Wachtturm und Haustürbesuch war gestern: Guerilla-Marketing von Jehovas Zeugen

Lesezeit: ~ 6 Min.

Darum geht es

Ein anonymer Werbebrief von Jehovas Zeugen an Wanderer und Mountainbiker verspricht mit Jesaja 14,7 eine befriedete Erde – dabei jubelt der Vers im Original über den Sturz eines Tyrannen, und die eigene Bibelübersetzung der Absender sagt das zwei Zeilen weiter selbst.

An einem touristischen Hotspot lagen zwei Briefumschläge, nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt. Adressiert waren sie an Wanderer und Mountainbiker, jeder Umschlag steckte in einer Klarsichthülle, beschwert mit ein paar kleinen Steinen, deponiert in der Nähe von Bänken. Das ist keine Nachlässigkeit und kein Versehen, das ist eine Verteilaktion mit Wetterschutz.

Der Inhalt ist freundlich formuliert und in Schreibschrift gesetzt: „Liebe/r WandererIn, liebe/r MountainbikerIn, wie gut, dass uns trotz aller Schwierigkeiten noch diese gemeinsame Freude an Aktivitäten an der frischen Luft in unserer schönen Gegend geblieben ist!“ Dann folgt der Aufbau, um den es hier geht: eine Lagebeschreibung, ein Bibelvers, eine Zukunftsprognose und eine Website.

Der Bauplan des Briefes

Erst die Krise: „Die Welt droht im Chaos zu versinken. Viele sind besorgt über die aktuelle dynamische Weltlage, aber auch in Sorge um den Zustand unseres Planeten und um das Leben darauf. Kann man trotzdem positiv bleiben?“

Dann der Trost, in zwei Stufen. Stufe eins ist unverdächtig: „Ein richtiger Schritt ist in jedem Fall, dass wir uns noch an der Natur erfreuen, die uns frei zur Verfügung steht.“ Stufe zwei ist der eigentliche Zweck: „Was mir darüber hinaus noch Kraft und Freude gibt ist der Bibeltext aus Jesaja Kapitel 14 Vers 7, wo es heißt: ‚Die ganze Erde hat jetzt Ruhe, ist frei von Ruhestörung. Die Menschen jubeln vor Freude.‘“

Und daraus wird eine Prognose: „Genauso wird es in Zukunft weltweit ablaufen. Wäre das nicht schön?“ Am Ende steht der Verweis auf „die kostenlose Website www.jw.org“ – die offizielle Seite der Zeugen Jehovas, was der Brief allerdings nirgends erwähnt. Ein Absender fehlt, eine Unterschrift auch.

Was in Jesaja 14 tatsächlich steht

Der Vers ist echt, das Zitat wörtlich korrekt – es stammt aus der revidierten Neuen-Welt-Übersetzung, der hauseigenen Bibelausgabe der Zeugen Jehovas. Nur handelt der Text von etwas anderem, als der Brief nahelegt. Und man muss dafür nicht einmal die Übersetzung wechseln: Der Nachweis steht in derselben Ausgabe, drei Zeilen darüber und eine Zeile darunter.

Vers 4, in der Neuen-Welt-Übersetzung, sagt ausdrücklich, was jetzt kommt: „wirst du gegen den König von Babylon folgenden Spruch aufsagen: ‚Was für ein Ende doch der gefunden hat, der andere zu Zwangsarbeit verpflichtete! Die Unterdrückung hat aufgehört!‘“ Die Einheitsübersetzung stellt über den Abschnitt schlicht die Überschrift „Spottlied auf den König von Babel“.

Vers 7 ist also kein Ausblick, sondern der Jubel unmittelbar nach dem Sturz eines Gewaltherrschers. Deshalb steht er im Perfekt: Die Erde hat Ruhe, sie ist frei von Ruhestörung – und die „Ruhestörung“, von der sie frei ist, war die Herrschaft dieses Königs. Vers 8 löst jede Restunklarheit auf, wieder in der Übersetzung der Absender: „Sogar die Wacholderbäume freuen sich deinetwegen zusammen mit den Zedern des Libanon. Sie sagen: ‚Seitdem du gefallen bist, kommt kein Holzfäller zu uns herauf.‘“

Die Bäume jubeln nicht über ein Paradies, sondern darüber, dass der Auftraggeber der Abholzung tot ist. Und die Verse 9 bis 11 lassen keinen Zweifel daran, wohin dieser Jubel führt: „Selbst das Grab tief unten ist schon ganz aufgeregt, um dich zu empfangen, wenn du kommst“, und weiter: „Hinunter ins Grab ist dein Stolz gestürzt worden.“ Das ist antike Herrscherpolemik von einiger Härte. Ein Text über eine künftige globale Befriedung ist es nicht.

