Darum geht es
Die Antwort erklärt die Vaterunser-Bitte für „beantwortet“, indem sie sie wiederholt, und löst weder den Zirkelschluss noch die Spannung auf, dass Gott bitten wird, etwas zu unterlassen, das er tun könnte.Auf fragen.evangelisch.de fragt Bodo Kaiser, wie die Bitte „und führe uns nicht in Versuchung“ aus dem Vaterunser mit einem liebenden Gott zusammenpasst. Pastor Henning Kiene antwortet mit einer persönlichen Erzählung und einer Umdeutung des Begriffs „Versuchung“ – ohne die sprachliche Spannung der Bitte selbst aufzulösen.
Die Frage
Bodo Kaiser schreibt: „Wir beten im Vaterunser: ‚…und führe uns nicht in Versuchung…‘ Wie kann ein liebender Vater seine Kinder in Versuchung führen? Damit komm ich überhaupt nicht klar, das kann doch nicht das Gebet sein, das Christus seinen Jüngern als das Gebet schlechthin aufgegeben hat“
Sachlich gefragt ist, warum das zentrale christliche Gebet Gott bitten muss, etwas zu unterlassen, das ein liebender Vater ohnehin nicht tun würde – nämlich seine Kinder in Versuchung zu führen.
Die Antwort
Henning Kiene bestätigt zunächst, dass der Zweifel verbreitet sei: „Immer wieder stolpere ich beim Beten über diese fünf Worte: ‚Führe uns nicht in Versuchung‘.“ Er erzählt von einem Kruzifix in seiner ersten Gemeinde, dessen Anblick ihn Sonntag für Sonntag mit der Grausamkeit konfrontierte, zu der Menschen fähig sind: „Für mich war diese Darstellung Jesu am Kreuz eine andauernde Versuchung, es stellte den Glauben auf die Probe.“ Aus dieser Erfahrung leitet er seine Deutung ab: „Nicht Gott führt in Versuchung, es ist der Mensch, der Mangel an Humanität, der hier zur Anfechtung wird.“ Die Bitte selbst hält er bereits für die Lösung des Problems: „Das Beten der Zeile ‚und führe uns nicht in Versuchung‘ beantwortet Ihre Frage, denn diese Worte tragen die Bitte vor Gott, dass er mich als liebender Vater vor solchen schweren Zeiten bewahren möge.“
Die Kritik
Die Antwort erklärt die Frage für beantwortet, ohne sie zu beantworten. Kiene schreibt, das Beten der fraglichen Zeile „beantwortet Ihre Frage“ – dabei ist genau diese Zeile der Gegenstand der Frage. Eine Formulierung als Erklärung ihrer selbst anzuführen, ist ein Zirkelschluss, kein Argument.
Die Umdeutung von „Versuchung“ löst die sprachliche Spannung nicht auf, sondern verschiebt sie. Wenn, wie Kiene behauptet, nicht Gott, sondern menschlicher „Mangel an Humanität“ in Versuchung führt, bleibt offen, warum sich die Bitte dann wörtlich an Gott richtet, er möge uns nicht dorthin führen. Eine Bitte, jemand möge etwas unterlassen, ergibt nur Sinn, wenn diesem Jemand zugetraut wird, es zu tun. Genau das will die Antwort bestreiten, ohne die Formulierung des Gebets selbst zu erklären.
Eine persönliche Anekdote ersetzt die Begründung. Die Erzählung vom Kruzifix beschreibt eindrücklich, wie der Pastor selbst mit Zweifeln umgeht. Sie zeigt aber nicht, warum die im Vaterunser an Gott gerichtete Bitte trotz der beschriebenen Spannung sinnvoll ist. Eine Schilderung eigener Glaubenserfahrung ist kein Argument für eine bestimmte Lesart des Textes.
Die eigentliche Auslegungsfrage bleibt unerwähnt. In der Bibelwissenschaft wird diskutiert, wie der zugrundeliegende griechische Begriff, meist mit „Versuchung“ übersetzt, zu verstehen ist und ob er eher eine Prüfung oder eine Verführung zum Bösen meint. Diese Debatte würde die von Bodo Kaiser aufgeworfene Frage direkt berühren. Die Antwort geht darauf nicht ein, sondern bietet stattdessen eine private Umdeutung an, die das eigentliche Problem unangetastet lässt.
Die Antwort aus säkularer Sicht
Bodo Kaisers Irritation ist berechtigt, und sie lässt sich nicht wegdeuten: Der Text bittet einen als liebend vorgestellten Gott ausdrücklich darum, etwas zu unterlassen, was er der Bitte zufolge tun könnte. Das ist keine Übersetzungslaune, sondern spiegelt eine ältere Vorstellung von einem Gott, der aktiv in Prüfungen und Schicksal eingreift – eine Vorstellung, die auch andere biblische Erzählungen prägt, in denen Menschen ausdrücklich geprüft werden. Wer diese Vorstellung nicht teilt, muss den Satz nicht künstlich glattbügeln, sondern kann ihn schlicht als Ausdruck eines bestimmten, historisch gewachsenen Gottesbildes benennen, das man nicht übernehmen muss.
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(öffnet in neuem Tab)Für die eigentliche Sorge hinter der Frage – wie man mit Versuchung, Grausamkeit und moralischem Versagen umgeht – braucht es kein Gebet an eine externe Instanz. Verantwortung für Grausamkeit, wie sie auch die Kreuzigungserzählung schildert, liegt bei den handelnden Menschen, nicht bei einem Verführer, der sie dazu bringt. Das ist zugleich die bessere Nachricht: Wenn niemand von außen „in Versuchung führt“, dann liegt der Umgang mit Versuchung tatsächlich in der eigenen Reichweite.
Praktisch heißt das: Wer moralisch stabiler durch schwierige Situationen kommen will, profitiert von genau den Dingen, die auch Ethik und Sozialpsychologie empfehlen – Selbstreflexion, verlässliche soziale Bindungen, klare eigene Werte und, wo nötig, professionelle Unterstützung in Krisen. Das sind konkrete, überprüfbare Hebel, die unabhängig davon wirken, ob man an ein Gebet glaubt oder nicht.
Man muss diesen Satz aus dem Vaterunser also nicht gegen seinen Wortlaut umdeuten. Es reicht, ehrlich zu sagen: Er beschreibt ein Gottesbild, das nicht jeder teilt – und das eigene Handeln bleibt trotzdem in der eigenen Verantwortung.
Quelle
„Führt Gott Menschen in Versuchung?“, Antwort von Pastor Henning Kiene auf fragen.evangelisch.de














Dieser Satz war für mich in der 2. Klasse der „Breakpoint“, der mich fortan kritisch über Religion nachdenken lies.
Man sollte mal den alten Abraham fragen, was der sich damals bei seiner Versuchung gedacht hat…
Oh stimmt, der hat gar nicht gedacht, sondern gleich den Dolch gezückt, bereit seinen Sohn zu ermorden, so wie das von aufrichtig Gläubigen halt erwartet wird.
Ist halt ne echte Religion des Friedens und der Liebe. ,