„Antisemitismus ist Sünde“ – wie die Bischöfe ein Verbrechen an Menschen zur Gottesangelegenheit machen

Lesezeit: ~ 5 Min.

Darum geht es

Die Bischöfe erklären Antisemitismus zur Sünde und verlagern damit ein Unrecht an Menschen in die Zuständigkeit eines Gottes, während ihre eigene Geschichte, ihre AfD-Zahlen und ihre Missbrauchsaufarbeitung zeigen, wie wenig die kirchliche Kategorie trägt.

Der Satz und seine Reihenfolge

Am 1. Oktober 2026 ging in Fulda die Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz zu Ende. In der Abschlusspressekonferenz fand der Vorsitzende, Bischof Heiner Wilmer, nach dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt deutliche Worte. Der Satz, der es in die Überschrift von Osthessen|News schaffte, steht laut Videoaufzeichnung am Ende einer kleinen Steigerung:

„Antisemitismus ist für uns ein Angriff auf die Demokratie. Antisemitismus zerstört unsere Gesellschaft und Antisemitismus ist Sünde.“

Die Reihenfolge ist aufschlussreich. Die ersten beiden Begründungen sind vollständig säkular: Antisemitismus greift die Demokratie an und zerstört das Zusammenleben. Mehr braucht es nicht, um ihn zu verurteilen. Die dritte Begründung soll offenbar die stärkste sein, sie steht am Schluss, wo man die Pointe setzt. Tatsächlich ist sie die schwächste.

Sünde: ein Vergehen gegen Gott

Was eine Sünde ist, definiert die Kirche selbst. Der Katechismus nennt sie in Nr. 1850 eine „Beleidigung Gottes“ und zitiert dazu Psalm 51: „Gegen dich allein habe ich gesündigt.“ Dieser Psalm wird traditionell König David zugeschrieben, nachdem er Batseba zu sich genommen und ihren Mann Urija in den Tod geschickt hatte. Ein Ehebruch und ein Mord, und der Täter bekennt: gegen dich allein. Der Getötete kommt in diesem Bekenntnis nicht vor.

Genau das ist das Problem der Kategorie. Wer Antisemitismus zur Sünde erklärt, ordnet ihn als Verhältnisstörung zwischen dem Täter und Gott ein. Die Opfer sind in dieser Logik nur der Anlass. Und für Sünden hat die Kirche ein eigenes Verfahren: Reue, Beichte, Lossprechung. Ein Antisemit, der bereut und beichtet, ist nach katholischer Lehre mit Gott versöhnt, ohne dass ein einziger Jude davon erfährt.

Man kann das noch weiter treiben, ohne die Lehre zu verzerren. Nach Mk 16,16 wird verdammt, wer nicht glaubt. Die moderne Katechismus-Sprache hat das entschärft, an der Grundaussage ändert sie nichts. In dieser Ordnung steht der reuige, getaufte Antisemit vor dem ewigen Richter besser da als der konfessionsfreie Mensch, der nie jemandem etwas getan hat. Eine Kategorie, die zu diesem Ergebnis führen kann, ist als Grundlage für eine Verurteilung von Menschenfeindlichkeit ungeeignet.

Die Quelle, die nicht genannt wird

„Von rechts und von links“ nehme der Antisemitismus zu, sagte Wilmer. Das stimmt, aber die Aufzählung ist unvollständig. Es fehlt der religiös begründete Antisemitismus, der islamistische ebenso wie der christliche, und zu Letzterem hätte gerade eine Bischofskonferenz einiges beizutragen.

Der Vorwurf des „Gottesmords“ gehört zu den folgenreichsten Erzählungen der europäischen Geschichte, und er stammt nicht von rechts oder links, sondern von der Kanzel. In der katholischen Karfreitagsliturgie wurde jahrhundertelang „pro perfidis Judaeis“ gebetet, für die „treulosen Juden“. Erst Johannes XXIII. strich das Wort 1959. Erst 1965 stellte das Zweite Vatikanische Konzil in der Erklärung Nostra aetate fest, dass man den Juden insgesamt die Schuld am Tod Jesu nicht anlasten könne. Fast 1900 Jahre hat die Kirche gebraucht, um diesen Satz zu formulieren. Und noch 2008 löste Benedikt XVI. Proteste jüdischer Verbände aus, als er für die alte Messe eine neue Fürbitte formulierte, die um die Erleuchtung der Juden zur Erkenntnis Christi bittet. Auf protestantischer Seite muss man nur an Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ von 1543 erinnern, auf die sich die Nationalsozialisten gern beriefen; auf AWQ wurde Luthers Antisemitismus ausführlich dokumentiert.