Der Satz „Genauso wird es in Zukunft weltweit ablaufen“ macht aus einem historisch-politischen Rückblick eine Weltprognose. Das ist keine Auslegung mehr, das ist ein Tempuswechsel mit anschließender Themenverfehlung. Wer den zitierten Vers im Zusammenhang lesen will, braucht dafür nicht einmal eine kritische Ausgabe – die Website, auf die der Brief verweist, stellt ihn selbst kostenlos zur Verfügung.

Ein bekanntes Muster, konfessionsübergreifend

Das Verfahren ist hier oft genug beschrieben worden: Ein Vers wird an der Stelle abgeschnitten oder aus dem Rahmen gelöst, an der er anfängt, unbequem zu werden. Im Impuls zu Mariä Himmelfahrt war es die weggelassene zweite Hälfte eines Paulus-Verses. Hier ist es umgekehrt: Nicht das Ende fehlt, sondern der Anfang – die Ansage in Vers 4, dass ein Spottlied folgt.

Bemerkenswert ist, dass die Sache in beiden Fällen ohne die Manipulation nicht funktioniert. Ein Trostangebot, das nur trägt, solange man den Kontext des Trostspenders nicht nachschlägt, ist kein Trost, sondern eine Wette darauf, dass niemand nachschlägt.

Die Sorge um den Planeten – und was aus ihr gemacht wird

Inhaltlich interessanter als der Vers ist, was der Brief mit der ausdrücklich benannten „Sorge um den Zustand unseres Planeten“ anstellt. Er nimmt sie ernst – und leitet sie um. Die Antwort auf die Umweltzerstörung ist nicht Handeln, sondern Warten.

Das ist keine Unterstellung, sondern die veröffentlichte Position. Unter dem Titel „Die Erde kann gerettet werden!“ heißt es in Erwachet! vom 8. Januar 2005 über die internationale Umweltpolitik: „Durch die vielen Verträge, Aktionspläne und all die anderen Dokumente ist die Umwelt leider nicht entlastet worden.“ Der Ausweg liegt anderswo: „Aus der Bibel lernen wir, dass die Erde unter dem Königreich Gottes zu einem Paradies wird.“

Die Struktur ist damit vollständig: Das Problem ist real, die menschlichen Mittel sind aussichtslos, die Lösung ist zugesagt und liegt außerhalb unserer Reichweite. Wer das glaubt, hat keinen Grund mehr, sich mit Verkehrswende, Flächenverbrauch oder Emissionshandel zu befassen – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil die Zuständigkeit abgetreten wurde.

Die säkulare Gegenposition ist unbequemer und hat einen entscheidenden Vorzug: Sie ist überprüfbar. Die Schwefeldioxid-Emissionen in Deutschland sind zwischen 1990 und 2024 um 96 Prozent gesunken, von 5,5 auf 0,2 Millionen Tonnen, weil Filter, Katalysatoren und Grenzwerte durchgesetzt wurden. Im Rhein, in den siebziger Jahren als Kloake Europas verrufen, laicht wieder der Lachs, weil Kläranlagen gebaut, Einleitungen verboten und Wanderhindernisse zurückgebaut wurden. Die Ozonschicht erholt sich, weil das Montrealer Protokoll FCKW aus dem Verkehr gezogen hat. Nichts davon ist ein Paradies, und keines dieser Probleme ist erledigt. Aber alles davon ist tatsächlich eingetreten, und man kann in jedem Einzelfall nachrechnen, wer was getan hat.

Die Prognose und ihre Vorgeschichte

„Genauso wird es in Zukunft weltweit ablaufen“ – Aussagen über die Zukunft sind der Kern des Angebots. Es lohnt sich, die Trefferquote der bisherigen anzusehen, und auch dafür genügt die hauseigene Literatur.

