Darum geht es
katholisch.de erzählt Kindern die Schöpfung als Tatsachenbericht, macht dabei eigene Fehler und endet mit einem Glaubenssatz, den die Kirche Erwachsenen so längst nicht mehr zumutet.Zum ökumenischen „Tag der Schöpfung“ am 7. September 2018 hat katholisch.de, das Portal der katholischen Kirche in Deutschland, Kindern erklärt, wie die Welt entstanden ist. „Wie Gott die Erde in sieben Tag erschuf – Die Schöpfungsgeschichte für Kinder erzählt“ (öffnet in neuem Tab) heißt der Text von Edda [sic!] Görnert. Er steht bis heute unverändert online, eingeordnet in die Themenseite „Für Kinder erklärt“. Acht Jahre lang hat offenbar niemand in der Redaktion Anlass gesehen, ihn noch einmal zu lesen. Wir haben das nachgeholt.
„Was passiert ist“: Mythos als Tatsachenbericht
Schon der Vorspann stellt die Weichen. Man erkläre, was nach der Bibelerzählung an den sieben Tagen passiert sei. „Nach der Bibelerzählung“ ist das Feigenblatt, „passiert“ ist die Botschaft. Der Rest des Textes löst das Feigenblatt dann vollständig auf: Kein Wort davon, dass es sich um einen Mythos handelt. Kein Hinweis, dass Menschen vor gut 2500 Jahren sich die Welt so erklärt haben, weil sie es nicht besser wussten. Stattdessen durchgehend Indikativ: Gott machte, Gott sah, Gott nannte. Illustriert wird das Ganze mit einem Foto des Sternentstehungsgebiets NGC 6357, aufgenommen von der NASA. Naturwissenschaft als Tapete für eine Erzählung, der sie in jedem Punkt widerspricht.
Pikant ist, was die Kirche Erwachsenen dazu sagt. Der Katechismus der Katholischen Kirche formuliert in Nr. 337, die Schrift stelle das Schöpfungswerk sinnbildlich als Folge von sechs Arbeitstagen dar. Pius XII. hat schon 1950 in der Enzyklika Humani generis die Evolution des menschlichen Körpers als diskutierbare Hypothese zugelassen, Johannes Paul II. nannte sie 1996 vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften „mehr als eine Hypothese“, und Franziskus erklärte 2014 am selben Ort, Gott sei kein Zauberer mit Zauberstab. Für die Erwachsenen also: Sinnbild, Evolution, alles vereinbar. Für die Kinder: sieben Tage, und so war es.
Das ist keine Vereinfachung. Das ist eine doppelte Wahrheit, sortiert nach Zielgruppe. Man könnte es auch katholische Kinderverarschung nennen, und genau das tun wir hier.
Nicht einmal die Bibel stimmt
Wer schon auf Tatsachenbericht macht, sollte wenigstens die Vorlage korrekt wiedergeben. Auch daran scheitert der Text.
Die Finsternis. Bei katholisch.de erschafft Gott am ersten Tag erst das Licht und dann, weil es nicht immer hell sein soll, die Finsternis. In Genesis 1,2 ist die Finsternis aber schon da, bevor Gott überhaupt etwas sagt. Er erschafft sie nicht, er trennt sie vom Licht ab.
Der „Bogen“. Am zweiten Tag teilt Gott laut katholisch.de das Wasser, und es entsteht „ein großer Bogen“, den er Himmel nennt. In Genesis 1,6–8 steht etwas deutlich Handfesteres: ein Gewölbe, eine feste Kuppel, die die Wasser unter ihr von den Wassern über ihr trennt. Das ist das altorientalische Weltbild einer Erdscheibe unter einer Himmelsglocke, über der ein Ozean steht. Aus gutem Grund wird das den Kindern verschwiegen. Denn ausgerechnet unter diesem Absatz zeigt der Artikel ein Foto der Milchstraße. Nach biblischer Vorstellung hängen die Sterne an der Innenseite der Kuppel.
Pflanzen ohne Sonne. Gras und Obstbäume entstehen am dritten Tag, die Sonne erst am vierten. Das Licht des ersten Tages kommt aus dem Nichts, drei Tage lang gibt es Tag und Nacht ohne Sonne. Der Text erzählt das ohne jedes Stirnrunzeln nach. Ein aufgewecktes Kind würde fragen. Der Text ist so gebaut, dass es keinen Anlass dazu findet.
