Ein roter Punkt ohne Adresse: Der „Schmerzpunkt“ am Fuldaer Bischofshaus

Lesezeit: ~ 6 Min.

Darum geht es

Das Bistum Fulda hat am Bischofshaus einen roten „Schmerzpunkt“ für Missbrauchsbetroffene enthüllt (Osthessen|News). Als Kunstwerk ist er ernst zu nehmen, als Geste des Bistums gibt er wenig her, solange die Institution an den Maßstäben scheitert, die ihr der Betroffenenbeirat selbst vorgibt.

Gegen ein Kunstwerk, das an das Leid von Missbrauchsbetroffenen erinnert, ist nichts einzuwenden. Der Einwand richtet sich gegen das Bistum, das es sich an die Mauer hängt: Es inszeniert Erinnerung an einem Ort ohne Tatort und mit einem Schlussritual aus Stille. Zur selben Zeit bleibt es bei den Fragen, an denen sich Haltung tatsächlich zeigt, auffällig leise: bei Entschädigung, unabhängiger Kontrolle und der Johannes-Dyba-Allee.

Ein roter Punkt an der Mauer

Am Mittwochabend hat das Bistum Fulda in der Michaelskirche eine Kunstintervention von Susanne Wagner vorgestellt: einen roten Punkt, in dessen Mitte die Form eines Kreuzes frei bleibt. Das Motiv stammt aus der Medizin, wo ein roter Punkt die schmerzende Stelle markiert. Seinen Platz hat der „Schmerzpunkt“ an der Außenmauer des Bischofshauses, am Weg von der Pauluspromenade zur Michaelskirche. Nach Angaben des Bistums kennzeichnet er „keinen konkreten Tatort“, sondern soll an das Leid Betroffener „und die Verantwortung kirchlicher Institutionen erinnern“ (Fuldaer Zeitung). Die Arbeit entstand 2025 und war beim Katholikentag 2026 in Würzburg an 15 Kirchen und kirchlichen Einrichtungen zu sehen. Dort war sie Siegerprojekt eines Künstlerwettbewerbs; in unserem Rückblick auf den Katholikentag haben wir angemerkt, wie sehr diese Form das Thema kuratorisch einhegt.

Bischof Michael Gerber nannte den Schmerzpunkt ein „Ausrufezeichen“; die Kirche bleibe gefordert, Betroffene ernst zu nehmen und systemische Ursachen zu ergründen. Den klügsten Satz des Abends sagte Stephan Auth vom Betroffenenbeirat. Nicht die Symbolhandlung zähle, sondern was heute und morgen geschehe: „Auf die Haltung kommt es an“ (Osthessen|News). Zum Abschluss ging man gemeinsam zum Punkt und schwieg.

Nehmen wir Auth beim Wort. Sein Satz ist der Maßstab für alles Folgende.

Kein Tatort, keine Täter

Dass der Punkt „keinen konkreten Tatort“ markiert, ist als Kunstkonzept nachvollziehbar: Erinnerung soll nicht an einem einzigen Ort festgemacht werden. Als Kommunikationslinie eines Bistums ist der Satz bemerkenswerter. Denn Tatorte gibt es reichlich, und sie sind dokumentiert. Die Unabhängige Aufarbeitungskommission hat im Juni 2025 nach Auswertung von mehr als 2.000 Akten mindestens 120 Betroffene, 37 mutmaßliche Täter, überwiegend Priester, und 239 strafbare sexuelle Handlungen seit 1945 festgestellt. Die tatsächliche Zahl liege, so der Kommissionsvorsitzende Gerhard Möller, „sicher um ein Mehrfaches höher“ (hessenschau).

Der Bericht beschreibt auch, wie das System funktionierte: Beschuldigte wurden bis etwa zur Jahrtausendwende mit Nachsicht behandelt, um das Ansehen der Kirche zu schützen. Man glaubte eher den Beschuldigten als den Betroffenen, auffällige Priester wurden still in andere Gemeinden versetzt, und Betroffene wurden gemieden, während sich Gemeinden hinter die Beschuldigten stellten. Das Fazit: „Man war blind für das Leid der Betroffenen.“ Wir haben diesen Bericht auf awq.de schon mehrfach herangezogen, zuletzt gegen Stefan Buß‘ Rat, nicht auf das zu schauen, was fehlt (Inventur ohne Schuldspalte). Er bleibt das wichtigste Dokument, das dieses Bistum über sich selbst besitzt.