Die Broschüre Millionen jetzt lebender Menschen werden nie sterben von 1920 erklärte: „Daher können wir vertrauensvoll erwarten, daß mit 1925 die Rückkehr Abrahams, Isaaks, Jakobs und der glaubenstreuen Propheten des alten Bundes [von den Toten] eintreten wird.“ Das offizielle Geschichtswerk der Organisation, „Jehovas Zeugen – Verkündiger des Königreiches Gottes“ von 1993, hält den Ausgang unter der Zwischenüberschrift „Unerfüllte Hoffnungen“ fest: „Das Jahr 1925 kam und ging.“

Ein halbes Jahrhundert später dasselbe Verfahren mit einem neuen Datum. Der Wachtturm vom 1. August 1968 rechnete vor: „Zählen wir vom Herbst 1967 acht Jahre vorwärts, so kommen wir zum Herbst 1975, zum Ende der 6 000 Jahre des siebenten Tages“, und schloss daraus: „In der unmittelbaren Zukunft werden sich die Ereignisse überstürzen, denn dieses alte System geht seinem vollständigen Ende entgegen. Es dauert höchstens noch ein paar Jahre.“ Der Artikel sicherte sich zwar ab – „Niemand kann mit Sicherheit sagen“ –, ließ die Rechnung aber stehen. Das ist heute achtundfünfzig Jahre her.

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Für den Brief auf der Bank heißt das: Sein Kernversprechen gehört zu einer Reihe von Zukunftsaussagen, deren nachprüfbare Vorgänger sämtlich nicht eingetroffen sind. Genau das ist der Unterschied zwischen einer Prognose und einer Verheißung – eine Prognose kann scheitern, eine Verheißung wird umdatiert.

Ein Gespräch, das keines sein soll

Bleibt die Form. Zwei Umschläge, wenige hundert Meter auseinander, an einem Ort mit garantiertem Publikumsverkehr, wetterfest verpackt, ohne Absender, ohne Unterschrift, ohne Rückmeldeadresse. Die Organisation, die dahintersteht, wird nicht genannt; sie erscheint nur als Domainname im vorletzten Absatz.

Am Haustürgespräch, für das die Zeugen Jehovas bekannt wurden, ließ sich immerhin eines schätzen: Es gab ein Gegenüber, und man konnte zurückfragen. Ein deponierter Umschlag hat diesen Nachteil nicht. Er trifft niemanden an, der Nachfragen stellt, und der Empfänger kann nicht antworten – er kann nur die Website aufrufen, auf der ausschließlich die eine Seite spricht. Das ist keine Ansprache, das ist eine Auslage.

Und dann ist da noch die Klarsichthülle. Wer angesichts der „Sorge um den Zustand unseres Planeten“ Papier in Plastik verpackt und in der Natur zurücklässt, hat eine kleine, konkrete Gelegenheit zum Handeln bereits ungenutzt gelassen – zugunsten einer großen, unkonkreten Hoffnung auf ein Handeln von anderer Seite. Der Vorgang ist eine Miniatur seiner eigenen Botschaft – und ein starkes Indiz dafür, dass der Naturschutzgedanke hier nur Mittel zum Reklame-Zweck ist.

Fazit

Der erste Satz des Briefes stimmt: Die Freude an einem Tag draußen ist etwas Gutes, und sie steht tatsächlich frei zur Verfügung. Genau darin liegt die Pointe. Diese Freude braucht keinen Vers, sie braucht keine Prognose, und sie wird durch keine Verheißung größer. Sie ist bereits vollständig, bevor der zweite Teil des Briefes beginnt.

Was der Brief anbietet, ist nicht diese Freude, sondern ihre Verpfändung: Nimm die schöne Gegend als Anzahlung auf eine Welt, deren Eintreffen niemand prüfen kann, und beziehe die Sicherheit dafür aus einem Vers, der von der Erleichterung nach dem Tod eines Tyrannen handelt. Der Preis ist die Zuständigkeit für alles, was man selbst tun könnte.

Die ganze Erde hat in Jesaja 14,7 tatsächlich Ruhe. Nicht weil ein Königreich anbrach, sondern weil ein Unterdrücker gestürzt wurde – von Menschen, in der Geschichte, mit nachvollziehbaren Mitteln. Wenn man aus diesem Kapitel überhaupt etwas für die Gegenwart mitnehmen will, dann eher das.

Quellen: Jesaja 14 (Einheitsübersetzung) · Jesaja 14 (Neue-Welt-Übersetzung) · Erwachet! 8.1.2005 · Verkündiger des Königreiches Gottes, 1993 · Wachtturm 1.8.1968 · UBA: Schwefeldioxid-Emissionen · IKSR: Lachs im Rhein · UBA: Montrealer Protokoll

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