Vegetarische Löwen. Am sechsten Tag zählt katholisch.de die Tiere auf, darunter Löwen, und erklärt wenig später, die Pflanzen seien als Essen für die Tiere gedacht. Das steht tatsächlich so in Genesis 1,30. Nur hätte man dann erklären müssen, warum Löwen heute Zebras fressen. Die Bibel bietet dafür keine klare Antwort. Der Sündenfall in Genesis 3 sagt nichts über Fleischfresser, erst nach der Sintflut erlaubt Gott in Genesis 9,3 ausdrücklich Fleisch, und der Löwe, der Stroh frisst wie das Rind, taucht in Jesaja 11,7 als Zukunftsvision auf, nicht als Rückblick. Evangelikale Kreationisten lösen das Problem, indem sie jeden Tod im Tierreich zur Folge der Sünde erklären. Ausgerechnet Thomas von Aquin, der wichtigste Theologe der katholischen Kirche, hielt davon nichts. In seiner Summa theologiae (I, q. 96, a. 1, ad 2) (öffnet in neuem Tab) nennt er die Annahme, Raubtiere seien vor dem Sündenfall friedlich gewesen, schlicht unvernünftig. Die Natur der Tiere sei durch die Sünde nicht verändert worden, und er nennt ausdrücklich Löwen und Falken als Tiere, denen das Fleischfressen natürlich sei. Genesis 1,30 deutet er kurzerhand um: Pflanzen seien nicht allen Tieren zur Nahrung gegeben worden, sondern nur einigen. Die katholische Theologie hat den vegetarischen Löwen also schon im 13. Jahrhundert verabschiedet. Kindern wird er 2018 wieder aufgetischt. Erklären kann das alles weder Genesis noch Thomas, sondern die Evolutionsbiologie.
Der zweite Bericht. Vollständig unterschlagen wird, dass die Bibel gleich im nächsten Kapitel eine zweite, abweichende Schöpfungsgeschichte erzählt. In Genesis 2 wird zuerst der Mann geformt, dann wachsen die Pflanzen, dann kommen die Tiere, zuletzt die Frau aus seiner Rippe. Wir haben diesen Widerspruch zuletzt beim Missing-Link-Gottesbeweis ausgeführt. Einem Kind, dem man „die“ Schöpfungsgeschichte erzählt, enthält man vor, dass es mindestens zwei gibt, die sich nicht vertragen.
Ein Gott mit Burnout
Den Höhepunkt liefert der siebte Tag. Gott sei nun sehr erschöpft gewesen und habe sich deshalb ausgeruht. Ein allmächtiges Wesen, das nach sechs Tagen Schöpfung aus dem Nichts eine Pause braucht, ist theologisch ein Unfall. Genesis 2,2 sagt nur, dass Gott ruhte, von Erschöpfung ist keine Rede. Jesaja 40,28 stellt ausdrücklich fest, dass Gott weder müde noch matt wird. Allerdings heißt es in Exodus 31,17, Gott habe am siebten Tag aufgeatmet. Die Bibel ist sich also auch hier nicht einig. Die Autorin hat sich für die menschlichste Variante entschieden, vermutlich ohne es zu wissen.
Man muss das nicht zu hoch hängen, es ist ein Kindertext. Aber genau das ist der Punkt: Wenn schon die Redaktion der offiziellen katholischen Nachrichtenseite ihren eigenen Gründungsmythos so ungenau kennt, auf welcher Grundlage verlangt sie dann von Kindern, ihn zu glauben?
Die Woche, der Sonntag und die Ladenöffnung
Dann folgt eine Kausalkette, die es in sich hat. Weil Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen habe, zähle die Woche seitdem sieben Tage. Das ist verkehrt herum. Der Bericht in Genesis 1 gehört nach dem Stand der Bibelwissenschaft zur sogenannten Priesterschrift und entstand um die Zeit des babylonischen Exils im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Der Siebentagerhythmus und der Sabbat waren da längst etabliert. Die Erzählung begründet einen bestehenden Brauch nachträglich, sie erfindet ihn nicht. Solche Geschichten nennt man Ätiologien: Man erzählt, warum etwas so ist, wie es ohnehin schon ist.
Direkt danach wird der siebte Tag zum ersten. Gott ruht am siebten Tag, Christen feiern den Sonntag, und der Sonntag ist nach dem Text der erste Tag, weil Jesus an ihm auferstanden sei. Dass hier aus dem jüdischen Sabbat stillschweigend ein anderer Tag wird, erfährt das Kind nicht. Es bekommt zwei unverbundene Begründungen serviert und soll daraus eine machen.