Wer heute „Antisemitismus ist Sünde“ sagt, ohne diese Geschichte zu nennen, macht es sich zu leicht. Die Kirche tritt als moralische Instanz auf, die eine Grenze zieht, obwohl sie diese Grenze selbst über fast zwei Jahrtausende verletzt hat. Ein Satz wie „Antisemitismus war über Jahrhunderte Teil unserer eigenen Verkündigung“ wäre unbequemer gewesen und hätte mehr bewirkt.

Was Wilmer zur AfD tatsächlich sagte

Laut Osthessen|News sagte Wilmer, es sei erschreckend, „wenn mehr als 43 Prozent der Menschen die AfD wählen“. In der Videoaufzeichnung derselben Pressekonferenz klingt das anders:

„Trotzdem ist es erschreckend, wenn 30% der Katholikinnen und Katholiken im Osten die A.F.D. wählen.“

Der Unterschied ist erheblich. Die 43,8 Prozent sind das Gesamtergebnis der Landtagswahl vom 6. September 2026. Die 30 Prozent beziehen sich auf die eigenen Leute, und sie passen zur Befragung der Forschungsgruppe Wahlen am Wahltag: 32 Prozent der katholischen Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt stimmten für die AfD, bei den evangelischen waren es 33 Prozent, bei den Konfessionsfreien 47 Prozent. Die Lokalzeitung hat aus einem selbstkritischen Satz einen Satz über die anderen gemacht.

Wilmer nannte die AfD eine Partei, deren Positionen „dem christlichen Gottes- und Menschenbild diametral“ widersprechen. Jeder dritte Katholik im Land sieht das offenbar anders, und seit 2013 gibt es die Vereinigung „Christen in der AfD“, die ihre Positionen aus derselben Bibel begründet. Wir haben das an dieser Stelle schon einmal ausführlich durchgerechnet. Wenn sich aus einem Glaubenskonstrukt sowohl die Ablehnung als auch die Unterstützung derselben Partei ableiten lässt, dann liefert es keine Orientierung, sondern bestätigt jeweils das, was man ohnehin denkt.

Ebenso wenig taugt die Statistik als Beleg für die Überlegenheit der Konfessionsfreien. 47 Prozent AfD bei den Konfessionsfreien zeigen, dass das Fehlen einer Kirchenmitgliedschaft niemanden vor Populismus schützt. Populistische Bewegungen arbeiten mit denselben Mitteln wie religiöse Verkündigung: unbezweifelbare Gewissheiten, Erwählte und Verworfene, Bedrohung und Rettung. Wer nicht gelernt hat, diese Muster zu erkennen, ist ihnen auch ohne Taufschein ausgeliefert.

Eine weitere Information gehört der Vollständigkeit halber dazu. Das Bistum Magdeburg, hinter dessen Bischof Gerhard Feige sich die Bischofskonferenz „100 Prozent solidarisch“ stellt, finanziert sich nach Feiges eigenen Angaben zu rund 20 Prozent aus Staatsleistungen, die die AfD in Frage stellt. Das macht die Kritik an der AfD nicht falsch. Es erklärt aber, warum die Kirche bei diesem Thema nicht nur als moralische, sondern auch als betroffene Partei spricht. Die Ablösung der Staatsleistungen ist übrigens keine AfD-Idee. Sie steht seit 1919 als Auftrag in der Verfassung (Art. 138 WRV in Verbindung mit Art. 140 GG) und gehört zu den ältesten Forderungen der säkularen Bewegung, allerdings auf verfassungsgemäßem Weg und nicht als Strafaktion gegen unbequeme Kritiker.

