei ein Mensch, der immer wieder neu anfängt. Das ist der schönste Satz im ganzen Text. Er hätte eine praktische Anwendung: Buß hat dem Betreiber dieses Blogs einige Rückfragen zu seinen Impulsen beantwortet und dann erklärt, er werde nicht mehr antworten. Daran hält er sich seither. Ein neuer Anfang wäre jederzeit möglich, und er erforderte nicht einmal Mut zum Unbequemen. Nur eine E-Mail.

Die humanistische Alternative

Am Ende des Impulses steht die Beobachtung, dass uns im Alltag Menschen begegnen, die etwas Besonderes ausstrahlen. Das stimmt. Es gibt Menschen, die sich verlässlich um andere kümmern, die nach Rückschlägen weitermachen, die freundlich bleiben, wo andere hart werden. Nur strahlen sie nicht „etwas von der Liebe Gottes“ aus, sondern ihre eigene. Sie verdienen es, dass man ihnen diese Leistung lässt, statt sie einer unsichtbaren Instanz gutzuschreiben.

Eine humanistische Ethik braucht dafür keinen Bauplan. Sie geht davon aus, dass Menschen nicht „gedacht“ wurden, sondern geworden sind, und dass jeder selbst herausfinden darf, wer er sein will – im Rahmen der gleichen Rechte aller anderen, nicht im Rahmen eines Katechismus. Sie würdigt Vorbilder, ohne sie heiligzusprechen, und darf sie deshalb auch kritisieren. Sie braucht keine Wunder als Gütesiegel, keinen Lohn im Himmel als Motivation und keine Drohung als Rückversicherung. Und sie misst Nonkonformität nicht daran, ob sie sich „dem Zeitgeist“ widersetzt, sondern daran, ob sie Menschen nützt oder schadet.

Ganz werden, im Einklang mit sich selbst leben, anderen zugewandt sein: Das alles ist ein lohnendes Ziel. Man muss es nur nicht heilig nennen. Und man muss niemanden fragen, ob man dabei so geworden ist, wie er einen gedacht hat. Weder irgendwelche Götter und erst recht nicht einen katholischen Priester.

Quellen

KI

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