Ein Punkt ohne Ort ist deshalb auch ein Punkt ohne Adresse. Ausgerechnet die Institution, deren Problem jahrzehntelang darin bestand, Taten ins Ungefähre zu verschieben, wählt für ihre Erinnerung das Ungefähre. Das muss nicht Absicht sein. Aber es ist bequem.

Das Kreuz in der Leerstelle

Ein Kunstwerk darf mehrdeutig sein, und dieses ist es. Man kann das ausgesparte Kreuz als Wunde in der Wunde lesen: Der Schmerz ist um das Kreuz herum entstanden, in seinem Namen und in seinem Schatten. Diese Lesart ist hart und trifft die Sache.

Man kann es aber auch anders lesen: Alles ringsum ist rot markiert, nur das Zeichen der Institution bleibt unberührt. Die Frage ist nicht, welche Lesart die Künstlerin meint. Die Frage ist, welche sich ein Bistum zu eigen macht, wenn es das Werk an die Mauer seines Bischofshauses hängt. Wer sich auf das Kreuz beruft, um Verantwortung zu übernehmen, sollte zumindest erklären, warum ausgerechnet dieses Symbol die Aussparung im Schmerz bildet. In den Berichten über den Abend findet sich dazu nichts.

Stille als Schlusspunkt

Die Veranstaltung endete am Schmerzpunkt „in Stille“. Als Geste des Innehaltens ist das verständlich. Als Ritual einer Institution, deren Aufarbeitungsbericht ein Klima des Verschweigens beschreibt, ist es eine merkwürdige Wahl. Schweigen war nicht das Gegenmittel, sondern das Problem. Nach den Zahlen der Kommission wurde nur in 23 Fällen Strafanzeige erstattet. Als die Kommission 152 Kirchengemeinden per Fragebogen um Mithilfe bat, antworteten 19 (hessenschau).

Mit 133 von 152 Gemeinden hatte die Stille also schon vor Mittwoch eine solide Mehrheit.

„Auf die Haltung kommt es an“: drei Prüfsteine

Gerbers „Ausrufezeichen“ ist ein hübsches Bild, doch ein Ausrufezeichen steht am Ende eines Satzes. Ob dieser Satz schon gesagt wurde, lässt sich an Auths Maßstab prüfen, an dem, was heute und morgen geschieht.

Erstens: Geld

Bis zum Erscheinen des Berichts hat das Bistum in 37 Fällen Anerkennungsleistungen von insgesamt 513.000 Euro gezahlt (hessenschau), im Schnitt also knapp 14.000 Euro pro Fall. Für Taten, die Biografien zerstört haben, ist das keine Entschädigung, sondern eine Geste. Erst vor zehn Tagen hat die Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“ in Fulda, unmittelbar vor der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz, erste Ergebnisse einer Umfrage unter 250 Betroffenen vorgestellt. „Die große Mehrheit der Betroffenen fühlt sich nicht ernst genommen“, sagte Simeon Breuer, viele würden nicht angemessen entschädigt. Weil viele den Klageweg auch wegen der Verjährungseinrede der Bistümer scheuen, fordert die Initiative einen verbindlichen Verzicht darauf (domradio). Diesen Verzicht kann ein Bischof erklären. Ein roter Punkt kann es nicht.

Zweitens: Kontrolle

Die Kommission empfahl unter anderem ein unabhängiges Nachfolgegremium und eine Ombudsstelle (hessenschau). In seiner Reaktion eine Woche später kündigte das Bistum Gespräche darüber an, wie die Arbeit der Kommission „in anderer Form fortgesetzt werden könne“, dazu Supervision, Coaching und eine Personalkommission (hessenschau). Gespräche über eine andere Form sind keine unabhängige Kontrolle. Wer die eigene Aufarbeitung ernst meint, gibt sie aus der Hand.

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Drittens: die Allee vor dem Dom

Der deutlichste Prüfstein liegt ganz in der Nähe. Die Johannes-Dyba-Allee am Dom ehrt den 2000 verstorbenen Erzbischof, dem nach dem Kommissionsbericht vorgeworfen wird, Hinweisen auf Missbrauch durch Priester nicht nachgegangen zu sein. Der gemeinsame Betroffenenbeirat der Bistümer Fulda und Limburg forderte im September die Umbenennung. Es sei für Betroffene schwer zu ertragen, dass jemand geehrt werde, in dessen Verantwortungsbereich notwendiges Eingreifen ausblieb: „Wegschauen ist nicht neutral“ (epd/evangelisch.de).

