Rote Lippen, weiße Flecken – Das Wort zum Wort zum Sonntag

Lesezeit: ~ 6 Min.

Darum geht es

Annette Behnken feiert im „Wort zum Sonntag“ kreativen Protest und macht Jesus zum „Meister der produktiven Irritation“ – verschweigt dabei aber, dass in all ihren Beispielen Religion auf der Seite der Macht steht, gegen die protestiert wird, und stützt ihre Pointe auf eine Bibelstelle, die in den ältesten Handschriften gar nicht vorkommt.

Ein sympathischer Auftakt

Annette Behnken beginnt am 19. September 2026 mit einem Geständnis: „Roter Lippenstift steht mir leider nicht.“ Schade, denn „zurzeit gibt es so gute Gründe für rote Lippen“. In den USA formiere sich „gerade eine Bewegung“, die „red lips movement“ – Frauen schminken sich die Lippen knallrot „als Zeichen des Protests gegen eine frauenfeindliche Politik“. Dazu zwei weitere Beispiele: über tausend Menschen, die ein langes rotes Tuch „einmal rund ums Weiße Haus“ spannen, „für eine Politik des Friedens“; und Menschen in Indien, die Hunderte Papierschiffchen mit Gedichten beschriften und als großes Herz auf die Straße legen, „für eine tolerantere Politik“.

Behnken gibt sich dabei angenehm nüchtern: „Ich glaube nicht, dass Lippenstift die Welt verändert.“ Sie mag es, „wenn Menschen mit kreativen Mitteln Haltung zeigen“. Dagegen ist nichts zu sagen. Interessant wird es erst, wenn man nachschaut, wofür und wogegen in ihren Beispielen eigentlich Haltung gezeigt wurde.

„Zurzeit“ und „gerade“ – ein Blick in die Quellen

Die drei Beispiele sind real, aber nicht aktuell, und sie sind entkernt.

Die „Red Lipstick Movement“ geht, soweit sich das recherchieren lässt, auf einen TikTok-Trend vom Januar 2025 zurück; eine neuere Welle ist nicht dokumentiert. Damals kündigten Frauen an, für die Dauer von Trumps zweiter Amtszeit roten Lippenstift zu tragen. Die Kritik kam von beiden Seiten – Konservative spotteten, progressive Stimmen nannten es performativen Aktivismus statt Protest auf der Straße (Daily Dot). Das rote Band um das Weiße Haus stammt vom 8. Juni 2024, noch aus der Amtszeit Joe Bidens: Tausende forderten, Biden solle seine eigene „rote Linie“ im Gaza-Krieg durchsetzen und eine Offensive auf Rafah verhindern (VOAWashington Post). Die Papierschiffchen schließlich gehören zum Protest von Shaheen Bagh in Delhi, Dezember 2019 bis März 2020. Beschrieben waren sie mit Faiz Ahmad Faiz’ Widerstandsgedicht „Hum Dekhenge“ – „Wir werden sehen“ (Wikipedia; dokumentiert auch im Band Beyond Molotovs, 2024).

Dass eine Predigerin Beispiele aus sechs Jahren zu „zurzeit“ zusammenschiebt, ist eine lässliche Unschärfe. Schwerer wiegt, was bei der Übersetzung verloren geht.

Was die Beispiele verschweigen

„Für eine tolerantere Politik“ – das ist die Formel, auf die Behnken Shaheen Bagh bringt. Tatsächlich richtete sich der Protest, getragen vor allem von muslimischen Frauen, gegen den Citizenship Amendment Act von 2019: ein Gesetz, das Verfolgten aus drei Nachbarländern eine beschleunigte Einbürgerung verspricht, sofern sie Hindus, Sikhs, Buddhisten, Jains, Parsen oder Christen sind. Muslime sind ausgenommen. Das ist nicht „wenig tolerante Politik“, das ist Staatsbürgerschaft nach Religionszugehörigkeit – Programm eines Hindu-Nationalismus, der Religion als Kriterium der Zugehörigkeit zur Nation benutzt. Das Gesetz gilt bis heute; der Protest endete mit dem Corona-Lockdown.