Und schließlich die Geschäfte: Die meisten hätten sonntags geschlossen, damit die Menschen ruhen können, weil Christen sich über Jesus freuen. Tatsächlich ist die Sonntagsruhe in Deutschland über Artikel 140 des Grundgesetzes in Verbindung mit Artikel 139 der Weimarer Reichsverfassung geschützt. Dass Beschäftigte einen freien Tag haben, ist zudem mindestens so sehr eine Errungenschaft der Arbeiterbewegung wie der Kirchen. Ein Kind, das in einem Krankenhaus, bei der Feuerwehr oder in einer Bäckerei arbeitende Eltern hat, weiß ohnehin, dass die Welt sonntags nicht stillsteht.
Herrschen, nicht kümmern
Auch der Auftrag an die Menschen wird für Kinder weichgespült. Zwar erwähnt der Text, dass die Menschen über die Erde herrschen sollen, macht daraus aber sogleich ein freundliches Kümmern um die Tiere. Genesis 1,28 spricht davon, sich die Erde untertan zu machen und über die Tiere zu herrschen. Die Umdeutung dieses Herrschaftsauftrags zum Bewahrungsauftrag ist, wie wir beim Weltenbrand-„Wort zum Sonntag“ gezeigt haben, eine Reaktion auf die Umweltbewegung des 20. Jahrhunderts, keine biblische Einsicht. Der „Tag der Schöpfung“ selbst ist ein Kind dieser Umdeutung.
Der Schlusssatz: Indoktrination im Kleingedruckten
Am Ende steht der Satz, für den der ganze Text geschrieben scheint:
„Gäbe es Gott nicht, wären wir alle also nicht da.“
Das kleine Wort „also“ tut so, als folge das aus dem Vorherigen. Es folgt aber nichts daraus, denn das Vorherige war eine Erzählung, kein Beleg. Logisch ist das ein Zirkelschluss: Die Geschichte setzt Gott als Schöpfer voraus und beweist am Ende, dass es ohne Gott keine Schöpfung gäbe. Pädagogisch ist es schlimmer. Ein Erwachsener kann den Fehlschluss erkennen. Ein Sechsjähriger nimmt eine Existenzdrohung mit nach Hause: Ohne Gott gäbe es dich nicht. Wer zweifelt, zweifelt an seinem eigenen Dasein.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen Bildung und Katechese. Bildung gibt Kindern Werkzeuge, mit denen sie Behauptungen prüfen können, auch die der Erwachsenen. Katechese pflanzt Glaubenssätze ein, bevor diese Werkzeuge vorhanden sind, und schließt mit einem Satz ab, der das Prüfen gleich mit verbietet. Richard Dawkins hat dazu bemerkt, es gebe eigentlich keine katholischen Kinder, sondern nur Kinder katholischer Eltern. Texte wie dieser sollen dafür sorgen, dass daraus möglichst früh katholische Kinder werden.
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(öffnet in neuem Tab)Bei der Theologin Helena Malsy haben wir kürzlich gesehen, wie gewunden Erwachsenen die Frage nach den sieben Tagen beantwortet wird, wenn sie jemand ernsthaft stellt („Darwin und Gott“). Kindern gegenüber spart man sich die Windungen. Sie fragen ja noch nicht nach.
Die bessere Geschichte
Das Ärgerliche an alldem ist, dass die wahre Geschichte so viel größer ist. Ein Universum, das sich seit rund 13,8 Milliarden Jahren ausdehnt. Sterne, in deren Innerem die Atome entstanden sind, aus denen heute Kinder bestehen. Eine Erde, auf der drei Milliarden Jahre lang fast nur Einzeller lebten. Und eine Entwicklung, durch die aus ihnen Fische, Saurier, Affen und schließlich Menschen wurden, mit Verwandtschaft zu allem, was lebt. Das lässt sich kindgerecht erzählen (öffnet in neuem Tab), ohne dass man etwas davon später zurücknehmen muss.
Eine säkular-humanistische Kindererzählung würde Mythen nicht verschweigen (öffnet in neuem Tab). Sie würde sie als das vorstellen, was sie sind: Versuche früherer Menschen, sich die Welt zu erklären, phantasievoll, manchmal schön, aber eben nicht wahr. Und sie würde Kinder ermutigen, genau die Fragen zu stellen, die der katholisch.de-Text vermeidet. Woher weiß man das? Wer hat das aufgeschrieben? Und warum steht das zwei Seiten später ganz anders da?
Wie so eine Erklärung aussehen kann, zeigt unsere Kinderseite: „Wie ist die Welt entstanden?“ auf kwq.de (öffnet in neuem Tab).
Gäbe es Götter nicht, wären wir alle trotzdem da. Nur hätten Erwachsene dann einen Anlass weniger, Kinder für dumm zu verkaufen.















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