Die Stadtverordnetenversammlung lehnte die Umbenennung am 7. September mit 33 zu 23 Stimmen ab. In den Berichten über die Abstimmung findet sich keine Stellungnahme des Bistums (domradio). Knapp zwei Wochen später erklärte Altbischof Heinz Josef Algermissen, man tue Dyba Unrecht, wenn man ihm persönliche Schuld zuschreibe, und verteidigte den Straßennamen. Im selben Gespräch räumte er ein, die Kirche habe meist aus Sicht der Täter gehandelt (domradio).

Man muss sich die Topografie vor Augen führen: Am Bischofshaus erinnert jetzt ein roter Punkt an die Verantwortung kirchlicher Institutionen. Unweit davon, am Dom, trägt eine Straße den Namen eines der Verantwortlichen, und der Betroffenenbeirat bittet vergeblich darum, das zu ändern. Wer wissen will, wie es um die Haltung steht, findet die Antwort eher auf dem Straßenschild als an der Mauer. Wie sich die Debatte um die Allee schon im Sommer selbst widersprach, haben wir im August beschrieben.

Wer erinnert hier an wen?

Bleibt die Grundfrage dieser Form von Gedenken. Das Bistum lädt ein, das Bistum moderiert, der Bischof spricht, das Bistum stellt die Mauer, und am Ende entscheidet das Bistum, was als Erinnerung gilt. Auch der geplante dauerhafte Erinnerungsort soll „im oder am Dom“ entstehen, entwickelt von einer Arbeitsgruppe unter Einbeziehung der Stadt Fulda (Fuldaer Zeitung). Die Institution, die versagt hat, kuratiert das Gedenken an ihr Versagen und platziert es in ihrem eigenen sakralen Raum. Für Betroffene, die mit genau diesem Raum ihre schlimmsten Erfahrungen verbinden, ist das nicht unbedingt ein Ort, an den sie gehen wollen.

Dahinter steht ein Muster, das über Fulda hinausreicht. Die Kirche deutet Leid gern in ihrer eigenen Bildsprache: als Wunde, als Kreuz, als etwas, das im Glauben getragen und verwandelt wird. Für die Betroffenen sexualisierter Gewalt ist diese Sprache aber kein neutraler Rahmen. Sie ist Teil des Tatkontexts: Der Missbrauch geistlicher Autorität, an den der Schmerzpunkt ausdrücklich erinnern soll, funktionierte gerade über diese Symbole und die Autorität derer, die sie verwalten.

Was Haltung konkret hieße

Eine säkular-humanistische Antwort braucht kein Symbol, sondern Verfahren, in denen die Betroffenen und nicht die Institution den Takt vorgeben:

  • Entschädigung statt Anerkennung. Zahlungen nach zivilrechtlichen Maßstäben statt nach einem kircheneigenen Verfahren, und ein verbindlicher Verzicht auf die Einrede der Verjährung, wie ihn die Betroffeneninitiativen fordern.
  • Unabhängigkeit, die den Namen verdient. Ein Nachfolgegremium und eine Ombudsstelle außerhalb kirchlicher Weisungsstrukturen, mit eigenem Budget und Akteneinsicht, wie es die Kommission empfohlen hat.
  • Benennen statt abstrahieren. Verantwortung trägt Namen, auch die von Bischöfen und Personalverantwortlichen. Ein Bistum, das „Wegschauen ist nicht neutral“ ernst nimmt, unterstützt die Umbenennung der Dyba-Allee öffentlich, statt zu schweigen.
  • Gedenken in öffentlicher Hand. Ein Erinnerungsort, den Betroffene mit der Stadt gestalten, an einem Ort, der nicht der Institution gehört, die erinnert werden soll, und ohne religiöse Deutung des Leids.

Stephan Auth hat an diesem Abend den Satz gesagt, an dem sich das Bistum messen lassen muss. Der rote Punkt wird an der Mauer bleiben, und er wird nur so viel wert sein wie das, was hinter dieser Mauer entschieden wird. Bis dahin ist er, was er in der Medizin auch ist: die Markierung einer Stelle, die noch nicht behandelt wurde.

Belege und Quellen

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