Die „frauenfeindliche Politik“ in den USA fällt ebenfalls nicht vom Himmel, sondern kommt ziemlich direkt von der Kanzel. Die Abschaffung des bundesweiten Abtreibungsrechts durch den Supreme Court im Urteil Dobbs v. Jackson (2022) war das Ziel einer jahrzehntelangen Kampagne der christlichen Rechten; 81 Prozent der weißen Evangelikalen haben Trump 2024 gewählt (Pew Research). Wer gegen diese Politik roten Lippenstift trägt, protestiert gegen ein Bündnis, dessen religiöse Hälfte Behnken mit keinem Wort erwähnt. Und auch im Gaza-Krieg ist Religion kein Zaungast: auf der einen Seite die islamistische Hamas, auf der anderen religiös-nationalistische Parteien in Netanjahus Regierungskoalition.

Das Muster kennen wir aus derselben Sendung. Vor einer Woche erzählte Anke Prumbaum von ihrem Tischnachbarn in der Reha und vermied es, Wahl und Partei beim Namen zu nennen. Diesmal fehlt nicht die Partei, sondern die Religion. In allen drei Beispielen, die Behnken für Haltung, Frieden und Toleranz anführt, steht Religion als Legitimationsquelle auf der Seite derer, gegen die protestiert wird – und in keinem sagt sie es.

Ein Konstrukt für jeden Bedarf

Das ist kein Zufall, sondern Struktur. Populisten verbünden sich mit Religion dort, wo genug religiös gebundene Wählerschaft vorhanden ist: in den USA mit den Evangelikalen, in Indien mit dem Hindu-Nationalismus. Wo sie das nicht ist, wie in Ostdeutschland, kommen sie auch ohne aus. Dieselben heiligen Texte liefern in Texas Argumente gegen Abtreibung, in Delhi den Rahmen für ein religiös sortiertes Staatsbürgerrecht und im Ersten Nächstenliebe und Vertrauensvorschuss für ein Wort zum Sonntag.

Behnken würde vermutlich sagen: Das eine ist Missbrauch, das andere ist der wahre Glaube. Aber woran wäre das zu erkennen? Ein Glaubenskonstrukt, das sich je nach Bevölkerungsstruktur für die Unterdrückung wie für den Protest dagegen anschlussfähig machen lässt, ist als Moralquelle unbrauchbar. Die Richtung kommt nicht aus ihm, sie wird hineingelegt. Die Werte, die Behnken am Ende aufzählt, kommen erkennbar nicht aus der Bibel, sondern aus ihrem eigenen, gut begründbaren Humanismus.

Jesus als „Meister der produktiven Irritation“

Dann die religiöse Wendung: „Ein Meister der produktiven Irritation war Jesus.“ Als Beleg dient die Geschichte von der Ehebrecherin (Joh 7,53–8,11). Religiöse Führer bringen eine Frau, Jesus schreibt schweigend in den Sand, dann der berühmte Satz: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ Am Ende wirft niemand.

Drei Probleme hat diese Stelle, und Behnken erwähnt keines.

Erstens: Sie gehört nicht zum ursprünglichen Johannesevangelium. Die ältesten Handschriften – die Papyri P66 und P75 um 200 n. Chr., die großen Codices Sinaiticus und Vaticanus aus dem 4. Jahrhundert – kennen sie nicht. Sie taucht erstmals im Codex Bezae um 400 auf, in anderen Handschriften an anderer Stelle, teils sogar im Lukasevangelium. Die wissenschaftliche Ausgabe Nestle-Aland setzt sie in doppelte eckige Klammern, das Zeichen für einen späteren Zusatz. Das ist kein Randwissen, sondern Standardstoff jedes Theologiestudiums. Dass ausgerechnet die bekannteste Jesus-Szene zur Gewaltlosigkeit eine spätere Einfügung ist, wäre die eigentliche „produktive Irritation“ gewesen.

Zweitens: Der Mann fehlt. Wer beim Ehebruch „auf frischer Tat“ (Joh 8,4) ertappt wird, ist nicht allein. Das mosaische Gesetz sieht ausdrücklich den Tod beider vor (Lev 20,10; Dtn 22,22). Vorgeführt wird nur die Frau. Behnken streift das mit dem Satz, die Stellung der Frau in der Gesellschaft sei danach „keine andere“ – aber sie zieht daraus keine Schlüsse. Dabei wäre es genau der Punkt: Das Gesetz, das hier die Steinigung verlangt, gilt im biblischen Rahmen als Gesetz Gottes. Jesus stellt es nicht infrage, er setzt es nur in diesem einen Fall aus.