Missbrauch: „Wir stehen noch am Anfang“

Zum Thema sexueller Missbrauch berichtete Generalsekretärin Beate Gilles, eine bischöfliche Fachgruppe habe mit einer Umfrage unter den Bistümern im Jahr 2025 „erste Ergebnisse“ erzielt. Die Vorstellung ist für den 2. Dezember angekündigt, die Auswertung einer zweiten Umfrage aus 2026 steht noch aus.

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Man muss sich die Zeitachse vor Augen halten. Im Januar 2010 machte das Berliner Canisius-Kolleg die Missbrauchsfälle öffentlich. 2018 legte die von der Bischofskonferenz selbst beauftragte MHG-Studie ihre Zahlen vor: 1.670 beschuldigte Kleriker, 3.677 Betroffene, und das waren nur die Fälle, die sich aus den teils lückenhaften Akten rekonstruieren ließen. Sechzehn Jahre nach dem Canisius-Kolleg spricht die Bischofskonferenz von „ersten Ergebnissen“ einer Umfrage. Wilmers Bilanzsatz „Bei vielen Themen stehen wir noch am Anfang“ beschreibt diesen Zustand treffender, als ihm lieb sein dürfte.

Auch hier hilft die Kategorie der Sünde nicht weiter. Die Kirche hat jahrzehntelang genau so gehandelt, wie es ihre Begrifflichkeit nahelegt: Missbrauch wurde als Sünde des Täters behandelt, die man durch Beichte, Buße und Versetzung bereinigen konnte. Die Betroffenen kamen in diesem Verfahren nicht vor, gegen dich allein. Erst als staatliche Ermittler, Journalisten und Betroffenenverbände Druck machten, wurde aus der Sünde wieder ein Verbrechen.

Die säkular-humanistische Alternative

Antisemitismus ist falsch, weil er Menschen ihre Würde abspricht, sie bedroht und angreift. Das ist eine Begründung, die jeder nachvollziehen kann, gläubig oder nicht, und sie braucht keinen göttlichen Gesetzgeber. Sie hat außerdem einen entscheidenden Vorteil: Sie lässt sich nicht durch eine private Versöhnung mit einer höheren Instanz erledigen. Wer Unrecht getan hat, schuldet den Betroffenen etwas, nicht einem Gott.

Was gegen Antisemitismus hilft, ist bekannt und vollständig weltlich: Bildung über Geschichte und Gegenwart jüdischen Lebens, konsequente Strafverfolgung, Schutz jüdischer Einrichtungen, Medienkompetenz gegen Verschwörungserzählungen und eine offene Auseinandersetzung mit den eigenen Traditionen, auch den religiösen. Die Kirchen könnten dazu einen glaubwürdigen Beitrag leisten, wenn sie bei sich selbst anfingen. Ein Bekenntnis zur eigenen Rolle in der Geschichte des Antijudaismus wiegt mehr als die Feststellung, dass Antisemitismus gegen Gottes Willen verstößt. Denn genau das hat die Kirche über Jahrhunderte auch von ihrem eigenen Antijudaismus nicht gedacht.

Fazit

Wilmers Haltung gegen Antisemitismus und gegen die AfD ist richtig. Seine stärksten Argumente dafür sind aber säkulare: Demokratie, Zusammenhalt, gleiche Würde. Die religiöse Zugabe macht die Verurteilung nicht stärker, sondern lenkt sie um, weg von den Opfern und hin zu einem Gott, der sich laut Psalm 51 als einziger Geschädigter versteht. Und die selbstkritische Zahl, die Wilmer tatsächlich genannt hat, nämlich dass jeder dritte Katholik im Osten AfD wählt, sagt mehr über die moralische Prägekraft des Glaubens aus als jede Predigt.

Diese Mini-Serie zur Herbst-Vollversammlung umfasst außerdem Teil 2 zu den Erwachsenentaufen, Teil 3 zu den Predigten über Ijob und die Erzengel und Teil 4 zu Organspende, Leihmutterschaft und Suizidhilfe. Die KI-Pressekonferenz haben wir bereits in „Eine KI liest die KI-Enzyklika – und die Bischöfe in Fulda“ kommentiert.

Quellen

KI

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