Drittens: Die Szene endet anders, als Behnken sie erzählt. Nach „Am Ende schmeißt niemand einen Stein“ bricht sie ab. Im Text folgt: „So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr“ (Joh 8,11). Die Frau bleibt Sünderin, ihre Sexualität bleibt Sache göttlicher Beurteilung. Und nach christlicher Lehre ist Jesus selbst „ohne Sünde“ (Hebr 4,15) – nach der Logik der Geschichte also der Einzige, der den ersten Stein hätte werfen dürfen. Die Botschaft lautet dann nicht „Niemand darf über andere richten“, sondern: Der einzig Berechtigte übt Gnade. Das ist Begnadigung, nicht Rechtsstaat.

Im Juli haben wir Behnken die Goldene Rosine am Band verliehen, weil sie Paulus’ „Leib als Tempel“ ohne den folgenden Satz zitiert hatte: „ihr gehört nicht euch selbst“. Diesmal fehlt „sündige hinfort nicht mehr“. Die Methode ist dieselbe: Der Vers wird genau dort abgeschnitten, wo er aufhört, zur Botschaft zu passen.

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Vertrauensvorschuss – eine humanistische Idee

Der Schluss ist der stärkste Teil. Behnken will „Herz in die Welt bringen“, „Waghalsigkeit in Sachen Frieden und Gerechtigkeit“, „viel Vertrauensvorschuss. Grundsätzlich“ – also davon ausgehen, „dass wir es erst mal gut miteinander meinen“. Dazu Verletzlichkeit, Wärme, Lust an kreativer Weltgestaltung, „und ganz viel Vertrauen“.

Das ist gut. Es ist nur kein christliches Menschenbild. Die Theologie, für die Behnken spricht, lehrt die Erbsünde; Luther nannte den Glaubenden „simul iustus et peccator“, gerecht und Sünder zugleich, und die Ehebrecherin-Geschichte selbst lebt von der Voraussetzung, dass keiner der Umstehenden ohne Sünde ist. Grundsätzlich davon auszugehen, dass Menschen es gut meinen, ist dagegen die Grundannahme des Humanismus. Behnken predigt, ohne es zu sagen, die Alternative.

Der säkular-humanistische Gegenentwurf

mehr oder weniger Religion?

Kreativ Haltung zeigen – einverstanden. Aber Haltung setzt voraus, dass man benennt, wogegen. Ein humanistischer Blick auf Behnkens drei Beispiele würde sagen: In Indien geht es um gleiche Bürgerrechte unabhängig von der Religion, in den USA um körperliche Selbstbestimmung gegen religiös begründete Gesetzgebung, in Gaza um Menschenleben gegen religiös aufgeladene Territorialansprüche. Der gemeinsame Nenner ist die Trennung von Religion und Staat – genau das, was die religiösen Akteure in allen drei Fällen ablehnen.

Und Jesus braucht es dafür nicht. Dass man niemanden steinigt, begründet sich aus Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit, nicht aus der Frage, ob der Werfer sündlos ist. Ein Recht, das nur deshalb auf die Todesstrafe verzichtet, weil gerade kein Sündloser zur Hand ist, ist kein Fortschritt.

Dazu gehört auch die Ehrlichkeit nach der anderen Seite: Konfessionsfreiheit allein schützt vor nichts. Wer nicht gelernt hat, Heilsversprechen, Freund-Feind-Schemata und unbezweifelbare Wahrheiten zu erkennen, kann auch ohne Kirchenmitgliedschaft darauf hereinfallen – nur eben auf eine weltliche Variante. Kritisches Denken ist eine Praxis, keine Frage des Taufscheins.

Fazit

Behnken hat recht: Kleine, friedliche, poetische Anfänge können etwas bewegen. Aber ihr Wort zum Sonntag betreibt die umgekehrte Kreativität. Es macht aus einem Protest gegen religiös begründete Diskriminierung eine „tolerantere Politik“, aus einem Kampf gegen christlich-rechte Gesetzgebung eine allgemeine „frauenfeindliche Politik“ und aus einer später eingefügten, gekürzten Bibelstelle ein Vorbild für Rebellion. Rote Lippen zeigen Haltung – die Sendung hält sie geschlossen, sobald es um die Religion geht.

Quellen: Daily Dot, VOA, Washington Post, Wikipedia – Shaheen Bagh, Beyond Molotovs (JSTOR), Pew Research, awq.de – Der halbe Paulus, awq.de – Der Tischnachbar, fernsehserien.de

KI

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